Zwischen den überquellenden Kleiderstangen in einer riesigen Halle, die an einen leeren Walmart erinnert, zieht Beth Jones ein glitzerndes Midi-Kleid mit Puffärmeln aus den 80er-Jahren hervor. Sie hält es ans Licht, prüft Schnitt und Verarbeitung. Dann kommt sie auf den Betrachter zu, hält sich das Kleid vor den Körper, überlegt kurz und lässt es dann in den Einkaufswagen gleiten. Dieses Kleid werden ihre Follower nicht zum letzten Mal gesehen haben. Für ihr nächstes Video wird Beth sie zu ihrem Schneider mitnehmen, der aus dem Kleid ein tailliertes Evening-Top und einen hüftigen Paillettenrock nähen wird.
Unter dem Namen „B. Jones Style“ inspiriert die amerikanische Fashion-Influencerin, Stylistin und YouTuberin ihre Community bereits seit über einem Jahrzehnt, indem sie Thrifting-Funde durch kreatives Styling in High Fashion Pieces verwandelt. Ihr Motto „Always Play Dress Up“ ist dabei mehr als nur ein Slogan – es ist eine Philosophie: Mode als Ausdruck von Persönlichkeit, Selbstbewusstsein – und grenzenloser Kreativität.
Inspirationen fand Jones vor allem in Filmen und Serien. „Alles begann in den 90ern mit Carrie Bradshaw – besonders mit der Originalserie und den ersten Staffeln. Vieles, was sie getragen hat, war Vintage. Das hat mich motiviert, selbst einzigartige Stücke zu finden. Das war der Beginn meiner Leidenschaft, ich habe dann regelmäßig in Secondhand-Läden gestöbert“, erinnert sie sich. „2002 bin ich nach Kalifornien gezogen, dort gab es unglaubliche Secondhand-Läden. Das war der Moment, in dem ich so richtig anfing mit dem Thriften.“ Auch Filme wie „Clueless“ prägten ihre frühe Ästhetik und motivierten sie, Mode spielerisch und individuell zu denken. Ihr Kleiderschrank besteht aus Statement-Pieces, die sie je nach Stimmung kombiniert. „Beim Anziehen denke ich oft in Rollen: ‚Welche Figur will ich sein?‘ Das kann heute maritim inspiriert, morgen total dramatisch oder romantisch sein“, so Jones. „Oft baue ich mein Outfit um ein besonderes Vintage-Stück herum und lasse mein Styling von dessen Geschichte und Charakter bestimmen. Es ist spannend, sich vorzustellen, wer ein Kleidungsstück vorher getragen hat oder bei welchen Events es schon dabei war.“
Beim „Thrifting“, dem Kauf günstiger Secondhand-Mode, geht Jones mal intuitiv, mal strategisch vor. „Meist gehe ich einfach Stöbern und lasse mich überraschen. Andere Male habe ich eine Mission: Dann suche ich gezielt nach bestimmten Epochen oder habe ein Moodboard. Allen „Thrifting“-Neulingen rät sie: „Am Anfang sollte immer eine Inspiration stehen – aus Magazinen, von Influencern oder Stil-Ikonen. Und dann wählt man klassische Stücke wie Blazer, Gürtel, Schmuck oder Taschen. Alles, was sich gut kombinieren lässt. Und ganz wichtig: Ein guter Schneider ist Gold wert, um die Vintage-Stücke gegebenenfalls umgestalten und anpassen zu lassen.“
Jones ist überzeugt: Der Vintage-Mode-Markt wird weiter wachsen. Designer-Stücke werden seltener und wertvoller, Thrifting bleibt Ausdruck von Nachhaltigkeit – besonders für jüngere Generationen. „Fast Fashion verliert weiter an Attraktivität, und Menschen entdecken die Freude an einzigartigen, nachhaltigen Stücken neu“, meint Jones. „Traut euch, damit zu experimentieren, lasst euch inspirieren und spielt mit Mode. Es geht nicht nur um Kleidung, sondern um Geschichten, um Charaktere und Individualität – um euch!“