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Kuratiert aus Ausgabe März 2026
Mode

Befreiungs-Schlag: Das verraten die neuen Designer über die Zukunft der Mode

Befreiungs-Schlag: Das verraten die neuen Designer über die Zukunft der Mode Befreiungs-Schlag: Das verraten die neuen Designer über die Zukunft der Mode

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Kuratiert aus Ausgabe März 2026
In der Mode herrscht Aufbruchstimmung. Was sagen die neuen Designer über Gegenwart und Zukunft?

An einem Oktoberabend fand ich mich – in Liveschalte mit zwei Freundinnen – in allergrößter Aufregung vor meinem Computer wieder. Die erste Fashion-Show von Matthieu Blazy für Chanel! Wenn ein Modehaus immer noch die Macht hat, mich in seinen Bann zu ziehen – und wenn sogar die Gen Z Fashion-Show-Watch-Partys veranstaltet, kann das nur heißen: Selten war so viel Aufbruchstimmung wie jetzt. Ganze 15 Modehäuser besetzten dieses Jahr ihre Kreativchef-Positionen neu, von den Branchenriesen Chanel und Dior bis Loewe, Bottega Veneta und Versace. Nach Jahren der Ermattung wegen zu viel Quiet Luxury und Zynismus sind plötzlich alle hellwach. Manchmal ist es ganz gut, sich das Spektakel aus der Ferne anzuschauen. Man kann zwar nicht mit den Fingern über Blazys Bouclé-Strick streicheln, aber der Bildschirm fungiert auch als Firewall gegen den Hype, der einem klare Gedanken verwehrt. Ist das, was wir gerade auf den Laufstegen sehen, wirklich die lang ersehnte Erneuerung?

Zugegeben: Das Lachen von Model Awar Odhiang in diesem Wahnsinns-Federrock am Ende von Blazys Show entwaffnet auch von weitem. Erst mal durchlüften, bevor man anfängt, neu einzurichten, so machte das schon Karl Lagerfeld, als er bei Chanel anfing. Er warf damals frech alles Alte raus – also das Tweedkostüm – und konzentrierte sich auf Coco Chanels Zwanzigerjahre. Alte Modehasen waren erst mal empört. So wie ich nun. Weiße Hemden, echt jetzt? Wo ist der Humor? Den finde ich in einem quietschgelben Vögelchen, das in einem Strass-Ohrring sitzt. Ich merke, wie ich doch relativ viel haben möchte von dem, was ich da sehe: den ersten Hosenanzug mit Kurzblazer in coolem Grau. Oder Blazys Version der Bouclé-Kostüme mit knielangem Wickelrock in Beige- und Brauntönen. Wie es weitergehen wird, ist komplett offen, weckt aber große Hoffnung. Genau das macht eine gute Modepremiere aus!

Auch die von Jonathan Anderson bei Dior ist vielversprechend frisch. Dass er erst mal einen Film bei Adam Curtis, dem legendären britischen Dokumentarfilmkünstler, in Auftrag gab, zeigt, dass es ihm um mehr geht als Umsatz, auch wenn er den natürlich bringen muss. Curtis collagiert Videoszenen, Kommentare und Sounds aus der Vergangenheit und Gegenwart und arbeitet so ein Fazit für die Zukunft heraus. Bei seiner Filmretrospektive auf die Geschichte des Hauses wird klar: Angst vor großen Aufgaben besiegt man nur dadurch, dass man ihr ins Auge schaut. Dass Anderson gleich das macht, was er am besten kann – durch veränderte Proportionen und Umfunktionieren alles infrage stellen –, ist eine gute Nachricht. Der New Look wird geschrumpft, die Dior-Schleife aufgeblasen und das Logo, das in den letzten Jahren ein bisschen zu wichtig geworden ist, kommt jetzt in nostalgischer Schreibschrift daher (wie einst bei Christian Dior). Das Ergebnis ist definitiv interessanter als die schmeichelhaften Looks seiner Vorgängerin.

