Sonnenbrille und Gehstock sind so eine Art Markenzeichen von ihr geworden. Sie hat sie immer dabei. Jetzt, beim Interview in Berlin, aber auch bei ihren hinreißenden Liveauftritten. Seit ihrem schweren Verkehrsunfall vor neun Jahren ist Melody Gardot noch immer darauf angewiesen. Auf der Bühne überspielt die 27-jährige Künstlerin aus Philadelphia ihre Handicaps aber durch großes erzählerisches Talent und Humor und ihren betörend sinn- lichen Gesang, mit dem sie Jazz, Blues und Folk eine ganz persönliche Färbung gibt.
Ihr Unfall, der sie monatelang ans Krankenbett fesselte, war aber zugleich der Start zu einer erfolgreichen Musikkarriere, denn aus Therapiegründen beschäftigte sich die damals 19-Jährige intensiv mit Musik und komponierte Songs. Zwei Alben und zahlreiche Konzerte weltweit später gilt sie als eine der aufregendsten jungen Jazzsängerinnen. Ihre Energie ist unerschöpflich: Gleich nach ihrer letzten Tour reiste sie privat weiter, nach Portugal, Argentinien, Brasilien und Afrika, und nahm von diesen Ländern auch die Klänge mit, die ihrem neuen Album „The Absence“ (Decca/Universal) eine lebensfrohe, kosmopolitisch bunte Färbung verleihen.
» Sie sind ständig unterwegs. Vermissen Sie Ihr Zuhause nicht?
« Nein, ich lebe gern aus dem Koffer. Mein letztes Apartment habe ich vor sechs Jahren aufgegeben. Alles, was ich brauche und besitze, habe ich bei mir. Ich will mich nicht belasten. So zu reisen und zu leben, finde ich viel einfacher.
» Aber wo bewahren Sie beispielsweise Ihre Schuhe auf?
« Na ja, ich habe drei oder vier Paar auf meinen Reisen dabei. Die, die ich momentan anhabe, sind von Lanvin. Wenn sie mal etwas mitgenommener aussehen, schicke ich sie zur Reparatur nach Paris. Bei mir befindet sich alles entweder in Gebrauch oder in Reparatur.
» Bedeutet das Gehen auf High Heels für Sie eine besondere Herausforderung seit Ihrem Unfall?
« Zurzeit sitze ich ja, und diese High Heels habe ich bereits so oft getragen, dass sie sich für mich fast wie Sneaker anfühlen. Groß herumrennen könnte ich damit allerdings nicht.
» Was treibt Sie denn zum Reisen an, ist es die Abenteuerlust?
« Ich suche Kulturen auf, die mich faszinieren, und steuere immer auf ihr Herz zu. Ganz unvorein- genommen, ohne Reiseführer. Ich verliere mich gern in den kleinen Gassen einer Stadt, kann damit am normalen Leben teilhaben.
» In Lissabon haben Sie sich monatelang mit einem Piano in einem Haus in der Altstadt eingerichtet. Kennen Sie sich nun dort aus?
« Ja, aber gleich an meinem ersten Abend habe ich mich gründlich verlaufen. Um 3 Uhr morgens ließ ich mich völlig erschöpft irgendwo nieder. Die Leute sind dort um diese Zeit noch aktiv. Ich war also nicht allein, beobachtete die Passanten und begann so den Song „Lisboa“ zu schreiben.
MADAME-INTERVIEW MIT MELODY GARDOT