MADAME im Abo: Verpassen Sie keine Ausgabe - mehr erfahren.
Kuratiert aus Ausgabe Januar/Februar 2026
Früher Nachmittag, Piazza Gae Aulenti. Die fahle Wintersonne wärmt gerade genug zum Draußensitzen. Auf der Terrasse des „RED“ haben Gäste Espresso-Tassen, Weingläser und aufgeklappte Notebooks vor sich stehen. Man hört fast nur Italienisch. Besucher von außerhalb verirren sich selten hierher, denn das „RED“ ist keine gemütliche Trattoria, wie man sie im Kultviertel Brera oder am Ufer des romantischen Navigli-Kanals findet. Das Lokal residiert im Erdgeschoss des 231 Meter hohen Unicredit-Gebäudes, das zwischen ähnlich gearteten Glastürmen an der kreisrunden Piazza steht. Es wurde unter dem Motto „Eat, Read, Dream“ eröffnet: Neben gut 6000 Buchtiteln stehen auch ausgesuchte Delikatessen in den Regalen, Wi-Fi und Tablets dürfen kostenlos genutzt werden. Essen, lesen und kaufen kann man bis elf Uhr abends, am Samstag sogar bis Mitternacht.
So präsentiert sich das neue Mailand: Zeitgeist-orientiert, lässig und urban, fast wie London, Amsterdam oder Berlin, aber mit viel mehr Sonne und deutlich besserer Küche. Italiens Wirtschaftsmetropole, die immer als etwas grau, streng und irgendwie lustfeindlich empfunden wurde, gilt jetzt als die Stadt, in der Zukunft entsteht. Piazza Gae Aulenti ist ein anschauliches Beispiel dafür. Der Platz ist einer berühmten Architektin und Designerin gewidmet und vergleichsweise neu, vor 15 Jahren ging es hier finster zu. Dort, wo jetzt glänzende Wolkenkratzer stehen, gingen Prostituierte und Drogenhändler ihren Geschäften nach, kein Mailänder „per bene“ (anständig) wagte sich bei Dunkelheit hierher.
Tempi passati
In den zwei spektakulären Gebäuden des Bosco Verticale gleich hinter dem Platz wohnen jetzt Menschen, die sich diese Adresse gut 15 000 Euro pro Quadratmeter kosten lassen. Allein die Präsenz der komplett begrünten Hochhäuser hat zu einer Aufwertung des vorher wenig beachteten Isola-Viertels geführt und zur Eröffnung einiger schicker Lokale. Fast in Rufweite der Türme bezog das Restaurant Ratanà ein Tram-Depot aus dem 19. Jahrhundert und mauserte sich schnell zu einer Lieblingsadresse einheimischer Feinschmecker – Küchenchef Cesare Battisti hat es mit seinen Mondeghili (Fleischbällchen) mit Mayo und seinem Risotto mit Bratensoße bis in den Guide Michelin geschafft. Als Isola-Ikone gilt auch die lässige Bar „Frida“, die schon länger eine Reihe ehemaliger Lagerhallen und Werkstätten bespielt. Früher kamen nur mutige Hipster, heute trifft sich hier „tutta Milano“ zu Negroni Sbagliato und Moscow Mule.
Corso Como
Dabei liegt die Piazza Gae Aulenti nicht irgendwo außerhalb, am Stadtrand. Mit bequemen Schuhen kommt man vom Domplatz in einer halben Stunde zu Fuß hierher, quer durch den stimmungsvollen Stadtteil Brera, über den lebhaften Corso Garibaldi mit seinen vielen Läden und Lokalen, und über den berühmten Corso Como, der auch erst gentrifiziert werden musste, bevor betuchte Mailänder bereit waren, ihren Maserati dort abzustellen.
