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Balthazar Getty im Interview über die Bürde eines großen Familiennamens

Balthazar Getty gehört zum legendären Getty-Clan, der mit Tragödien, Skandalen und Glamour für viel Aufsehen sorgte. Im Interview mit dem Schauspieler

Balthazar Getty im Interview
Der Schauspieler spricht im Interview offen über seine Familie und seine Zukunftspläne. Getty Images

Balthazar Getty - Die Bürde eines großen Namens

Balthazar Getty ist nicht begeistert, dass die großen kalifornischen Herbstfeuer, die rund um die Getty-Villa in Los Angeles ausbrachen, "Getty Fires" genannt wurden – wieder eine Katastrophe mehr, die mit dem Namen des berühmten Clans verknüpft wird.

Der 45-Jährige, verheiratet mit der Modedesignerin Rosetta Getty, hat sich lange an seiner Herkunft aus dieser reichen, glamourösen und vom Schicksal gebeutelten Familie abgearbeitet. Nach dem dramatischen Drogenunfall seines Vater John Paul Getty III. wuchs Balthazar bei seiner Mutter, der deutschen 68er-Ikone Gisela Getty auf. Er agierte als Schauspieler bei David Lynch, war Junkie, dann Familienvater, Musiker und hat seinen Familiennamen heute für sich neu definiert: "Getty" solle nun, wie er sagt, für eine "Kreativ-Dynastie" stehen.

Im Interview mit Balthazar Getty

MONSIEUR: Herr Getty, haben Sie schon mal überlegt, ob Sie sich vielleicht in der zweiten Pubertät befinden?

Balthazar Getty: Nein, wieso?

Es heißt, bei vielen Menschen setze sie ab 40 Jahren ein. Man erfindet sich dann komplett neu, wird extrem aktiv.

Aha – gut möglich! Ich fühle mich wirklich zum jetzigen Zeitpunkt sehr fit und inspiriert. Ich arbeite an meinem neuen Label und mache dabei alles selbst: Content, Bilder, Ideen. Mein Ziel ist eine eigene Lifestyle Brand.

Eine Mode-Linie führen Sie bereits, sie heißt "Monk Punk". Sehen Sie sich als Mönch und als Punk?

Ich habe eine sehr spirituelle Seite, mein Interesse am buddhistischen Glauben reicht weit zurück. Aber in mir gibt es auch eine sehr rebellische Seite. Beides mixe ich mit Streetwear.

Sie haben als Schauspieler in Kultfilmen wie "Herr der Fliegen" und David Lynchs "Lost Highway" gespielt. Trotzdem haben Sie sich in den letzten Jahren vor allem mit Musik befasst. Wie kam es dazu?

Die Musik lief immer nebenher, als Geliebte, wenn Sie so wollen. Vor ein paar Jahren habe ich mich in unserem Gartenhaus eingesperrt und meine erste Platte aufgenommen. Ich hatte keine Ahnung, wie das geht, und schon gar keinen Business-Plan, bekam aber extrem gutes Feedback auf meine Musik. Dann gründete ich das Label "Purplehaus Music" und begann, als DJ aufzulegen, was ich zuletzt als Jugendlicher gemacht hatte. Ich kann das jetzt wieder richtig genießen, denn drei meiner vier Kinder sind schon groß. Ich bin ja sehr früh Vater geworden. Meine neue Leidenschaft für die Musik sehe ich aber nicht nur darin, Platten aufzulegen. Ich kuratiere Räume, Nächte und Erinnerungen, die mit Musik verbunden sind. Man könnte diese Events "Happenings" nennen, wie in den Sechzigern.

Ihre Eltern, Paul und Gisela Getty, waren eines der glamourösesten Hippie-Paare dieser Zeit. Sie lebten zusammen in Rom, bis Ihr Vater spektakulär gekidnappt wurde. Die Entführer schnitten ihm dabei ein Ohr ab. Nach seiner Befreiung kehrten sie zusammen in die Staaten zurück und lebten ein eher unkonventionelles Familienleben. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Eine meiner Lieblingsgeschichten stammt aus der Zeit, als wir im Laurel Canyon lebten. Meine Mutter hatte meinem Vater ein Motorrad zum Geburtstag geschenkt – und er fuhr damit durch die Haustür ins Wohnzimmer. Totales Chaos! Aber wir mussten sehr lachen. Daran erinnere ich mich immer wieder. Aber manchmal merken wir, dass wir eine bestimmte Geschichte nur erzählen, um überhaupt eine Erinnerung zu haben. So geht es mir mit vielen Geschichten über meinen Vater. Ich war sehr jung, als er diesen Unfall hatte, und ich hatte nicht viel Zeit mit ihm davor.

Ihr Vater fiel mit Mitte 20 in ein Drogenkoma, das ihn zum Pflegefall machte. Haben Sie als kleines Kind gespürt, dass Sie aus einer Familie stammen, die derart viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog?

