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„Du musst das Älterwerden annehmen. Das Leben ist kostbar, und wenn man viele Menschen verloren hat, wird einem bewusst, dass jeder Tag ein Geschenk ist“, erklärte Meryl Streep vor einigen Jahren ihre Lebensphilosophie in einem Interview. Jetzt wird die Schauspielerin 77 – und statt eindimensionale Großmütter und langweilige Randfiguren zu spielen, ist sie besser und erfolgreicher denn je. Sie ist eine GOAT („Greatest Of All Time“), Rekordhalterin bei den Oscars (21 Nominierungen, 3 Siege) und gilt seit 40 Jahren als die beste Schauspielerin aller Zeiten. Sie ist eine Konstante im Filmgeschäft – gerade weil sie sich verändert hat. Ihre Karriere folgt vier Wellen, die alle auch etwas über Hollywood und seinen Umgang mit Frauen erzählen.
1. Das Über-Talent
Als Meryl Streep Ende der 1970er-Jahre berühmt wird, war die Phase des glamourösen Hollywoods vorbei, die Hippie-Bewegung zeigte ihre Auswirkungen und es waren natürliche Typen gefragt wie Janes Fonda, Sissy Spacek – und eben Meryl Streep. Die etablierte sich schnell als großes Talent, das alles spielen kann, präzise jede Figur durchdringt. Vor allem verkörperte sie Frauen, die mit existentiellen Krisen konfrontiert sind, in großen, schweren Dramen, in denen sie die volle Bandreite ihrer Kunst zeigen konnte.
Bekannt wurde sie 1978 mit dem heftigen Anti-Vietnam-Film „Die durch die Hölle gehen“ („The Deer Hunter“) von Michael Cimino, einem der Star-Regisseure des New Hollywoods, des ambitionierten Autorenkinos, das gesellschaftlich relevante und komplexe Themen behandelte und auf Realismus statt Glamour setzte.
Ein Jahr später folgte „Kramer gegen Kramer“ (erster Oscar-Gewinn), das berührende Scheidungs- und Sorgerechtsdrama mit Dustin Hoffman. 1982 kam „Sophies Entscheidung“ („Sophie‘s Choice“, zweiter Oscar-Gewinn), in dem Streep eine Polin spielt, die den Holocaust überlebt hat und in die USA ausgewandert ist. Für ihren polnischen Akzent, bei dem Deutschkenntnisse durchschimmern, wurde sie von der Kritik hochgelobt.
Überhaupt wurde sie in dieser frühen Phase eher für ihre schauspielerische Qualität bewundert, weniger als Star verehrt.
2. Ungewisse Jahre
„Ich stand kurz vor meinem 40. Geburtstag und dachte, meine Karriere sei vorbei“, erzählte Streep vor zwei Jahren bei einer Rede während der Filmfestspiele in Cannes und ergänzte: „Das war für Schauspielerinnen zu jener Zeit keine unrealistische Erwartung.“ Auch wenn man bei Meryl Streep nicht wirklich von einem Karriere-Knick sprechen kann, wusste Hollywood Ende der 80er und in den 90ern tatsächlich nicht so recht, wohin mit ihr. Während bei vielen männlichen Stars die Karriere mit 40 eine neue Blütezeit erlebte, galten Schauspielerinnen schon mit 30 als zu alt, um Liebespartnerinnen zu verkörpern – und sei es die von 60-jährigen Männern.
Interessanterweise drehen sich zwei ihrer bekanntesten Filme aus dieser Zeit um die Themen Jugendwahn und Älterwerden, sie fragen, was mit Frauen mittleren Alters passiert. In der bösen Satire „Der Tod steht ihr gut“ (1992, keine Oscar-Nominierung) trinken Streep und Goldie Hawn ein Elixier, das ewige Jugend verspricht. „Brücken am Fluss“ (1995, mit Clint Eastwood, wieder eine Oscar-Nominierung,) handelt von einer Hausfrau mittleren Alters, von Einsamkeit und verpassten Lebenschancen – ein für Hollywood eher untypischer Film, der auch von der Star Power von Streep und Eastwood lebt.