Fragt man die stets hochelegante und selbst mit über 70 Jahren immer noch mädchenhaft wirkende Carla Sozzani, wie sich die Gegend um ihren Kult-Concept-Store „10 Corso Como“ entwickelt hat, dann erzählt sie gerne, dass alle sie für verrückt hielten, als sie in den 1980er-Jahren mit dem Gedanken spielte, eine alte Druckerei und die Garage gleich daneben in einen Modeladen mit Café, Kunstgalerie und Buchhandlung zu verwandeln. „Hier?“, fragten ihre Freunde ungläubig, „wer soll denn hier einkaufen wollen?“ Signora Sozzani lacht noch heute über die Fehleinschätzung. Man hätte ihr besser folgen sollen, schließlich zählt sie zur glamourösen Mode-Society der Stadt. „Die Miesepeter von damals wären heute froh, wenn sie auch in diese Gegend investiert hätten.“
Beflügelt
Architekturfans pilgern zur nahen Fondazione Feltrinelli, einem Bau der Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron, der ein Kulturzentrum mit Bibliothek, Buchhandlung, lichtdurchflutetem Lesesaal und Café beherbergt. Kunstfreunde zieht es noch tiefer in den Norden bis zum Hangar Bicocca. In den gigantischen Hallen schraubte man früher an Lokomotiven und Flugzeugen, jetzt dienen sie der Stiftung des Reifenherstellers Pirelli als Kunsthalle. Mag sein, dass dieses neue, oft industriell geprägte Mailand zunächst weniger attraktiv wirkt als das alte. Wo ist die klassische Eleganz, für die die Stadt berühmt ist? Doch dann erkennt man, wie großartig, stilvoll und radikal sich eine historische Metropole modernisieren kann. Mailand zeigt, was möglich ist: Erneuerung und Wandel mitten in Europa, trotz finanzieller Turbulenzen, politischem Chaos und einer krankhaft trägen Bürokratie. Mailand zeigt auch, dass Tradition und Vision, Wirtschaft und Kreativität sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern, ganz im Gegenteil, beflügeln können.
Das ist selbst in der Altstadt zu sehen. Ziemlich genau vor einem Jahr wurde die berühmte Pinacoteca di Brera um einen zusätzlichen Ausstellungstrakt erweitert: In den wunderschön renovierten Räumen des Palazzo Citterio können sich Liebhaber der italienischen Malerei des 20. Jahrhunderts auf Werke von Morandi, Modigliani oder Carrà freuen. Im Innenhof des herrschaftlichen Wohnhauses aus dem 18. Jahrhundert steht der Tempietto, ein offener, kreisförmiger Holzpavillon, im Garten dahinter wurde das stilvolle Lounge-Lokal „Citterio Garden“ eröffnet.
Gleich um die Ecke hat das von Star-Designerin Patricia Urquiola gestaltete Hotel „Casa Brera“ mit Lounge-Bar und Rooftop-Pool eröffnet, es locken auch neue Lokale wie das farbenfrohe Fischrestaurant „Osteria di Brera“ oder die im schicken Retro-Stil gestaltete „Trattoria del Ciumba“ mit klassischer Mailänder Küche. Ebenfalls neu im Viertel: der exklusive Privatclub „The Wilde“. Er residiert im ehemaligen Palazzo von Santo Versace, Bruder des legendären Modeschöpfers Gianni Versace, und ist leider nur Mitgliedern und deren Gästen zugänglich. Etwas großzügiger sind die Schwestern Giulia und Anna Pittini Cipriani, Urenkelinnen des berühmten „Harry’s Bar“-Erfinders Giuseppe Cipriani. Sie leiten den vor gut zwei Jahren eröffneten Private Members’ Club „Casa Cipriani“, gewähren aber immerhin den Bewohnern der 15 dazugehörenden und exquisit gestalteten Hotelzimmer vorübergehenden Mitgliederstatus. „Mein Urgroßvater hat unseren Stil definiert“, erklärt Giulia Cipriani, „alles sollte schlicht, klassisch und sehr elegant sein.“
So könnte man auch Mailands centro storico mit seiner hohen Dichte an Edelboutiquen, Designer-Läden, schicken Bars und Restaurants beschreiben. Wer hier Platz für Außergewöhnliches braucht, muss kreativ sein: Die charismatische Rossana Orlandi – ihr Markenzeichen ist eine übergroße weiße Brille – hat sich mit ihrem labyrinthischen Concept-Store Spazio Rossana Orlandi in einer ehemaligen Krawattenfabrik im gutbürgerlichen Wohnviertel Sant’Ambrogio niedergelassen. Das wunderbare, Stück für Stück handgefertigte und handbemalte Porzellan des Laboratorio Paravicini entsteht im versteckten Innenhof eines historischen Palazzo im unspektakulären Stadtteil Cinque Vie. Und Mailands Top-Design-Händlerin Nina Yashar richtete zusätzlich zur Galerie in der Via della Spiga ihr bühnenähnliches Nilufar Depot in einer ehemaligen Silberwarenfabrik nördlich des Garibaldi-Bahnhofs ein.
