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Iris Berben gehört zu den Frauen im deutschen Film, die das Älterwerden nicht relativieren, sondern offensiv gestalten. Am 26. Februar startet der Film „Ein fast perfekter Antrag“ mit Iris Berben und Heiner Lauterbach in den Hauptrollen in den deutschen Kinos. Der Film erzählt vom Umgang mit dem Älterwerden, vom Loslassen und von Neuanfängen. Anlässlich der Premiere in München haben wir mit ihr über Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und modische Freiheit gesprochen und darüber, warum Frauen auch jenseits der 70 nicht leiser, grauer oder angepasster werden müssen – sondern im Gegenteil: klarer, souveräner und kompromissloser.
In „Ein fast perfekter Antrag“ spielen Sie die selbstbestimmte und freiheitsliebende Universitätsprofessorin Alice. Was hat Sie an dieser Rolle besonders gereizt?
Iris Berben: Genau das, was Sie gerade gesagt haben: dass Alice selbstbestimmt, freiheitsliebend und neugierig ist. Ein Frauenbild, für das ich früher viele Jahre gekämpft habe – und das mir leider bis heute nicht allzu oft in Filmen begegnet, insbesondere wenn es um Rollen für Frauen über 70 geht. Ich habe mich sehr gefreut, mich in einer Figur wiederzufinden, die mit großer Selbstverständlichkeit das Leben lebt, das sie lebt.
Ich mochte diese Figur, weil sie nie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern mit einer großen Selbstverständlichkeit und mit Lässigkeit.
Außerdem ist das Buch sehr klug geschrieben, weil es vieles aus unserer heutigen Zeit widerspiegelt: den Umgang mit jungen Studierenden, aber auch mit einem Mann, der in Fragen von Gleichberechtigung und Weltbild vielleicht nicht ganz auf Augenhöhe dieser Frau ist. Das Drehbuch erfüllt keine Klischees, es ist lässig – und vermittelt dennoch sehr viel. Das hat mir gefallen.
Im Film wird deutlich: Es ist nie zu spät, sich neu zu erfinden. Was würden Sie Frauen raten, die sich beruflich, modisch oder durch ein neues Hobby neu erfinden möchten?
Iris Berben: Machen! Macht es, Mädels, macht es! [lacht] Es gibt überhaupt keinen Grund, es nicht zu tun – vor allem dann, wenn es aus einem selbst herauskommt. Die einzige Einschränkung, die ich machen würde: Macht es nicht, weil es euch TikTok und Konsorten als neuesten Trend vorgeben.
Setzt eure eigenen Trends. Seid diejenigen, die über sich selbst etwas erzählen wollen. Das ist spannender, als das zu tun, was alle anderen auch machen. Möglichst bei sich bleiben, authentisch bleiben. So sein, wie man gesehen werden möchte. Welche Signale will ich in die Welt senden? Individualität ist immer sehr viel spannender, als in der Herde mitzulaufen.
Alice weigert sich, unsichtbar zu werden. Klischees über alternde Frauen prägen die Filmbranche nach wie vor. Wie wichtig ist es, Frauen zu zeigen, die aktiv dagegen ankämpfen, aus der Gesellschaft zu „verschwinden“?
Iris Berben: Es ist wichtiger denn je. Wir erleben aktuell, dass Autokraten und Despoten versuchen, wieder ein ganz anderes Frauenbild zu etablieren. Ich habe lange gedacht, bestimmte Errungenschaften seien längst unumstößlich – aber nein, wir müssen sie immer wieder verteidigen.
Sichtbarkeit von Frauen ist dabei von enormer Bedeutung. Das hört nie auf. Es gibt dieses entsetzliche Wort „fuckable“, das geprägt wurde: Solange man in diesen Begriff passt, ist man sichtbar. Aber so ist es doch nicht. Deine Bedürfnisse, deine Gefühle, deine Wünsche, deine Freundschaften hören nicht auf, nur weil du 40, 50, 60 oder 70 wirst.
Ich bin 75 – natürlich möchte ich weiterhin wahrgenommen werden. Dieses Bedürfnis verändert sich, aber man verschwindet nicht aus dem Leben. Es gab Zeiten, in denen Frauen nahezu aufgefordert wurden, in Grau und Beige zu verschwinden. Das muss man nicht tun.
Das ist eine zentrale Botschaft des Films – und genau deshalb bin ich sehr glücklich, Teil dieses Projekts zu sein. Man spielt zwar gern mit der Selbstverständlichkeit, aber sie ist leider noch nicht selbstverständlich.
Der Film thematisiert auch Generationskonflikte – besonders zwischen Walter, gespielt von Heiner Lauterbach, und den Studierenden. Es geht um die Frage, was passiert, wenn Generationen einander wirklich zuhören. Hat sich der Umgang der Generationen miteinander verändert?
Iris Berben: Wir wollten uns damals stark von unseren Eltern absetzen – vor allem politisch. Wir wollten Verantwortung übernehmen, nicht einfach so weitermachen wie bisher. Der Minirock war damals ein Statement. Er kam aus London zu uns herüber und bedeutete: Nein, ich bin nicht verfügbar für euch. Ich trage diesen Rock, weil ich es will.
Heute wirkt das fast banal, weil man heute alles tragen kann. Aber natürlich hat sich etwas verändert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass von außen bewusst versucht wird, Generationen gegeneinander auszuspielen. Dabei können wir doch nur voneinander profitieren.
