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Natürlich müssen Sie die Klassiker der Literatur nicht gelesen haben. Sie müssen auch Beethoven nicht kennen und nie in den Uffizien gewesen sein. Die gebildetsten Menschen können die größten Arschlöcher sein – und umgekehrt. Man kann ein schönes, großzügiges Leben führen, ohne sich je ernsthaft mit einer Idee beschäftigt zu haben, die älter ist als der eigene Instagram-Account. Die Frage ist nur: Warum sollte man sich damit zufriedengeben?
Es gibt diese Erwartung an Bildung, dass sie vor allem nützlich sein soll. Man lernt Englisch für den Beruf, Statistik fürs Studium und Italienisch für den Urlaub. Aber wozu Goethe? Wozu Dostojewski, Woolf oder de Beauvoir? Was bringt es, sich durch Bücher zu arbeiten, deren Sätze manchmal eine halbe Seite lang sind und deren Figuren weder sympathisch noch effizient sind?
Literatur ist kein Erste-Hilfe-Kasten. Sie soll nicht dabei helfen, möglichst reibungslos durch den Alltag zu kommen. Die großen Bücher stellen eine viel größere, unangenehmere Frage: Was bedeutet eigentlich dieses Leben, durch das wir so effizient hindurchzukommen versuchen?
Die Klassiker sind voll von Menschen, die lieben, scheitern, sich überschätzen, andere verraten oder selbst verraten werden, nach Anerkennung lechzen und an ihren eigenen Vorstellungen zugrunde gehen. Das klingt gar nicht so veraltet. Jane Austen hatte keinen Instagram-Account, trotzdem versteht sie einiges von gesellschaftlichen Zwängen. Macbeth kennt keine LinkedIn-Optimierung, weiß aber ziemlich viel über Ehrgeiz. Und Goethes Faust würde sich vermutlich bestens in einer Gegenwart zurechtfinden, in der ständig irgendwo versprochen wird, er könne noch mehr erleben, leisten und aus sich machen.
Alte Bücher sind nicht automatisch gute Bücher und der Kanon ist kein vom Himmel gefallenes Inhaltsverzeichnis der Menschheit. Er wurde von einer weißen, männlichen Gesellschaft zusammengestellt, die Autoren übergangen und Autorinnen systematisch ausgeschlossen hat. Man muss ihn kritisieren, erweitern, erneuern, darf sich seinen eigenen Kanon bauen. Und darf ein angebliches Meisterwerk nach achtzig Seiten entnervt zuklappen.
Wobei es erstaunlich ist, wie wenig Geduld viele Menschen mit Literatur haben, wo sie in anderen Bereichen so viel Disziplin an den Tag legen: fünfmal die Woche um 6:15 Uhr ins Gym, Protein tracken, Fibermaxxing, Schlaf optimieren. Und was ist mit dem Geist?
Es ist ein Unterschied, ob man einen Kanon infrage stellt, nachdem man sich mit ihm auseinandergesetzt hat, oder ob man die eigene Unkenntnis zur Haltung erklärt.
Gerade das geschieht erstaunlich oft. Antiintellektualismus scheint sich auszubreiten, das stolze Zurschaustellen von Unwissenheit, gerichtet gegen vermeintliche Eliten in ihren Elfenbeintürmen. „Goethe? Musste ich in der Schule lesen, schlimm“. Damit scheint die Sache erledigt. Als würde langweiliger Deutschunterricht als Teenager für ein abschließendes Urteil über mehrere Jahrhunderte Literaturgeschichte reichen. Dabei kann das Zerschlagen von Eliten, das Aufbrechen des Kanons eine gute Sache sein – wenn diese mit etwas ersetzt werden, das ebenfalls über den eigenen Horizont hinausreicht.
Wir sollten uns schon gelegentlich Dingen aussetzen, die sich uns nicht sofort erschließen. Nicht alles muss uns dort abholen, wo wir gerade stehen. Manchmal darf ein Buch verlangen, dass wir uns auf es zubewegen. Und wenn wir aus uns heraustreten und dabei etwas verstehen über die Welt, die Gesellschaft, die Menschen, uns selbst – dann ist das ein ziemlich gutes Gefühl.