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Leben

Autorin Charlotte Roche im Interview über ihren Podcast, Ehe-Probleme und Sehnsucht

Liebe für Fortgeschrittene: Im Podcast Paardiologie seziert Charlotte Roche ihre Ehe – das ist nervtötend, aufschlussreich und sehr rührend

Die Autorin Charlotte Roche spricht in ihrem Podcast über ihre Ehe
Sie nimmt kein Blatt vor den Mund: In ihrem Podcast spricht Autorin Charlotte Roche offen über ihre Ehe Getty Images

Charlotte Roche im Gespräch - Eheleben, Podcast und Radikalität

Die Ketten der Ehe sind so schwer, dass man sie bisweilen nur zu dritt tragen kann“, konstatierte der Schriftsteller Julian Barnes einmal auf feine englische Art. Charlotte Roche, nach eigenem Bekunden einer offenen Beziehung nicht abgeneigt, würde dem bestimmt zustimmen. Die 41-Jährige hat den Kreis derjenigen, die an ihrer Ehe mit dem Unternehmer Martin Keß, 55, irgendwie teilnehmen, sogar noch erweitert: Ihr neuer Spotify-Podcast „Paardiologie“ lädt nun das ganz große Publikum ein, den Szenen ihrer Ehe beizuwohnen. „Sendungsbewusstsein habe ich ja genug“, sagt Roche, auf einem Samtsessel in einer Münchener Hotelsuite sitzend, „das kann man mir nicht absprechen.“ 15 Folgen lang, bis Ende September, sprechen Charlotte Roche und ihr Ehemann jeweils eine Stunde lang über: Sexflauten, Fremdgehen, alkoholisierte Streits, Ausraster mit Tischewerfen, Abtreibung, Geldverdienen, Kindererziehung, Haushalt.

„Alle Paare haben doch die gleichen Probleme, sie reden nur nicht darüber“, sagt Roche. Seit 15 Jahren sind sie und ihr Mann zusammen, seit zwölf Jahren verheiratet. Aus den Abnutzungserscheinungen einer langjährigen Partnerschaft, den Gereiztheiten, dem Überdruss, der Sehnsucht nach früherer Verliebtheit machen die beiden keinen Hehl. Auch nicht aus all den Peinlichkeiten, die Ehepaare normalerweise hinter verschlossener Tür abhandeln. Dabei profitiert der Podcast von der Radikalität, mit der Roche all ihre öffentlichen Auftritte inszeniert. Mit unbedingter Empörungsbereitschaft hat sie in der Vergangenheit die „Bild“-Zeitung juristisch bis aufs Messer bekämpft, sich leidenschaftlich gegen Fleischverzehr engagiert und im Kampf gegen Atomkraft dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff für seine Unterstützung Sex in Aussicht gestellt.

Ihre drei Bestsellerromane „Feuchtgebiete“, „Schoßgebete“ und „Mädchen für alles“, in denen es um Selbstverletzung, Körpersekrete, Bordellbesuche ging, überschritten lustvoll jede Ekelgrenze (und versteckten hinter all der Obszönität tiefe Verletztheit und Traumata). „Bei mir sind alle Sachen sehr extrem“, sagt sie, „aber, wie ich hoffe, ehrlich.“ So ein Dauereinsatz als Agent Provocateur kann auch nerven. Genau wie ihr Podcast. Die Ambivalenz, die man als zwischen Fremdscham und Voyeurismus schwankender Zuhörer empfindet, spiegelt dabei die Ambivalenz der Protagonistin. Roche bringt es etwa fertig, ihre libertinäre, selbstbezogene Mutter als Ursache ihrer Probleme auszumachen und selbst in „Paardiologie“ derart intime eheliche Interna preiszugeben, dass man ohne große Hoffnung wünscht, ihre Teenager-Tochter lebe medial hinter dem Mond. Für so viel Widersprüchlichkeit möchte man Roche bisweilen schütteln.

Und empfindet doch oft Rührung. So wie ihr offenbar unendlich belastbarer Ehemann Martin, der an einer Stelle sagt, er habe Charlotte anfangs für ihre Krassheit und Angstlosigkeit geliebt. Heute wisse er: „Du machst die krassen Sachen aus Angst.“ Wenn man dann noch in Erinnerung hat, dass Roche sich in frühen Interviews als unglückliches Mädchen beschrieben hat, das mit 15 Jahren zu Hause auszog, sich mit dreckigen Glasscherben ritzte, das seine Brüder bei einem verheerenden Autounfall verloren hat, wächst einem diese zähe Kämpferin um das Seelenheil beim Zuhören sehr ans Herz. Hat man den Partner erst mal entschlüsselt, wird es schwierig, das wissen alle Eheerfahrenen.

„Wir lieben uns, wir möchten zusammenbleiben“, sagt Roche. „Es hat uns ein paar Mal fast unter die Räder geworfen. Ohne Paartherapie hätten wir es nicht geschafft. Ich bin sehr für Therapie, statt alleine an seinen Problemen rumzumurksen.“ Ihr eigenes Leben scheint dadurch in ruhigere Bahnen gekommen zu sein: Leben auf dem Lande bei Köln, Spaziergänge mit dem Familienhund, der neue Roman, an dem sie schreibt, ist auch bald fertig. Und eine von Beziehungsexperten empfohlene Zauberformel beherrscht sie, wie im Podcast zu hören, inzwischen auch perfekt: Auf eine Unfreundlichkeit kommen fünf liebevolle Bemerkungen.

Dieser Artikel ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 09/19 erschienen.

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