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REISE | Reise-Guide
Reise-Guide Bagdadbahn
Auf einer Reise von Istanbul nach Damaskus auf den Schienen der legendären Bagdadbahn versinkt man tief in den Spuren der Menschheitsgeschichte
Foto: Heuer/laif (2), mediacolor‘s (1), N. Setchfield (1), beide Alamy
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LEBENDIGE GESCHICHTE
Logenplatz über den Dächern von Istanbul. Ich sitze an der Bar des rundum verglasten Szenelokals „360“ und lasse voller Vorfreude auf eine wirklich ungewöhnliche Reise den Blick über die funkelnde Stadt am Bosporus schweifen: Auf den sieben Hügeln leuchten neongrün die Minarette der vielen monumentalen Moscheen, Schlepper, Dinnercruiser, Container- und Kreuzschiffe und jede Menge Fähren schippern in der Meerenge, die den Okzident mit dem Orient verbindet. Da hinten, dieses schemenhaft auftauchende Gebäude nah am Wasser, das müsste er sein: der Haydarpascha – einer der schönsten Belle-Époque-Bahnhöfe der Welt. Im Frühjahr 1898 war es übrigens der deutsche Kaiser Wilhelm II., der zusammen mit dem osmanischen Sultan Abdul Hamid II. den Bau der historischen Bagdadbahn beschloss. Damals ein wesentlicher Grund: die direkte Verbindung zwischen den Nordseehäfen und dem ölreichen Persischen Golf. Von Haydarpascha also startet morgen unser Sonderzug „1001 Nacht“ mit seinen acht stahlblauen Waggons auf eben dieser legendären Strecke. Bis Bagdad allerdings werden meine 46 Mitreisenden und ich nicht kommen. Aufgrund der politischen Situation, versteht sich. Endstation dieses Sehnsuchtstrips wird Damaskus sein, die syrische Hauptstadt. Zwischen ihr und Istanbul liegen fast 2700 Kilometer. Am Wegrand: eine orientalische Märchenwelt.
Wer jetzt Orient-Express-Pracht erwartet, sollte erst einmal durchatmen. Das Interieur des rollenden Hotels ist eher schmucklos und verrät an vielen Stellen, dass dieser Zug in den 1980er-Jahren in der damaligen DDR auf die Schienen gesetzt wurde. Auf den 70 Zentimeter schmalen Stockbetten kann es schon mal eng werden. Vorstellungen von ausladenden Überseekoffern und Hutschachteln nostalgischer Bahnreisekultur fahren als Erinnerungsfetzen mit und werden wieder und wieder überlagert von Bildern für die Ewigkeit. Das monotone Rattern des Zuges versetzt einen in einen Zustand meditativer Wachsamkeit. Wenn der Blick durchs Fenster auf die bizarre Landschaft Kappadokiens fällt – unser erstes Etappenziel –, beginnt man zu verstehen, warum das magische Dreieck Türkei-Syrien-Irak die Wiege der Menschheitsgeschichte genannt wird. Rund um die Provinzhauptstadt Göreme, die auf der Liste des Weltkulturerbes steht, bilden imposante Felsenkirchen, magische Feenkamine und phallusförmige Tuffsteintürme eine Wunderwelt, die Friedensreich Hundertwasser begeistert hätte. Ich habe mich in wohlweislicher Voraussicht dazu entschlossen, die Nacht lieber im verzaubernden Höhlenhotel „Caves Suites“ zu verbringen als in einem der vom Veranstalter ausgewählten Nullachtfünfzehn-Häuser. So oft wie möglich werde ich das im Verlauf dieser fast zweiwöchigen Reise tun – immer dann, wenn keine Nachtfahrt auf dem Plan steht. Schade eigentlich, denn es ist eine charmante, amüsante, kultivierte Truppe, die sich dann im Speisewagen mit seinen hübschen bunten Aladin-Lämpchen zum Essen versammelt. Was die freundlichen, adrett in Schwarz-Weiß gekleideten Kellner aus der Bordküche auf den Tisch bringen, lässt man sich gerne auf der Zunge zergehen: frisch, abwechslungsreich, aromatisch, typisch orientalisch eben. In dieser Gesellschaft verliert man sich gerne und genüsslich in Geschichte und Geschichten.
„Es war gegen fünf Uhr an einem Wintermorgen in Syrien. Am Bahnsteig von Aleppo stand ein Zug, der im Bahnverzeichnis als Taurus-Express bezeichnet wird.“ Mit diesen Worten beginnt Agatha Christie ihren berühmtesten Kriminalroman „Mord im Orientexpress“. Während ihr Ehemann, der Archäologe Max Mallowan, nördlich von Aleppo nach vom Winde verwehten antiken Siedlungen buddelt, bleibt sie lieber in der Stadt und wohnt im Baron’s Hotel, das mit europäischen Armaturen in den Bädern als außerordentlich komfortabel gilt. Auf der Gästeliste standen damals so illustre Namen wie Charles Lindbergh und T. E. Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien. Da will ich auch hin! Während die meisten meiner netten Reisekumpane sich nach der Ankunft auf dem schönen alten Bahnhof von Aleppo auf den Weg zur mittelalterlichen Zitadelle, dem Stadtschloss des Fürsten Saif ad-Daula, machen, nehme ich ein Taxi zum Baron’s. Innen wie außen leider nur noch ein Schatten seiner selbst. Der jetzige Besitzer serviert persönlich, die wenigen Gäste haben am Eingang zur Bar ihre Rucksäcke abgestellt. Was mich alles überhaupt nicht stört. Ganz im Gegenteil. Nachdem ich oft genug erlebt habe, wie sich die schöne Patina alter Koloniallegenden hinter hochkarätigen Hotelfassaden auflöst, bin ich froh über alles, was noch nicht dem globalen Sanierungswahn zum Opfer gefallen ist. Ich nehme im Baron’s meinen Drink – und proste Agatha zu.
