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Ein gutes Buch bleibt mit der schönste Zeitvertreib. Es ist ein Raum für neue Perspektiven, ein Zufluchtsort im Alltag und manchmal der entscheidende Anstoß, um das eigene Leben aus einem völlig neuen Blickwinkel zu betrachten. Geschichten haben die Kraft, uns zu prägen, uns Mut zu machen und spürbar nachzuwirken.
Genau diese Magie der Literatur feiern wir im Rahmen des großen MADAME Literatur-Specials. Wir haben Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Medien und auch unsere Redaktion gefragt: Welches Werk hat Sie im Tiefsten berührt, verändert oder begleitet? Hier teilen 35 Menschen ihre ganz persönlichen Lese-Highlights – von ergreifenden Klassikern bis hin zu modernen feministischen Denkanstößen.
Noch mehr Geschichten hinter den Lieblingsbüchern finden Sie in unserer aktuellen Heft-Ausgabe von MADAME, in der weitere inspirierende Köpfe die Werke enthüllen, die ihr Leben nachhaltig geprägt haben.
Florence Gaub: „Königin der Wüste“ von Janet Wallach
Ich bin diesem Buch 2009 begegnet, als ich gerade anfing bei der Nato zu arbeiten. Die Geschichte von Gertrude Bell, die als Frau alleine vor über 100 Jahren den Nahen Osten bereiste, hat mir geholfen, in einem männlich dominierten Umfeld nicht nur zu überleben, sondern an meinen Herausforderungen zu wachsen. „Königin der Wüste“ ist ein Buch für jede, die Inspiration für schwierige Momente sucht.
Nina Berendonk: „Der Zauberberg“ von Thomas Mann
Zu Beginn meines Auslandssemesters in Madrid vor fast 30 Jahren kannte ich noch nicht viele Leute. In der Bibliothek des Goethe-Instituts habe ich eine alte Ausgabe von „Der Zauberberg“ von Thomas Mann entdeckt. Ganze trübe Herbstnachmittage lang lag ich auf meinem altmodischen Messingbett mit der geblümten Tagesdecke und tauchte tief in das Universum rund um Hans Castorp, die tragische Madame Chauchat und das Lungensanatorium in Davos ein. Eine herrliche literarische Flucht in eine ganz andere Welt.
Alina Leidl: „Tiger Maus Erdbeere“ von Yuki Zenda
In unserem Alltag geprägt von Stress, Krieg und der ständigen Reizüberflutung durch soziale Medien sehne ich mich oft nach mehr bewussten Momenten und innerer Ruhe. Dieses Buch ist eine Sammlung von 60 buddhistischen Kurzgeschichten, die zeitlose Weisheiten des Zen vermitteln und zum Nachdenken anregen. Themen wie Dankbarkeit, Selbstliebe, Gelassenheit und Glück ziehen sich durch die Erzählungen und geben neue Impulse für einen achtsameren Umgang mit sich selbst und dem Leben. „Tiger Maus Erdbeere“ verlangt von einem, bewusst innezuhalten und in Ruhe zu sitzen, auch wenn das heutzutage in unserem flüchtigen Leben manchmal schwerfällt.
Petra Winter: „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili
„Das achte Leben (Für Brilka)“ ist eine Liebeserklärung an das Leben selbst, an seine Abgründe, seine Zufälle und seine unzerstörbare Schönheit. 1275 Seiten – das klingt nach einer Zumutung, doch für mich fühlt es sich eher an wie ein eigenes Universum, in das ich eintrete und bis heute nicht wieder herausgefunden habe. Es ist ein episches Familienbuch, das sechs Generationen begleitet: vom Zarenreich über Revolution und Stalinismus, den Zerfall der Sowjetunion bis ins Berlin der Nachwendezeit. Zugleich ist es eine Weltgeschichte, verdichtet in den Schicksalen einer Familie, erzählt aus weiblicher Perspektive – aus den Augen von Frauen, die lieben, kämpfen, schweigen, schreien, verlieren und überleben.
