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Zitronenwasser statt Kaffee, LED-Maske statt Foundation, Pilates statt Crash-Diät. Wer durch Social Media scrollt, begegnet unzähligen Routinen, die alle dasselbe Ziel versprechen: einen natürlichen Glow. Diese Praktik hat längst einen Namen: Glowmaxxing.
Der Trend steht exemplarisch für einen Wandel unseres Schönheitsideals: Attraktiv gilt heute nicht mehr unbedingt, wer perfekt geschminkt ist, sondern wer gesund, ausgeruht und fit aussieht. Die Grenzen zwischen Hautpflege, Ernährung, Fitness, Wellness und Longevity verschwimmen zunehmend. Bleibt die Frage: Ist Glowmaxxing eine sinnvolle Form der Selbstfürsorge?
Was bedeutet Glowmaxxing?
Der Begriff Glowmaxxing setzt sich aus den englischen Wörtern Glow (Ausstrahlung) und Maxxing (von maximizing, also maximieren) zusammen. Der Begriff reiht sich in eine ganze Reihe neuer „Maxxing“-Trends ein, die derzeit Millionen Aufrufe erzielen. Anders als beim männlich geprägten „Looksmaxxing” geht es beim Glowmaxxing jedoch weniger um markante Gesichtszüge oder drastische Veränderungen als um die Optimierung der eigenen Ausstrahlung. Gemeint ist der Versuch, die eigene natürliche Ausstrahlung gezielt zu verbessern – nicht in erster Linie durch Make-up, sondern durch einen Lebensstil, der sich positiv auf Haut, Haare und das allgemeine Erscheinungsbild auswirken soll. Der Trend verspricht keinen radikalen Wandel des Aussehens, sondern einen frischen Teint, glänzendes Haar und ein ausgeruhtes Erscheinungsbild.
Viele Bestandteile des Trends tragen inzwischen eigene Namen. Neben Glowmaxxing kursieren auf Social Media Begriffe wie Skinmaxxing für Hautpflege, Sleepmaxxing für einen optimierten Schlaf, Hairmaxxing für gesundes Haar oder Healthmaxxing für einen möglichst gesunden Lebensstil. Gemeinsam vermitteln sie die Vorstellung, dass sich nahezu jeder Bereich des Körpers gezielt verbessern lässt.
Glowmaxxing umfasst deshalb weit mehr als eine gute Hautpflegeroutine. Unter dem Hashtag sammeln sich Tipps zu ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf, Krafttraining, Stressmanagement, Nahrungsergänzungsmitteln und Beauty-Gadgets wie LED-Masken oder Ice Rollern. Dahinter steht die Idee, dass Schönheit vor allem ein Ergebnis gesunder Gewohnheiten sei und sich durch die richtigen Routinen gezielt fördern lasse.
Warum boomt Glowmaxxing gerade jetzt?
Glowmaxxing unterscheidet sich von früheren Beauty-Trends vor allem dadurch, dass Schönheit nicht mehr als etwas verstanden wird, das sich mit Kosmetik herstellen lässt. Der Trend fügt sich in eine Zeit, in der Gesundheit, Wohlbefinden und Schönheit zunehmend miteinander verschmelzen. Während Schönheit lange vor allem mit dekorativer Kosmetik und Mode verbunden wurde, rückt heute ein ganzheitlicher Lebensstil in den Mittelpunkt. Nicht das perfekte Make-up gilt als Ideal, sondern reine Haut, glänzendes Haar, ein ausgeruhter Blick und ein Körper, der fit und gesund wirkt. Die natürliche Schönheit soll das sichtbare Ergebnis eines gesunden Lebensstils sein: Gepflegte Haut ersetzt Make-up, regelmäßige Trainingseinheiten ersetzen Crash-Diäten, Schlaf gilt als die beste Anti-Aging-Pflege.
