Klar kennen Sie die Malediven mit ihren zahllosen kleinen, feinen Hotel-Inseln. Nur: Die Eilande der Einheimischen waren bisher tabu. Nun kann man sie bereisen. Eine Umarmung der besonderen Art. Mit Startpunkt in Villingili
Foto: Shangri-La’s Villingili Resort & Spa (4), Christian Zaengl (4)
Foto: Shangri-La’s Villingili Resort & Spa (4), Christian Zaengl (4)
MALEDIVEN – DAS PARADIES ÖFFNET DIE PFORTEN
Sie schauen aufs Meer. Ein Dutzend Männer in leuchtend karierten Hemden und Badelatschen. Ihre ausgeblichenen Plastikstühle haben sie unter dem alten knorrigen Eibisch in einer Reihe nebeneinandergestellt und sitzen einfach nur da. Schauen über die Straße, den Hafen, die Lagune bis zu den Inseln am Horizont. Wie von einem kräftigen Pinselstrich hingekleckst liegen sie dort, flüchtig hingeworfen ins leichte Himmelblau und stille Ozeangrün. Die Männer schweigen. Als würden sie auf etwas warten. Aber nichts passiert. Nur die Luft flirrt in der sengenden Hitze und das Licht ist gleißend.
Was soll auch groß passieren? Das Addu-Atoll liegt sogar für maledivische Verhältnisse weit abgeschieden, 70 Minuten mit der Propellermaschine von Malé, am südlichsten Zipfel des Landes, schon jenseits des Äquators. Dahinter kommt nur noch Wasser bis zu den Eisfeldern der Antarktis. Die Briten hatten hier mal einen Luftwaffenstützpunkt, und sie bauten Dämme ins Meer und verbanden vier Inseln miteinander. Seitdem zieht sich eine 17 Kilometer lange Asphaltpiste mitten durch den Indischen Ozean, die längste Straße der Malediven.
Hin und wieder besuchten ein paar britische Veteranen ihre alten Kasernen, um sich zu erinnern, und im Sommer 2009 eröffnete das noble „Shangri La’s Villingili Resort & Spa“. Aber der große Tourismus ist auf der winzigen Inselgruppe noch nicht angekommen.
Aus der Luft sieht das Addu-Atoll aus wie ein heller Tupfen im tiefblauen Indik. An den Riffen ist das Wasser türkis und durchsichtig, dahinter dunkel und rau. Wir landen auf dem früheren Militärflughafen auf Gan, steigen ins Schnellboot, steuern unser exklusives Ferienziel an und ich verliebe mich im ersten Augenblick. In den Dschungel, der sich über die Insel Villingili ausbreitet, mit Mangroven und Banyan-Feigen auf mannshohen Wurzeln, Tausenden Kokospalmen, Mandel- bäumen, Rosenholz, mittendrin riesige Farne und weiße Frangipani, die betörend duften. Vor allem aber in unsere Villa, die mit eigenem Pool und Terrasse zum privaten Strand ein Höchst- maß an Privatsphäre bietet. Wir tauchen ab zu den Riesenmantas, die lautlos durch den Ozean fliegen, und versinken später bei einer Massage mit warmem Kokosöl in Wohlbehagen.
Shangri-La bezeichnet ein erdichtetes Paradies im Himalaya, Sebastian und ich haben es im tiefen Süden auf Villingili gefunden. Abends, wenn es schon dunkel ist und die Lampions wie Glühwürmchen über die Insel leuchten, haben Kellner die Tische am Strand gedeckt und servieren maledivisches Fisch-Curry, gegrillte Garnelen und Mangopudding. Die Nächte sind sternenklar, der Wind streicht durch die Palmblätter und von der Bar weht leise afrikanisch klingende Bodu-Beru-Musik herüber.
Ein paar Tage, und wir haben im Gleichmaß der Tropen entspannt und sind morgens die Ersten, die beim Frühstück unter den Sonnenschirmen sitzen. Frauen in beigefarbenen Gewändern und Schleiern kommen und fegen mit Reisigbündeln das Laub vom Vortag zusammen. Sie wirbeln wie Tänzerinnen, ihre Besen kämmen den Sand. „Das sind die Strandpflegerinnen des Villingili Resorts“, sagt Mohamed Inaan, der die Freizeitaktivitäten der Gäste betreut und uns zum Badminton abholt. Eigentlich arbeiten Frauen selten in einem Resort, weit weg vom Schutz der Familie. Das ist nicht gern gesehen. Hier aber leben die meisten Angestellten auf den umliegenden Inseln. Die Entfernungen sind gering, die Transfers mit Personalbooten gut organisiert. Selten auf den Malediven.
