REISE | Reise-Guide

Reise-Guide Marken

Die Marken sind das bestgehütete Geheimnis Italiens: mit heilem Leben auf dem Land
und kleinen Kostbarkeiten an der Küste. Und überall Spuren der großartigen Geschichte

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Foto: Stefano Amantini/Atlantide Phototravel/Corbis

MARKEN – DIE HEIMLICHE KÖNIGIN

Samstag ist in Pesaro kein Tag wie jeder andere. Ganz besonders an den Sommerwochenenden, wenn die Sonne das Meer und die Menschen wärmt und täglich Tausende an den Strand eilen, um unter den dottergelb und kirschrot gestreiften Sonnenschirmen ihre Plätze einzunehmen. Kaum ist es warm genug, sich in Bikini und Badeshorts im Sand zu rekeln, öffnet sich, wie jedes Jahr, der Vorhang vor dem großen Theater des Lebens. Mit Hauptdarstellern und Statisten, mit denen, die sehen wollen, und denen, die lieber gesehen werden wollen. Nur 50 Kilometer südlich vom Rund-um-die-Uhr-Rimini-Rummel ist die Welt am Strand jedoch vergleichsweise noch in Ordnung. Pesaro ist ein Küstenstädtchen der Marken, eines, selbst unter Italienkennern kaum bekannten breiten Küstenstreifens, der im Norden von der Emilia Romagna, im Westen von Umbrien und im Süden von den Abruzzen eingerahmt wird. Kaum zu glauben, dass dieses vernachlässigte Filetstückchen mit seiner wohltemperierten Lebensfreude bislang keiner Reiseführer-Reihe attraktiv genug erschien, ihm einen eigenen Band zu gönnen. Mit Glück entdeckt man die heimliche Schöne als stiefmütterliches Anhängsel von Umbrien-Führern. Dabei kann sie zu Recht von sich behaupten, alles, was uns an Italien gefällt, in einer einzigen Provinz zu vereinen: bezaubernde Badeorte an der 170 Kilometer langen Küste wie Senigallia, Portonovo oder Sirolo, eine zwischen dem Meer und den Bergen ausgebreitete, sanft gewellte Kulturlandschaft und, an der Grenze zu Umbrien, die bislang nur von Wanderern und Drachenfliegern frequentierten, bis auf 2476 Meter ansteigenden Monti Sibillini. Dazu jede Menge antiker Kostbarkeiten aus der Römerzeit, Kastelle, Festungsburgen, Klöster und kleine Städte, die an das Leben in Florenz vor 50 Jahren erinnern.

Pesaro ist dafür ein gutes Beispiel: Sobald am späten Samstagnachmittag am Strand die Sonnenschirme zusammengerollt werden und sich die endlosen Liegestuhlreihen wieder in surreale Stillleben verwandeln, öffnet sich der Vorhang zum nächsten Akt. Als Bühnenbild dient, wie in vielen italienischen Kleinstädten, die Piazza del Popolo. Die Kulisse: ein harmonisches Ensemble aus Rathaus, Postgebäude und einem historischen Brunnen in der Mitte. Zuschauer und Akteure tauschen gelegentlich die Rollen, andere behaupten seit Jahren ihre Logenplätze in den vorderen Reihen des legendären Caffè Ducale im Palazzo della Paggeria. Sämtliche Hauptrollen sind allerdings von Einheimischen besetzt, die nicht gerade vor Temperament sprühen. Vielleicht standen sie zu lange unter der Vormundschaft des Vatikans, dem sie angeblich mit besonderem Fleiß als Steuereintreiber dienten, oder es sind die langen melancholischen Wintermonate, die Spuren in der Seele hinterlassen. Man liebt die Leute von Pesaro heute viel mehr für ihre geradlinige bodenständige Art, mit Fremden umzugehen, und für ihre Großzügigkeit und Gastfreundschaft, sobald der erste Bann gebrochen ist. Auf die Piazza kommen sie alle: im Kinderwagen, auf dem Fahrrad, im Rollstuhl, zu Fuß. Die Mädchen heute Arm in Arm mit ihren besten Freundinnen statt wie früher in Begleitung ihrer älteren Brüder. Rundliche Hausfrauen verteidigen die wenigen Plätze auf den Bänken, während alte Männer in den Taschen ihrer Lodenjoppen nach zerknüllten Zigarettenpackungen kramen.