Wenn ich „Das achte Leben (Für Brilka)“ liebe, dann liebe ich es, weil es mir zeigt, dass Geschichte kein fernes Panorama ist, sondern ein Netz, in dem wir alle hängen – und dass gerade die Geschichten der Frauen oft die stärksten, klügsten und verletzlichsten Fäden sind. Dieses Buch gibt ihnen eine Stimme, eine Bühne, eine Würde. Und es erinnert mich daran, dass wir aus diesen Stimmen lernen müssen, um zu verstehen, wer wir heute sind – und wer wir in Zukunft nicht mehr sein wollen.
Teresa Leppich: „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ von Michelle Marly
Als ich als kleines Mädchen an unserem Wohnzimmer-Tisch gezeichnet habe, liefen auf unserem alten Schallplatten-Spieler oft französische Chansons. Es kratzte und knarzte, aber die Emotionen, die durch die Stimme und die Technik der Chansonnieres unser Wohnzimmer erfüllten, zogen mich immer in eine Art Bann. Neben Charles Aznavour war es vor allem Édith Piaf und ihr Klassiker „La vie en rose“, von der ich nicht genug bekommen konnte. Als ich 2019 den Liebesroman über Piaf in einer Buchhandlung entdeckte, zog er mich magisch an. Eine Geschichte, inspiriert von Édith Piafs Biografie, im Paris der 1940er. Von den Kollaborations-Anschuldigungen über die Geldsorgen bis zur Entstehungsgeschichte ihres berühmtesten Liedes, mit Exkursen in ihre Kindheit: Die Tragik, die Zerrissenheit und die aufrichtigen Gefühle, die Michelle Marly auf den Seiten beschreibt, haben mich beim Lesen sehr berührt – und am Ende hat mich „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ sogar zu Tränen gerührt.
Laura Karasek: „Kleine Probleme“ von Nele Pollatschek
Dieses Buch hat mich begeistert, weil es aus den banalsten Alltagsmomenten große Literatur macht. Eigentlich geht es bei „Kleine Probleme“ um eine To-do-Liste – und am Ende um das ganze Leben. Ich musste oft lachen, weil ich mich in diesem ewigen Aufschieben und Überdenken erschreckend gut wiedergefunden habe. Pollatschek schreibt klug, witzig und mit einer Leichtigkeit, hinter der viel Menschenkenntnis steckt. Ein Buch, das bestens unterhält und uns nebenbei ziemlich viel über uns selbst erzählt.
Anna Strauß: „Hard Land“ von Benedict Wells
„Hard Land“ handelt nicht nur vom Anderssein, sondern regt auf unaufdringliche Weise dazu an, auch mal etwas anderes auszuprobieren. Besonders durch die Romanfigur Kirstie eröffnet Benedict Wells neue Blickwinkel und Lebenskonzepte, die mich sehr inspiriert haben. So hat auch die von Kirstie erfundene „Quittung der Nacht“ Einzug in mein Leben gehalten und ist in meinem Freundeskreis zu einem etablierten Begriff geworden. Sie beschreibt das Gegenkonzept zu dem Sprichwort „Gehen, wenn es am schönsten ist“. Denn wenn man bleibt, wenn die anderen gehen, und sich treiben lässt, geschieht etwas unerwartet Schönes, und man erhält die sogenannte „Quittung der Nacht“ – ich habe es getestet! Das Buch fasziniert durch eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und berührendem Tiefsinn. Es ist, wie Kirstie es nennen würde, ein Buch voller „Euphancholie“ – einem Wortspiel aus Euphorie und Melancholie.
