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Architekt Ole Scheeren im Interview über seine Zeit in Asien und das nächste große Projekt in Deutschland

Der Architekt Ole Scheeren erfindet Wolkenkratzer neu: Erst schuf er das Wahrzeichen des modernen Pekings, nun kehrt er nach Deutschland zurück. Kreative Limits kennt er bei seinen spektakulären Bauten nicht

Der CCTV Tower, der von Ole Scheeren entworfen wurde
Der CCTV Tower in China gilt als architektonische Meisterleistung iStock

In einem unscheinbaren Hinterhof im multikulturellen Berliner Stadtteil Moabit weist ein kleines Schild in den vierten Stock zum Büro eines der renommiertesten Architekten der Welt. Aufgeräumte Klarheit? Weiße, lichtdurchflutete Räume? Fehlanzeige. Wer sich den Weg vorbei an einigen Schreibtischen und vielen großen Holzkisten mit Architekturmodellen bahnt, findet den Architekten Ole Scheeren hinten links im Eckbüro. Von seinen Mitarbeitern trennt ihn nur eine große Glasscheibe, der Blick aus seinem Fenster geht auf die Spree. Es ist nicht einfach, einen Termin mit ihm zu bekommen. Scheeren, 48 Jahre alt, hochgewachsen und mit Dreitagebart, ist ständig zwischen drei Kontinenten unterwegs: Asien, Europa, Amerika. Außer in Berlin unterhält er Büros in Peking, Hongkong, Bangkok, New York und London. Gerade kommt er aus der britischen Hauptstadt, ein Stopp ohne Übernachtung in Berlin, dann geht es weiter nach Bangkok.

Bekanntheit für renommierte Großprojekte

Seit Jahren baut der in Karlsruhe aufgewachsene Sohn eines Architekturprofessors spektakuläre Bauten in Asien und nun auch in Kanada und Europa. Schon früh gilt Scheeren als Wunderkind der Architektur: Mit 31 Jahren leitet er die Asienprojekte für Rem Koolhaas und baut mit dem CCTV Tower eines der größten Gebäude der Welt. Vor neun Jahren emanzipiert er sich vom Meister Koolhaas und eröffnet sein eigenes Büro. Seitdem sammelt er Lob und Preise für Projekte wie das Guardian Art Center in Peking, das Maha Nakhon in Bangkok ebenso wie für das neue Design der New Yorker Delikatessenkette Dean & DeLuca. Der jüngste Auftrag ist der Umbau des Union Invest Gebäudes in Frankfurt am Main.

Stolz ist Scheeren auf den mehrfach ausgezeichneten Wohnkomplex The Interlace in Singapur, weil die Leute dort gerne lebten und es sich auch leisten könnten, sagt er. „Wir machen eben nicht nur Superluxus. Für mich ist es wichtig zu sehen, was wir auf allen Ebenen des Spektrums erreichen können.“ Auch wenn Scheeren – gekleidet in einen schwarzen Anzug, ein blütenweißes Hemd, das auch nach vielen Arbeitsstunden immer noch faltenfrei ist, und weißen Sneakers – geradewegs einem Prada-Katalog entsprungen sein könnte, wirkt er bodenständig.

Ein Mann, der niemals Pause macht

Er denkt lange nach, bevor er spricht. Konzentration, Aufmerksamkeit, Empathie und Energie, mit diesen Stärken hätte Ole Scheeren wohl auch in jedem anderen Feld reüssieren können. "Es ist ein voller Tag heute, voller als erwartet. Wie an so vielen Tagen ging es um fünf Uhr los“, sagt er ein wenig ermattet, aber auch amüsiert. „Wie schaffen Sie das?“ – "Die Frage stelle ich mir nicht.“ Dann rückt er den Stuhl zurecht, drückt den Rücken leicht durch, faltet die feingliedrigen Hände und lächelt.

MADAME: Herr Scheeren, der CCTV Tower des chinesischen Staatsfernsehens gilt als architektonische Meisterleistung. Die beiden Türme haben Sie oben und unten durch rechte Winkel zu einer Einheit verbunden. Warum haben Sie dieses Gebäude so gewagt konzipiert?

Ole Scheeren: Der Gedanke war, dass es bei einem Hochhaus nicht immer nur um Höhe gehen muss. Uns ging es um andere Qualitäten. Wir fragten uns, was die Menschen in diesem Gebäude wirklich tun. Sie wollen arbeiten und sich austauschen. Darum haben wir die Vertikale eines Hochhauses in einen Kreislauf gebracht. Wir wollten alle Teile des Gebäudes miteinander verbinden, weil es bei einer Medienorganisation um Austausch und Rückkoppelung geht. Wenn wir die Verwaltung in den einen Turm setzen und die Kreativen in den anderen, gibt es eine Zergliederung. Wir aber wollten eine große Gemeinschaft schaffen. Das war die Idee.

