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Es gibt diesen merkwürdigen Moment, der früher oder später bei fast jedem neuen Hobby eintritt. Man beginnt einen Töpferkurs, weil man Lust hat, mit den Händen etwas zu formen; kauft sich Laufschuhe, um endlich mit dem Joggen anzufangen; meldet sich zum Italienischkurs an, beginnt zu stricken oder setzt sich nach zwanzig Jahren wieder ans Klavier. Und irgendwann schleicht sich eine Frage ein, die mit dem ursprünglichen Vergnügen erstaunlich wenig zu tun hat: Wie gut bin ich eigentlich darin?
Kurz darauf folgen die ersten Ziele: Beim Laufen soll die Pace schneller werden, beim Yoga endlich der Handstand gelingen, beim Töpfern möchte man irgendwann Geschirr produzieren, das tatsächlich nach Geschirr aussieht. Man kauft besseres Equipment, schaut Tutorials, vergleicht sich mit anderen. Und wer besonders zeitgemäß denkt, stellt sich irgendwann die ultimative Frage unserer Produktivitätskultur: Könnte ich damit vielleicht sogar Geld verdienen?
Wir tracken Laufzeiten, perfektionieren Sauerteigbrote und machen aus kreativen Leidenschaften Side Hustles. Dabei könnte der größte Luxus eines Hobbys heute genau im Gegenteil liegen: etwas tun zu dürfen, ohne darin besonders gut sein zu müssen. Einen schiefen Becher zu töpfern (und ihn trotzdem nutzen), auf der Ukulele seit Jahren dieselben drei Akkorde zu spielen, langsamer zu joggen als die Menschen auf Strava (oder es einfach gar nicht tracken). Ist es nicht total befreiend, einfach mal wieder… mittelmäßig zu sein?
Leistungsfreie Zone
Dass uns das zunehmend schwerfällt, hat viel damit zu tun, wie weit die Logik der Selbstoptimierung inzwischen in Bereiche vorgedrungen ist, die einmal ihr Gegenentwurf waren. Nicht nur unsere Arbeitszeit soll produktiv sein. Auch die Stunden danach werden auf ihren Nutzen überprüft. Wir trainieren nicht einfach, wir optimieren unsere Fitness. Wir lesen, um uns weiterzubilden. Meditation soll uns fokussierter machen, durch Sport- und Sprachkurse sollen unsere Skills erweitert werden. Selbst Schlaf lässt sich inzwischen tracken und morgens danach beurteilen, wie erfolgreich das war. Damit wird Freizeit paradoxerweise zu einem weiteren Ort der Arbeit – nur dass das Projekt, an dem wir dort arbeiten, wir selbst sind.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der persönlicher Wert häufig mit Produktivität verknüpft wird. Entsprechend überträgt sich der Anspruch, die Zeit möglichst sinnvoll und effizient zu nutzen, längst auf unsere Freizeit. Selbst die Stunden, in denen eigentlich nichts geleistet werden müsste, sollen uns fitter, kreativer, gebildeter oder erfolgreicher machen. Eine Tätigkeit, die kein konkretes Ziel verfolgt und keinen sichtbaren Mehrwert produziert, erscheint da schnell wie eine verschwendete Zeit. Ein Großteil unseres Erwachsenenlebens besteht aus Situationen, in denen Ergebnisse zählen.
Im Hobby darf dagegen der Moment selbst zählen. Gerade deshalb kann es einen Gegenpol zum Beruf bilden. Der Psychologe Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, beschreibt im Gespräch mit der SZ das Hobby entsprechend als einen „Rückzugsort von beruflichen und sozialen Verpflichtungen“. Es sollte eben nicht nach den Regeln beruflicher Verwertbarkeit funktionieren.
Lange galt FOMO, die „Fear of Missing Out“, als prägendes Gefühl unserer digitalen Gegenwart: die Angst, dass irgendwo etwas Interessanteres oder Aufregenderes passiert, während man selbst nicht dabei ist. Für unsere Freizeit könnte inzwischen das Gegenteil interessanter sein: JOMO, die „Joy of Missing Out“.