Begünstigt wird diese Entwicklung durch Trends wie Longevity, Biohacking oder die Clean Girl Aesthetic, die uns bereits seit Jahren begleitet. Sie alle eint die Vorstellung, dass sich das eigene Wohlbefinden – und damit auch das Aussehen – durch die richtigen Gewohnheiten gezielt verbessern lässt. Social Media verstärkt diese Entwicklung zusätzlich. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram teilen Creator:innen detaillierte Morgen- und Abendroutinen, testen Nahrungsergänzungsmittel oder Beauty-Gadgets und dokumentieren ihre vermeintlichen Vorher-Nachher-Erfolge. Der natürliche Glow erscheint dadurch weniger als genetische Veranlagung denn als etwas, das sich mit genügend Zeit, Wissen und den richtigen Produkten erreichen lässt. Sie suggerieren, dass Schönheit nicht länger vom Zufall oder von guten Genen abhängt, sondern das Ergebnis konsequenter Selbstfürsorge ist. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen ihren Alltag als hektisch und unübersichtlich empfinden, üben diese Routinen eine besondere Faszination aus. Gleichzeitig entsteht dadurch aber auch die Vorstellung, jede Unreinheit oder jeder müde Blick sei vermeidbar – wenn man sich nur genug anstrengt.
Gleichzeitig passt Glowmaxxing zu einem gesellschaftlichen Wertewandel. Nach Jahren auffälliger Instagram-Filter und stark konturierter Make-up-Looks gewinnen Natürlichkeit und Zurückhaltung an Bedeutung. Der neue Luxus besteht darin, als brauche man kaum Make-up. Der gewünschte Glow soll möglichst authentisch wirken – auch wenn hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit oft ein erheblicher Aufwand steckt.
Die Glowmaxxing-Routine: Was gehört dazu?
Ausreichend Schlaf, Sport, eine ausgewogene Ernährung oder täglicher Sonnenschutz werden nicht mehr nur als gesundheitsfördernde Maßnahmen verstanden, sondern auch als Investition in die eigene Attraktivität. Schönheit wird damit zunehmend zum sichtbaren Ergebnis eines disziplinierten Lebensstils. Weitere typische Bestandteile einer Glowmaxxing-Routine sind:
Eine umfangreiche Hautpflegeroutine
Im Mittelpunkt stehen Wirkstoffe wie Vitamin C für einen strahlenden Teint, Retinol zur Unterstützung der Hauterneuerung, Hyaluronsäure zur Feuchtigkeitsversorgung und Niacinamid zur Verfeinerung des Hautbilds. Vitamin C gehört zu den am besten untersuchten Wirkstoffen in der Hautpflege. Es schützt die Haut vor oxidativem Stress, unterstützt die Kollagenbildung und kann Pigmentflecken optisch mildern. Milchsäure (AHA) wirkt als chemisches Peeling, indem sie abgestorbene Hautzellen sanft entfernt und die Hautoberfläche glatter erscheinen lässt. Zur Routine gehören Seren, Gesichtsmasken und ein täglicher Sonnenschutz.
Nahrungsergänzungsmittel
Kollagen, Omega-3-Fettsäuren, Biotin sowie verschiedene Vitamine und Mineralstoffe sollen Haut, Haare und Nägel von innen unterstützen. In den sozialen Medien werden sie häufig als Ergänzung zu einer ausgewogenen Ernährung beworben. Es ist bekannt, dass die körpereigene Kollagenproduktion ab dem 25. Lebensjahr abnimmt, weshalb diese als Nahrungsergänzungsmittel besonders beliebt sind. Schließlich schätzte das Marktforschungsunternehmen Mordor Intelligence den weltweiten Umsatz mit Kollagenprodukten für 2024 auf etwa 5,5 Milliarden Euro und prognostiziert bis 2029 ein jährliches Wachstum um 7,7 Prozent. Supplements sind in der Regel sinnvoll, gerade bei nachgewiesenem Mangel. Aber Vorsicht, in einigen Fällen kann eine Überdosierung auch schaden.