Großer Wurf: Jonathan Anderson krempelt Dior um und zeigt, wie viel emotionale Kraft in Mode stecken kann. (Foto: Peter White via Getty Images)

Werden die Ladies who lunch, also die Kundinnen, so aussehen wollen? Oder richten sich diese Kollektionen jetzt an ganz andere Ladys? Michelle Obama trug ein paar Wochen nach der Show den Chanel-Eröffnungs-Look, einen Hosenanzug mit kurzer Jacke und fedrigen Ohrringen. Ein Twist, den man nicht erwartet hätte, der aber logisch ist, weil Obama zuvor schon Blazys Entwürfe für Bottega Veneta trug. Hinsichtlich der zwei Giganten Chanel und Dior muss man sich also keine Sorgen machen. Aber sie allein sind nicht die Mode.

Die weibliche Sicht der Mode

Weniger euphorisch stimmt eine andere Entwicklung: Nur zwei der restlichen 13 neu vergebenen Jobs wurden weiblich besetzt. Louise Trotter entwirft jetzt für Bottega Veneta und Diotima-Gründerin Rachel Scott für das New Yorker Label Proenza Schouler. Über die Gründe, warum Frauen in der Mode auf der Macherseite immer noch unterrepräsentiert, auf der Käuferseite aber in der absoluten Mehrzahl sind, ist schon viel geschrieben worden. So viel, dass man nicht glauben kann, dass die Schlipsträger in den Chefetagen immer noch Boys Club spielen. Also machen die Männer das, was sie immer machen: mit viel Getöse eine neue Ära einläuten. Und die Frauen das, was sie immer machen – ganz einfach konzentriert ihr Ding. Und hier wird es interessant, weil sich ein Spannungsfeld auftut, das die ganz großen Fragen verhandelt.

Nehmen wir die Achtziger, die sich schon seit ein paar Saisons leise angekündigt und jetzt ihr großes Comeback haben. Mit softer geschnittenen, breiten Schultern, dafür mit Ohrringen wie Theaterbühnen: Anthony Vaccarello exerzierte diese Idee bei Saint Laurent geradezu stur und auf gewohnt pompöse Weise durch. Auch Dario Vitales vielversprechendes Debüt bei Versace war eine klare Ansage; weg mit dem alten Versace-Abend-Glam, her mit den aggressiv in den Schritt gezogenen bunten Jeans und sonstigen Eighties-Erinnerungen. Dass Vitale schon wieder gehen musste, kann an der Strategie der neuen Versace-Eigentümerin Miuccia Prada liegen, deren Blick auf den weiblichen Körper ein ganz anderer ist. Die weibliche Sicht auf das Jahrzehnt ist – grundsätzlich – anders.

Louise Trotter steckt uns bei Bottega Veneta in graue Oversized-Blazer mit breiten Schultern und Clogs und schiebt uns die geflochtene Tasche unter die Arme – es wirkt fast wie die weibliche Version des American Gigolo. Dieser Armani-Look der späten Achtziger und frühen Neunziger wird gerade von Londoner Galeristinnen auf den Vintage-Plattformen gejagt, nicht erst seit dem Tod des großen Giorgio, den man schmerzlich vermissen wird. Was bedeutet es, wenn jetzt alle wieder aussehen wollen wie Julia Roberts in ihrem Giorgio-Armani-Anzug bei den Oscars 1991? Könnte es heißen, dass Frauen einfach ihren Weg gehen und dabei stark und gut aussehen wollen?

Hilfe, sind Frauen kompliziert, seufzen die datengläubigen Schlipsträger wahrscheinlich. Denn wenn Frauen Mode für Frauen machen, kommt ein Wimmelbild heraus. Über Chemena Kamali bei Chloé wird viel zu wenig geredet. Sie hat sich in dieser Saison von der bewährten Siebziger-Boho-Laune verabschiedet und versucht sich nun selbstbewusst an anderem: drapierten Blumenkleidern aus Baumwolle, bubbleartigen Trenchcoats mit breiten Schultern, die aussehen wie aus einer Achtziger-Jahre-Filmszene. Das Ergebnis ist weniger gefällig als vorher, aber es ist mutig. Kamali glaubt an eine Zukunft, in der Frauen kantiger und widersprüchlicher sein dürfen, als es die aktuelle politische Lage vermuten lässt.