Winterspielchen
Eine besonders interessante Entwicklung hat das einst volkstümliche Viertel Porta Romana hinter sich. Sie begann 2015 mit der Fondazione Prada, einem von Rem Koolhaas gestalteten Ausstellungskomplex in einer ehemaligen Gin-Destillerie. Neben hochkarätiger Kunst locken dort ein Kino, ein Restaurant und die von Wes Anderson gestaltete Bar „Luce“. Ein paar Jahre später folgte die Kulturorganisation Fondazione ICA Milano, die ein Industriegebäude aus den 1930er-Jahren bespielt. 2021 verlegte der Luxuskonzern LVMH Beauty sein italienisches Headquarter in das so hochmoderne wie ökologisch nachhaltig errichtete Quartiere Symbiosis gleich nebenan, und gerade erst wurden die 1400 Wohnungen des olympischen Dorfs fertig, die später an Studenten vermietet werden sollen. Überhaupt sind die Winterspiele Milano Cortina 2026 das große Thema in Mailand, wobei die wohl am intensivsten diskutierte Frage lautet: Wer fährt wann nach Cortina? Schließlich ist Cortina d’Ampezzo nicht irgendein Dorf in den Dolomiten, sondern der mondänste Wintersportort Italiens und die liebste Wochenend-Destination der Milanesi. Wirtschaftsgrößen wie die Barillas und die Benettons haben dort Ferienhäuser, Dirigent Riccardo Muti oder der ehemalige Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo werden dort immer wieder gesichtet.
Dass das zwischen Venetien und Tirol eingebettete Urlaubsgebiet so beliebt ist, hat mit der außergewöhnlichen Schönheit der Berglandschaft zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass sich Cortina seinen plüschigen Alpen-Glamour ebenso bewahrt hat wie seine gemütlichen Grandhotels und legendären Lokale. Schon in den späten 1800er-Jahren reiste die europäische Hautevolee hier an, in den 1950er-Jahren wurde Cortina dann zum winterlichen Hotspot der Alpenwelt, als die Olympischen Winterspiele von 1956 mit der weltweit übertragenen Eröffnungsfeier und der unvergleichlichen Sophia Loren stattfanden. Welche internationalen Stars in diesem Jahr erwartet werden, ist bisher nicht bekannt, aber auch nicht so wichtig. [Anm. d. Red.: Dieser Text entstand vor den Olympischen Winterspielen 2026] Denn Mailänder interessieren sich vor allem für Mailänder, ganz gleich, ob sie in den Bergen sind oder in der Stadt. Prima Milano!
Nel cuore della città
Der erste Eindruck zählt bekanntlich – und für Mailand ist das kein Problem: Wer am Milano Centrale ankommt und die monumentale Bahnhofshalle durchquert hat, wird von einem imposanten Gebäude empfangen: dem „Excelsior Hotel Gallia“. Das Mailänder Art-Déco-Wahrzeichen befindet sich direkt an der Piazza Duca d’Aosta und liegt damit nicht nur an einem der wichtigsten italienischen Verkehrsknotenpunkte, von dem aus weitere Reisehighlights wie Venedig oder Florenz bequem mit dem Zug zu erreichen sind, sondern auch im Herzen der Stadt. Für Opernfans, oder um einfach schnell in die Stadt zu kommen, gibt es zudem einen Shuttle-Service vom Hotel zur berühmten Piazza della Scala, wo sich das gleichnamige Opernhaus Teatro alla Scala befindet.
Carlo Gallia, der für die Hotellerie und Gastfreundschaft lebte, eröffnete das Hotel 1932, nur ein Jahr nachdem der von Ulisse Stacchini entworfene Bahnhof Milano Centrale eröffnet worden war. Schon seit damals ist der berühmte Art-Déco-Bau ein wichtiger Bestandteil der Mailänder Stadtlandschaft – und der Name Gallia gleichbedeutend mit einer Hotelexperience erster Klasse.
Mittlerweile ist das 5-Sterne-Hotel Teil der Luxury Collection von Marriott – und der Standard unverändert hoch. Tradition und Kultur verbinden sich auch hier mit modernem Zeitgeist. Anlässlich der Expo 2015 wurde das Gebäude unter der Leitung des Mailänder Architekten und Designers Marco Piva aufwändig restauriert und um einen modernen Flügel aus Stahl und Glas erweitert, sodass die insgesamt 235 Zimmer, mit mehr als 50 Suiten, in neuem Licht erstrahlen – und das, ohne ihren Charme zu verlieren. Die Einrichtung ist eine Hommage an Italien: Lokale Marken wie B&B Italia, Cassina und Flos treffen auf ikonische italienische Designklassiker und verbinden, ganz im mailändischen Stil, Altbewährtes mit Innovation.
Das voll ausgestatteten Fitnesscenter punktet mit beeindruckender Sicht auf die Stadt und der großzügige Spa-Bereich des Hotels lädt zu erholsamen Stunden ein. Für die körperliche Stärkung sorgt auch das kulinarische Angebot: Aperitivo, traditionell italienische Küche mit modernem Twist, Drinks in der Rooftop-Bar Terrazza Gallia oder eine erlesene Weinprobe im Wine-Cellar runden das Mailand-Erlebnis ab.