Betty Schupp: „Der Steppenwolf“ von Herrmann Hesse
Momentan lese ich „Der Steppenwolf“. Obwohl ich noch nicht einmal fertig bin, weiß ich schon jetzt, dass ich den Roman irgendwann noch einmal lesen werde. In die Welt des innerlich zerrissenen Harry Haller einzutauchen ist nicht nur faszinierend, sondern auch sprachlich ein außergewöhnliches Erlebnis – Hesses Ausdrucksweise besitzt eine Eleganz, die heute nur noch selten zu finden ist. Die Geschichte fesselt mich, weil ich mich in der Ambivalenz zwischen den vielen menschlichen Facetten und der Schwierigkeit wiedererkenne, sie anzunehmen und durch Humor zu versöhnen. Außerdem zeigt Hesse, dass Identität spielerischer und vielgestaltiger ist, als es das starre Denken des Protagonisten zunächst zulässt – ein Gedanke, den ich ebenso befreiend wie zutreffend finde.
Annahita Esmailzadeh: „Nimm dir endlich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen“ von Saskia Schlemmer
Wir Frauen lernen erstaunlich früh, Rücksicht zu nehmen. Nicht zu laut zu sein, nicht zu fordernd, nicht zu schwierig. Saskia Schlemmer stellt in ihrem Buch eine ziemlich simple und gleichzeitig unbequeme Frage: Was kostet uns dieses Nettsein eigentlich? Sie schreibt über Beziehungen und Geld, über Care-Arbeit und Karriere, über Grenzen und die Erwartungen, die noch immer an Frauen gestellt werden. Vor allem aber geht es darum, warum wir unsere eigenen Bedürfnisse so häufig verhandeln, während die anderer als selbstverständlich gelten. Was ich an dem Buch mag: Es fordert nicht dazu auf, plötzlich rücksichtslos durchs Leben zu laufen. Im Gegenteil. Es zeigt, dass Selbstbestimmung und Empathie wunderbar nebeneinander existieren können – und dass ein Nein nicht automatisch egoistisch und ein eigener Anspruch nichts ist, wofür man sich entschuldigen muss. Klug, lebensnah und angenehm unbequem. Ein Buch, bei dem man sich an mehr als einer Stelle ertappt fühlt – und danach hoffentlich ein bisschen weniger entschuldigt.
Silke Frohmann: „La donna è mobile: Mein bedingungsloses Leben“, die Memoiren von Georgia von der Rohe
In „La donna è mobile“ zeichnet Georgia van der Rohe ihren ungewöhnlichen Lebensweg nach. Die Lektüre war für mich gleichermaßen inspirierend und liebevoll amüsant – nach heutigen Maßstäben eine klare Fünf-Sterne-Lektüre.
Es ist sicherlich nicht von Vorteil, unter dem Schatten eines berühmten Vaters aufzuwachsen und zugleich den eigenen Weg finden zu müssen. Beeindruckt hat mich Georgia durch ihr außergewöhnliche Umfeld, in dem sie aufwachsen durfte: Sie erlebte ein Fluidum bedeutender Persönlichkeiten ihrer Zeit und lernte die ganze Bandbreite kreativen Schaffens kennen. Für die Leser fallen dabei nicht nur wunderbare Anekdoten ab; das Buch vermittelt zugleich faszinierende Einblicke in eine bewegte und kulturell außerordentlich spannende Epoche. Irgendwie erscheint es folgerichtig, dass sie sich am Ende ihres Lebens auch mit ihrem Vater versöhnen konnte. Aus dem berühmten, oft abwesenden Architekten wurde für sie schließlich ein Mensch, dem sie sich – spät, aber doch – freundschaftlich annähern konnte. Gerade diese Verbindung aus persönlicher Emanzipation, künstlerischer Selbstbehauptung und später Versöhnung macht Georgias Lebensgeschichte so eindrucksvoll.