MADAME: Haben Sie sich damals vorstellen können, wie dieses Gebäude wirken wird?

Ole Scheeren: Ich habe ein kleines Modell des CCTV Towers gebaut und bin damals – vor über 15 Jahren – mit meinem Assistenten umhergelaufen und habe es in die Luft gehalten. Wir haben Passanten auf der Straße von der Idee erzählt und mit ihnen diskutiert. Ich weiß nicht, ob die Leute uns ernst genommen haben, aber es war wirklich lustig.

MADAME: Mit fast 500 000 Quadratmetern ist der CCTV Tower eines der größten Gebäude der Welt. Nach zehn Jahren Bauzeit wurde er 2012 eröffnet, heute arbeiten dort rund 14 000 Menschen.

Ole Scheeren: Es ist ja nicht nur eine Fernsehstation mit Büros, Sendezentrale und Studios, sondern auch ein Sozialgefüge mit Freizeitbereichen, Restaurants, einem Basketballfeld und einer Klinik. Das Gebäude lebt die ganze Zeit und ist so groß, dass sich dort ständig Dinge, Prozesse und Abläufe verändern.

MADAME: Wahrscheinlich in einem ähnlichen Tempo wie das ganze Land. Kurz nach dem Abitur sind Sie durch China gereist, zu einer Zeit, als dort nur wenige Touristen unterwegs waren. Heute sagen Sie, China habe Sie grundlegend verändert. Was meinen Sie damit?

Ole Scheeren: Nach meiner ersten Reise Anfang der 90er-Jahre durch dieses damals noch wirtschaftlich rudimentäre Land habe ich das mir anerzogene Bild aus der zentraleuropäischen Perspektive erst einmal in den Mülleimer geworfen. Die ganze Reise war eine emotionale Achterbahnfahrt, und seitdem hat mich China nie wieder losgelassen.

MADAME: Es führte dazu, dass Sie bis heute viel Zeit in Asien verbringen. Erst haben Sie für Rem Koolhaas das Büro OMA fast zehn Jahre geleitet, nun setzen Sie dort eigene Projekte um.

Ole Scheeren: Mein Leben ist nicht nur Asien, aber mein Leben wird nie mehr ohne Asien sein. Der ganze Kontinent ist seit geraumer Zeit dabei, sich aus einer Phase zu lösen und in eine andere einzutreten. Dieser Umbruch ist radikal und in einem übergroßen Maßstab. Als Architekt muss man lernen, was das für ein Land mit so vielen Menschen bedeutet.

MADAME: Ein Auftraggeber hat Sie einmal gebeten, einen Buchladen mit 100 000 Quadratmetern zu entwerfen. Ist Architektur in dieser Größenordnung noch menschlich?

Ole Scheeren: Ich glaube nicht, dass die Größe notwendigerweise das Menschliche minimiert. Wichtig ist es zu verstehen, was man tun muss, um Größe und Menschlichkeit zu verbinden.

MADAME: Ihr Wohnkomplex The Interlace in Singapur mit 1040 Wohnungen auf 144 000 Quadratmetern mit mehreren Innenhöfen ist dafür sicher ein gutes Beispiel. Sie haben die vom Bauherren gewünschten Türme einfach umgekippt, um so mehr Raum für Natur und Freiflächen zu schaffen.

Ole Scheeren: Ja, wir haben die Hochhauselemente nicht senkrecht aufeinander gestapelt, sondern sie in verschiedenen Richtungen in einem hexagonalen Raster aufeinandergelegt. Wir haben damit riesige Gärten und Innenhöfe geschaffen, die nicht hermetisch voneinander getrennt sind, sondern sich natürlich verbinden. Wichtig waren mir dabei die Integration und das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Raum. Ich suchte eine Antwort auf die Frage, wie wir in einem solchen Wohnkomplex eine Sozialstruktur erschaffen können, die gleichzeitig die Wünsche nach Alleinsein und nach Gemeinschaft erfüllt.

MADAME: Welche Bedürfnisse der Menschen muss Architektur beachten?

Ole Scheeren: Der Mensch braucht sich selbst, und er braucht alle anderen: also Individualität und Gemeinschaft. Und dann ist da noch das große Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Natur. Räume sind ein wichtiger Teil unseres Lebens. Ich glaube sehr an die Psychologie von Räumen. Als Architekt ist es meine Aufgabe, die emotionale Kapazität des Raumes zu verstehen.

