Narzissmus ist mir völlig fremd. Mein allmorgendlicher erster Blick in den Badezimmerspiegel ist in der Regel geprägt von nüchterner Distanz, nur beim letzten Blick-Check kommt vielleicht noch ein Schuss Zufriedenheit dazu, wenn die Feuchtigkeitscreme meines Vertrauens sich in die glänzende Haut arbeitet. Ein Ritual seit langer Zeit und ich gestehe, ich glaube tief und fest an die magische Kraft von Beauty-Fluids. Trotzdem – ob meiner Optik bin ich Realist. Doch dann kam es neulich zu diesem denkwürdigen Morgen-Showdown, als meine Selbstwahrnehmung zum überraschenden Schluss kam: Dieses Gesicht ist doch eigentlich unglaublich makellos, ist sogar noch sanft gebräunt von mediterraner Oktobersonne. Verbesserungswürdige Partien? Fehlanzeige! Deshalb die faire Frage: Bin ich wirklich der geeignete Kandidat für ein Männer-Spa? Muss ich da wirklich hin?
Jeder versierte Hobbypsychologe weiß natürlich sofort: männliche Prä-Treatment-Phobie! Doch ein investigativer Redakteur muss da durch – und so betrete ich tapfer das „Media Spa“: Einmal eingetreten, wird auf einmal alles ganz leicht. Coole Atmosphäre in der klar gestylten Lounge, ein kleiner Wasserfall plätschert die Wand herunter, Spaadäquate Begrüßung mit Welcome-Drink und heißer Kompresse. Hier ist alles speziell auf Mann getrimmt. Wäre ich Broker, könnte ich noch schnell, vor dem Abtauchen ins Beauty-Nirvana, die Aktienkurse auf dem großen Flatscreen-TV checken oder per WLAN noch eine Mail hinaus in die Businesswelt absetzen. Das wären dann auch die letzten autonomen Handlungen gewesen, denn sobald ein professioneller weiblicher Beauty-Geist wie Nesli in der Lounge auftaucht und einen Richtung Behandlungstrakt geleitet, heißt es: entspannen und loslassen.
Foto: Media Spa
Handtuch, Bademantel und Badeschlappen warten bereits auf mich – zu dieser Spa-Grundausstattung gehört noch ein sehr gewagter schwarzer Einwegslip aus papierartigem Material. Mit meinem einzigen Kleidungsstück für die nächsten Relaxstunden fühle ich mich etwas sonderbar, ganz sicher würde ich in diesem Outfit auf jeder Loveparade der Welt für Furore sorgen. Der Behandlungsraum ist in mild-mattes Licht getaucht, ich nehme auf der sehr bequemen Liege Platz und Nesli deckt mich mit einem überdimensionalen Badehandtuch zu. Kopf und Schultern ragen allein hervor, langsam wird’s spannend.
Für mein erstes Spa-Erlebnis habe ich mich für ein „First-Class-Treatment“ entschieden, es erwarten mich also unter anderem Reinigung, Peeling, Talgentfernung, Augenbrauenkorrektur, Gesichtsmaske, Handpeeling und eine Spaziouomo-Gesichts-Schulter-Nacken-Massage. Es geht los: Die ersten Berührungen, Nesli bearbeitet das Gesicht mit einem pflanzlichen Reinigungsöl und sanften, aber zugleich druckvollen Bewegungen. Sehr angenehmes Gefühl, und es gibt besonders für die Nase immer etwas zu entdecken: Hmmh, das könnte eine Lavendelmischung sein, beim Peeling dominieren Beerentrauben und Grapefruit. Ich komme mir schon fast vor wie auf einer gehobenen Weinprobe, da geht Nesli zum robusteren Teil („wenn’s unangenehm wird, einfach autsch sagen“) über. Bei der Talgentfernung wird ziemlich rumgedrückt und mit ein paar spürbaren Zupfern die Augenbrauenpartie gestylt. Es gibt zwar keinen Grund, autsch zu sagen, aber ich bin langsam reif für eine Belohnung. „Jetzt machen wir eine tolle Maske.“ Noch nie wurde mein Gesicht mit einem Pinsel bearbeitet, obendrein so virtuos. Es macht klatsch, klatsch, klatsch auf der Haut, gleichzeitig zündet eine Erfrischungsexplosion und wieder parallel kommt dieser kleine, feine Duftflash, diesmal aus Bitterorange und Rosmarin. Heiße Kompressen entfernen schließlich die Wundermixtur. Ich fühle, wie meine Haut da capo stöhnt, doch Nesli wühlt weiter in der Spa-Trickkiste, drückt mir zwei heiße Steine in die Hände, legt das große Handtuch drüber und sagt einfach: „Kuscheln!“ Ich kuschele, was das Zeug hält, die Wärme breitet sich aus, ich dämmere wohl ein wenig weg. Glaube, das Meer murmeln zu hören, und merke, wie Nesli meine mit Mineralsalzen gepeelten Hände einige Male in Wasserschälchen taucht. In diesem Schwebezustand kreiere ich noch mein Wort des Jahres 2009: „Beauty-Flow“?...
Nach dem finalen Saunabesuch wage ich einen Blick in den Spiegel: Ich sehe ein zufriedenes, adrett-gepflegtes Gesicht. Fazit: Schönheit von innen? Mag es geben. Schönheit von außen? Auf jeden Fall. Man muss sich nur ins Männer-Spa trauen.
„MEDIA SPA“ IN MÜNCHEN
Narzissmus ist mir völlig fremd. Mein allmorgendlicher erster Blick in den Badezimmerspiegel ist in der Regel geprägt von nüchterner Distanz, nur beim letzten Blick-Check kommt vielleicht noch ein Schuss Zufriedenheit dazu, wenn die Feuchtigkeitscreme meines Vertrauens sich in die glänzende Haut arbeitet. Ein Ritual seit langer Zeit und ich gestehe, ich glaube tief und fest an die magische Kraft von Beauty-Fluids. Trotzdem – ob meiner Optik bin ich Realist. Doch dann kam es neulich zu diesem denkwürdigen Morgen-Showdown, als meine Selbstwahrnehmung zum überraschenden Schluss kam: Dieses Gesicht ist doch eigentlich unglaublich makellos, ist sogar noch sanft gebräunt von mediterraner Oktobersonne. Verbesserungswürdige Partien? Fehlanzeige! Deshalb die faire Frage: Bin ich wirklich der geeignete Kandidat für ein Männer-Spa? Muss ich da wirklich hin?
Jeder versierte Hobbypsychologe weiß natürlich sofort: männliche Prä-Treatment-Phobie! Doch ein investigativer Redakteur muss da durch – und so betrete ich tapfer das „Media Spa“: Einmal eingetreten, wird auf einmal alles ganz leicht. Coole Atmosphäre in der klar gestylten Lounge, ein kleiner Wasserfall plätschert die Wand herunter, Spaadäquate Begrüßung mit Welcome-Drink und heißer Kompresse. Hier ist alles speziell auf Mann getrimmt. Wäre ich Broker, könnte ich noch schnell, vor dem Abtauchen ins Beauty-Nirvana, die Aktienkurse auf dem großen Flatscreen-TV checken oder per WLAN noch eine Mail hinaus in die Businesswelt absetzen. Das wären dann auch die letzten autonomen Handlungen gewesen, denn sobald ein professioneller weiblicher Beauty-Geist wie Nesli in der Lounge auftaucht und einen Richtung Behandlungstrakt geleitet, heißt es: entspannen und loslassen.