3. Die Neuerfindung
Meryl Streep war nie weg, aber es wurde ruhiger um sie. Bis sie sich Anfang der 2000er neu erfand. Anstatt ihre Ernsthaftigkeit zu verteidigen, verändert sie ihr Image. Sie wurde komischer, leichter, selbstironischer. Die zwei besten Beispiele dafür sind „Der Teufel trägt Prada“ (2006) mit ihrer inzwischen ikonischen Darstellung der fiesen, aber auch sehr witzigen und letzten Endes verletzlichen Chefredakteurin des Modemagazins Runway, eine überraschend komplexe Figur, die zu einem Publikumsliebling wurde, obwohl sie eines nicht wollte: gefallen. Ziemlich untypisch für eine Frauenfigur in Hollywood.
Außerdem „Mamma Mia!“ (2008), das überdrehte Musical mit Abba-Liedern, in denen Streep drei verflossenen Lovern begegnet und sich in einen davon neu verliebt. In beiden Filmen ist Streep nicht der Co-Star eines Mannes, wie es in ihren frühen Erfolgen der Fall war. Jetzt nimmt sie die Bühne ganz ein, als eigenständige, autonome Figur.
Damit zementierte Streep nicht nur ihr neues Image, sondern stand auch an der Speerspitze einer generellen Veränderung in der Filmbranche, die auf die Forderungen der weiblichen Zuschauerinnen reagierte: Frauenfiguren durften komplizierter und weniger gefällig werden – und sie durften auch jenseits der 30 noch Sex haben. Ein Befreiungsschlag nicht nur für Streep, sondern auch ihre Kolleginnen. Für ihre Rolle in „Der Teufel trägt Prada“ gab es übrigens auch eine Oscar-Nominierung.
Kurz danach spielte sie „Die Eiserne Lady“ („The Iron Lady“, 2011), wo sie in einer atemberaubenden Performance Margaret Thatcher nicht nur verkörperte, sondern fast schon heraufbeschwörte – und ihr trotzdem einen ganz eigenen Touch verpasste. Dafür gab es, ganz genau: ihren dritten Oscar.
4. GOAT
In ihrer heutigen Karrierephase ist Meryl Streep längst mehr als eine Schauspielerin. Sie ist eine Institution, die GOAT eben, die alle Kolleg*innen vor Ehrfurcht erschaudern lässt – auch wenn sie nach wie vor keine Starallüren hat. In Hauptrollen ist sie inzwischen seltener zu sehen, aber ihre Rollen sind nach wie vor abwechslungsreich und geben ihr die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen. Wenn sie bei einem Projekt mitmacht, und sei es in einer kleinen Nebenrolle, ist das sofort der Fokus der Berichterstattung. Wie in der zweiten Staffel der hochgelobten HBO-Serie „Big Little Lies“ (2019), wo wir sie noch mal ganz neu erleben als verhärmte, tragische Schwiegermutter von Nicole Kidman, die die Gewalttaten ihres Sohnes verdrängt. Oder in „Don’t Look Up“ (2021), wo sie eine populistische, Trump-artige US-Präsidentin spielt.
Ähnlich verhält es sich mit der Serie „Only Murders in the Building“, die in ihrer dritten Staffel 2023 noch mal Aufwind bekam durch Streeps Teilnahme. Während der Dreharbeiten kam Streep wohl dem Schauspieler Martin Short näher, die beiden treten seither öfter gemeinsamen in Erscheinung. Etwa 2017 hatte sich Streep sehr diskret von dem Bildhauer Don Gummer getrennt, mit dem sie seit 1978 verheiratet war und mit dem sie einen Sohn und drei Töchter hat.
Wenn Schauspielerinnen nun über die 50 hinaus spannende Rollen angeboten bekommen, wie Demi Moore, Cate Blanchett, Olivia Coleman, Nicole Kidman, Frances McDormand und glücklicherweise viele mehr, liegt das auch an der Hartnäckigkeit von Meryl Streep.