Beauty-Tools
Die praktischen Helferchen längst fester Bestandteil vieler Glowmaxxing-Routinen. Besonders beliebt sind LED-Lichtmasken, die je nach Lichtfarbe die Hautregeneration unterstützen oder Unreinheiten lindern sollen. Gua-Sha-Steine und Gesichtsroller werden verwendet, um die Gesichtsmuskulatur zu massieren, die Durchblutung anzuregen und Schwellungen zu reduzieren. Für den schnellen Frischekick am Morgen greifen viele zudem zum Ice Roller, dessen kühlende Wirkung müde Haut beleben und Tränensäcke abschwellen lassen soll. Viele Anwender:innen schätzen die Anwendungen als entspannendes Pflegeritual – auch wenn nicht alle beworbenen Effekte wissenschaftlich eindeutig belegt sind.
Haar- und Körperpflege
Beliebt sind pflegende Haaröle, feuchtigkeitsspendende Haarmasken und sogenannte Scalp-Care-Produkte, die die Kopfhaut reinigen und ihre natürliche Balance unterstützen sollen. Für den Körper setzen viele auf regelmäßige Peelings, reichhaltige Bodylotions oder Körperöle, um die Haut geschmeidig zu halten. Abgerundet wird die Routine durch regelmäßige Maniküre und Pediküre.
Ein gesunder Lebensstil
Ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung – etwa Krafttraining, Pilates oder Yoga –, eine ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Flüssigkeit gelten als Grundpfeiler des Glowmaxxings. Hinzu kommen der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten sowie Maßnahmen zum Stressabbau, beispielsweise Meditation, Atemübungen oder Spaziergänge an der frischen Luft.
Welche Glowmaxxing-Tipps wirklich sinnvoll sind
Unter dem Hashtag #Glowmaxxing vermischen sich wissenschaftlich belegte Empfehlungen mit Trends, deren Nutzen fraglich oder bislang kaum untersucht ist. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Zu den Maßnahmen, die Dermatolog:innen und Mediziner:innen seit Jahren empfehlen, gehören vor allem ein konsequenter Sonnenschutz, ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung. UV-Schutz kann vorzeitiger Hautalterung vorbeugen, während Schlaf die Regeneration von Haut und Körper unterstützt. Auch Krafttraining oder Ausdauersport fördern die allgemeine Gesundheit und können sich positiv auf das Hautbild und das Wohlbefinden auswirken. Weniger eindeutig ist die Datenlage bei vielen Produkten und Routinen, die auf Social Media als unverzichtbar präsentiert werden. Kollagenpräparate etwa werden häufig mit einer glatteren Haut beworben, ihre Wirkung ist jedoch noch nicht eindeutig belegt. Ähnliches gilt für zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel, Detox-Kuren oder kostspielige Beauty-Gadgets, deren Nutzen oft größer dargestellt wird, als die wissenschaftliche Evidenz hergibt. Eine gute Recherche ist hier unabdingbar.
Eine einfache Hautpflegeroutine mit auf den Hauttyp abgestimmten Produkten ist meist sinnvoller als immer wieder zu den neuesten Trendprodukten zu greifen. Wer jede neue Routine übernimmt, investiert schnell viel Zeit und Geld, ohne dass sich dadurch zwangsläufig bessere Ergebnisse einstellen.
Die Schattenseiten des Glowmaxxings
Auf den ersten Blick wirkt Glowmaxxing wie einer der harmloseren Social-Media-Trends. Wer ausreichend schläft, sich ausgewogen ernährt, regelmäßig Sport treibt und seine Haut mit SPF schützt, folgt Empfehlungen, die auch Mediziner:innen seit Jahren aussprechen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Glowmaxxing nicht frei von Widersprüchen ist.
