Lunch mit ... Till Brönner

Bei Salat und Linguini spricht der Trompeter mit MADAME-Chefredakteurin Petra Winter über die Sprache des Jazz, kleine Narben und eine große Mission

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Als Treffpunkt zum Lunch ist das Berliner Jazzcafé „Grolman“ ausgemacht. Till Brönner wohnt gleich um die Ecke. Das Lokal ist sein Wohnzimmer. Direkt gegenüber befndet sich der legendäre Jazzclub „A-Trane“, in dem internationale Musikergrößen auftreten.

Brönner liebt diesen Club, wird er später erzählen, weil er dort in Berührung mit allem sei, was ihm in seinem Musikerleben wichtig sei. Die Nähe, die Unmittelbarkeit zu den Musikern sei großartig. Und wenn er selbst auf der Bühne stehe, könne er die Parfums in der ersten Reihe riechen.

Kurz bin ich verunsichert, weil auf der Schiefertafel draußen steht, dass heute Ruhetag ist. Für den Stammgast hat man aber selbstverständlich aufgemacht. Ein wenig vor der verabredeten Zeit betritt der 44-Jährige mit einem schwungvollen Hallo das leere, dunkel vertäfelte Lokal. Man hat mich in einem Separee mit weißen Tischdecken platziert. „Die Chefin persönlich“, begrüßt er mich mit einem strahlenden Lächeln. „Was für eine Ehre“ – und erinnert sich noch genau, wo wir uns das letzte Mal vor mehr als einem Jahr gesehen haben.

Der Musiker, dunkler schmaler Anzug, dunkles Hemd, die beiden oberen Knöpfe offen, Dreitagebart, bestellt erst einmal einen Cappuccino. Wir plaudern über seinen Kiez, die Kantstraße, den Savignyplatz in Charlottenburg. „Für mich ist dies das normalste Viertel“, sagt er.

Als 20-Jähriger kam Till Brönner 1991 aus Bonn nach Berlin. Da hatte er gerade sein Abitur auf dem Aloisiuskolleg in Bad Godesberg gemacht und schon ein Jobangebot als Trompeter beim RIAS (Radio im amerikanischen Sektor) in der Tasche. Das Orchester war nach dem Krieg gegründet worden, weil man schnell frische, von der Nazizeit unbelastete Musik brauchte.

„Ich wollte eigentlich nie nach Berlin, fand es erst mal fürchterlich hässlich“, erzählt er. „Aber: Home is where your work is. Und ich habe beim RIAS Leute kennengelernt, von denen ich dachte, dass sie gar nicht mehr leben. Das war sehr nostalgisch.“

Er mochte die Berührung mit dem alten Westberlin, die Zeit Günter Pfitzmanns und Harald Juhnkes. „Beim RIAS gingen damals die Türen auf, und da kamen Caterina Valente, Hildegard Knef, Harry Belafonte rein. Das konnte ich gar nicht scheiße finden“, erklärt er, als ich frage, ob es nicht seltsam gewesen sei, als so junger Mensch mit ausschließlich sehr viel älteren Kollegen zusammenzuarbeiten.

Till Brönner hatte sich bereits als Kind, in den 80er-Jahren, entschieden, Musik zu machen, deren Idole schon tot oder sehr alt waren. Seine erste eigene Trompete hatte der Junge zur Erstkommunion bekommen. Und sich mit ihr ein Instrument gesucht, das keine Coolness-Preise unter Teenagern gewinnt. Aber als Trompeter ist man der Chef. „Die Trompete setzt Signale, gibt Kommandos, ist das lauteste Instrument, und der Trompeter definiert den Stil der ganzen Band“, sagte er mal in einem Gespräch mit Claudius Seidl, aus dem die beiden dann 2010 das Buch „Talking Jazz“ gemacht haben.
Die Trompete setzt Signale, gibt Kommandos. Der Trompeter definiert den Stil der Band.
Till Brönner

Man braucht offenbar Selbstbewusstsein, um sich mit den Widrigkeitendes Musikgenres auseinanderzusetzen, das sich Brönner für sein Instrument ausgewählt hat: Jazz. „Jazz hat den Ruf, unbeliebt, gestrig und kompliziert zu sein“, sagt Brönner. Und so wurde der gebürtige Rheinländer von Anfang an zu einem Missionar seiner Zunft. Darüber hinaus ist er zu ihrem Aushängeschild geworden, beliebt bei einem großen Publikum, gepiesackt
von orthodoxen Kritikern und Hardcore-Jazzfans. „Die praktizieren Spaßbefreiung. Ich versuche, meine Musik vielen Menschen zugänglich zu machen“, sagt er dazu. Auf seiner aktuellen CD „The Movie Album“ hat er etwa populäre Filmsongs von „Moon River“ aus „Frühstück bei Tiffany“ bis hin zu „My Heart Will Go On“ aus „Titanic“ aufgenommen.