Auf Hobbys übertragen bedeutet das, auf all das zu verzichten, was man aus einer Tätigkeit theoretisch noch machen könnte. Der Prozess darf wichtiger sein als das Ergebnis. Wer seinen Hobbys nachgeht, kann sich in der Tätigkeit verlieren, gerade weil das Resultat für einen Moment zweitrangig wird. Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi prägte für dieses völlige Aufgehen in einer Tätigkeit den Begriff „Flow“: einen Zustand, in dem die Aufmerksamkeit so stark gebündelt ist, dass für andere Gedanken vorübergehend kaum Raum bleibt. Statt gedanklich bereits beim perfekten Endprodukt zu sein, konzentriert man sich darauf, was die eigenen Hände gerade tun und eine unterschätzte Form von Achtsamkeit.
Wenn das Hobby zum Side Hustle wird
Inzwischen ist es erstaunlich einfach geworden, Freizeit in Arbeit zu verwandeln: Wer hervorragend häkelt, könnte seine Taschen verkaufen; wer gerne fotografiert, Aufträge annehmen; wer Secondhand-Mode liebt, einen Resale-Shop eröffnen. Aus einem Interesse wird ein Projekt, aus dem Projekt eine Marke und aus der Marke im Idealfall ein zusätzliches Einkommen.
In der Tat kann es wunderbar sein, mit einer Leidenschaft Geld zu verdienen. Nur geschieht dabei etwas Entscheidendes: Mit ihm kommen Deadlines, Verantwortung und Rechnungen. Aus „Ich möchte“ wird ein „Ich muss“, aus der Freizeit wird im Worst Case zusätzliche Arbeit und Stress.
Ein Hobby kann vor einer Art „Freizeit-Burnout“ schützen, solange es ein Hobby bleiben darf – ohne monetarisiert, bewertet oder permanent öffentlich dokumentiert werden zu müssen. Gerade soziale Medien haben jedoch dazu beigetragen, dass selbst Freizeitaktivitäten zunehmend sichtbar und damit vergleichbar werden. Laufzeiten werden auf Strava geteilt, kreative Projekte auf Instagram präsentiert, Fortschritte dokumentiert und von anderen kommentiert. Damit können sich unbemerkt jene Mechanismen einschleichen, die ein Hobby eigentlich ausgleichen soll: Leistungsdruck, Konkurrenz und das Bedürfnis nach Anerkennung. Aus einer Tätigkeit, deren Wert ursprünglich allein in der Freude am Tun lag, wird so schnell eine weitere Möglichkeit, sich mit anderen zu messen oder etwas vorweisen zu müssen. Umso wichtiger können Hobbys sein, die bewusst privat bleiben und keinen Beweis für Produktivität, Talent oder Erfolg liefern müssen. Gerade diese Zweckfreiheit macht sie zu einem wertvollen Rückzugsort im Alltag.
Die Forschung zeigt, dass regelmäßige Freizeitaktivitäten tatsächlich mit Wohlbefinden zusammenhängen können: Eine in Nature Medicine veröffentlichte Analyse betrachtete Daten von mehr als 93.000 Menschen über 65 Jahren aus den USA, Japan, China und 13 europäischen Ländern. Menschen mit Hobbys berichteten unter anderem eine höhere Lebenszufriedenheit, eine bessere Gesundheit und weniger depressive Symptome.
Doch sobald auch Freizeit zum Pflichtprogramm wird, kann ihr positiver Effekt kippen. Sobald aus einer freiwilligen Beschäftigung ein weiterer fester Punkt auf der To-do-Liste wird, entstehen schnell ähnliche Erwartungen wie in anderen Bereichen des Alltags: regelmäßig erscheinen, Fortschritte machen, besser werden, durchhalten. Was eigentlich Ausgleich schaffen sollte, kann so selbst zum Stressfaktor werden. Entscheidend ist deshalb weniger, wie konsequent oder erfolgreich wir einem Hobby nachgehen, sondern dass die Freiwilligkeit erhalten bleibt. Schließlich wäre wenig gewonnen, wenn selbst die Erholung zur nächsten Aufgabe wird, die wir möglichst erfolgreich erledigen müssen.
Mut zur Durchschnittlichkeit
Das führt zu einer weiteren Fähigkeit, die viele von uns irgendwann verlernen: ohne Scham zu scheitern. Kinder können das erstaunlich gut. Sie zeichnen Pferde, die nicht danach aussehen, singen die falschen Noten, bauen schiefe Figuren aus Knete und führen im Wohnzimmer Tänze auf, für die kein:e Choreograf:in Verantwortung übernehmen würde. Entscheidend ist zunächst nicht, ob das Ergebnis professionellen Maßstäben genügt – sondern einfach die Tatsache, dass etwas bloße Freude bereitet.