Kristina Markert: „Die 1 % Methode“ von James Clear
Wenn es um das Thema „Persönlichkeitsentwicklung“ geht, stapeln sich auch bei mir die Bücher im Regal. Viele der Ratschläge sind altbekannt – und schnell wieder vergessen, sobald sich der Alltag zwischen die guten Vorsätze drängt und die vermeintlich klugen Weisheiten selbsternannter Coaches über Bord geworfen werden. Ein Buch aus diesem Genre hat mich jedoch nachhaltig geprägt: „Die 1%-Methode“ von James Clear. Der Ratgeber stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, insbesondere aus der Hirnforschung und Psychologie, und zeigt, wie bereits kleine Veränderungen im Alltag eine große Wirkung entfalten können. Das Buch hat mir vor allem vor Augen geführt, dass es nicht immer die großen, monumentalen Veränderungen braucht, um Fortschritte zu erzielen. Vielmehr ist es das Zusammenspiel vieler kleiner Gewohnheiten, das langfristig unser Leben prägt. Für alle, die bessere Gewohnheiten etablieren möchten und mit klassischen Ratschlägen à la „Mach es 30 Tage lang, dann wird es schon zur Routine“ wenig anfangen können, ist das Buch eine klare Empfehlung.
Eva Pramschüfer: „Lolita“ von Vladimir Nabokov
Wenn ich mich auf ein einzelnes Buch festlegen müsste, wäre es wahrscheinlich „Lolita“ von Vladimir Nabokov. Nicht (nur), weil ich die Geschichte „liebe“, sie ist grausam und brutal und zeitweise unerträglich, aber das Buch hat mir zum ersten Mal mit 20 wirklich gezeigt, was Sprache kann. Wie schön ein Satz sein kann – und wie gefährlich genau diese Schönheit ist. Der Erzähler berichtet so elegant, witzig und kontrolliert, dass man immer wieder merkt, wie leicht Sprache Wahrnehmung verschieben kann. Wie Humbert Humbert sich selbst inszeniert, Dinge beschönigt, Verantwortung umgeht und versucht, die Lesenden auf seine Seite zu ziehen. Das hat mein Verständnis von Literatur stark geprägt – und inspiriert selbst zu schreiben. Seitdem interessiert mich nicht nur, was erzählt wird, sondern vor allem, wie – und was diese Form mit uns macht. Lolita hat mir gezeigt, dass Sprache nie neutral ist. Sie kann verführen, manipulieren, verschleiern und Macht ausüben. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich beim Schreiben so sehr auf Perspektive, Ton und die kleinen Verschiebungen in der Wahrnehmung achte.
Lisa Goldmann: „Adventures of Huckleberry Finn“ von Mark Twain
Ich lernte ihn in der Gemeindebibliothek meines Heimatdorfes kennen. Dort gab es eine Hörspielkassette, auf dem Cover das Foto eines Jungen, etwas älter als ich damals war, mit Strohhut und Schalk in den Augen: Huckleberry Finn. Ich lieh mir diese Kassette wieder und immer wieder aus, so fasziniert war ich von den aberwitzigen, gefährlichen Abenteuern dieses freiheitsliebenden, wilden, aber auch nachdenklichen Jungen. Während meines Studiums der Amerikanischen Literatur begegnete ich ihm dann wieder. Ich las zum ersten Mal „Adventures of Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Und war begeistert davon, wie es komponiert war. Mark Twain schreibt aus der kindlichen Ich-Perspektive des Huck Finn, der mit dem entlaufenen Sklaven Jim den Mississippi hinunterfährt. Die inneren Monologe, in denen Huck von Gewissensbissen geplagt wird, weil er gelernt hat, dass ein Sklave seinem Herrn gehöre, während sein innerer moralischer Kompass ihn dazu antreibt, Jim bei der Flucht zu helfen, sind genial. Und effektiver darin, einem die Absurdität der Sklaverei vor Augen zu führen als jede theoretische Abhandlung. Wunderbarerweise erschien vor zwei Jahren das Komplementärstück zum Buch, der Roman „James“ von Percival Everett, der die Geschichte aus Sicht des „Sklaven“ Jim alias James erzählt und das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann, um die Perspektive zu erweitern.