Seit Anfang der 1970er-Jahre die ersten Hippies auf die maledivischen Fischer-inseln kamen, Haschisch rauchten und nackt über die Strände wanderten, wurden Besucher und Bevölkerung so weit wie nur möglich getrennt. Der frühere Präsident Maumoon Abdul Gayoom wollte sein muslimisches Volk schützen. Die Malediven sollten bleiben, wie sie sind. Darum gibt es Inseln für Touristen und Inseln für Einheimische, aber niemals beides zugleich. Und die Eilande der Malediver zu besuchen war verboten. Das soll sich nun alles ändern. Seit die Regierung wechselte, dürfen Urlauber den maledivischen Alltag erleben. Ob wir Lust auf einen Ausflug haben, fragt Mohamed. Klar!
Am andern Morgen. Delfine springen aus dem Wasser, begleiten unsere Fahrt durch die Lagune hinüber nach Feydhoo, der nächstgelegenen bewohnten Insel. Eben tuckert ein knalltürkises Fischerboot in den Hafen. Schnell ist eine kleine Traube von Männern zusammengelaufen. Stimmung wie am Markttag. Jeder grüßt jeden, alles hält Geldscheine in die Luft, kauft den Fisch direkt vom Boot. Fünf Dollar kostet einer, 2,5 Kilo schwer. Manche tragen die oberschenkelgroßen, metallisch glänzenden Thunfische einfach an der Schwanzflosse nach Hause, andere lassen sie gleich filetieren. Keine zwei Minuten dauert es, und sie bekommen die roten Filets, die wie saftige Steaks aussehen, in eine Tüte gepackt. Wir wechseln die Straßenseite. Drüben also sitzen die Männer unter dem knorrigen Eibisch, der seine Äste weit von sich streckt. Ein paar spielen Thinhama, schieben braune und schwarze Steine über ein Holzbrett und scherzen. Wenige Schritte weiter gibt es einen modernen Supermarkt, wo wir gekühlte Getränke kaufen und uns Fahrräder leihen.
Wir treten langsam in die Pedale. Die Route geht über vier Inseln, auf denen etwa 25.000 Menschen leben. Aber erst mal biegen wir ab in die sandigen Seitenstraßen zu den blau und rosafarbenen Häusern der Malediver. Wir bewundern ein Haus mit besonders schönem Garten. Da grüßt ein rundlicher Mann von vielleicht fünfzig Jahren „Maruhaba“ und lädt uns ein. Drinnen ist es so hübsch wie draußen. Statt Sofas gibt es zwei große Holzschaukeln an dicken Balken. „Das Haus ist 70 Jahre alt, die Briten haben es gebaut“, sagt Mohamed Didi und erzählt bald die ganze Geschichte, wie die Briten im Zweiten Weltkrieg auf Gan eine Militärbasis errichteten und mir nichts dir nichts die Bewohner hierher nach Feydhoo umsiedelten, und die von Feydhoo nach Maradhoo. Leicht sei das damals nicht gewesen, aber die Leute von Addu hätten sich eben arrangiert, Englisch gelernt und gut bezahlte Jobs bekommen. Dann hat er nichts mehr zu erzählen. Wir schaukeln noch ein Weilchen vor uns hin, nur der Ventilator schrabbelt leise durch die warme Luft.
Die Asphaltpiste zieht sich schnurgerade durch die Ebene. Oft fahren wir nur ein, zwei Meter neben dem Meer entlang. Kommen vorbei an kleinen Moscheen, zwei Tankstellen und dem einzigen Postamt des Atolls. Nette Geschäfte gibt es auch, vom Friseur bis zum Modeladen. Wir entdecken ein Internetcafé. Die Türglocke sagt freundlich „Hello, welcome“, aber drinnen gibt es nichts als quietschgelbe Wände und ein paar Regale voller Krimskrams. Im Moment sei ihm das Geld ausgegangen, erklärt der Inhaber, aber in Zukunft werde es hier mal ein Internetcafé geben. Wie sagte Mohamed? „Es gibt keine Arbeit, aber jeder arbeitet was.“ Und es sei gut, dass der Tourismus nach Addu komme. Das gäbe vielen eine Perspektive. Für einen Moment erinnere ich eine Nachricht aus Malé: 72 neue Resorts sollen entstehen, davon 40 innerhalb der nächsten drei Jahre. Zudem habe man vor, die Einkünfte aus dem Fremdenverkehr gerechter zu verteilen. Deshalb werde es bald kleine Hotels, Lokale, Kunstgewerbemärkte und Fährdienste auf den bewohnten Inseln geben. Ob die Einwohner das am Ende gut finden, wenn massenhaft weiße Urlauber in Shorts über die Inseln radeln, denke ich flüchtig.