Weniger Boho, mehr Selbstbewusstsein: ein Look von Chemena Kamali für Chloé. (Foto: Gamma-Rapho via Getty Images)

Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung

Miuccia Prada, die Grande Dame des gesellschaftlichen Modekommentars (s. o.), setzt diese Saison bei Miu Miu auf die Küchenschürze – das ultimative Symbol der weiblichen Plackerei. Tradwife-Kritik oder eine Ode ans weibliche Ärmelhochkrempeln? Und Schürze ist nicht gleich Schürze. Sandra Hüller eröffnete die Show und sah dabei in einem minimalistischen Modell aus, als sei sie entschlossen, ein paar Hühner zu zerlegen. Andere Modelle mit Volants und Blümchenmustern waren so süß, dass man schon jetzt weiß, dass sie ein neuer viraler Miu-Miu-Hit werden, wie die Bootsschuhe oder Poloshirts der letzten Saisons. Nichts wird ja öfter von Zara und Co. kopiert als Miu Miu, und es wäre natürlich die ultimative Vollendung der Tradwife-Satire, wenn die Küchenschürze als Fun-Sommerkleid 2026 von den Gen-Z-Girls erobert würde und damit zum Symbol für Selbstermächtigung mutierte.

Tradwife-Kritik? Miuccia Prada zeigt bei Miu Miu, wie vielseitig die Küchenschürze sein kann. (Foto: Peter White via Getty Images)

Apropos selbstermächtigte Girls: Nadège Vanhee-Cybulski hat die Ready-to-wear-Kollektionen des Hauses Hermès, das bis dato für sehr vieles außer nackter Haut berühmt war, auf supersexy gedreht. Kurze Lederkleider mit tiefen Dekolletés und wirklich ganz viel Haut. Das mag nur die älteren unter uns überraschen, weil die Sexyness der Gen Z schlicht und ergreifend nicht mehr dem male gaze gehört. Es ist ein Style, in dem man die neue It-First-Lady Rama Duwaji, die 28-Jährige Ehefrau des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, auf Instagram sieht. Nackte Beine in Stiefeln, durchsichtige Pullis, Körperbetonung – keine Angst davor, sichtbar zu sein und das Gegenteil der Trump-Barbie, die denkt, sie habe ihre Freiheit und ihren Erfolg nur den Männern zu verdanken, weshalb ihr künstlicher, gegen den Verfall arbeitender Look nur die Veräußerlichung dieser verinnerlichten Dankbarkeit ist.

Umso einfacher lässt sich auch Sarah Burtons zweite Saison bei Givenchy als Gegenbewegung lesen. In ihren panzerartigen Satinmänteln stecken auffallend viele Frauen um die 50: Jessica Miller, Eva Herzigova, Malgosia Bela und Élise Crombez. Sie tragen ihre Nasolabialfalten wie Schmuck, aber die neue Middle-aged-Beauty hat nichts mit dem alten Body-Positivity-Mantra zu tun, dass alle schön sind. Sondern dass wahre Schönheit nichts entstellen kann. Diese Frauen erzählen von Reife und Gelassenheit und von der Hoffnung, dass Schönheit endlich wieder etwas sein wird, das wächst, statt zu erstarren. Der ultimative Trendsetter der sich in Falten legenden Stirn ist übrigens Gwyneth Paltrow, die mit einem Foto für den Launch ihres neuen Labels Gwyn viral ging.

Selbstbewusstes Volumen: Sarah Burtons zweite Saison für Givenchy lässt sich als Gegenentwurf zur Trump-Barbie lesen. (Bild: Courtesy of Givenchy)

Fake gegen echt, menschliche Vision gegen Datengläubigkeit, Patriarchat gegen gleichberechtigte Gesellschaft, Kommerz gegen Authentizität – die Relevanz der Mode mag nicht länger in Trends liegen, sondern darin, dass sie unsere Kämpfe schärfer denn je nachzeichnet. Dass Christian Louboutin bei einem Show-Event Frauen gegen Männer antreten ließ – Heels gegen Flats – ist wohl auch kein Zufall. Die Frauen gewannen. Wie gesagt: Aufbruchstimmung!

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