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Kuratiert aus Ausgabe April 2026
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Triest, Italien: Das Wien am Meer

Triest, Italien: Das Wien am Meer Triest, Italien: Das Wien am Meer
Das klassizistisch geprägte historische Stadtviertel Borgo Teresiano entstand im 18. und frühen 19 Jahrhundert rund um den Canal Grande, initiiert von Kaiserin Maria Theresia. (Foto: Getty Images)

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Kuratiert aus Ausgabe April 2026
Triest wird unterschätzt. Dabei hat James Joyce hier den Roman seines Lebens und Rilke die „Duineser Elegien“ geschrieben – höchste Zeit, die noble Küstenstadt wiederzuentdecken

 
Draußen heult der Wind, und wie er heult, in langen Schüben zieht er heran, rüttelt an der Tür, drückt gegen die Schaufenster, lässt die Möwen verwegene Manöver fliegen. Wenn er nachlässt, dann nur, um die Menschen im „Caffè Stella Polare“ in falscher Sicherheit zu wiegen – sobald sie glauben, sie könnten sich auf den Nachhauseweg machen, faucht die nächste Böe heran. Aus den Fenstern kann man sehen, wie die Leute draußen sich gegen den Wind stemmen, der den Frauen die Frisuren zerstört und die Männer ihre Hunde in die Arme nehmen lässt – wäre nicht das erste Mal, dass einer abhebt. Er klingt wütend, der Wind. Sehr wütend. Als ärgere er sich darüber, dass er es über die Adria geschafft hat und über die Kaianlagen erst recht, und jetzt kommt er nicht hinein, um auch im „Stella Polare“ alles durcheinander zu wirbeln. Das Café sitzt geduckt am Ende des Canal Grande, und drinnen sitzen die Leute und erzählen sich Geschichten von der Bora. Jenem Wind, der seit Menschengedenken in Triest weht.

Der Faro della Vittoria blickt auf den Golf von Triest (Foto: Adobe Stock)

An so einem Tag kann man sich gut vorstellen, wie irritiert der gerade eingetroffene Gast damals gewesen sein muss. James Joyce war kaum angekommen, als ihn die Bora das erste Mal in jenes Café flüchten ließ, in dem er in den kommenden Jahren so viele Stunden verbringen (und so viele Seiten schreiben) sollte. „I must, first of all, tell you, that Trieste is the rudest place I have ever been to“, schrieb er nach seiner Ankunft aus Pula an seinen Bruder. Dieser Wind! Nein, Triest behagte dem Iren absolut nicht, und überhaupt war er ja auch nur zum Geldverdienen gekommen, als Englischlehrer. Dass er in der Stadt am Ende mit „Ulysses“ den Roman seines Lebens beginnen und eine literarische Tradition ins Leben rufen sollte, die bis heute nachhallt: All das konnte Joyce bei seiner stürmischen Ankunft noch nicht ahnen.

Jetzt aber mal von vorne! Wer war schon mal in Triest? Na? Bevor jemand verlegen wird: kann passieren. Noch vor wenigen Jahren wussten angeblich 70 Prozent aller Italiener noch nicht einmal, dass die Stadt ganz im Nordosten des Landes überhaupt zu Italien gehört. Rom? Venedig? Florenz? Mailand? Kennt jeder, hat jeder gesehen. Mit Triest aber können viele nicht wirklich viel anfangen. Noch nicht einmal einen wirklichen Beinamen hat es – stattdessen wird es wahlweise „Neapel des Nordens“ genannt oder „Paris des Südens“ oder, ja doch: „Wien am Meer“. Zur Jahreswende jubilierte die Stadtverwaltung über 1,6 Millionen Besucher 2025. Nur um das einordnen zu können: Venedig hatte im gleichen Zeitraum circa 14 Millionen Besucher, Florenz und Mailand um die 13 – und Rom mindestens 30 Millionen.