Pauline Stockmann: „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky
Selten hat mich ein Buch gleichzeitig so berührt und so oft zum Lachen gebracht. „Was man von hier aus sehen kann“ erzählt von Liebe, Verlust, Verbundenheit und all den kleinen Absurditäten des Lebens, ohne dabei kitschig oder pathetisch zu werden. Besonders liebe ich, wie fein und warmherzig Mariana Leky ihre Figuren zeichnet und wie selbstverständlich Trauer und Freude, Schwere und Leichtigkeit nebeneinander existieren dürfen. Für mich erinnert das Buch daran, dass ein erfülltes Leben nicht bedeutet, vom Schmerz verschont zu bleiben, sondern sich trotz seiner Unvorhersehbarkeit immer wieder auf das Leben und auf andere Menschen einzulassen. Ein Buch, das gleichzeitig das Herz ein bisschen schwerer und die Welt ein bisschen heller macht. Vielleicht sollten wir am Ende alle ein bisschen gelassener sein wie Selma und ein bisschen fürsorglicher wie der Optiker.
Lina Kudicke: „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig
Was wäre, wenn…? Eine Frage, die uns sicher allen schon einmal begegnet ist und die ich mir selbst auch oft stelle. Dieser bewegende Roman kann Antworten darauf geben und die Sicht auf das eigene Leben verändern.
In „Die Mitternachtsbibliothek“ bekommt die Protagonistin in einer besonderen Bibliothek die Möglichkeit, sich genau mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Jedes Buch stellt hier eine alternative Realität ihres Lebens dar, in der sie andere Entscheidungen getroffen und andere Chancen ergriffen hätte. Beim Lesen musste ich das Buch auch mal beiseitelegen und auf mich wirken lassen. Weil es eine Geschichte ist, die viel zum Nachdenken anregt. Mir wurde bewusst: Wenn man etwas entscheidet, muss man akzeptieren, was darauffolgt. Wenn es nicht so kommt, wie erwartet, sollte man versuchen, trotzdem das Gute darin zu sehen oder einen neuen Weg einzuschlagen. Für mich bleibt nach dem Lesen der Gedanke, wie wichtig es ist, das eigene Leben anzunehmen und nicht so streng mit sich selbst zu sein. Und zu lernen, die kleinen, besonderen Dinge stärker zu schätzen. Denn oft ist die Voraussetzung dafür gegeben in dem Leben, das man bereits führt.
Nicola Vidic: „Madita“ von Astrid Lindgren
Ich weiß nicht mehr genau, wo ich „Madita“ zuerst begegnet bin – in der Weihnachtsserie im Fernsehen oder in den Büchern, die unser Vater meiner kleinen Schwester und mir allabendlich vorlas. Aber sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich war fasziniert und gleichzeitig ein bisschen verschreckt von ihrer Furchtlosigkeit und ihrem Übermut, weil sie in vieler Hinsicht so ganz anders war als ich. Selbst ein eher schüchternes und ziemlich braves Kind, konnte ich durch Madita Abenteuer erleben und Streiche spielen, die ich mich im echten Leben nie getraut hätte. Besonders erinnere ich mich an die Szene, in der sie mit einem Schirm vom Dach fliegen will. Die Vorstellung fand ich aufregend, auch wenn mir klar war, dass das nicht gut gehen konnte. Und wie Madita fühlte ich mich als die Ältere immer ein bisschen für meine kleine Schwester verantwortlich – etwas, das sich, obwohl wir längst erwachsen sind, nie so richtig geändert hat. Genauso wenig wie meine Begeisterung dafür, in Bücher abzutauchen und in den Geschichten andere Seiten von mir auszuprobieren.
Dr. Simone Herrmann: „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi
Es gibt einige Bücher, die große Bedeutung für mich haben. Entweder weil sie mir die Tiefen der französischen Sprache aufgeschlossen haben, wie Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und Marguerite Duras’ „Der Liebhaber", oder die Schönheit der deutschen Sprache. Aber das Buch meines Lebens ist der Roman „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi.
