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Mein Nachttisch bereitet mir regelmäßig beinahe einen Herzinfarkt. Dort türmen sich Bücher auf einem Stapel, der mittlerweile fast so groß ist wie ich. Trotzdem lege ich behutsam den nächsten hochgelobten Besteller, die Empfehlung einer Freundin, die Biografie eines Lieblingskünstlers auf den Stapel und erwarte jedes Mal, das jetzt der Moment ist, in dem mir der Bücherstapel entgegenfliegt. Und mir physisch bewusst macht, dass ich endlich dieses Buch zu Ende lesen muss, das einzeln daneben liegt.
In meinem Kopf – und sicherlich auch in den Köpfen vieler anderer – geistert noch immer der Glaubenssatz, dass angefangene Bücher auch zu Ende gelesen werden müssen. Im letzten Sommer las ich ein Buch, das mich so unglaublich gelangweilt hat, dass ich die Lust am Lesen verloren habe. Und weil es keine Option war, einfach aufzuhören, schob ich es immer weiter auf und schaute sehnsüchtig auf den großen Bücherstapel, in denen sich Schätze versteckten, auf die ich mich schon so lange freute.
Wir leben in einer Welt der permanenten Reizüberflutung. Unser Alltag fordert ständig Entscheidungen, Disziplin und Durchhaltevermögen. Warum sollten wir ausgerechnet unsere Freizeit – die Zeit, die eigentlich der Inspiration, dem Abtauchen und der Entspannung dienen sollte – in eine Pflichtveranstaltung verwandeln? Einen Roman durchzuackern, der mich nach den ersten 50 Seiten weder berührt, noch fesselt oder unterhält, ist einfach nur ein unnötiger perfektionistischer Anspruch an mich selbst.
Allerdings schrumpft die Aufmerksamkeitsspanne in unserer Gesellschaft immer weiter und wir verlernen womöglich, uns auf komplexe oder vielschichtige Geschichten einzulassen, die uns nicht gleich im ersten Kapitel aus den Socken hauen. Im Zweifel würde ich als immer weiterlesen und zumindest ehrlich versuchen, dem Buch eine Chance zu geben. Und wenn es mir wirklich nicht gefällt, bestrafe ich mich nicht dafür. Dann fange ich einfach mit dem nächsten an und probiere es zu einem späteren Zeitpunkt nochmal. Und wenn ich wirklich daran verzweifle, gebe ich es weiter oder stelle es in einem öffentlichen Bücherschrank. Vielleicht ist es die passende Geschichte für jemand anderen.