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Es gibt Gesten, die so klein sind, dass man sie kaum bemerkt – und doch alles entscheiden. Das Abnehmen der Sonnenbrille zur Begrüßung gehört dazu. Eine Sekunde, eine Handbewegung, und schon ist die Botschaft gesendet: Ich sehe dich, und du darfst mich sehen. Wer die Brille aufbehält, sendet das genaue Gegenteil – auch wenn er es gar nicht so meint.
Ich würde gern die Augen meines Gegenübers sehen. Es gibt kaum etwas Irritierenderes, als mit zwei dunklen Gläsern zu sprechen, hinter denen man nur die eigene Spiegelung erkennt.
Warum die Augen so wichtig sind
Die Begrüßung ist der erste Moment einer Begegnung, und Begegnungen leben von Blicken. Wir lesen im Gesicht des anderen, ob er sich freut, ob er zuhört, ob er ehrlich ist. Die Augen sind, so heißt es nicht ohne Grund, das Fenster zur Seele – und ein Fenster, das verhängt bleibt, wirkt verschlossen. Wer hinter der Sonnenbrille bleibt, behält einen kleinen Vorteil: Er sieht, ohne gesehen zu werden. Genau diese Asymmetrie aber ist es, die eine Begrüßung unhöflich macht. Sie verweigert dem anderen die Gegenseitigkeit, die jede gute Begegnung braucht.
Hinzu kommt: Die Sonnenbrille hat etwas leicht Abweisendes, fast Demonstratives. Sie sagt, ob gewollt oder nicht: Ich bleibe für mich. Bei einer Begrüßung, die ja gerade das Gegenteil signalisieren soll – nämlich Offenheit –, ist das ein Widerspruch. Also sollte man zur Begrüßung die Brille absetzen. Mindestens für den Moment des Blickkontakts, des Händedrucks, der ersten Worte.
Natürlich gibt es Ausnahmen
Wer lichtempfindliche Augen, eine frische Laser-OP, eine Allergie, der hat natürlich gute Gründe. Eine kurze Andeutung reicht vollkommen. Und es gibt Momente – nach einer durchwachten Nacht, in einem Augenblick der Trauer –, in denen die Brille ein legitimer Schutzschild ist. Ein erklärendes Wort, ein entschuldigendes Lächeln, ein kurzes Anheben der Gläser: All das verwandelt das Aufbehalten von einer Unhöflichkeit in eine verständliche Geste.
Wer sich dagegen hinter dunklen Gläsern verschanzt, um cooler, distanzierter oder wichtiger zu wirken, verfehlt den Sinn einer Begrüßung, einer Begegnung. Stil entsteht nie aus Abgrenzung, sondern aus Zugewandtheit.
Der feine Unterschied
Muss man die Sonnenbrille zur Begrüßung also abnehmen? In den allermeisten Fällen: ja, und zwar gern. Es ist eine der schönsten kleinen Höflichkeiten, die wir haben – das bewusste Sichtbarmachen des eigenen Blicks. Der feine Unterschied liegt am Ende nicht zwischen Brille auf und Brille ab, sondern zwischen jemandem, der sich versteckt, und jemandem, der sich zeigt. Wer den anderen ansieht, dem verzeiht man sogar die Sonnenbrille – solange man weiß, dass dahinter ein offener Blick wartet.