Als ich sieben oder acht Jahre alt war, in den 1970er Jahren, kam im deutschen Fernsehen eine BBC-Verfilmung des Romans als Serie, Anthony Hopkins spielte Pierre Besuchow. Und obwohl die Verfilmung nach der Tagesschau (also viel zu spät für mich) lief, verstanden meine Eltern, dass ich nach der ersten nun auch die zweite und dritte Folge, ach überhaupt alle Folgen sehen musste. Es war mein erstes Kunsterlebnis.
Als ich 12 war, habe ich das Buch gelesen. In den Sommerferien, während alle anderen im Schwimmbad oder im Süden waren, saß ich bei heruntergelassenen Jalousien vier Tage lang im Zimmer. Ich war auf Bällen, in Salons, bei Jagden, auf den Schlachtfeldern. Aber eigentlich war ich durch die Kunst Tolstois in den Köpfen so vieler verschiedener Menschen und verstand am Ende, oder vielleicht auch erst in den letzten Jahren, denn ich lese noch heute sehr oft darin, warum Pierre Besuchow der eigentliche Held des Romans ist: durch seine Güte.
Christiane Hardenberg: „Strangers“ von Belle Burden
Das Buch meines Lebens ist „Strangers“ vielleicht nicht, aber definitiv eines meiner Bücher dieses Jahres. Belle Burden blickt darin auf das Ende ihrer zwanzigjährigen Ehe zurück. Das macht sie klug, sehr persönlich und erstaunlich frei von Vorwürfen. Ich liebe ihren Schreibstil und ihre Offenheit, mit der sie nicht nur von großer Liebe und großer Enttäuschung erzählt, sondern auch die eigenen Entscheidungen hinterfragt.
Als Finanzstrategin, Gründerin der Wealth Academy und Mutter von vier Kindern hat mich manches allerdings fast wahnsinnig gemacht: Burden überträgt beim gemeinsamen Hauskauf einen Großteil ihres Vermögens auf ihren Mann und beschreibt sich selbst als unselbstständig. Ich wollte ihr beim Lesen mehr als einmal zurufen: Tu es nicht! Nimm dein Leben, vor allem deine Finanzen, selbst in die Hand! Am Ende macht sie genau das. „Strangers“ ist daher nicht nur ein großartiger Pageturner über Liebe und Trennung, sondern auch ein Weckruf an Frauen, ihre eigene Unabhängigkeit niemals aus der Hand zu geben.
Jasmin Weinberger: „Ungezähmt“ von Glennon Doyle
Es gibt Bücher, von denen man wenig erwartet. Noch ein Empowerment-Memoir, noch eine Befreiungsgeschichte - klug erzählt, sicher inspirierend, aber vermutlich vorhersehbar. Was ich nicht erwartet hatte: dass ich in „Ungezähmt“ am liebsten jeden zweiten Satz mit Leuchtmarker markiert hätte. Nicht, weil er gefällig oder zitierfähig war, sondern weil er mich an Stellen traf, an denen ich mich selbst ertappt fühlte.
„We can do hard things.“ Drei Worte, von beinahe nüchterner Schlichtheit und doch von enormer Tragweite. Doyle formuliert hier kein Versprechen von Leichtigkeit, sondern eine Zumutung. Das Leben wird nicht einfacher, nur weil wir beginnen, uns selbst treu zu sein. Es wird oft komplizierter. Wahrhaftiger. Unbequemer. Aber genau darin liegt die Kraft. Dieser Satz hat meine Perspektive verschoben: Schwierigkeit ist kein Warnsignal, sondern häufig ein Indiz dafür, dass wir uns aus alten Mustern herausbewegen. Und Wachstum weh tut. Doyle seziert im Buch kollektives weibliches Erbe: das Bravsein, das Funktionieren, das subtile Streben nach Anerkennung. Was schnell klar wird: Mut erscheint selten glamourös. Er zeigt sich in Gesprächen, die man lange aufgeschoben hat. In Entscheidungen, die nicht applaudiert werden. In Momenten, in denen man weiß: Das hier wird schwer - und ich wage es trotzdem. We can do hard things. Vielleicht ist das die eleganteste, kompromissloseste Form weiblicher Selbstermächtigung.