In einem Dorf auf halber Strecke ruft der Muezzin zum Mittagsgebet von der Moschee, als plötzlich jemand „Hello!“ schreit. Zwei etwa 17-jährige Mädchen laufen auf uns zu, und während die eine fragt „What are you doing here?“, fängt die andere schon an zu erklären. Dass dies eine alte Moschee sei, dort drüben auf dem Fußballplatz immer tolle Stimmung herrsche?... Jetzt aber sollten wir nicht länger in der Affenhitze rumstehen, sondern mit ins Haus kommen. Also setzen wir uns auf das geblümte Sofa neben dem Fernseher und die Mutter bringt süßen Reis, geräucherten Fisch und Eiskaffee. Mittagessen bei Familie Rasheed. Wie freundlich hier alle sind! Und wie lecker das Essen schmeckt!
Wir verlassen die Asphaltpiste und folgen der Hauptstraße über die Insel Hithadhoo. Unter einem Vordach knetet eine Frau, Fathmath Hajara heißt sie, einen weißen, wässrigen Brei wie einen Knödelteig. Sie mache ihr Kokosöl noch selbst, weil es besser schmecke als das gekaufte, sagt sie. Rechts hinter den Häusern steigt Rauch auf und es riecht nach verbranntem Holz und Haushaltsmüll. Ein gelber Papagei flattert krächzend vom Baum. Noch zwei-, dreihundert Meter, dann beginnt das Dickicht der Mangrovensümpfe. Eben erreichen wir das Ende der Straße, da lässt der Himmel dicke tropische Tropfen fallen und die dumpfe Hitze des Tages entlädt sich in einem heftigen, herrlichen Regenschauer.
Zurück auf Feydhoo, die Frauen sitzen später am Abend in ihren Burkas, die Arme und Haare verhüllt, auf Plastikstühlen am Straßenrand und schwatzen. Einige haben die Füße auf einem Stück Baumstamm vor sich hochgelegt, eine hält ein Handy in der Hand. Sie wirken ganz unbefangen und gelöst. Das Abendlicht verliert sich über der Lagune, und während wir auf das Schnellboot warten, schauen wir hinüber zu unserer Ferieninsel. Wie eine Tuschezeichnung liegt sie im silbern funkelnden Meer. Wir freuen uns still auf einen Aperitif am sanft geschwungenen Sandstrand von Villingili und den Segeltörn zum Äquator morgen. Sebastian sagt, dass für ihn der wahre Zauber der Malediven in der Begegnung mit den Menschen liege, die hier leben. Und ich denke, wie sie sich wohl verändern werden, wenn der große Tourismus auf die Inseln kommt. Sicher werden sie immer noch lächeln – hoffentlich genauso von Herzen wie jetzt.
MALEDIVEN – DAS PARADIES
ÖFFNET DIE PFORTEN
Sie schauen aufs Meer. Ein Dutzend Männer in leuchtend karierten Hemden und Badelatschen. Ihre ausgeblichenen Plastikstühle haben sie unter dem alten knorrigen Eibisch in einer Reihe nebeneinandergestellt und sitzen einfach nur da. Schauen über die Straße, den Hafen, die Lagune bis zu den Inseln am Horizont. Wie von einem kräftigen Pinselstrich hingekleckst liegen sie dort, flüchtig hingeworfen ins leichte Himmelblau und stille Ozeangrün. Die Männer schweigen. Als würden sie auf etwas warten. Aber nichts passiert. Nur die Luft flirrt in der sengenden Hitze und das Licht ist gleißend.
Was soll auch groß passieren? Das Addu-Atoll liegt sogar für maledivische Verhältnisse weit abgeschieden, 70 Minuten mit der Propellermaschine von Malé, am südlichsten Zipfel des Landes, schon jenseits des Äquators. Dahinter kommt nur noch Wasser
bis zu den Eisfeldern der Antarktis. Die Briten hatten hier mal einen Luftwaffenstützpunkt, und sie bauten Dämme ins Meer und verbanden vier Inseln miteinander. Seitdem zieht sich eine 17 Kilometer lange Asphaltpiste mitten durch den Indischen Ozean, die längste Straße der Malediven.