REISE | Reise-Guide

Mecklenburg-Vorpommern

Die Ostseeinseln von Mecklenburg-Vorpommern:
wie ein Familienschatz aus leuchtenden Schmuckstücken


Darss: „Windflüchter“ heissen die sturmzerzausten Bäume der Region – Foto: bestprice



so schön: Dichter- und Denkerspuren im Sand – Stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Fotos illustrieren in dem Wochenkalender „Literarische Ostsee 2013“
(Edition Ebersbach, 22 Euro) Text-Vignetten rund um die baltische See. Zu Wort kommen Künstler wie Caspar David Friedrich und Maler der Ahrenshooper Schule wie George Grosz und Gerhard Marcks und Schriftsteller wie Theodor Fontane, Robert Musil, Hans Fallada, Uwe Johnson, Günter Grass u.v.a. – Foto: PR

MECKLENBURG-VORPOMMERN –
BERNSTEIN-FUNKELN

Zuckelt man gemächlich über eine der vielen Kopfsteinpflasteralleen – von Bäumen gesäumt, deren Kronen sich einander zuneigen und einen grünen Baldachin bilden, durch den das Sonnen- licht wie goldene Bernsteinsprengsel fällt –, fühlt man sich wie in einem Zeittunnel auf dem Weg in eine andere Welt. Eine, in der man nicht Urlaub macht, sondern sich in die Sommerfrische be- gibt. So wie damals in den gehobenen Kreisen, die den Tourismus Mitte des 19. Jahrhunderts auf jene Inselkette brachten, die sich entlang der Mecklenburger und Pommerschen Bucht im deutschen Nordosten bis zur tatsächlich über Usedom verlaufenden polnischen Grenze zieht. Seit Wikingerzeiten war sie vornehmlich von Fischern und Bauern besiedelt, mal abgesehen vom einen oder anderen Fürsten oder Ritterguts- besitzer.

Partyinseln? Wirklich nicht! Ihr Charme ist total retro – und damit ganz im Trend. Stellen wir sie uns mal als Familie vor, eine Geschwisterriege „aus gutem Hause“.

Schützend, wie um die kleinen Schwestern und den Bruder vor der offenen See abzuschirmen, baut sich nordöstlich von Rostock ein Gebilde namens Fischland-Darß-Zingst auf, die schmale, lang gestreckte Sandbank, die eigentlich eine mit dem Festland verbundene Halbinsel ist. Sie wird meist nur „der Darß“ genannt und hat auch eine eher raue, maskuline Ausstrahlung. Schon allein die Sturmfrisuren der sogenannten Windflüchter, orkanzerzauste, knorrige Bäume mit schiefen Kronen, die besonders dramatisch am langen Weststrand aufragen, haben etwas sehr Ur- tümliches. Tatsächlich ist der Nationalpark mit seinen Mooren und Salzseen und der stillen Boddenlandschaft ein naturbelassener Urwald, den man auf schilfgesäumten Holzbohlenwegen durchstreift, um die Ökologie zu erhalten.

Der Darß wirkt wie ein bodenständiger, gummi- bestiefelter Gutsherr, der sich unaufgeregt um sein Land und seine Leute kümmert. Einer, der zu Pferde wie auf seinem speziell angefertigten Motorrad eine gute Figur macht oder, im Anzug, auch mal bei Kunst- und Kulturevents im neuen, hypercoolen Kurhaus von Ahrenshoop. Beim „lütten Schnack“, dem kleinen Plausch mit Einheimischen, womöglich in der gemütlichen Konditorei „Teeschale“ in Prerow, wo es selbst gebackene Kuchen und Snacks aus biologi- schem Anbau gibt, würde er aber nicht durch- blicken lassen, dass er das luxuriöse Ambiente des klotzigen Kurhauses genießt, das vielen ein Dorn im Auge ist. Natürlich nicht denen, die hier absteigen: Von den weitläufigen Terrassen oder von drinnen, durch die Fensterfronten, ist der Blick auf die bunt gestrichenen, mit bezaubern- dem Schnitzwerk versehenen und meist reet- gedeckten Häuser wunderschön, der auf die See atemberaubend.

Der Darß zieht als Retreat eher in sich ruhende Persönlichkeiten wie den früheren Rostocker Pastor und jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck an, der vorzugsweise in seinem ererbten, rot geklinkerten Reetdachhaus direkt am Deich in Wustrow die Ferien verbringt – oft auch mit seinen Schwestern Marianne und Sabine und dem Bruder Eckard. (Wenn nicht von der Gauck-Sippe belegt, kann übrigens jeder dort eine der Ferienwohnungen mieten, www.hausamdeich-wustrow.de). Wo- möglich sichtet man den ersten Mann im Staate am Strand vor der Tür. Oder aber in einer der Schiffs- wracks nachempfundenen und mit maritimem Dekor versehenen inseltypischen Seemannskirchen, z.B. in Prerow am sogenannten Leuchtturmweg oder im Künstlerort Ahrenshoop. Dort zeigt sich der kantige, stille Darß von seiner mondänen Seite: Sternehotels, schicke Shops und Restaurants und vor allem Galerien wie der berühmte blaue „Kunstkaten“, in den 1880ern als Ausstellungsstätte für die progressive Malerkolonie Ahrenshoop gegründet, der Alexej von Jawlensky, „Blauer Reiter“-Mitbegründer, und vor allem viele Künstlerinnen angehörten. Heute werden hier Retrospektiven der damaligen Pioniere der Moderne und zeitgenössische Kunst gezeigt.