Meryem Sener: „Über Frauen“ von Susan Sontag
Wenn Sontag über das Leben von Frauen schreibt, wirkt das erstaunlich zeitlos. Der Essayband versammelt zentrale Texte, in denen sie politische, ökonomische und ästhetische Dimensionen des Frauseins beleuchtet und dabei zeigt, wie tief bestimmte Vorstellungen über Frauen in unserer Gesellschaft verankert sind – und wie sehr sie unser Denken beeinflussen, oft ohne, dass wir es merken. Dabei analysiert und hinterfragt sie gesellschaftliche Rollenbilder, Machtstrukturen und die Art, wie über Frauen gesprochen und gedacht wird, mit großer Klarheit und ohne Schonung. Trotzdem schreibt sie nicht trocken oder belehrend, sondern so, dass ich beim Lesen immer wieder innerlich nicken oder innehalten musste. Gerade deshalb ist „Über Frauen“ nicht nur ein Stück feministischer Geistesgeschichte, sondern auch ein Werkzeug, um die eigene Position in einer nach wie vor ungleichen Welt besser zu verstehen. Ein Buch, das ich am liebsten jeder Frau in die Hand drücken würde – und in dem ich immer wieder blättere.
Samira El Ouassil: „Zeit der Monster“von Şeyda Kurt
In ihrem radikalen und zärtlichen Romandebüt beschreibt Philosophin und Autorin Şeyda Kurt das Ende der Welt als exitenzielles Nachbarschaftsprojekt: das Überleben in einem Stadtteil, dessen Räume unter den Spannungen der Gegenwart zu bersten drohen, trifft auf eine sich online verbreitende Weltuntergangsprophezeiung, dazwischen die atemlose junge Sanya, die das Viertel zusammenhält und uns durch die Zeit der Monster trägt. Der Titel zitiert Gramsci und die Idee der alten Welt, die im Sterben liegt, während die neue noch nicht geboren werden kann; genau in dieses Dazwischen dichtet uns Kurt hinein, formal so widerspenstig und aufregend wie die Figuren selbst. Der Roman fragt poetisch, fragt politisch danach, wem die Erzählung vom Ende eigentlich gehört - und die Antwort fällt dabei unzeitgemäß tröstlich aus: denen, die trotz allem einander die Stirn fühlen.
Liudmila Konovalova: Dostojewski, Tolstoi und andere
Mehrere Bücher begleiten mich seit meiner Jugend: „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas, „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin und „Die Dornenvögel“ von Colleen McCullough. Außerdem mag ich Dostojewski sehr, insbesondere „Die Brüder Karamasow“, sowie Tolstoi mit „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“.
Ich glaube, was mich an diesen Büchern besonders berührt, ist die Tiefe und Widersprüchlichkeit der menschlichen Seele. Es geht um die Entscheidungen, die ein Mensch trifft, um Gut und Böse, Liebe, Freiheit und Verantwortung. Und darum, dass ein Mensch oft ganz anders ist, als die Gesellschaft ihn sieht. Gerade diejenigen, die verurteilt oder als „gefallen“ angesehen werden, erweisen sich manchmal als besonders rein, aufrichtig und edel. Natürlich ist jedes dieser Bücher ganz anders und trägt seine eigene Botschaft in sich. Aber in allen geht es für mich auch um Liebe, Schicksal und Entscheidungen – darum, wie ein einziger Entschluss, ein verpasster Moment oder eine nicht ausgesprochene Liebe manchmal ein ganzes Leben verändern kann. Vielleicht haben mich diese Bücher deshalb schon in meiner Jugend so tief berührt und begleiten mich bis heute.