Landwirtschaft und Handel waren in diesen Breiten von jeher der Mittelpunkt des Lebens, und dennoch haben die Marken, ähnlich wie die Toskana, große Dichter und Komponisten hervor- gebracht. Auf der kurzen Strecke zwischen Pesaros Piazza und dem Meer passiert es leicht, am Haus mit der Nummer 34, wo 1792 der große Komponist Gioacchino Rossini das Licht der Welt erblickte, achtlos vorbeizulaufen. Heute ist es ein Museum. Nicht wirklich aufregend, wie ich finde. Ein paar alte Notenblätter, ein paar Primadonnen-Konterfeis und eine Handvoll Karikaturen, die den großen Meister bei seiner zweitliebsten Beschäftigung zeigen, beim Essen. Noch ein paar Treppen weiter die schmalen Stiegen hinauf hatte Mamma Rossini, die als Sängerin zeitlebens die zweite Besetzung blieb, ihre Küche. Hier muss der zukünftige Gourmet wohl auf den Geschmack gekommen sein. Wir können uns glücklich schätzen, denn auf diese Art hinterließ er der Nachwelt nicht nur 40 Opern, darunter den „Barbier von Sevilla“, „Wilhelm Tell“ und „Moses in Ägypten“, sondern auch noch das Rezept der „Tournedos Rossini“, die heute auf den Luxuslinern dieser Welt so manches Captain’s Dinner adeln: zarte Rinderlende mit Gänseleber und Trüffel. Letztere standen ganz weit oben auf der kulinarischen Wunschliste des großen Meisters. Ein Wunsch, den man sich damals wie heute in den Marken leicht erfüllen kann. Denn, was wenige wissen: Das unterhalb des Monte Petrano liegende Städtchen Acqualagna kann sich als Trüffel-Hotspot mit Alba messen. In der Zeit von Oktober bis Dezember bringen die „Cavatore“ jede Woche alles, was sie an weißen Trüffeln in den umliegenden Eichenwäldern finden können, auf den Sonntagsmarkt. Dem schwarzen Wintertrüffel kommen die Schnüffelhunde ab Mitte Februar auf die Spur und der schwarze Sommertrüffel landet im August auf den Marktständen von Acqualagna. Rossini, der mit 37 das Komponieren aufgab und danach die meiste Zeit seines Lebens damit verbrachte, in Paris einen kulinarischen Salon zu führen, wurde niemals müde, sich neue Rezepte auszudenken. „Essen, Liebe, Singen und Verdauen, das sind wahrhaftig die vier Akte der komischen Oper“, rief er fröhlich in die Welt, füllte Kapaune mit Trüffeln, hobelte das schwarze Gold großzügig über dampfende Bandnudeln, und sogar seine Salatsauce – Olivenöl, Weinessig, englischer Senf und Zitronensaft – kam grundsätzlich mit winzigen Trüffelstückchen auf den Tisch. Dass er sein Leben lang mit seinem Gewicht kämpfte, verdankte er allerdings mehr den groben Würsten und Schlachtplatten. Eine der Stärken der Marken ist ihre deftige, unverfälschte Küche, die das Beste vom Land und aus dem Meer ohne große Schnörkel zubereitet. Im Winter wärmt man den Magen mit Lamm, Kaninchen und Spanferkel, im Sommer mit adriatischen Köstlichkeiten wie mariniertem Wolfsbarsch, Seezungenravioli mit Gänseleberschaum, knusprig frittierten Sardellen und den von Nord nach Süd gleichermaßen beliebten Spaghetti alle vongole.

