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Magazin-Artikel

Amy Adams im Interview über Muttersein und "The Woman in the Window"

Wenige andere Hollywoodstars suchen sich so zielsicher komplexe Rollen aus wie Amy Adams. Im MADAME-Interview spricht sie über schauspielerische Grenzerfahrungen

Amy Adams
Mit MADAME spricht Amy Adams über ihren neuen Film Getty Images

Auch nach über 20 Jahren vor der Kamera und etlichen prestigeträchtigen Rollen gehört Amy Adams zu den unauffälligeren Stars in Hollywood. Vermutlich, weil die 45-Jährige, zu deren bekanntesten Filmen „Julie & Julia“, „American Hustle“ und „Arrival“ gehören, in ihrer Karriere ganz ohne Skandale auskommt und ihr Privatleben mit Ehemann Darren Le Gallo und der neunjährigen Tochter Aviana konsequent aus der Öffentlichkeit hält. Zum Interview-Termin in einem Hotel in Hollywood hat Adams die Kleine allerdings mitgebracht. Während Mama arbeitet, tobt sie mit der Oma durch die Flure und freut sich auf einen Kinderfilm im Pay-TV.

„Sie liebt Hotels, und ihre Schule ist nicht weit von hier, deswegen ist sie heute mal mitgekommen“, sagt Adams lachend. Und präsentiert sich selbst – mit glatten, offenen Haaren und im schwarzen Hosenanzug – so verbindlich, entspannt und bodenständig, dass von der ersten Minute klar ist: Man trifft hier keinen Superstar, keine Diva. Sondern einfach eine hervorragende Schauspielerin, die sich viele Gedanken um ihr Schaffen macht. Ihr einzigartiges Talent, in Sekundenbruchteilen all die komplexen Emotionen ihrer Figuren über ihr Gesicht laufen zu lassen, stellt sie nun erneut unter Beweis.

In der Bestseller-Verfilmung "The Woman in the Window“ (Kinostart: eigentlich 14. Mai) spielt sie eine isoliert lebende Frau, die das Verschwinden ihrer Nachbarin vom Fenster aus beobachtet, sich in Verschwörungstheorien hineinsteigert und bald selbst in höchste Gefahr gerät.

MADAME: Mrs Adams, „The Woman in the Window“ ist äußerst spannender Stoff. War die Rolle mental so anspruchsvoll, wie es den Anschein hat?

Amy Adams: Ja. Die Arbeit war wirklich heftig. Ich habe immer dafür gesorgt, dass meine Familie in meiner Nähe war, um mich emotional auszubalancieren. Eine Zeitlang konnte meine Tochter nicht bei mir sein. Und prompt überkamen mich große Sorgen und ein Gefühl der Beklemmung. Das brachte die Auseinandersetzung mit der Lebenswelt dieser Figur einfach mit sich.

Ihre erste Kinorolle liegt inzwischen 21 Jahre zurück. Inwiefern haben Sie sich in diesen Jahren als Schauspielerin verändert?

Ich glaube, ich bin heute eher bereit, meine eigene Persönlichkeit in meinen Rollen durchscheinen zu lassen. Heute gestatte ich mir viel mehr als früher, in meinen Rollen meine eigene Verletzlichkeit zuzulassen und zu nutzen. Das hat mit Selbstvertrauen zu tun, mit dem Älterwerden. Ich traue mir heute eher zu, mich mit meiner Figur in bestimmte Abgründe zu begeben – und auch heil wieder herauszukommen.

Wie machen Sie das, wie finden Sie nach psychisch so fordernden Rollen wieder unbeschadet in den Alltag zurück?

Es geht weniger darum, was ich am Ende des Drehs mache, sondern darum, was ich im Vorfeld mache. Eine gute Vorbereitung hilft mir, die Grenze zwischen mir und meiner Figur aufrecht zu halten, sodass ich mir nicht zwangsläufig mich selbst oder meine Tochter in einer Gefahrensituation vorstelle. Aber oft verwischen die Grenzen doch.

Suchen Sie inzwischen bewusst diese Grenzerfahrungen?

Na ja, momentan wünsche ich mir mal wieder eine fröhliche Rolle, ich will singen und tanzen! Vielleicht gibt es bald eine Fortsetzung vom Disney- Musical „Verwünscht“. Als mir „The Woman in the Window“ angeboten wurde, habe ich tatsächlich gezögert. Wegen des Traumas, das die Frau in dieser Geschichte mit sich herumträgt – ohne jetzt zu viel vom Film verraten zu wollen. Damit hatte ich mich schon für den Film „Arrival“ auseinandergesetzt, und ich wusste, wie nahe mir das geht. Aber als der Regisseur Joe Wright mir erklärte, dass er genau die Angst, die mir dieser Stoff macht, in seinem Film ausloten will, stimmte mich das um. Ich wollte wissen: Welches Verhältnis haben wir zu unserer eigenen Angst, und was passiert mit uns, wenn wir uns selbst nicht mehr trauen können?

Die von Ihnen gespielte Anna Fox leidet unter Agoraphobie, deswegen verlässt sie ihr Haus nicht. Kennen Sie das: Phobien?