MADAME: Wie gelingt es Ihnen, dass ich mich in einem Raum gut fühle?

Ole Scheeren: Da gibt es sicher nicht für jeden die gleiche Antwort. Aber es geht darum, einen Raum zu schaffen, der einem die Freiheit lässt, das zu sein, was man möchte.

MADAME: Der Bauherr des Guardian Art Centers, des ältesten Kunstauktionshauses Chinas, wusste genau, was er wollte. Über einen Zeitraum von fünf Jahren stellten über 30 internationale Architekturbüros verschiedene Entwürfe vor. Ihr Büro bekam den Zuschlag.

Ole Scheeren: Ich habe mich intensiv mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt und verschiedene Bezüge geschaffen. Die Adresse des Kunstzentrums an der Kreuzung der bekanntesten Pekinger Geschäftsstraße Wangfujing Street und der Straße der Museen Wusi Avenue ist bezeichnend für einen Ort, an dem Kunst gehandelt wird. Gegenüber liegt das National Art Museum of China, nebenan finden sich traditionelle Hutong-Wohnhöfe und in Blickweite die Verbotene Stadt. Mich interessierte das Spannungsfeld zwischen historischer und moderner Stadt. Ich wollte den ständigen Konflikt auflösen, dass die moderne Stadt die historische überrennt. Also haben wir bei der Umsetzung des Gebäudes im unteren Bereich die Struktur, den Maßstab und die Farbigkeit der umliegenden historischen Ziegelsteinbauten aufgenommen. Obendrüber schwebt dann ein großer Block aus Glas, der die moderne Stadt symbolisiert, die sich von der anderen Seite nähert. Das Guardian Art Center ist die Schnittstelle zweier Zeitzonen.

MADAME: Die untere Fassade ist perforiert. Dafür haben Sie sich von dem in China sehr bekannten Landschaftsgemälde „Dwelling in the Fuchun Mountains“ von Huang Gongwang aus dem 14. Jahrhundert inspirieren lassen. Warum?

Ole Scheeren: Ich unterhielt mich mit dem Auftraggeber über die Geschichte des Auktionshauses und über chinesische Kunst, und wir kamen auf das Gemälde zu sprechen. Architektur ist immer das Zusammenspiel unterschiedlicher Ideen – und gleichzeitig die Klarheit einer Idee, die sich daraus entwickelt. Man muss viel aufnehmen und sublimieren und am Ende eine Synthese herstellen. Architektur muss so viele Dinge lösen; es geht um technische, kulturelle, ökonomische, finanzielle Aspekte. Diese Form der Komplexität und Vielfältigkeit ist genau das, was mich an meinem Job fasziniert.

MADAME: Mit dem Riverpark Tower in Frankfurt starteten Sie Ihr erstes signifikantes Projekt in Deutschland.

Ole Scheeren: Der Riverpark Tower ist spannend, weil er kein neues Gebäude ist. Wir bauen einen Bürokomplex aus den 70er-Jahren zu Wohnraum um. In ganz Europa gibt es einen großen Bestand an alten Bauten, die nicht mehr adäquat sind. Wir verwandeln einen sehr schweren Bau, der im Stil des Brutalismus errichtet wurde, in etwas Leichtes, Offenes und Positives. Die vorhandenen Betonstützen, die man heute wegen hoher Kosten nicht mehr verwenden würde, schaffen ungeahnte Möglichkeiten. Wir können 20 Meter breite Panoramafenster ohne Unterbrechung einbauen.

MADAME: Sie sprechen mit einer großen Begeisterung von Wohnungen. Besitzen Sie selbst eine, in der Sie wohnen?

Ole Scheeren: Nein. Ich übernachte in verschiedenen Hotels.

MADAME: Möchten Sie nicht einmal etwas für sich bauen?

Ole Scheeren: Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, wie man in einer Wohnung wohnt, das habe ich lange genug getan. Das wird vielleicht auch irgendwann wieder der Fall sein. Aber mein Dasein findet gerade an so vielen Orten der Welt statt, das empfinde ich als extrem motivierend und mobilisierend.

MADAME: Und wo sind die Dinge, die Sie brauchen?

Ole Scheeren: Ich trage nur das bei mir, mit dem ich reisen kann. Auch wenn ich dabei radikale Entscheidungen treffen muss. Besitz ist für mich nicht wichtig. Mich interessiert es, Dinge zu schaffen, nicht sie zu besitzen.

Dieser Artikel erschien erstmals im MADAME Magazin 09/19

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