Aleppo, die einstmals am Kreuzweg großer Handelsstraßen blühende Metropole, habe ich mir auch etwas glanzvoller vorgestellt. Nicht als dieses von unzähligen Satellitenschüsseln gekrönte graue Häusermeer. Doch schon beim Eintauchen in den zwölf Kilometer langen Basar, einen der größten der Welt, werde ich versöhnt und genieße wirklich jede Minute dieser wundersamen Zeitreise in das heiße Herz dieses exotischen Universums. Überall in den meist überdachten Ladenpassagen offenbart sich der Basar als Salon der orientalischen Seele. Zauberformeln auf der Basis von Humor und Esprit entfalten ihr tausendfältiges Repertoire beim Anpreisen von Knoblauchknollen und Hammelhoden mit der gleichen Raffinesse und Leidenschaft wie beim Verkauf des wertvollsten Teppichs. Und den Fremden umhüllt eine einzigartige Geruchsexplosion: dampfender Kaffee mit Kardamom, duftendes Fladenbrot, geröstete Pistazien und gebrannte Mandeln in buntem Zuckerguss. Was die syrischen Köche daraus zaubern, erleben wir beim Abendessen im reich geschmückten, von Jasminschwaden erfüllten Innenhof des Beit Wakil. Dieser tief in der Altstadt verborgene Palast aus dem 16. Jahrhundert beherbergt heute das schönste unter den kleinen Gästehäusern von Aleppo.
Seit wir die Grenze von der Türkei nach Syrien überrollt haben, hat sich die Kulisse der Landschaft verändert. Im Gegensatz zu den vielen Tunneln und Viadukten, die der Zug auf dem Weg durchs Taurusgebirge zu überwinden hatte, genießen wir jetzt die Aussicht auf sanfte Hügel, Olivenplantagen und Zwiebelfelder. Nach einem Zwischenstopp in der Stadt Hama mit ihren gewaltigen hölzernen Wasserrädern macht das saftige Grün schlagartig einer nahezu baumlosen Steppenlandschaft Platz. Gegen Abend erreichen wir die antike Oasenstadt Palmyra. Schon der erste Blick auf das geheimnisvoll angestrahlte Trümmerfeld verleitet zu einer unvergesslichen Stippvisite in einem der ältesten Kinderzimmer der Antike. Und spätestens jetzt, wo wir zwischen diesen sprechenden Steinen spazieren, wird uns klar, was für ein Privileg das ist, so etwas Großes in so kleinem Kreis entdecken zu dürfen. Die Verzauberung hält am nächsten Tag an, als Reisebegleiter Hassan, der nach seinem Studium in Deutschland als Lehrer nach Damaskus zurückgekehrt ist, uns in die Wüste begleitet. Eine Beduinen-Großfamilie hat für uns ein einfaches Mahl zubereitet. Wir essen mit ihr, hören ihre Musik, lauschen Geschichten, die seit fünf Jahrtausenden von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Viele ranken sich auch um die mittelalterliche Kreuzritterburg Krak des Chevaliers, dem letzten Stopp vor unserer Ankunft in Damaskus.
Die Hauptstadt des heutigen Syriens, das in der Antike Teil des Zweistromlands zwischen Euphrat und Tigris war, stand circa 20 Jahre lang bis in die 1940er-Jahre unter französischem Mandat. Ihre größte Attraktion: die Omajadenmoschee. Ihr marmorgepflasterter Innenhof gleicht einer offenen Bühne, auf der sich täglich die Wege der Damaszener und der Fremden flüchtig kreuzen: kleine Jungs, die tief fliegende Tauben jagen, blickdicht verhüllte Musliminnen, die, riesigen schwarzen Faltern ähnlich, lautlos über den kühlen Marmor gleiten, und europäische Frauen, die, der Vorschrift entsprechend, in dunkle Kapuzenmäntel gehüllt sind. Doch die pulsierende Lebensader ist auch in dieser Stadt der Basar. Durch Arkaden und Hinterhöfe gerät man in den Bannkreis alter Karawansereien, wo Schals aus Cashmere und Kamelhaar, kupferne Kannen, edle Brokatstoffe und antike Prinzessinnengeschmeide feilgeboten werden. Ein paar Schritte weiter erlebt man in einigen der restaurierten Altstadthäuser syrische Gastlichkeit, wobei das meiste auf der Tradition der levantinischen Vorspeisenküche mit köstlichen Salaten, Gemüsen und Joghurtspeisen basiert.
In Damaskus leben Muslime und Christen friedlich miteinander. Im Dezember werden in den Kirchen des Altstadtviertels Bab Tuma Weihnachtslieder in mehreren Sprachen gesungen. Die Straßen sind mit Lichtern und Lametta geschmückt, hin und wieder fällt Schnee und bestäubt Zypressen und Jasminsträucher mit zartem Winterweiß. Magisch und unerwartet wie diese Reise ins Morgenland.
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