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Wenn Tim Bendzko über Emotionen spricht, wirkt das fast wie eine persönliche Coaching-Session – ohne Pathos, dafür mit Buchtipps und Manifestationsratschlägen. Ein Tipp des Musikers zum Thema angestauter Ärger: die Wut von der Seele schreiben – zum Beispiel in Form einer Mail, in der Sie Ihren Frust festhalten (wichtig dabei: nicht abschicken).
Mit seinem neuen Album „Alles, nur nicht zurück“ setzt sich Tim Bendzko genau damit auseinander: Gefühle nicht länger verdrängen, sondern ihnen Raum geben. Was das mit männlicher Verletzlichkeit zu tun hat, warum Erwartungen oft bei uns selbst beginnen – und weshalb er politische „Fahnen“ lieber gar nicht erst schwenken will –, darüber spricht er mit uns kurz vor dem Start seiner Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Es war in den letzten Jahren etwas ruhiger um dich. Dein letztes Album erschien 2023, eine Tour wurde abgesagt. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für das neue Album?
Tim Bendzko: Von außen sieht man am Ende nur das fertige Album. Aber was alles dranhängt – Videos, Social Media, Organisation, die Business-Seite – ist unglaublich komplex. Selbst ein Jahr Vorlauf ist fast zu wenig.
Der Zeitpunkt war weniger emotional als strategisch: Der Titelsong „Alles, nur nicht zurück“ sollte als erstes erscheinen, weil er die Richtung vorgibt. Der Song ist schwerer, anders als das, was ich vorher gemacht habe. Von dort aus haben wir die Veröffentlichung durchgerechnet – und so sind wir im Januar gelandet. Ehrlich gesagt passt dieses „Bloß nicht zurück“-Gefühl ganz gut in einen Jahresanfang.
Nach dem Album werde ich bewusst pausieren. Mindestens ein Jahr, vielleicht zwei, werde ich keine neue Musik schreiben. Wenn man über Jahre jeden Tag nur über sich selbst nachdenkt, macht einen das irgendwann ein bisschen irre. Es darf auch wieder leichter sein.
Das passt auch zu deinem neuen Album, welches „Alles, nur nicht zurück“ heißt. Was musstest du loslassen, damit es entstehen konnte?
Tim Bendzko: Vor allem meinen eigenen Druck. Mit äußerem Druck habe ich kein Problem – aber ich selbst mache mir oft riesige Erwartungen.
Ich habe gemerkt, dass ich lange Emotionen eher rational verarbeitet habe: analysiert, zerlegt, in eine Kiste gepackt und im Keller verstaut – in der Hoffnung, sie kommen nie wieder hoch. Aber irgendwann stößt jemand gegen dieses Regal, und dann liegt doch alles wieder vor dir.
Ich musste lernen, Emotionen Raum zu geben, statt sie wegzuschieben. Früher hatte ich Angst, dass Gefühle bleiben, wenn ich sie zulasse – dass ich dann in einen Strudel gerate. Aber das Gegenteil passiert: Wenn man sie wahrnimmt und anerkennt, lösen sie sich oft schneller auf.
Hast du einen konkreten Tipp, wie man das schafft?
Tim Bendzko: Es geht weniger um einen Trick als um Haltung. Gefühle wahrnehmen, ihnen kurz Aufmerksamkeit schenken. Nicht dramatisieren – aber auch nicht verdrängen.
Mir hilft auch Schreiben: Gedanken aufzuschreiben oder sogar eine wütende E-Mail zu formulieren, die man nie abschickt. Allein das Aufschreiben „manifestiert“ etwas – danach ist oft schon viel Druck weg.
Fällt es Männern deiner Meinung nach schwerer, Verletzlichkeit zu zeigen?
Tim Bendzko: Ja und nein. Der Unterschied liegt vor allem in der Sozialisation. Viele Männer haben gelernt, dass Emotionen nicht männlich sind. Aber Emotionen sind ja nicht nur Traurigkeit – das sind auch Freude, Begeisterung, Liebe.
Genauso ist das in Beziehungen: Wir haben lange gedacht, wir müssten im Gegenüber das suchen, was uns selbst fehlt. Der Mann sucht das „Weibliche“, die Frau das „Männliche“. Aber eigentlich müssen beide Anteile in uns selbst im Gleichgewicht sein. Wenn ich vom anderen erwarte, dass er meine innere Lücke füllt, kann das langfristig nicht funktionieren.
Ist das die Sehnsucht, von der du in dem Song „Zwei Gramm“ singst? Und wonach sehnst du dich heute?
Tim Bendzko: Nach Verbindung. Nach dem Gefühl, nicht allein zu sein mit bestimmten Themen.
Ich schreibe keine Ratgeber-Songs. Ich sage niemandem, wie er leben soll. Aber wenn Menschen meine Songs hören und sagen: „Das fühlt sich an, als würdest du mein Leben singen“, dann ist das das größte Kompliment. Dieses Gefühl, nicht allein zu sein, ist mehr wert als jeder kluge Ratschlag.
Ratschläge geben und politische Haltung zeigen – ist das für dich als Künstler mit deiner Reichweite kein Druck?
Tim Bendzko: Äußeren Druck lasse ich nicht an mich ran. Wenn ich Fahnen hochhalten und politische Parolen formulieren wollte, wäre ich Politiker geworden.
Natürlich gibt es Themen, die mich bewegen – und die tauchen in meinen Songs auf. Aber mein Weg ist nicht die politische Rede, sondern Emotion. Ich glaube nicht, dass wir Menschen über reine Rationalität erreichen. Veränderung beginnt im Gefühl.
Jetzt ist nicht mehr lange bis die Tour startet. Hast du Rituale vor Konzerten? Glücksbringer?
Tim Bendzko: Keine Talismane – ich hätte Angst, abhängig davon zu werden.
Aber Routinen sind wichtig. Vor dem Konzert versuche ich, eine Stunde nur für mich zu haben, um anzukommen. Nach dem Auftritt helfen feste Abläufe, bestimmte Übungen und einfach verdauliche Gerichte. Magenprobleme sind das Letzte, was man vor einem Konzert gebrauchen könnte.
Was hast du persönlich aus diesem Album mitgenommen?
Tim Bendzko: Dass jede Krise Wachstumspotenzial hat. Das klingt wie eine Floskel, aber es stimmt. Je größer die Krise, desto größer die Entwicklungschance.
Und ich habe gelernt: Man ist nie fertig. Wenn ich heute denke, ich hätte alles verstanden, sitze ich vielleicht in einem Jahr da und merke, wie sehr ich mich wieder verändert habe. Das Leben ist ein Prozess.
Auf was freust du dich auf der Tour, was ist für die Fans?
Tim Bendzko: Konzerte sind für mich nichts, was ich „für“ das Publikum mache. Es ist etwas, das wir gemeinsam erleben. Wenn alle mitsingen, geht es nicht darum, dass sie mein Lied singen – sondern um dieses Zusammengehörigkeitsgefühl.
Und was kommt nach der Tour?
Tim Bendzko: Ich werde dieses Jahr einen eigenen Podcast starten. Auf Instagram mache ich seit Monaten kurze Gedankenformate, in denen ich laut denke. Ein Podcast gibt mir Raum, Themen ausführlicher zu sortieren.
Vielleicht entsteht daraus irgendwann auch ein Buch. Aber diesmal gehe ich es ruhiger an: Erst die Tour, dann Schritt für Schritt. Wie gesagt, ich mache mir da keinen Druck.