Mentale und körperliche Stärke lassen sich nicht trennen. „Es gibt keine Gesundheit nur im Körper – wir sind eine Einheit.“ Damit bringt Dr. Karella Easwaran auf den Punkt, was die meisten eigentlich wissen, aber zu oft vernachlässigen. Im Gespräch erklärt die Body-Mind-Expertin, warum viele Belastungen weniger mit äußeren Umständen zu tun haben als mit unserer inneren Bewertung und wie man mehr Ruhe und Klarheit gewinnen kann.
Was bedeutet mentale Gesundheit für Sie?
Geistige und körperliche Gesundheit gehören für mich zusammen. Mentale Gesundheit bedeutet, dass ich lebensfähig bin, den Tag schaffe und mit Zuversicht in die Zukunft blicke. Unser Gehirn muss in einem Zustand sein, der friedlich ist, und in sich ruhen. Erst dann können wir leben.
Warum empfinden wir das Leben oft als so belastend?
Ich behaupte immer: Das Leben ist einfach schwer, weil wir jeden Tag neue Probleme haben, die wir bewältigen müssen. Manche denken, andere hätten weniger Probleme – stimmt aber nicht. Der Unterschied liegt darin, wie wir Herausforderungen begegnen.
Wie gehen Sie selbst mit alltäglichem Stress um?
Heute hatte ich zum Beispiel viele Termine und wusste, wir haben gleich einen Videocall. In meiner Praxis ist das Internet so schlecht, dass ich dafür nach Hause muss. Ich war im Stress – aber nicht gestresst. Ich habe einfach überlegt: Ist das eine Gefahr oder nicht? Und ein Meeting ist keine Gefahr. Also Jacke an, ins Auto, nach Hause, und alles war gut. Wenn ich mich aufrege, gerate ich in Panik und baue dann vielleicht noch einen Unfall. Das will ich nicht.
Es geht also darum, möglichst gar nicht erst gestresst zu sein. Wie klappt das?
Ich muss meine Wahrnehmungsorgane trainieren. Wenn ich lerne, Dinge nicht als lebensgefährlich zu sehen, rege ich mich gar nicht erst auf. Ich denke etwas, ich spüre etwas und ich handle. Aber wir sind sehr ungeschickt im Umgang mit Gedanken. Beim Essen sagen wir: Das vertrage ich nicht, das esse ich nie wieder. Aber bei Gedanken schaffen wir das nicht.
Wie findet man in solchen Situationen den nötigen Abstand, um nicht angespannt oder panisch zu reagieren?
Der erste Schritt ist Selbstwahrnehmung. Wenn mich etwas ärgert, schreibe ich es auf und überlege: Was genau ist zu viel? Wer kann mir helfen? Wie komme ich da raus? Es gibt immer eine Lösung. Immer! Das muss man nur ein bisschen üben.
Welche Rolle spielt Sprache im Umgang mit Stress?
Wenn ich sage: „Ich kann nicht mehr, ich hasse das“, dann schüttet das Gehirn noch mehr Stresshormone aus. Sage ich aber: „Es ist viel, aber ich sortiere das jetzt“, dann arbeitet es sachlich wie ein Roboter. Wie ich mit mir selbst kommuniziere, hat eine Wirkung darauf, wie ich mich fühle.
Und wie ist das in akuten Situationen?
Unser sympathisches Nervensystem ist für Aufregung verantwortlich, das parasympathische für Ruhe. Den beruhigenden Teil kann ich zum Beispiel durch die Atmung aktivieren. Bewusstes, langsames Ein- und Ausatmen aktiviert den Vagusnerv, der für Entspannung am wichtigsten ist. Er reguliert den Puls und schickt das Signal: „Gefahr vorbei“. So bekomme ich Zugang zu dem Teil des Gehirns, der Lösungen findet.
Warum fällt uns das Loslassen von Ärger und negativen Gedanken so schwer?
Weil wir Dingen Wichtigkeit geben, die ihnen nicht zukommt. Unser Gehirn sieht überall Gefahr. Auch wenn ein Nachbar schief parkt, ist das plötzlich gefährlich für uns. Das müssen wir erst ablegen.
Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit Stress und der Kraft der Gedanken beschäftigen?
Ich bin in Äthiopien aufgewachsen, umgeben von großer Armut. Dann kam die Revolution, und ich musste nach Ungarn fliehen. Ich musste immer Lösungen finden. Auf der Kinderintensivstation in Köln habe ich Schreckliches gesehen. Und später saßen Mütter in meiner Praxis, die genauso gestresst waren wie Angehörige von sterbenden Kindern. Ich wollte verstehen: Wie entsteht Stress? Wie entsteht Glück?
Wie kultiviert man Glück im Alltag?
Freude ist ein neurochemischer Prozess. Die größte Freude entsteht durchs Tun, nicht durchs Haben. Blumen bringen Freude, aber noch schöner ist es, sie auszusuchen, nach Hause zu tragen, in die Vase zu stellen. Wenn ich etwas umsetze, stärkt das mein Gehirn und macht mich weniger empfindlich für Stress. Je mehr Freude ich sammle, desto gefestigter bin ich.
Und welche Rolle spielt Dankbarkeit?
Dankbarkeit gibt dem Gehirn das Gefühl von Fülle: „Ich habe genug.“ Dann bin ich nicht im Mangel. Das ist unglaublich kraftvoll. Ich sage jeden Morgen: „Ich bin dankbar, dass ich lebe.“ Das verändert alles.