REISE | Reise-Guide

Elsass

Essen, ja, das ist die eine feine Seite vom Elsass. Aber Genuss hat hier viele Facetten. Man muss nur all seine Sinne öffnen und sich ganz hingeben


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Elsass – Wo das Leben schmeckt

Ein ganz typischer Elsässer, der Cartoonist Tomi Ungerer, meinte einmal zum deutsch-französischen Trauma spöttisch: „Von den Franzosen haben wir die Finesse und Fantasie geerbt, dagegen verdanken wir den Deutschen die großen Portionen.“ Man kann es anstellen, wie man will: Irgendwie endet jedes Nachdenken über die kleinste Region Frankreichs – 50 km breit und etwa 190 km lang zwischen Rhein- ebene und Vogesen gelegen – in Töpfen und Tellern. Und eigentlich fehlt dem Elsass zum absoluten Glück nur noch, südlich ans Mittel- meer und westlich an den Atlantik zu grenzen.

Stattdessen ist da der träge Rhein, und wenn man ihn von Deutschland kommend nahe Rastatt mit der Minifähre überquert hat, findet man sich in einem surrealen Idyll wieder. Das fühlt sich an wie ein radikaler Cut in einer Filmerzählung. Elsass, das ist eine Reise in die verlorene Zeit, in die verschol- lene Bibliothek Europas, in ein kontemplatives Reich aus Fachwerk-Renaissance, in Stein gehauene Sakralkünste und kühne Moderne. Dabei boomt es hier seit Dekaden. Jenseits ihrer historischen Fassadenpracht, den Staufer-Burgen, Barockschlössern, Jugendstilpalästen und herrschaftlichen Weingütern sorgen herzlose Industrien, Autobau, Chemie, Textilien, Elektronik und Hightech dafür, dass das calvinistisch geprägte Elsass die reichste Region hinter dem Pariser Großraum ist.

Ein blitzblank herausgeputztes Musterdorf reiht sich ans nächste, wenn man entlang der Themen- straßen cruist, die Route du Tabac in der Rheinebene etwa, die Piste des Sauerkrauts und vor allem die 170 km lange Weinstraße mit ihren Alleen, Weilern, Mischwäldern und grün leuchtenden Wein- bergen. Und wenn noch etwas fehlt zum perfekten Image, dann helfen findige PR-Architekten eben nach. Da die Störche, die so etwas wie das Wahrzeichen der Region sind, kaum noch in die Brut- gebiete zurückkehren, züchtet man sie hier einfach in den 20 Storchenparks. Und so nisten sie wie- der überall auf Türmen, Dächern und Kirchengiebeln. Die romantischen Wege zwischen Straßburg, Colmar, Sélestat und Mülhausen verwandeln sich so nach zwei, drei Reisetagen in eine Endlos- schleife aus bezaubernden Fließbandimpressionen und rund um die hochglanzpittoresken Wein- käffer Ribeauvillé und Riquewihr stoßen die Déjà-vus fast an die ästhetische Schmerzgrenze. In den Auslagen der Metzgereien werden selbst profane Blutwürste zu kulinarischen Kunstwerken stilisiert. Wo man hinschaut: verschwenderische Überfülle, ein enorm vitaler Hang zur Raffinesse und dabei eine hoch entwickelte Verantwortung gegenüber den Geschenken der Natur.

Völlig planlos fahren wir der Nase nach durch den halb tropischen Dschungel des Rheinrieds, wo Berufsfischer in antiquarischen Kähnen agieren, lassen uns vorbeitreiben an Sonnenblumenfeldern und türkisen Baggerseen und landen oben in den Vogesen, wo es nach Pilzen und Beeren riecht und sich Forsthäuser und Jagdschlösser in Ahorn- und Kastanienwäldern verteilen. Am Ende trudeln wir an€der lothringischen Grenze ein in der alten Silbermetropole Sainte-Marie-aux-Mines, eine von der Zeit vergessene Westernstadt. Bis 1960 wurden hier edelste Amish-Patchwork-Designstoffe pro- duziert und in großen Mengen für die Pariser Haute-Couture-Schauen geliefert. Doch auch das ist Vergangenheit und Wehmut spricht aus all den abgeblätterten Fassaden. Dies kann man von der elsässischen Weinindustrie nicht behaupten, die immerhin in römischen Zeiten wurzelt. 150 Millionen Flaschen Riesling, Pinots und Gewürztraminer kommen jährlich zusammen und das sind über 20 Prozent der französischen Weißweine.Die Meistertropfen der 51 Grand-Cru-Lagen lassen sich in den Kellern pompöser Châteaux verkosten. Links und rechts der Routen stoßen wir auf weitere Super- lative, Käsepäpste, Konfitüren-Königinnen, Karpfenkaiser, Eau-de-Vie-Gurus, deren Produkte auf der Bestellliste des Élysée-Palasts und in den Regalen der berühmtesten Pariser Feinkostläden stehen.