Erwachsene wissen dagegen, wie Dinge aussehen sollen. Und vor allem wissen wir jederzeit, wie hervorragend andere sie beherrschen. Social Media hat den Referenzrahmen für das eigene Können ins nahezu Unendliche erweitert.
Gerade in einem ambitionslosen Hobby liegt jedoch eine ungewöhnliche Freiheit: Fehler sind folgenlos. Niemand kündigt uns deshalb, kein Zeugnis dokumentiert unsere Talentlosigkeit. Und wo Angst vor Fehlern verschwindet, entsteht Raum zum Experimentieren.
Was Alysa Liu über die Freude am Tun erzählt
Wie weit Leistungsdruck die Freude an einer Tätigkeit verdrängen kann, zeigt das Beispiel einer jungen Frau, die in ihrer Disziplin zu den Besten der Welt gehört: die US-amerikanische Eiskunstläuferin Alysa Liu.
Mit gerade einmal 13 Jahren wurde Liu 2019 die jüngste US-Meisterin im Eiskunstlauf. Als erste US-Amerikanerin landete sie einen Vierfachsprung im Wettbewerb. Ein außergewöhnliches Talent – und damit früh mit außergewöhnlichen Erwartungen konfrontiert. 2022 zog Liu im Alter von nur 16 Jahren überraschend einen Schlussstrich und beendete nach einer WM-Bronzemedaille ihre Karriere. Sie wollte Abstand vom Wettkampfsport – der Druck wurde ihr zu viel – und wieder mehr von einem normalen Teenagerleben erleben.
2024 kehrte Liu zurück. Entscheidend war allerdings unter welchen Bedingungen – nämlich ihren eigenen. Sie forderte mehr Autonomie über ihr Training, ihre Musik und ihr Auftreten; Erfahrung und Leidenschaft sollten stärker zählen als Ergebnisse.
Diese neue Haltung brachte ihr ausgerechnet den größten Erfolg ihrer bisherigen Karriere ein: 2025 wurde Liu Weltmeisterin, 2026 gewann sie bei den Olympischen Winterspielen Gold im Einzel und im Team. Und statt daran direkt anknüpfen zu wollen, gab sie kürzlich erneut eine kurze Auszeit für die kommende Saison an.
Natürlich ist eine Olympiasiegerin das denkbar extremste Beispiel für ein Plädoyer für Hobbys ohne Ambitionen. Aber ihre Geschichte zeigt, dass das Problem nicht darin liegt, gut in etwas zu sein. Auch nicht darin, besser werden zu wollen. Kritisch wird es, wenn das Ergebnis wichtiger wird als der Grund, weshalb man eine Tätigkeit überhaupt gerne ausübt.
Ambitionslosigkeit muss also nicht bedeuten, jede Form von Ehrgeiz abzulegen. Sie kann vielmehr bedeuten, dass Ehrgeiz freiwillig bleibt – und die Freude nicht von ihm abhängt.
Man muss aus einem Talent keine Zukunft machen
Ein großer Teil unseres Alltags ist von Erwartungen und Bewertungen geprägt. Schon früh lernen wir, Fortschritt an Leistung und Erfolg zu messen – und diese Logik begleitet uns weit über Schule und Beruf hinaus. Durch soziale Medien, Tracking-Apps und den allgegenwärtigen Gedanken der Selbstoptimierung sind inzwischen selbst viele Bereiche messbar geworden, die früher stärker dem persönlichen Empfinden überlassen waren. Umso wertvoller kann es sein, sich zumindest in der Freizeit davon zu lösen und Dinge zu tun, deren Wert sich weder in Zahlen noch in sichtbaren Erfolgen ausdrücken muss.
Womöglich wird diese Haltung mit zunehmendem Alter sogar leichter, weil man sich von einer Vorstellung verabschieden kann, die besonders die Jugend prägt: dass aus jedem Talent noch etwas werden muss. Man kann mit 45 Tennis anfangen, obwohl Wimbledon ausgeschlossen ist. Mit 55 Ballettunterricht nehmen, ohne jemals auf einer großen Bühne zu stehen. Mit 60 Klavier lernen und akzeptieren, dass kein Publikum auf einen wartet. Wenn man älter wird, versteht man oft viel besser, dass Leistung vergänglich ist. Was bleibt, ist das Gefühl, das eine Aktivität dir im Moment des Tuns schenkt.