Andererseits: Eines seiner liebsten Stücke ist noch immer „A Night in Tunisia“, ein Stück, das wie eine Herde wild gewordener Elefanten klingt. Was das Faszinierende daran sei, frage ich. „Es ist ein Stück von einem meiner Jugend-Idole, Dizzy Gillespie. Es steht für mich für Jazz und Verruchtheit, wie ich es mir damals als Junge in Bonn vorstellte, das war für mich der Dschungel, ein Mix aus kubanischer und Jazzmusik.“

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Die Kritik des Feuilletons an seiner softeren Form des Jazz wurmt ihn. Sie ist ein wunder Punkt. „Es wird lieber Bekanntes verrissen, als dass solche Schreiber neue Künstler empfehlen. Das ist schade und fatal. Es wäre schön, wenn auch Kritiker neue Impulse setzten und Bekenntnisse abgeben würden statt zu vernichten.“

Der Koch steckt seinen Kopf ins Separee und fragt mit charmantem Berliner Dialekt, ob wir Hunger hätten. Er könne uns das zubereiten, worauf wir Appetit hätten. Wir einigen uns auf einen Salat und Linguini mit Gemüse, Huhn und Tomatensauce, dazu einen Weißwein und stilles Wasser.

Till Brönner ist erfolgreich mit seiner Art des Jazz. Seine Alben fndet man immer unter den Top 30 der Chartplatzierungen. Sechs Echo-Preise hat er gewonnen und war 2009 sogar für einen Grammy nominiert. Jeden Freitag und Sonntag macht er eine Show auf Klassik Radio. Sie gibt ihm die Möglichkeit, ein größeres Publikum sanft an Jazz zu gewöhnen.

„Das ist der pure Luxus für mich. Ich darf zwei Stunden meine Musik machen, mit ein paar persönlichen Kommentaren dazwischen. Da versuche ich, Miles Davis mit der Gegenwart zu verknüpfen.“ Ich frage ihn, warum Jazz als elitär gilt. Er holt ein wenig aus: „Eigentlich kam die Musik ja von ganz unten, von den Baumwollfeldern der Südstaaten und aus New Orleans. Und historisch war Jazz nur eine sehr begrenzte Zeit so richtig populär. Man tanzte dazu – das war in den 20er- und 30er-Jahren. Als Reaktion beschloss man in den New Yorker Clubs darauf, dass Jazz nur den echten Könnern vorbehalten bleiben sollte, und der Bebop war geboren, der bereits eine Art Kunstmusik war. Von da an wurde es immer moderner und das Publikum immer kleiner. Die Avantgarde genoss quasi hohes Ansehen bei geringem Einkommen.“ Er lacht.

Man kann sich Till Brönner sehr gut in einem Hörsaal vorstellen. Seit fünf Jahren ist er Professor an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Er lehrt dort zusammen mit Trompeter Malte Burba im Fach Jazz, Rock und Pop. Was bringt er, der schon mit neun Jahren anfing, Trompete zu spielen, seinen Studenten bei, möchte ich wissen, während wir die Salatblätter vom Teller in den Mund balancieren. „Jazz ist wie eine Sprache lernen. Wir pauken die Vokabeln, plappern sie nach und sagen dann doch mit eigenen Worten, was wir sagen wollen.“