Nein. Ich bin zumindest nicht als "Rich Kid" aufgewachsen. Meine Mutter, meine ältere Schwester Anna und ich lebten sehr einfach nach dem Schlaganfall meines Vaters. In der Schule sagten die anderen Kinder: "Hey, du bist ein Getty? Du bist doch superreich!" Ich antwortete dann: "Wovon redet ihr? Ich hab keinen Cent!" Ich glaube, deshalb komme ich heute gut zurecht, anders als viele andere privilegierte Abkömmlinge. In unserer Familie erzeugt es Scham, wenn man etwas bekommt, was man sich nicht erarbeitet hat.

Die Strahlkraft legendär wohlhabender und einflussreicher Familien ist noch heute enorm. Liegt es daran, dass solche Familien oft auch Stoff für griechische Tragödien geboten hätten?

Natürlich ist der Name Getty ein Mythos, ein Teil Amerikas. Als ich mit der Schauspielerei begann, riet mir meine Großmutter, ich solle meinen Nachnamen ändern. Gleichzeitig hat mir der berühmte Name aber auch immer Türen geöffnet. Er interessiert die Menschen, viele erzählen mir ihre ganz persönlichen Getty-Geschichten. Doch als Teenager habe ich gegen all diese Klischees und gegen das Getty-Sein natürlich schwer rebelliert.

Von dieser Rebellion erzählt der Dokumentarfilm "Mein amerikanischer Cousin". Er zeigt Bilder von Ihrem Drogenentzug.

Ich war damals Anfang zwanzig und hatte einen Freund, der die Idee hatte, mich beim Entzug zu filmen. Heute bin ich froh darüber: Die Bilder sind immer noch stark, irritierend und heftig. Ich habe das Material dann meinem Cousin Severin Winzenburg gegeben, der daraus einen sehr persönlichen Film über mich gemacht hat. Dieser Film begleitet mich immer noch, ich schaue ihn mir regelmäßig an oder zeige ihn Freunden. Ich war immer sehr offen, wenn es um meine eigenen Fehler ging. Und in diesem Film geht es darum, dass ich ganz unten war und es von dort herausgeschafft habe. Heute bin ich ein anderer Balthazar. Die Person in dem Film und ich heute – das ist nicht mehr derselbe Mensch.

Ist dieser Film eine Art Warnung für Sie?

Nein. Ich sehe darin einfach einen Jungen, der verloren ist. Ich bin nicht von mir angeekelt, der Film berührt mich. Das alles ist Teil meiner Geschichte, die ich auch annehme. Ich kann anderen heute helfen, die durch ein ähnliches Tief gehen, und ihnen Mentor und Coach sein.

Für diese Menschen sind Sie ein "Spiritual Advisor"?

Wahrscheinlich so etwas Ähnliches. Ich versuche meinen Mentees Strategien und Tools an die Hand zu geben, versuche, ihnen Dinge nahezulegen, die auch ich lernen musste. Zum Beispiel, dass man nicht auf alles heftig und spontan reagieren sollte. Ich bin mit diesem sehr kalifornischen Spiritualitätsbewusstsein aufgewachsen, ständig gab es neue Gurus. Meine Mutter und ich lebten sogar mal in einem buddhistischen Zentrum in San Francisco, dort habe ich bereits mit drei Jahren gelernt, wie man meditiert. Man nannte mich sogar "Little Buddha". Irgendwann fand ich diese Welt sehr nervig und flippte aus, wenn jemand nur das Wort "Gott" sagte. Ich musste meinen eigenen Zugang dazu finden. Mit meiner Mutter spreche ich heute viel über spirituelle Fragen. Wir haben eine ähnliche Haltung dazu.

Sie haben offenbar ein sehr enges Verhältnis?

Ja. Sie hat mir immer zugehört und mich ermutigt, vor allem in meinen dunklen Zeiten. Und sie hat für magische Momente im Leben meiner Schwester und mir gesorgt. Ich dachte als Kind, ich sei ein kleiner Krieger. Meine Mutter hat mir erlaubt, auf jeden hohen Baum zu klettern, sie hat mich in den Wald geschickt, um Hütten zu bauen. Vielleichthat mir das ein frühes Selbstbewusstsein geschenkt. Eines, das man mit dem Namen Getty auch braucht.

Wann war Ihre Rebellion gegen den Namen Getty endgültig abgeschlossen – als Sie sich einen Porsche kauften, den Sie angeblich als "Fuck you car" bezeichnet haben?

Ja, ungefähr dann. Nein, im Ernst: Als ich selbst Kinder bekam. Und als ich merkte: Ich bin stolz auf meine Vorfahren. Zum Beispiel auf das, was sie für die Kunst in den Vereinigten Staaten getan haben. Heute denke ich mir: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr gearbeitet, einiges überstanden und auch die Sache mit dem Vatersein hinbekommen. Vielleicht kann ich doch stolz auf mich sein.

Dieser Artikel stammt von Anne Philippi und wurde erstmals in der MONSIEUR-Ausgabe 01/20 veröffentlicht.

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