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Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Wöchentlich erscheinen neue Studien, neue Trends, neue Sportarten und neue Rezepte, die nicht nur unsere Gesundheit optimieren sollen, sondern – so suggeriert es zumindest der Algorithmus – gleich unser ganzes Leben. Was früher als persönliches Wohlbefinden galt, wird heute zunehmend zur kuratierten Performance.
Ein Sinnbild dafür ist der Sommer 2024, als Shirin David mit ihrem Song „Bauch, Beine, Po“ einen Nerv traf, der weit über die Charts hinausreichte. In ihrem Musikvideo performt sie in monochromen Sportoutfits sportliche, aber ästhetisch perfekt inszenierte Übungen – und das zu einem Beat, der ins Ohr geht. Mehr als 31 Millionen Aufrufe später lässt sich sagen: Das war nicht nur ein Song, es war eine Kulturdiagnose.
Zwar gab es Matcha und Pilates schon lange vor diesem Über-Hit, doch Shirin David hat sie unwiderruflich miteinander verheiratet. Sie hat den sogenannten „Clean-Girl“-Lebensstil nicht erfunden, aber sie hat ihn so gekonnt romantisiert und ästhetisiert, dass er zu einer eigenen Bildsprache wurde. Pastellfarbene Leggings, minimalistische Trinkflaschen, makellos manikürte Hände, ein eiskalter Matcha Latte in der Sonne – all das signalisiert nicht nur: „Ich kümmere mich um mich.“ Es signalisiert: „Ich habe mein Leben im Griff.“ Gesundheit wird hier weniger als innerer Zustand, sondern als visuelle Erzählung inszeniert. Wer sich so zeigt, performt Disziplin, Kontrolle und Selbstfürsorge – und erhält dafür Likes, Anerkennung und Zugehörigkeit. Der Clean-Girl-Look ist längst mehr als ein Trend: Er ist ein Statussymbol geworden.
Wenn Selbstfürsorge zur Performance wird
Doch dieser Lifestyle ist nur ein Beispiel für eine viel größere Entwicklung. In den letzten Jahren wurden unsere Social-Media-Feeds überflutet von Gesundheits-Trends, die uns versprechen, fitter, ruhiger, produktiver und „regulierter“ zu werden. Es wird intermittierend gefastet, „Cortisol-gefastet“, der Blutzuckerspiegel gemessen, Kollagenpulver geschlürft und Mikronährstoffe getrackt. Parallel dazu hat sich eine regelrechte Technisierung unseres Körpers etabliert. Apps wie Strava, Oura-Ringe oder Apple Watches messen jede Bewegung, jeden Herzschlag, jede Schlafphase. Wir sehen nicht nur, wie viel wir uns bewegt haben – wir sehen auch, ob wir „gut genug“ geschlafen haben.
Schlaf – einst eine der letzten Lebensnischen, in der man einfach existieren konnte – ist heute ein Projekt. Man soll zur richtigen Zeit ins Bett gehen, im optimalen Rhythmus aufwachen, die perfekte Schlafqualität erreichen. Und wenn der Oura-Ring sagt, man habe schlecht geschlafen? Dann fühlt man sich schon beim Aufstehen defizitär, als hätte man versagt, bevor der Tag überhaupt begonnen hat. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie seien ungesund, wenn sie nicht mithalten: wenn sie kein Pilates machen, keinen Matcha mögen, keine Smoothies lieben oder schlicht keine Lust haben, ihr Leben nach einer Wellness-Checkliste auszurichten.
Dabei ist nichts falsch daran, sich für das eigene körperliche und geistige Wohlbefinden zu interessieren. Im Gegenteil: Selbstfürsorge ist wichtig. Und wenn jemand mit Pilates, Matcha und Atemübungen sein Gleichgewicht findet – wunderbar. Problematisch wird es jedoch, wenn dieser Lebensstil nicht mehr als Option, sondern als Norm wahrgenommen wird. Der Clean-Girl-Lebensstil hat inzwischen ein Ausmaß angenommen, bei dem man hinterfragen muss: Was steht hier wirklich im Vordergrund? Geht es um tatsächliche Gesundheit – oder um die Performance eines gehypten, ästhetisch perfekten Lebens, das vor allem auf Social Media gut aussieht?
Wie die Dynamiken des Internets komplexe Körperdynamiken fragwürdig vereinfachen
Viele der Trends, die viral gehen, sind wissenschaftlich zumindest fragwürdig – manche sogar schlicht irreführend. Ein gutes Beispiel dafür ist das sogenannte „Cortisol-Fasten“, mit dem Ziel, Fett an Gesicht und Bauch zu verlieren. Im vergangenen Jahr kursierte auf TikTok und Instagram die Behauptung, man müsse morgens bestimmte Lebensmittel meiden oder zu bestimmten Zeiten fasten, um den Cortisolspiegel zu „senken“. Cortisol – das Stresshormon – wurde dabei als Bösewicht dargestellt, den man mit strengen Ernährungsregeln kontrollieren müsse. Influencer empfahlen spezielle Frühstücksrituale, „cortisolfreundliche“ Getränke oder strikte Essenszeiten, um den Hormonhaushalt zu optimieren.
Das Problem: Dieses Narrativ beruhte auf einem stark vereinfachten, teils sogar falschen Verständnis von Cortisol. Cortisol ist nicht per se schlecht. Im Gegenteil: Es ist lebensnotwendig. Es hilft uns, morgens aufzuwachen, reguliert den Stoffwechsel und unterstützt den Körper in Stresssituationen. Ein natürlicher Cortisolanstieg am Morgen ist völlig normal und sogar wichtig. Das „Cortisol-Fasten“ suggerierte jedoch, dass dieser natürliche Prozess gefährlich oder schädlich sei – was wissenschaftlich nicht haltbar ist. Statt Menschen dabei zu helfen, ihr Stresslevel ganzheitlich zu betrachten (Schlaf, Arbeit, mentale Belastung, Ernährung), reduzierte der Trend komplexe biologische Prozesse auf simple Regeln und vermeintlich einfache Lösungen. Solche Beispiele zeigen, wie vorsichtig man mit Gesundheitsratschlägen aus sozialen Medien sein sollte. Nur weil etwas ästhetisch ansprechend präsentiert wird, heißt das nicht, dass es medizinisch sinnvoll ist – oder für jeden Menschen gleichermaßen funktioniert.
Am Ende bleibt die entscheidende Frage: Was bedeutet es eigentlich, gesund zu sein? Vielleicht bedeutet es nicht, jeden Trend mitzumachen. Vielleicht bedeutet es nicht, jeden Morgen Matcha zu trinken, fünfmal die Woche Pilates zu machen oder den eigenen Schlaf bis ins kleinste Detail zu analysieren. Vielleicht bedeutet Gesundheit vielmehr, auf den eigenen Körper zu hören – und ihm das zu geben, was er braucht, nicht das, was Instagram vorgibt. Für manche Menschen mag das tatsächlich Pilates sein. Für andere ist es Joggen im Park, Schwimmen im See oder Tanzen im Club. Und für wieder andere ist es manchmal einfach ein Tag auf der Couch – ohne schlechtes Gewissen, ohne Produktivitätsdruck, ohne Selbstoptimierung.