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Während sich in den vergangenen Jahren vor allem bei jungen Menschen ein bemerkenswerter Wandel im Umgang mit Alkohol beobachten lässt, scheint eine Generation von der neuen Nüchternheit erstaunlich unbeeindruckt: die Gen X. Also jene Menschen, die ungefähr zwischen 1965 und 1980 geboren wurden und heute Mitte 40 bis Anfang 60 sind.
Während sich Gen Z mit Begriffen wie „Sober Curious“, Dry January und alkoholfreien Aperitifs beschäftigt, hat die Generation ihrer Eltern ihre Trinkgewohnheiten offenbar deutlich weniger verändert. Eine Langzeitstudie der University of Michigan, die das Konsumverhalten von Menschen zwischen 19 und 65 Jahren untersuchte, kommt laut den vorliegenden Notizen zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Während der Alkoholkonsum jüngerer Amerikaner*innen 2024 historische Tiefstände erreichte, hielt die Gen X weitgehend an ihren bisherigen Gewohnheiten fest.
In den USA haben deshalb Barbesitzer*innen die Gen X als attraktive Zielgruppe entdeckt. Veranstaltungsorte setzen auf Nostalgie-Partys, Musik aus vergangenen Jahrzehnten und vor allem auf Veranstaltungen, die nicht erst um Mitternacht richtig beginnen.
Was zunächst nach einer amüsanten Generationenbeobachtung klingt, erzählt allerdings von einem größeren kulturellen Wandel. Denn wie selbstverständlich Alkohol zu einem Abend gehört, ist offenbar auch eine Generationenfrage. Warum hält ausgerechnet Gen X am Drink fest, während ihre Kinder zunehmend infrage stellen, ob man ihn überhaupt braucht?
Die Rückkehr der „Third Places“
Zwischen den viel diskutierten Babyboomern und den Millennials wird die Generation X im öffentlichen Diskurs erstaunlich häufig übersehen. Dabei befindet sie sich heute in einer Lebensphase, in der sie über erhebliche Kaufkraft verfügt und viele kulturelle Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte selbst miterlebt oder geprägt hat.
Zur Gen X werden meist Menschen gezählt, die ungefähr zwischen 1965 und 1980 geboren wurden. Ihre Jugend fiel damit in die 1980er- und 1990er-Jahre – lange bevor Smartphones jeden Abend dokumentierten und Selfcare zum Lifestyle wurde.
Auch das Ausgehen sah entsprechend anders aus. Man traf sich einfach draußen an anderen bekannten Treffpunkten, brachte ein Sixpack mit und wusste, dass dort wahrscheinlich jemand sein würde. Soziologen sprechen von „Third Places“: Orten, die weder Zuhause noch Arbeitsplatz sind und an denen Menschen informell zusammenkommen. Cafés, Kneipen, Bars, Parks oder Vereine können solche Räume sein. Für Generationen, die vor dem Internet erwachsen wurden, hatten sie eine besondere Bedeutung. Wer neue Menschen kennenlernen, Musik hören, flirten oder einfach nicht zu Hause sitzen wollte, brauchte physische Treffpunkte. Alkohol wurde zum festen Bestandteil dieser Orte. Und damit auch der Erinnerungen, die mit ihnen verbunden sind.
Die Gen Z hat solche „Third Places“ dagegen zunehmend online. Freundschaften werden über Gruppenchats gepflegt, Dates über Apps vereinbart, Communities entstehen auf TikTok, Reddit oder Discord. Das bedeutet nicht, dass junge Menschen weniger sozial sind. Aber sie brauchen die Bar nicht mehr in derselben Weise, um soziale Zugehörigkeit herzustellen.
Für die Gen X war Alkohol stärker mit physischen Orten des sozialen Lebens verbunden: Bars, Partys, Konzerte, Clubs oder spontane Treffen. Man musste tatsächlich irgendwo hingehen, um Menschen zu begegnen. Heute existiert ein erheblicher Teil des sozialen Lebens auch auf dem Bildschirm. Und wer weiß, dass ein peinlicher Moment nicht nur am nächsten Morgen weitererzählt, sondern möglicherweise gefilmt und online gestellt wird, entwickelt womöglich ein anderes Verhältnis zum Kontrollverlust.