Das Feingeistige ist auch Domäne des verspielten und manchmal etwas dandyhaft daherkommen- den kleinen Bruders Hiddensee, dem typischen „Sandwichkind“. Die zwischen Darß und Rügen gelegene, gerade mal 19 Quadratkilometer große Insel ist eine autofreie Idylle, nur mit den Fähren und Schnellbooten der Weißen Flotte erreichbar; vier kleine Orte: Kloster, Grieben, Vitte und Neuen- dorf, umrahmt von violetter Heidelandschaft, mit kräftigen Farbtupfern von gelbem Ginster, roter Hagebutte und orangefarbenem Sanddorn. Die Früchte des Sanddorns, wahre Vitaminbomben, sind ein Markenzeichen aller vier Inseln: Man macht Schnaps daraus oder Likör, verwendet den Sanddorn in der Küche oder als Wunderingredienz bei Spa-Anwendungen. Da sich sein botanischer Name „Hippophae“ nun aber mal aus dem griechischen „hippos“ (Pferd) und „phaes“ (leuchtend) ableitet, meldet Hiddensee Vorrechte an. Schließlich hat das Eiland aus der Vogelperspektive die Form eines Seepferdchens, nach dem mythologischen Meeresungeheuer auch „Hippocampus“ genannt. Da ist Hiddensee eigen, sieht den Sanddorn sozusagen als seinen speziellen Siegelring. Von Sanddorn umsäumt ist auch das Hiddenseer Haus von Gerhart Hauptmann, heute ein Museum. Hier hielt der Dichterfürst Hof, meist in Knickerbockern und mit Pfeife im Mund. Und schaute wohl auch mal arg- wöhnisch auf die Scharen von Bohemiens, die sich in seinem Windschatten tummelten. Literaten, Verleger, Maler wie die Mitglieder der expressionistischen Dresdner Künstlergruppe „Brücke“. Schauspielerinnen wie Stummfilmstar Asta Nielsen, Tänzerinnen wie Avantgarde-Legende Gret Palucca. Letztere liegt übrigens, wie Hauptmann auch, auf dem Friedhof der hinreißend schönen kleinen Inselkirche von Kloster, die man unbedingt anschauen sollte. Hiddensee ist in erster Linie ein Naturdorado, das man mit einem Pferdegespann erkundet oder erwandert, durch die Wälder, die Heide, die Strände entlang. Ein kleines Paradies, dem man definitiv verfällt.

Mit der Epoche der schlohweiß in der Sonne gleißenden Seebäder – Binz, Göhren und Sellin auf Rügen, auf Usedom Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin – hielt die Society Einzug auf den Schwester- inseln. Seither setzen die beiden sich, jede auf ihre eigene Art, in Szene. Zu sozialistischen Zeiten lief dieser Schönheitswettbewerb verdeckt ab, hinter grauer Einheitstünche versteckt, oder in Enkla- ven für die Nomenklatura verbannt, die Rügen vorgelagerte Mini-Insel Vilm beispielsweise, oder auch Teile des Darß. Datschen und Schrebergärten, Campingplätze und FKK-Strände erinnern vielerorts heute noch an den in der DDR gelebten Stil. Hinter wieder prächtig hergerichteten Fassaden, z.B. im klassizistischen früheren Fürstenresidenzstädtchen Putbus auf Rügen, lauern immer noch Spuren des jahrzehntelangen Verfalls, selbst wenn sofort nach der Wende das Wetteifern um den Titel „Germany’s Next Top Island“ voll entbrannte. Aber immer mit Blick zurück. Wer auf Rügen etwa die 154 Stufen der gusseisernen Wendeltreppe des Mittelturms von Jagdschloss Granitz erklommen hat und sich am grandiosen Panoramablick über die bewaldeten Hügel und dramatischen Küsten mit ihren Kreidefelsen berauscht, verliert sich leicht in Träumereien von aristokratischen Landpartien oder Teegesellschaften vergangener Tage. Nach Wanderungen, Radtouren, Ausritten oder Strandkorb- tagen könnte man ein Kurkonzert genießen oder aber – zeitgemäßer, origineller, jünger – cool chillen, auf der Terrasse oder an der edel gestylten Bar des Designhotels „Cerês“. Noch ein Tipp: Jazz und Funk hören in der schicken Club-Vinothek „Byntze“.

Usedom, die jüngere, verwöhntere Schwester, wirkt dagegen wie ein Charleston-Girl. Charmant, etwas extravagant. Versprüht jetzt wieder einen Hauch jener Glanzzeit der Golden Twenties und Roaring Thirties, den die Regime der Nazibonzen und SED-Funktionäre weggefegt hatten. Beim Bummel über die elegante Promenade mit ihren Gründerzeitvillen, die die drei „Kaiserbäder“ Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck verbindet, möchte man sich am liebsten mit Federboa und Perlenstirnband aufbrezeln: ganz im Spirit von damals, als Lebemänner, Intellektuelle oder Unternehmer aus der Hauptstadt russische Großfürstinnen im Exil genauso wie junge Berlinerinnen übers Parkett wirbel- ten oder mit ihnen ein Bad in der Ostsee nahmen. Usedom, vom Bahnhof Zoo damals in weniger als zwei Stunden erreichbar, hieß „Badewanne Berlins“. Hier tummelten sich neben dem Künstlervolk Großindustrielle und die (meist jüdische) Hochfinanz, die schon Wilhelm II. den Ausbau seiner Flotte beschert hatte. Und heute? Braucht man für die Bahnfahrt die doppelte Zeit. Ist es auf der Insel nicht ganz so nobel und glamourös und manchmal zu voll (auf der Flaniermeile im Hochsommer). Was allein zählt: der puderfeine Sand, das sanfte Meer, die Seebrücken...

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