Ich hatte früher schreckliche Flugangst, manchmal richtige Panikattacken. Mindestens zweimal ist das wirklich eskaliert, und ich habe im Flugzeug fürchterlich geweint. Einmal wurden wir umgesetzt, und als mein Mann plötzlich nicht mehr neben mir, sondern am anderen Ende des Flugzeugs saß, habe ich das nicht ausgehalten. Zum Glück hat sich jemand erbarmt, und ich konnte mich umsetzen. Inzwischen habe ich viel daran gearbeitet und immerhin keine Panikattacken mehr. Aber besonders gut im Fliegen bin ich immer noch nicht.

Anna trinkt deutlich zu viel. Wie schwierig ist es eigentlich, eine Betrunkene zu spielen?

Na ja, wenn man jünger ist, kann man natürlich einfach … (lacht) Nein, nur ein Scherz. Der Trick ist: Betrunkene merken erst mal nicht, dass sie schon zu viel intus haben. Sie sind ganz überrascht, wenn sie merken, dass sie sich nicht mehr ganz unter Kontrolle haben. Dann geben sie sich dem Rausch nicht vollkommen hin, sondern arbeiten dagegen an, um möglichst normal zu wirken. Je mehr jemand betont, ihm ginge es bestens, desto weniger ist das meist der Fall. Dieses Ankämpfen gegen den Rausch, das versuche ich als Schauspielerin einzufangen.

Der Film hat voyeuristische Momente, es geht um das Beobachten anderer Menschen. Können Sie das noch – in Ruhe Menschen beobachten? Oder sind Sie inzwischen zu bekannt, als dass das noch möglich wäre?

Oh, glauben Sie mir, die Menschen sind oft so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihre Umwelt gar nicht wahrnehmen. Ich beobachte gern, vor allem aber belausche ich meine Mitmenschen gern. Meistens nicht absichtlich, sondern zwangsläufig. Wahnsinn, was Menschen heute in der Öffentlichkeit alles erzählen, vor allem am Telefon! Nur weil die Personen um einen herum still sind, heißt das ja nicht, dass sie nichts hören. Faszinierend, dass das kaum jemanden zu stören scheint. Na gut, in Restaurants lausche ich schon mutwillig …

Tatsächlich?

Ja, ganz schlimm. Aber es ist so schwer, nicht hinzuhören! Mein Mann beschwert sich manchmal, dass ich so abwesend wirke. Und er hat meistens recht, weil das Gespräch am Tisch hinter mir einfach zu spannend ist. Genauso beim Wandern. In den Hügeln von Los Angeles scheinen die Leute wirklich ihren Frust abzuarbeiten. Dabei habe ich auch mich selbst schon erwischt: Plötzlich bin ich die Frau geworden, die beim Wandern lautstark über den unverschämten Mitschüler ihrer Tochter schimpft. Es gibt da diesen Platz, an dem alle vorbeikommen, und wenn man dort stehen bleibt, kann man Gesprächsfetzen einzelner Konversationen aufschnappen, ohne Kontext. Das ist wirklich faszinierend.

Übernehmen Sie Verhaltensweisen, die Sie hören oder beobachten, in Ihre Rollen?

Hin und wieder, ja. Selten eins zu eins. Aber je mehr ich Menschen beobachte, desto mehr Spielraum gibt mir das für meine Arbeit. Jeder Mensch ist ein Individuum mit eigenen Besonderheiten. Das gibt mir die Freiheit, auch meine Figuren so anzulegen, jenseits von Klischees, und auch mal etwas Unerwartetes auszuprobieren. Sie halten sich in der Öffentlichkeit zurück. Aber wenn es um Ungerechtigkeit geht, sagen Sie offen Ihre Meinung. Sie haben sich zum Beispiel für eine bessere Behandlung von Crew-Mitgliedern eingesetzt und kürzlich zusammen mit Jennifer Garner „Save with Stories“ ins Leben gerufen, eine Initiative, die Kindern, die wegen der Corona-Krise zu Hause sitzen, Geschichten via Instagram nach Hause bringt. Sie selbst haben aus einem Buch gelesen, das Ihre Tochter geschrieben und Ihr Mann illustriert hat, „The Dragon Princess“.

Welche Themen beschäftigen Sie derzeit noch?

Momentan vor allem, wie ich meiner Tochter eine gute Mutter sein kann. Ich merke so oft, dass ich in einer anderen Zeit erzogen wurde und wie sich diese Ansichten in die Erziehung meiner Tochter schleichen. Aviana hat klare Standpunkte, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ist meinungsstark. Und ich möchte keinesfalls, dass sich daran etwas ändert. Manchmal muss ich mich da richtig selbst zensieren.

Wie meinen Sie das?

Ich versuche zum Beispiel, das Wort „bossy“ zu vermeiden. Das mussten sich Mädchen früher immer anhören, wenn sie lautstark ihre Meinung geäußert haben und womöglich rechthaberisch auftraten. Deswegen sage ich lieber: „Aviana, du musst nicht alles kontrollieren, wir können uns ganz normal darüber unterhalten.“ Ich möchte ihr beibringen, sich über ihre Gefühle und Impulse auszutauschen, statt sie mit einem Adjektiv abzuqualifizieren. Dabei merke ich, wie sehr ich selbst oft noch an überholten Vorstellungen hänge. Diese Konditionierung loszuwerden, darauf konzentriere ich mich gerade.

Dieser Artikel stammt von Patrick Heidmann und Joanna Ozdobinska und ist erstmalig in der MADAME-Ausgabe 06/20 erschienen.

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