 Vielleicht liegt es ja daran, dass Triest komplett anders ist. Zurückhaltender, leiser. Bedächtiger. Vielleicht sogar introvertierter. Untouristischer? Das sowieso. An seinem prächtigsten Platz, der Piazza dell’Unità d’Italia, der sich vom Rathaus zum Meer hin öffnet, als heiße er es mit offenen Armen willkommen – sind sämtliche touristischen Anflüge komplett vorübergegangen (selbst „Harry’s Piccolo“ im historischen Börsengebäude mit seinen zwei Michelin-Sternen kommt ohne Pomp & Circumstance aus). Ein paar Schritte weiter sitzen am Canal Grande Abends so gut wie ausschließlich Einheimische und nippen am Campari-Spritz. Und welche andere Stadt würde schon von sich behaupten, ihre Bühne des allabendlichen Sehen- und Gesehenwerdens sei ein einfacher Pier hinaus ins Hafenbecken? Triest gibt sich zurückhaltend, und die futuristische Yacht draußen auf dem Meer gehört keinem einheimischen, sondern einem russischen Milliardär, der auf der Blacklist der EU steht und sie nicht wegbewegen darf. Doch, das ist schon so: Trotz aller innerstädtischen Architektur-Grandezza prahlt Triest nicht, Diskretion ist hier Trumpf. Noblesse.

Das Civico Museo Teatrale Carlo Schmidl ist eine Institution – mit Bootsparkplatz am Canal Grande(Foto: Adobe Stock)

Stattdessen fällt Besuchern auf, wie hilfsbereit die Menschen hier sind: Kaum will man sich an irgendeiner Ecke im Borgo Teresiano per Smartphone orientieren, bleibt jemand stehen und bietet Hilfe an. Noch einen Tipp für die besten Dolci? Oder vielleicht einen Stopp in der schönsten Kaffeerösterei? Und wie hundevernarrt sie hier alle sind! Gut möglich, dass in keiner anderen italienischen Stadt so viele wohlfrisierte Pudel und Golden Retriever auf so wenige Einwohner kommen (Triest hat etwa 200 000). Die allermeisten spazieren sichtlich stolz an ihrer Leine und sind mit ihren winddichten Überziehern ähnlich gut gekleidet wie ihre Besitzerinnen und Besitzer. Und in den Cafés und Restaurants werden Leckerli für sie bereitgehalten. „Die Zutraulichkeit der Tiere ist ein sicheres Zeichen für das Funktionieren einer Gesellschaft“, hat die englische Reiseschriftstellerin Jan Morris sinngemäß geschrieben. Sollte man mal im Hinterkopf behalten.

In seiner Kompaktheit lässt sich Triest übrigens sehr gut zu Fuß erkunden. Den besten Überblick haben Besucher von San Giusto, einem Hügel über und gleichzeitig mitten in der Stadt. Unten, zu seinen Füßen, stehen die gut erhaltenen Reste eines römischen Theaters, oben wacht das Kastell neben einer Kathedrale mit wunderbaren alten Fresken. Der große Leuchter im Mittelschiff ist ein Geschenk Maximilians von Habsburg. Dem Bruder des Kaisers begegnen alle Triest-Reisenden sowieso früher oder später, schließlich hat er den schönsten Bau weit und breit errichten lassen: Wie ein helles Ausrufezeichen sitzt das Castello di Miramare auf seiner Landzunge, „ein kleines, weißes Schloss, ganz allein, wie ein Schloss in Trance“ (noch einmal Jan Morris). Sein Park ist noch immer wunderschön, und der Blick hinaus in die Bucht von Grignano besitzt bis heute jenen Zauber, den der Name des Schlosses andeutet: Mehr, als aufs Meer (mare) zu schauen (mirar), braucht es manchmal nicht zum Glück.