Trinken als erlernte Gewohnheit
Außerdem wurde Gen X in einer Zeit sozialisiert, in der Alkohol kulturell anders bewertet und vermarktet wurde. David Jernigan, Professor an der Boston University School of Public Health, verweist im Gespräch mit dem Wall Street Journal darauf, dass die Alkoholindustrie in den 1980er- und 1990er-Jahren intensiv um junge Konsumentinnen und Konsumenten warb. Produkte wie Wine Cooler und süße Alkopops fungierten dabei gewissermaßen als alkoholische „Stützräder“: süß, zugänglich und weit entfernt vom bitteren Bier oder schweren Whisky der Elterngeneration. Alkohol wurde damit nicht nur als Getränk verkauft, sondern als Bestandteil des Erwachsenwerdens und des sozialen Lebens.
Entscheidend sei, wann solche Gewohnheiten entstehen. Jernigan argumentiert, dass Trinkmuster, wie viele andere Verhaltensweisen, bereits in der Jugend und den frühen Zwanzigern geprägt werden. Wer in einer Kultur erwachsen wird, in der ein Drink zum Feierabend, Wein zum Essen oder Bier beim Konzert selbstverständlich dazugehört, muss diese Routinen später aktiv infrage stellen.
Gen Z hat eine andere Gesundheitskultur
Jüngere Millennials und insbesondere die Gen Z sind in einer Zeit erwachsen geworden, in der sich die wissenschaftliche und öffentliche Debatte über Alkohol deutlich verändert hat. In den 2010er-Jahren geriet etwa die lange populäre Vorstellung ins Wanken, ein gelegentliches Glas Rotwein könne sogar gesund sein. Gesundheitsorganisationen wie die WHO kommunizieren inzwischen deutlich kritischer über Alkoholkonsum; die gesündeste Variante ist demnach, gar nicht zu trinken.
Parallel dazu entwickelte sich eine Wellness-Kultur, die Gesundheit längst nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit versteht. Schlaf wird getrackt, Proteineinnahme und Schritte werden gezählt, Sporteinheiten dokumentiert. Skincare beginnt nicht mehr erst mit der ersten Falte, bereits mit 20 wird von Babybotox gesprochen.
In dieses Lebensmodell passt Alkohol nur bedingt. Ein Abend mit mehreren Drinks kollidiert mit beinahe allem, was die Wellness-Ökonomie verspricht: guter Schlaf, Leistungsfähigkeit, Konzentration, ein frischer Teint und ein produktiver Morgen. Wer morgens um acht zum Pilates möchte, überlegt sich am Abend zuvor womöglich zweimal, ob aus dem ersten Glas Wein noch ein zweites und drittes werden soll.
Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Gen Z überhaupt keinen Alkohol mehr trinkt. Laut einer IWSR-Erhebung gaben 74 Prozent der weltweit befragten Gen Z-Angehörigen an, in der ersten Hälfte des Jahres 2026 immerhin Alkohol zu sich genommen zu haben. Doch Alkoholkonsum hat eine andere Rolle bei der Gen Z als bei der Gen X: Jüngere kommen eher zum Tanzen, für die Musik oder um Freunde zu treffen; das Getränk an der Bar ist dabei längst nicht mehr selbstverständlicher Bestandteil des Abends. Die Gen X scheint dagegen stärker an einer klassischen Ausgehkultur festzuhalten, in der Barbesuch und Konsum enger miteinander verbunden sind.
Für die Gastronomie macht sich dieses unterschiedliche Verhalten wahrscheinlich bemerkbar. Eine volle Tanzfläche allein garantiert schließlich noch keinen entsprechenden Umsatz an der Bar. Gen X-Gäste können deshalb für Bars, Clubs und Veranstaltungsorte eine besonders interessante Zielgruppe sein: nicht unbedingt, weil sie exzessiver trinken, sondern weil ihr Konsum verlässlicher über den Abend verteilt ist. Die vorliegenden Beispiele deuten darauf hin, dass Veranstaltungen mit älterem Publikum dadurch teilweise deutlich höhere Getränkeumsätze erzielen können als solche, die vor allem jüngere Gäste anziehen.
