Es ist uns oft nicht bewusst, wie sehr unser Wohlbefinden von Berührungen abhängt. Etwa die Hand, die eine Freundin mir reicht, als mich bei einer Bergwanderung am Abgrund die Angst erstarren lässt. Oder die Umarmung meiner Tochter beim Wiedersehen nach einer langen Reise. Ich bin für dich da, es geht weiter, du schaffst das, sagen diese Berührungen. Sie helfen, wirken wie Medizin, machen glücklich.
Berührungen lindern Schmerzen, Depressionen, Stress und Ängste. Auf Schlafqualität, den Blutdruck und die Herzfrequenz wirken sie ebenfalls positiv, wenn auch nicht so stark wie bei psychischen Problemen. Das hat aktuell wieder eine neue Meta-Studie der Universitäten in Bochum, Duisburg-Essen und Amsterdam bewiesen. 130 Forschungen mit mehr als 10 000 Versuchspersonen waren dafür ausgewertet worden. „Wir wussten ja, dass Berührungen guttun, wollten aber herausfinden, wie und wo sie im Gesundheitswesen sinnvoll eingesetzt werden können“, sagt Forschungsleiter Julian Packheiser vom Institut für Kognitive Neurowis-senschaft der Universität Bochum. „Als Ergänzungsmedizin könnten Berührungen sehr wirksam sein, das wird immer noch unterschätzt.“
Auch Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Berührungsmedizin, würde Berührungen am liebsten per Rezept verschreiben. Er kämpft für die Anerkennung ihrer Wirksamkeit in der Medizin. „Wir konnten mit mehreren Studien evidenzbasiert zeigen, dass spezifische Massagen bei Depressionen und chronischen Schmerzen heilsam sind.“ Seit Jahrzehnten entwickelt er Berührungstherapien und belegt ihren positiven Einfluss auf Patient*innen, die sich nicht nur besser fühlen, sondern auch weniger Medikamente brauchen. Derzeit arbeitet er an einem Projekt mit Pflegekräften aus geriatrischen und psychiatrischen Abteilungen. Sie erlernen eine spezielle beruhigende Handmassage. Auf der Handoberseite befänden sich besonders viele der für sanfte Berührungen empfänglichen C-taktilen Nerven, weshalb sie gut für den „Affective Touch“ geeignet seien: eine Berührung, die ein tiefes Wohlgefühl auslöst, sagt Berührungsmediziner Müller-Oerlinghausen. Er weist drauf hin, dass in der Neugeborenenmedizin Berührungen schon lange eingesetzt werden. Hat ein Frühchen im Inkubator einen Atemstillstand, reicht meist sanftes Streicheln, um das Baby wieder zu beleben. Zudem legen die Kleinen schneller an Gewicht zu, je mehr sie berührt werden.
Die Haut ist unser ältester, und mit zwei Quadratmetern Oberfläche unser größter Sinn, mit nicht weniger als 20 Millionen Sinneszellen. Schnell leitende Nervenbahnen sorgen dafür, dass wir unsere Finger rechtzeitig aus dem heißen Feuer ziehen. Und es gibt besondere Nervenfasern für Sanftes: Die C-taktilen Neuronen reagieren auf zartes Streicheln und Tasten, das aktiviert unser Gehirn. In dessen Zentrum wird nach wenigen Sekunden das sogenannte Kuschel-Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Wir atmen ruhiger, der Herzschlag und der Blutdruck sinken, wir entspannen. Schon mit acht Wochen spüren die noch winzigen Embryos erste Berührungen der Gebärmutterwand. Und bei der Geburt ist der Tastsinn bereits höher entwickelt als alle anderen, er ist unsere erste Sprache, der erste soziale Kontakt.
Studienleiter Packheiser hat herausgefunden, dass kürzere, häufigere Berührungen genauso heilsam sind: „Es macht keinen großen Unterschied, ob es wenige Minuten oder eine ganze Stunde dauert.“ Je länger, desto besser gelte hier nicht: „Es muss keine ausgiebige Massage sein.“ Auch Roboter oder Kuscheldecken könnten helfen, wobei sie nicht an menschliches Handauflegen heranreichen. Besonders wichtig ist Müller-Oerlinghausen zudem der kommunikative Aspekt von Berührungen: Ob Handschlag, Umarmung oder Schulterklopfen, Berührungen haben eine soziale Bedeutung, wir entschlüsseln sie – bewusst oder unbewusst. In der Psychologie wird etwa der sogenannte Midas-Effekt beschrieben: Kellner*innen erhielten mehr Trinkgeld, wenn sie den Gast flüchtig berührten. „Eine Berührung wie der Handschlag kann mindestens acht verschiedene Emotionalitäten signalisieren“, sagt Müller-Oerlinghausen. Zum Beispiel Liebe, Zustimmung, Ärger, Freude, Trauer - die Bedeutung ergebe sich aus dem sozialen Kontext. „Warum halten wir dem Sterbenden sonst die Hand? Das hat seinen tiefen Sinn.“ Er kritisiert, dass seit der Corona-Pandemie und mit der zunehmenden Digitalisierung Berührungen nicht nur in der Medizin weniger werden, sondern auch im Alltag. Zwischenmenschliche Kommunikation brauche Berührungen, die oft mehr sagen als viele Worte. Und sie schaffen wichtige Erinnerungen. Seine Mutter, erzählt der Professor, habe seinen Vater um viele Jahre überlebt. Wenn sie gefragt wurde, was ihr seit seinem Tod am meisten fehle, antwortete sie nicht, seine Stimme oder seine Tatkraft. „Seine warmen Hände, das war das, was sie am meisten vermisste.“