Das Castello di Miramare, ein eklektischer Bau des späten 19. Jahrhunderts (Foto: Adobe Stock)

Doch, Triest war einmal eine Weltstadt. Bis Ende des Ersten Weltkriegs gehörte es zu Österreich-Ungarn und war der wichtigste Hafen der Doppelmonarchie (und ihr Tor zur großen, weiten Welt). Der Kaiser schickte seine besten Architekten und ließ sie Gebäude entwerfen, die es mit denen an der Wiener Ringstraße aufnehmen konnten. Damals lebte fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung Europas innerhalb der Grenzen der K.-u.-k.-Monarchie; Triest war eine kosmopolitische Stadt, in der Menschen aus Dutzenden Nationen zu Hause waren. In den über hundert Kaffeehäusern konnte man Zeitungen aus einem Dutzend anderer Länder lesen. „Europiccola“ hat Joyce Triest genannt: kleines Europa. Der Schriftsteller kam als Englischlehrer und verließ die Stadt erst zehn Jahre später auf dem Weg zum literarischen Weltruhm. Zwischendrin haderte er mit seinem Schreiben, machte weiter, haderte, machte weiter. Er verliebte sich mehrmals unsterblich (einmal in eine seiner Schülerinnen, über die er in „Giacomo Joyce“ schrieb) und verhalf einem Schüler zu dessen literarischen Durchbruch: Italo Svevo gilt heute als führender italienischer Romanautor des 20. Jahrhunderts.

 Vor Joyce hatte sich übrigens auch schon Rilke von Wind und Wetter der Triester Küste inspirieren lassen und auf Schloss Duino seine berühmten „Duineser Elegien“ verfasst. Da muss man natürlich auch noch hin – auf der Costiera, jener spektakulären Küstenstraße, die Triest mit Venedig verbindet. Als sie vor knapp hundert Jahren eröffnet wurde, galt sie wegen ihrer Panoramen sofort als prächtigste Strecke der kompletten Adriaküste. Heute sind die Parkbuchten meist fest in Influencer-Hand. Einem Gebäude wie dem Castello di Duino aber kann auch der schlimmste Instagram- und Tiktok-Rummel nichts anhaben.

Das Schloss gehört dem italienischen Zweig der Familie Thurn und Taxis, bei der Rainer Maria Rilke lange zu Besuch war. Der Dichter litt an einer Schreibblockade – bis zu jenem Januartag 1912. Da vernahm er bei einem Spaziergang aus dem Brausen der Bora eine Stimme, die ihm die ersten Verse diktierte. Abends war die erste seiner Elegien fertig. „Die Bora macht die Köpfe frei!“, sagen die Menschen in Triest zu ihrem Wind. Um Weltliteratur aufs Papier zu bringen, muss man nicht in einem Schloss geschrieben haben. Ein Kaffeehaus wie das „Pirona“ am Largo della Barriera Vecchia tut es auch. Oder das „Caffè San Marco“ bei der Synagoge, geöffnet seit 1914, mittlerweile sogar mit eigener Buchhandlung.

Doch, wahrscheinlich würde sich Joyce hier immer noch wohlfühlen: Die Stadt hat sein Erbe in Ehren gehalten. Ein Museum ist ihm gewidmet, ein eigener Stadtrundgang, Hotels legen seinen „Ulysses“ auf die Nachttische ihrer Zimmer, und die Antiquariate in bester Innenstadtlage scheinen offenbar gut von den Joyce-Fans zu leben, die auf den Spuren des Literatur-Nobelpreisträgers nach Triest kommen. Auch das „Caffè Stella Polare“ würde dem irischen Schriftsteller noch immer gefallen. Wie viele alteingesessene Kaffeehäuser ist es eine Zeitkapsel, in der die Vergangenheit konserviert zu sein scheint. Säße Joyce heute hier bei einem Glas Cognac und schaute sinnierend aus dem Fenster in den Wind hin aus, würde er sein Triest problemlos wiedererkennen. Bloß die kleine Statue drüben auf der Fußgängerbrücke über den Canal Grande wäre ihm unbekannt. Das Joyce-Denkmal dort wurde erst im Herbst 2004 enthüllt. Hundert Jahre nach seiner Ankunft in der Stadt.

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