Jazz lebt vom Improvisieren. Kann man das lernen? „Improvisiert wird auf der Basis eines Fahrplans: Du weißt, wo du losfährst, wo die Stationen sind und wo du ankommst“, erklärt der Musiker. „Auf dieser Strecke schlägst du dich ab und zu mal ins Gebüsch, kommst aber immer wieder auf die Strecke zurück. Am Anfang spielst du die Melodie, die jeder kennt, weichst ab, kommst wieder zurück. Und irgendwann spielst du sie vielleicht gar nicht mehr. Jazz ist, wenn man auf der Basis von Vertrauen zueinander etwas völlig Unvorhergesehenes auf der Bühne vor Publikum kreiert. Und das klingt jedes Mal anders.“
Jazz ist, wenn man auf der Basis von Bekanntem, von auswendig Gelerntem, Verwandtes erfindet.
Till Brönner

Natürlich erfordere das Konzentration, Hingabe, Intellekt. Am Ende fände er es aber falsch, wenn man Musik erklären müsse. Sie solle vielmehr ein Gefühl transportieren. Ob Jazz junge Menschen erreiche, will ich wissen. Was bei den Jüngeren ankommt und was nicht, das beobachte er mit großem Interesse, meint Brönner. „Kinder zappen in Sekundenbruchteilen weiter, wenn ihnen ein Song im Radio nicht gefällt.“ Diese Schnelligkeit im Annehmen und Ablehnen erstaune ihn oft, sei aber ein guter Hinweis fürs heutige Komponieren von Stücken.

Wie lebt der Musiker mit Starstatus? Brönners sieben Jahre jüngerer Bruder Pino war jahrelang sein Manager. Seine Eltern sind von Bonn nach Berlin gezogen, um den Enkel häufger zu sehen. „Früher bin ich oft blauäugig in Situationen reingeschlittert, weil ich dachte, dass Musiker ein wildes Leben haben müssen. Heute weiß ich, dass ich Frieden und Respekt will, den Thrill habe ich zur Genüge gehabt.“ Nicht wenige Kollegen lebten doch in Wahrheit längst vegan und gemütlich, versuchten aber, nach außen die Klischees eines Rockstars zu erfüllen. „Männer, die älter werden, lassen es vielleicht eher zu, dass man sich um sie kümmert. Und für eine Frau ist es vielleicht auch kein Eingeständnis, dass man kein Rückgrat hat, wenn man sich kümmert.“

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Und die Liebe? Sucht er nach einer ähnlichen oder einer gegensätzlichen Frau? „Den Typ Partner könnte ich heute nicht mehr abstecken. Der eine reist mit dir mit, ist aber möglicherweise kein Musikmensch, und es klappt trotzdem hervorragend. Er sollte es natürlich nicht total doof finden, was man macht.“ Hildegard Knef, mit der er 1999 als Produzent und Komponist „17 Millimeter“, ihr erstes Soloalbum nach 20 Jahren, gemacht hat, gab ihm einst einen weisen Rat: „Man kann keinen untalentierten Menschen talentiert machen. Aber der Untalentierte kann den Talentierten hinunterziehen bis auf den Grund des Meeres. Pass also auf, mit welchen Menschen du dich umgibst.“

Mittlerweile wickeln wir unsere leicht scharfe Pasta um die Gabel, Till Brönner isst mit Appetit, legt öfter das Besteck aus der Hand, während er nachdenkt. Wir kommen auf den Lifestyle eines Trompeters zu sprechen. Er übe jeden Tag mindestens eine Stunde, erzählt er. Das sei wie Hochleistungssport: Wenn man aufhört, werde man sofort schlechter. Eigentlich sei es schade, dass es am Tag oft das Letzte sei, was er mache. „Dabei sollte es Dreh- und Angelpunkt sein. Ich spreche manchmal mehr übers Musikmachen, als dass ich es tue. Ich bin immer noch der kleine Junge, der eigentlich nur Musik machen wollte. Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich richtig Spaß.“

Um in Form zu bleiben, trainiert Brönner täglich seine Gesichtsmuskeln und die Beweglichkeit der Zunge. „Das klingt bescheuert und langweilig, ist aber wichtig für das Zusammenspiel von Körper und Instrument.“ Für sein Gesichtsyoga trägt er immer einen Taschenspiegel mit sich herum. Als ich frage, ob die Zunge eines Trompeters mehr könne als die von normalen Menschen, lacht er schallend: „Natürlich!“ Und wiegelt dann ab. Eine Kleinigkeit sei an ihm, dem Profi-Trompeter, allerdings schon anders. Er holt seinen Spiegel raus und zeigt mir die kleinen Narben am Venusbogen seiner Lippen, die vom jahrzehntelangen Andrücken des Mundstücks der Trompete auf die Lippen stammen.

