Wenn ab heute die Filmwelt nach Cannes blickt, wird diesmal auch ein deutscher Name diskutiert: Sandra Hüller. Die Schauspielerin ist bei den Filmfestspielen mit „1949“ vertreten, dem neuen Film des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski. Spätestens nach internationalen Erfolgen wie „Anatomie eines Falls“ und „The Zone of Interest“ hat sich Sandra Hüller vom Geheimtipp des deutschen Kinos zur weltweit gefragten Charakterdarstellerin entwickelt. Ihre Filme sind oft unbequem und intensiv, genau wie die Figuren, die sie spielt. Ob Familiendrama, Psychothriller oder historische Tragödie: das sind fünf ihrer besten Filme.
1. Anatomie eines Falls
Mit „Anatomie eines Falls“ gelang Sandra Hüller der endgültige internationale Durchbruch. Das mehrfach ausgezeichnete Justizdrama der französischen Regisseurin Justine Triet erzählt von der Schriftstellerin Sandra Voyter, die nach dem mysteriösen Tod ihres Mannes plötzlich selbst unter Mordverdacht gerät.
Der Film entwickelt sich zu einem vielschichtigen Gerichtsdrama über Wahrheit, Wahrnehmung und die Abgründe einer Ehe. Hüller spielt die kühle Hauptfigur mit bemerkenswerter Präzision und immer schwer durchschaubar. Gerade diese Ambivalenz macht ihre Darstellung so faszinierend.
2. Toni Erdmann
„Toni Erdmann“ gilt bis heute als einer der wichtigsten deutschen Filme der vergangenen Jahrzehnte. In der Tragikomödie von Maren Ade spielt Sandra Hüller die ehrgeizige Unternehmensberaterin Ines, deren streng durchgetaktetes Leben aus dem Gleichgewicht gerät, als ihr exzentrischer Vater plötzlich auftaucht.
Was zunächst wie eine schräge Komödie wirkt, entwickelt sich zu einer tiefgründigen Geschichte über Einsamkeit, Leistungsdruck und die Sehnsucht nach Nähe. Hüller gelingt dabei das Kunststück, gleichzeitig distanziert und zutiefst berührend zu wirken. Besonders die legendäre Karaoke-Szene machte Filmgeschichte.
3. The Zone of Interest
In Jonathan Glazers beklemmendem Drama „The Zone of Interest“ spielt Sandra Hüller Hedwig Höß, die Ehefrau des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Während hinter der Mauer des Konzentrationslagers unvorstellbare Verbrechen geschehen, versucht die Familie scheinbar ein idyllisches Leben zu führen.
Der Film verzichtet weitgehend auf explizite Bilder des Grauens und erzeugt seine Wirkung gerade durch die erschreckende Normalität des Alltags. Hüllers Darstellung ist dabei zentral: Sie verkörpert eine Frau, die das Unmenschliche ausblendet, um ihre eigene Welt aufrechtzuerhalten. Gerade diese nüchterne Kälte macht den Film so verstörend.
4. Requiem
Schon früh zeigte Sandra Hüller in „Requiem“, welches außergewöhnliche Talent in ihr steckt. Das Drama von Hans-Christian Schmid basiert lose auf einem realen Exorzismusfall und erzählt die Geschichte der jungen Studentin Michaela, die unter schweren psychischen Problemen leidet.
Zwischen religiösem Druck, familiären Erwartungen und inneren Konflikten verliert die Hauptfigur zunehmend den Halt. Hüller spielt diese Entwicklung mit großer Intensität und ohne jede Übertreibung. Für ihre Leistung erhielt sie den Silbernen Bären als beste Darstellerin bei den Berliner Filmfestspielen.
5. Rose
In „Rose“, das erst im Februar bei der Berlinale uraufgeführt wurde, zeigt Sandra Hüller eine weitere Facette ihres Könnens. Sie spielt die Rolle einer Frau, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg als Mann ausgibt, um sich Freiheit, Sicherheit und gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. Als geheimnisvoller Soldat taucht sie in einem abgelegenen Dorf auf und versucht dort, unter falscher Identität ein neues Leben zu beginnen. Sandra Hüller spielt die Figur mit großer körperlicher Präsenz und zugleich bemerkenswerter Zurückhaltung. Gerade die Mischung aus Härte und Unsicherheit macht ihre Darstellung so eindrucksvoll.