Wir können von jüngeren Generationen enorm viel lernen – gerade in Bezug auf Technik, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Und umgekehrt können wir Erfahrungen weitergeben, bei denen man vielleicht sagt: Das könntest du dir sparen. [lacht] Vielleicht macht man sie trotzdem – und das ist auch gut so. Aber manche Dinge muss man nicht immer wieder neu erleben. Mein Rezept für die Welt ist ganz klar: miteinander, nicht gegeneinander.
Der Film zeigt zwei archetypische Figuren: die selbstbestimmte Frau, die auch im Alter relevant bleiben will, und den „alten weißen Mann“, der lernen muss, Kontrolle abzugeben. Warum braucht es beide Perspektiven, um über das Altern zu erzählen?
Iris Berben: Ich finde, es sollte alles gezeigt werden. Auch Walter ist keine Figur, die in ihrer Welt erstarrt ist. Oft geht es um Kommunikation – und darum, nicht mehr ganz in der Tonalität der Zeit zu sein. Seine Welt ist überschaubar: Ingenieur, alles berechenbar, alles klar strukturiert. Und dann trifft er auf diese Frau, die er schon vor 40 Jahren faszinierend fand – und bei der er damals bereits gespürt hat, wie konträr sie sind. Aber er ist bereit.
Manchmal muss man einfach geweckt werden. Manchmal muss man angetippt werden. Und manchmal muss man sich erklären, weil einem von außen Haltungen zugeschrieben werden, die man vielleicht gar nicht hat. Man ist nur noch nicht in der neuen Sprache angekommen, noch nicht in der neuen Hülle.
Für mich ist das schlimmste Wort überhaupt „Cancel Culture“. Canceln heißt auslöschen – aber wir wollen doch das Gegenteil. Wir wollen Menschen mitnehmen. Gerade jene, die verunsichert oder überfordert sind. Die darf man nicht ausgrenzen, nur weil sie etwas nicht sofort verstehen. Viele Menschen sind alleingelassen – und genau die brauchen wir.
Alice ist eine Frau, die sich nicht in Schubladen stecken lässt – auch modisch nicht. Gab es bei der Rolle bewusste Entscheidungen, wie Alice sich kleidet, um ihre Freiheit und Selbstbestimmung auszudrücken?
Iris Berben: Auf jeden Fall. Wir haben uns intensiv mit der Figur beschäftigt: Wie läuft sie? Wie bewegt sie sich? Mir war zum Beispiel wichtig, Sneaker zu tragen, weil sich dadurch der Gang verändert. Sie rennt von vorne nach hinten, spricht mit den Studierenden, ist ständig in Bewegung.Die Kleidung musste praktisch sein, aber zugleich modisch und ein Statement setzen. Sie liebt Anzüge, manchmal hat es auch etwas androgynes – und dann trägt sie genauso selbstverständlich Kleider. Bitte lebt doch alle den Widerspruch.
Wie wichtig ist es für Frauen, sich modisch auszuprobieren und Neues zu wagen?
Iris Berben: Sehr wichtig. Frauen sollten Neues ausprobieren, um herauszufinden, worin sie sich wohlfühlen. Will ich provozieren? Will ich mich zurückziehen? Will ich Schutz? Will ich sexy sein? Es gibt so viele Möglichkeiten – und es gibt nicht die eine Schublade, in die wir gehören. Wir gehören in einen ganzen Apothekenschrank mit hunderten von Schubladen.
Welche Rolle spielt Mode für Sie persönlich?
Iris Berben: Eine sehr große. Ich habe keine Stylistin – darüber wird immer noch gelacht. Aber man sagt mir oft, ich hätte einen sehr guten Geschmack. Das hat damit zu tun, dass ich mich intensiv mit Kleidung beschäftige: Welches Signal möchte ich senden? Worin fühle ich mich wohl?
Ich suche mir meine Sachen selbst aus, das hat viel mit Stimmung zu tun und mit der Geschichte, die man erzählen möchte. Mode ist Teil der Kultur. Lange wurde das in Deutschland unterschätzt, aber Mode erzählt viel über eine Zeit – und über Menschen.
Ich mag Mode. Ich mag die Freiheit, mit ihr zu spielen. Und ich mag auch Dresscodes, weil sie für mich nichts mit Zwang, sondern mit Respekt zu tun haben – gegenüber einem Anlass oder einer Veranstaltung. Mode nimmt einen großen Platz in meinem Leben ein.
Viele Frauen überdenken mit den Jahren ihre Beauty-Routine. Gibt es etwas, das Sie heute anders machen als früher?
Iris Berben: Ich mache heute weniger. In einer gewissen Lebensphase – nicht als junges Mädchen, sondern später – habe ich mich stärker hinter Make-up versteckt. Heute habe ich damit kein Problem mehr, auch sehr reduziert aufzutreten.
Das hat viel mit Selbstbewusstsein zu tun und mit einer inneren Haltung: So bin ich. Und natürlich sehe ich ohne Ausleuchtung ganz anders aus. Es ist wichtig, Menschen zu zeigen, und dass vieles, was man im Hochglanz sieht, stark retouchiert ist. Es gibt auch die andere Seite – und beide dürfen existieren.
Und mein letzter Satz dazu: Der schlimmste Satz überhaupt, der als Kompliment gemeint ist, lautet:
„Für Ihr Alter sehen Sie aber noch gut aus.“
Ich könnte schreien, wenn ich das höre. Was das impliziert, liegt auf der Hand.