Gen X: Alkohol als Bestandteil des Erwachsenwerdens
Welchen Stellenwert Alkohol überhaupt einnimmt, ist für Gen X und Gen Z unterschiedlich. Für viele Angehörige der Gen X war der Drink lange selbstverständlicher Bestandteil bestimmter Situationen: ein Glas Wein zum Abendessen, ein Bier beim Konzert, ein Cocktail beim Ausgehen. Alkohol musste dabei nicht jedes Mal bewusst entschieden oder begründet werden, er gehörte schlicht zum gesellschaftlichen Ritual.
Bei jüngeren Generationen scheint sich dieses Verhältnis zunehmend umzukehren. Alkohol ist zwar keineswegs verschwunden (auch ein großer Teil der Gen Z trinkt weiterhin), doch der Konsum verliert an Selbstverständlichkeit. Wer heute einen Abend ohne Alkohol verbringt, muss dafür längst nicht mehr automatisch einen besonderen Grund haben. Damit verändert sich möglicherweise auch unsere Vorstellung von Genuss. Lange bedeutete sich „etwas zu gönnen“ schließlich häufig, gerade einmal nicht vernünftig zu sein. Heute kann Genuss ebenso bedeuten, am nächsten Morgen ausgeschlafen aufzuwachen oder sich bewusst für einen alkoholfreien Drink zu entscheiden. Zwischen Gen X und Gen Z treffen deshalb nicht einfach zwei unterschiedliche Trinkgewohnheiten aufeinander, sondern zwei Vorstellungen davon, was einen gelungenen Abend ausmacht. Während für die eine Generation der Drink noch eng mit dem Ritual des Ausgehens verbunden ist, betrachtet die andere ihn zunehmend als Option und nicht mehr als Voraussetzung.
Natürlich sollte aus diesen Beobachtungen kein Klischee entstehen. Nicht jede 55-Jährige trinkt Wein, nicht jede 22-Jährige lebt abstinent. Generationen sind keine homogenen Gruppen, und Trinkverhalten wird ebenso von Geschlecht, Kultur, sozialem Umfeld und individuellen Lebensentscheidungen geprägt.
Trotzdem zeigt der Vergleich, wie sehr sich gesellschaftliche Vorstellungen innerhalb weniger Jahrzehnte verschieben können. Für Gen X gehörte Alkohol lange selbstverständlich zur Erwachsenenwelt. Ihre Jugend wurde von einer Industrie begleitet, die alkoholische Produkte gezielt als zugänglich, unterhaltsam und sozial vermarktete. Gleichzeitig existierte ein großer Teil ihres sozialen Lebens in physischen Räumen, in denen Getränke ein wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells waren. Gen Z dagegen wächst mit einer völlig anderen Botschaft auf: Alkohol gilt nicht mehr automatisch als cool, ein alkoholfreier Drink muss nicht erklärt werden und Wellness ist selbst zu einem Statussymbol geworden.
Was wir von Gen X lernen können
Aus gesundheitlicher Sicht ist der kritischere Blick auf Alkohol zweifellos eine wichtige Entwicklung. Die Vorstellung, regelmäßiges Trinken sei grundsätzlich harmlos oder sogar gesund, lässt sich angesichts der inzwischen deutlich kritischeren wissenschaftlichen Bewertung kaum aufrechterhalten.
Gleichzeitig steckt in der Gen X-Ausgehkultur etwas, das in einer vollständig optimierten Wellness-Welt durchaus sympathisch wirkt: die Idee, wie Zusammentreffen funktioniert. Und statt auf den Bildschirm zu starren und auf feste Wochenend-Pläne zu warten, sich seine eigenen „Third-Places” zu suchen und auf eigene Faust in die Bar gehen, um neue Menschen kennenzulernen. Gen X zeigt, dass Menschen ihre Lust auf Geselligkeit nicht automatisch mit dem Alter verlieren. Und darauf stoßen sie an.