Urbino, eines der attraktivsten architektonischen Schmuckstücke im nordöstlichsten Zipfel der Marken, ist für seine Passatelli bekannt, Nudeln aus Brotkrumen, Parmesan und Ei, die in Brühe gekocht werden. Seit 1998 gehört das historische Zentrum der nach Florenz zweitwichtigsten Renaissancestadt Italiens zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ähnlich einem Schneckenhaus schrauben sich seine Häuser, Kirchen und Paläste bis auf die Spitze einer windumspielten Bergkuppe. Ich besichtige den mit seinen trutzigen Türmen alles beherrschenden Palazzo Ducale, Hinterlassenschaft des Haudegens, Humanisten und Renaissancefürsten Federico da Montefeltro. Seine Entschlossenheit, der Welt ein paar Wunder zu bescheren, stand ihm ins Gesicht geschrieben: Piero della Francesca, der berühmteste Maler seiner Zeit, porträtierte ihn mit mächtiger Nase und einem höchst energischen Kinn. Fürst Federico war seiner Zeit voraus: Er hatte Kühlanlagen in seinem Palast, bestand auf Mülltrennung, benutzte angeblich als Einziger eine Toilette mit Wasserspülung und sammelte zeitgenössische Kunst. Als Galleria Nazionale delle Marche beherbergt sein ehemaliger Palast heute die Werke so bedeutender Maler wie Luca Signorelli, Raffael und natürlich Piero della Francesca. Bei einem Spaziergang entlang der alten Stadtmauer schaue ich immer wieder hinaus auf das über Jahrhunderte gewachsene Miteinander der von dunklen Zypressenreihen begrenzten Lorbeerwälder und Sonnenblumenfelder.

Auf dem Weg Richtung Süden mache ich Rast in Jesi, der Geburtsstadt des Staufers Friedrich II. (1194). Bekannt ist das Städtchen allerdings eher für den Verdicchio dei Castelli di Jesi, den Vorzeigewein der Marken, der auf den umliegenden Weingütern produziert wird. Ich mache als Erstes ein Foto von der Fassade des Teatro Pergolesi, bevor ich mir sein Innenleben mit dem ausgefallenen elliptischen Auditorium zeigen lasse. Es ist einer von rund 40 noch regelmäßig bespielten Bühnenpalästen im Zwergenformat, Resultat eines Theaterbaubooms im 19. Jahr- hundert, als wohlhabende Bürger es genossen, sich als Logenbesitzer zu brüsten. Unter den schönsten: das ursprünglich als Arena genutzte Sferisterio in mittelalterlichen Musterstädtchen Macerata, das Teatro Apollo in Mondavio mit seiner neoklassizistischen Deckenmalerei und das Teatro delle Muse in Ancona, der Hauptstadt der Marken, Ausgangshafen für den Fährverkehr ins östliche Mittelmeer. Bevor ich endgültig ans Meer zurückfahre, mache ich noch einen Besuch in Ascoli Piceno. Das von zwei Flüssen umschlungene Städtchen hatte seinerzeit schon Sartre und Simone de Beauvoir begeistert. So wie sie es wohl taten, schlendere ich durch die Arkaden der Piazza del Popolo und nehme meinen Macchiato auf der Terrasse des Jugendstilcafés „Meletti“. Endstation Monte Conero: Nur wenige Kilometer südlich von Ancona schiebt sich dieser markante Kalkfelsen bis an die sonst so brettebene Adriaküste. Ich überlege einen Moment lang, ob ich zur Abtei San Pietro hinaufsteigen soll, dann zieht es mich doch zum Meer. In Sirolo, einem romantischen kleinen Küstenort, lasse ich ein Boot organisieren, das mit mir so lange an den versteckten Badebuchten entlangtuckert, bis ich den richtigen Platz gefunden habe für einen Spigola vom Grill und, wie könnte es anders sein, ein Glas des kristallklaren, nach Pfirsich und Apfel duftenden Verdicchio.

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