Die Teller werden abgeräumt, der Koch fragt, ob er uns noch eine Tonkabohnen-Crème-brulée bringen könne. Das müsse ich unbedingt probieren, überzeugt Till Brönner mich und bestellt eine Nachspeise mit zwei Löffeln und zwei Espressi.

Passend zum leicht nostalgischen Ambiente des Jazzcafés, wo – natürlich – Jazz im Hintergrund läuft, erzählt der Trompeter, dass er mittlerweile auf seinen Konzerten mehr Vinylplatten als CDs verkaufe. „Obwohl Musik für viele ja leider ein Nebenbei- Medium ist. Man hört sie beim Bügeln, beim Sport, beim Autofahren.“ Er glaubt, dass die Menschen Schallplatten bevorzugen, weil Nadel und Plattenteller für ein Gefühl der Wärme sorgen und ein bisschen die alten Zeiten heraufbeschwören. Auch die Klangqualität sei eigentlich besser. Bei immer mehr Menschen beobachtet Till Brönner den Trend, sich von den ständig neuen „Segnungen“ der Technik zurückzuziehen. Er fndet das gut: „Wir sollten uns eher verweigern, als zu allem – der neuen iWatch, dem Dauergetwittere und Gemaile – Ja zu sagen. Ich treffe mittlerweile mehr Menschen, die bestimmte Dinge nicht mehr tun. Und wir starren fasziniert auf diese Leute, die total nach ihrem Gusto leben.“
Wir sollten uns eher verweigern, als zu allem - der neuen iWatch, dem Dauergetwittere und Gemaile - Ja zu sagen.
Till Brönner

Was bewegt den Moderator seines Genres, was nimmt er sich für die Zukunft vor? Till Brönners Alben entstanden fast alle in verschiedenen Städten, in Rio, New York, L.A. Gearbeitet hat er mit den meisten Großen des Jazz und mit Sängern wie Annie Lennox, Carla Bruni, Aimee Mann.

„Ich bin gern unvorhersehbar, weil ich mich selbst nicht langweilen mag.“ Darum gehe er immer wieder auf Reisen. Seine zweite Heimat ist schon seit einer Weile L. A., wo er die Hälfte des Jahres verbringt. „Ich wollte in Los Angeles die wenigen noch lebenden Legenden des Jazz treffen. Sie wohnen überwiegend dort und gehen da auch nicht mehr weg.“

Bei einem Panel von Komponisten saß er mal neben drei älteren Herren – es stellte sich heraus, dass diese Rentner-Combo verantwortlich war für die Titelmelodien von „Love Boat“, der „Muppet Show“ sowie von „Hawaii Five-0“ und „Mash“. „Nostalgie und Modernes leben da dicht beieinander. Davon profitiert die Musik.“

Außerdem tourt er gerade (Tourdaten unter: tillbroenner.de) mit seinem jüngst gegründeten Till Brönner Orchestra und einer Art Jazz-Revue durch die Lande und präsentiert persönliche Stationen seiner Karriere, von seinen Anfängen mit Charlie Parker auf dem Gymnasium bis hin zu Johann Sebastian Bach.

„Sehr autobiografisch“, sagt er. „Dann fotografiere ich ja auch gern. Das fasziniert mich.“ Im vergangenen Oktober hat er einen Band mit Porträts von Freunden und Musikern herausgebracht, „Faces of Talent“. Die Gesichter sind nicht nur schön, sie erzählen eine Geschichte. Er sieht eine enge Parallele zur Musik: „Fotografieren heißt, mit Licht zu malen, so wie Musik machen bedeutet, mit Tönen zu malen.“

Brönners größter Traum wäre es, ein Zentrum für lebendige Kultur in Berlin aufzubauen, ähnlich dem Lincoln Center in New York. „Dort sollten unterschiedliche Disziplinen wie Jazz, Tanz, Ballett, Fotografie in ihren Entstehungsprozessen zu beobachten sein, frei von ökonomischen Interessen.“ Aber dazu brauche er viel Geld und viel – auch staatliche – Unterstützung. Es sieht so aus, als würde Till Brönner noch viel Lebenszeit darauf verwenden, der Missionar des Jazz zu bleiben.