Kritiker:innen bemängeln vor allem, dass der Trend Gesundheit zunehmend ästhetisiert. Aus Gewohnheiten, die in erster Linie dem Wohlbefinden dienen sollten, werden Maßnahmen, um möglichst attraktiv auszusehen. Schlaf wird nicht mehr nur wichtig, um erholt zu sein, sondern um Augenringe zu vermeiden. Krafttraining dient nicht allein der Fitness, sondern einem definierten Körper. Gesunde Ernährung soll nicht nur Krankheiten vorbeugen, sondern für makellose Haut sorgen. Dadurch verschiebt sich der Fokus: Gesundheit wird zum Mittel, Schönheit zu erreichen.
Hinzu kommt der enorme Optimierungsdruck, den soziale Medien erzeugen. Auf TikTok und Instagram präsentieren Creator:innen perfekt inszenierte Morgenroutinen, makellose Haut und scheinbar mühelose Ausstrahlung. Dass viele dieser Inhalte gefiltert, professionell produziert oder das Ergebnis guter Gene sind, gerät leicht in den Hintergrund. So entsteht der Eindruck, jeder könne mit genügend Disziplin den perfekten Glow erreichen – und wer ihn nicht hat, habe sich schlicht nicht genug angestrengt.
Auch der Konsum spielt eine zentrale Rolle. Rund um Glowmaxxing ist ein milliardenschwerer Markt entstanden, der ständig neue Seren, Nahrungsergänzungsmittel oder Beauty-Gadgets als unverzichtbar bewirbt. Hautpflege, Nahrungsergänzungsmittel, Beauty-Gadgets und Wellness-Angebote werden zunehmend als Bausteine eines strahlenden Aussehens vermarktet. Aus Selbstfürsorge wird so schnell ein kostspieliger Lifestyle, bei dem immer neue Produkte den entscheidenden Unterschied versprechen.
Nicht zuletzt lohnt sich ein Blick auf die Herkunft des Begriffs. Das Suffix „-maxxing“ stammt aus männlich dominierten Internetforen und wurde zunächst durch „Looksmaxxing“ bekannt. Dort ging es darum, das eigene Aussehen möglichst weit zu optimieren – häufig anhand vermeintlich objektiver Kriterien wie Gesichtsproportionen oder Kieferlinien. Teile dieser Communities überschneiden sich mit der sogenannten Manosphere, in der Attraktivität teilweise als Voraussetzung für gesellschaftlichen oder romantischen Erfolg verstanden wird und die teilweise auch höchst frauenfeindliche Narrative verbreitet.
Glowmaxxing hat sich von diesen Ursprüngen zwar weitgehend gelöst und richtet sich heute vor allem an ein Beauty- und Wellness-Publikum. Dennoch übernimmt der Trend eine zentrale Idee: das Aussehen als fortlaufendes Projekt, das sich durch Disziplin, Wissen und die richtigen Routinen ständig verbessern lässt.
Beide Trends verbindet dieselbe Grundannahme: Schönheit ist kein Zufall mehr, sondern ein Ziel, an dem täglich gearbeitet werden kann – und vielleicht sogar gearbeitet werden muss. Genau diese Vorstellung macht Glowmaxxing ebenso faszinierend wie diskussionswürdig.
Der eigentliche Trend heißt Gesundheit
Der Trend zum Natürlichen verrät mehr über unseren Zeitgeist: Glowmaxxing zeigt, wie sich unser Schönheitsideal verändert hat. Schönheit wird heute zunehmend mit Gesundheit gleichgesetzt; ein strahlender Teint gilt als Zeichen für Disziplin, Ausgeglichenheit und einen gesunden Lebensstil. Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Problematisch wird es erst, wenn der Wunsch danach zum Zwang wird, sich selbst stetig optimieren zu wollen. Der schönste Glow lässt sich schließlich nicht erzwingen. Er entsteht dort, wo wir nicht dem Druck sozialer Medien folgen, sondern unserem eigenen Wohlbefinden.