Mit souveränem Stolz blickt die siebtgrößte Stadt Frankreichs auf eine bewegte 2000-jährige Geschichte zurück. Bis das Straßburger Münster, also die Cathédrale Notre-Dame, um 1439 fertig war, benötigte es gut 300 Jahre Bauzeit. Immerhin sorgte der Turm bis ins 19. Jahrhundert dafür, dass die Kirche das höchste Gebäude der Welt war. Der Dreißigjährige Krieg, Blitzeinschläge, Brände, die große Revolution und das ewige deutsch-französische Gezeter setzten dem Wahr- zeichen der 400.000-Einwohner-Stadt zwar kräftig zu, der Magie tut das keinen Abbruch. Die Mühen der Turmbesteigung werden mit einem phänomenalen Blick über die Stadt belohnt und neben großartigen Buntglasmalereien, Kanzeln, Rippengewölben und der goldenen Orgelbühne ist es vor allem die 18 Meter hohe astronomische Uhr, die Besuchermassen hierher lockt. Täglich Punkt
12.30 Uhr wird ihr wunderlicher Mechanismus demonstriert. Von der gotischen Fassade fauchen skurrile steinerne Dämonen und lüsterne Bastarde. Vielleicht haben sie dazu beigetragen, dass Straßburg eine eher brave und lässige, denn verruchte City ist. Es verfügt über einen ganz eigenen, charmanten und lebenslustigen Rhythmus, der sich anfühlt wie eine dramenbefreite Liebesaffäre. Die vielen Studenten verbreiten ein heiter-optimistisches Flair. Kopfsteinpflaster, Trödelläden, verträumte Angler am Kai, überall die handgemalten Werbeschilder, die Butzenscheiben gemütlicher Weinstuben, von Puderglanz und Zuckerkunst verzauberte Teesalons, die Wochenmärkte mit all den satten frischen regionalen Tafelfreuden, Brunnen unter uralten Platanen, schmiedeeiserne Straßen- laternen – Romantik, wohin man schaut. Unwillkürlich denke ich an frühe Hesse-Novellen und an Goethes Werther. Tatsächlich erlebte der 21-jährige Jurastudent Goethe im nahe gelegenen Dörfchen Sesenheim seine erste große Liebe in Form der Pfarrerstochter Friederike Brion, angereichert durch eine pikante wie platonische Ménage-à-trois mit dem noch romantischeren Poeten Lenz. Orgeltöne mischen sich mit dem jazzigen ChillSound der Szene-Schiffbars am Kai der Fischer, in den Gassen des Altstadtviertels duftet es nach Flammkuchen, würzigem Käse und Räucherstäbchen. Die Fach- werkorgien des Fischer- und Gerberviertels „La Petite France“ spiegeln sich in der Ill. Die Ausflugs- boote starten vor dem barocken Stadtschloss Palais Rohan und führen uns in die moderne Aluminium- und Glasarchitektur des Europaviertels mit dem schwer bewachten Europäischen Parlament, dem Europäischen Gerichtshof und dem Quaderblock des deutsch-französischen Kultursenders Arte.

Raymond Waydelich sitzt in seinem Garten in Hindisheim unter einem Kiwibaum, umgeben von einer rostenden Schreibmaschine, einer kleinen Wanne voll mit Trompetenteilen und einem himmelblauen Gartenzwerg. Sein chaotisches Mini-Versailles ist Studio, Atelier, Labor, Kathedrale, Sommersitz und Lustgarten zugleich. Der elsässische Allroundkünstler – Pianist, Sänger, Maler, Bildhauer, Fotograf, Designer, Sammler und Poet – beendet eine längere Ausführung in diesem melodischen Singsang- dialekt: „Und ich bekenne, die schönste Region der Welt ist das Elsass bis hinüber zum Schwarz- wald.“ Der 74-jährige Biennale-Teilnehmer hat mit seinen einzigartigen Mixed-Media-Objekten die ganze Welt bereist. Ähnlich wie bei seinem Freund Tomi Ungerer kulminiert in seiner Seele das Wesen der Heimat: Natur- und Tierliebe, Chuzpe, Intellekt, Hingabe, Neugier, Power, jede Menge Humor und noch mehr Genussfreude. So geht er bei jedem der derzeit 31 Sterneköche ein und aus und hat auch sofort seinen Lieblingspatron Marc Haeberlin an der Strippe, dessen „Auberge de L’Ill“ im 700-Seelenkaff Illhaeusern zu den besten Restaurants der Welt gehört. Anderntags sitzen wir in dem kleinen Büro mitten in der Küche, wo gut 40 Mitarbeiter die 180 Gäste bekochen. Hier nehmen sonst nur Freunde des Hauses, etwa die schwedische Königsfamilie oder der Clan von Giscard d’Estaing, Platz. Trotz Hektik und wildem Geschepper widmet sich uns der Gastgeber mit einer Seelenruhe und einem seltenen Maß an Bescheidenheit und Zugewandtheit. Seit 1967 wird sein Restaurant regelmäßig mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Typisch für fast alle Köche, die sich in diesen außerirdischen Regionen bewegen, gilt die heimliche Leidenschaft des 57-Jährigen ganz simplen Genüssen: Butterkartoffeln, Wiener Schnitzel und Haribo-Konfekt. Für seine Gäste aber zaubert er kulinarische Sensationen – sprachlos ergeben wir uns der Froschschenkelsuppe mit Brunnenkresse, einem Hummergelee mit konfierten Tomaten und einer butterzarten Wildente mit Rotkraut, Feigen und Maisküchlein. Das Finale bildet Pêche Haeberlin, ein pochierter Pfirsich mit hausgemachtem Pistazieneis, übergossen mit einer elfenbeinweißen, vanillisierten Champagner-Sabayon-Creme. In seiner Küche fließen die Aromen und Nuancen des Elsass zusammen und verwandeln sich zu einem sinnlichen Mysterium. Jedes Detail in der Auberge ist stimmig und das harmonische Zusammenspiel von Ambiente, Farb- und Lichtgebung, Porzellan und sonstigen Accessoires ist reine Stilvollendung. Draußen stolziert Hausstorch Hansele durch den Garten und unter den grünen Schlingen der Trauerweiden am Ill-Ufer schunkeln sanft die hauseigenen Holz- kähne. „Zweimal die Woche ruft mich Paul Bocuse an. Wir reden dann so über das Alltägliche. Und am Ende fragt er jedes Mal scherzhaft, ob wir Elsässer momentan von den Franzosen oder den Deutschen besetzt seien.“

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