KULTUR | Special Lesen

Literatur lieben und (er)leben!

Passend zur Buchmesse in Leipzig: ein besonderer Spaziergang durch die Stadt mit Adress-Guide. Plus: die feinsten Verlage und Buchhandlungen, die spannendsten Neuerscheinungen

FEINE KLEINE VERLAGE


Literarisches Schatzkästchen: Berenberg Verlag

„Kreativen Wahnsinn analysieren und kontrollieren, das ist mein Job“, so Verleger Heinrich von Berenberg (Foto). Sein neuestes „Fundstück“: Christopher Isherwoods Erinnerungen „Löwen und Schatten“ (25 Euro).


Foto: PR

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„In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das schreit: ich will raus!“ Diesen Ausspruch des Harvard-Historikers Robert Darnton machten sich Heinrich von Berenberg und seine Frau Petra zu einem ihrer Leitsätze, als sie vor etwas mehr als fünf Jahren in Berlin ihren eigenen Verlag gründeten. Ein nicht belletristisches, aber hochliterarisches Programm sollte es sein, keine Sachbücher, sondern Essays, Memoiren, Autobiografien, Biografien mit hohem künstlerischem und zeitpolitischem Anspruch. In Paris entdeckte der Verleger jenes, wie er sagt, „Ur-Buch“, das erste unter seiner Imprimatur: Er ließ die französische Ausgabe von „Freund und Feind“ des Engländers John Maynard Keynes über dessen deutschen Verhandlungspartner bei den Versailler Verträgen neu übersetzen. Inspirationsquellen für die gehaltvollen und sehr schön gemachten Bücher sind oft Fundstücke aus Publikationen wie dem „New Yorker“ oder der „New York Review of Books“. Aus solchen Texten entstehen Kultbücher: A.J. Lieblings kulinarische Paris-Erinnerungen „Zwischen den Gängen“ etwa, oder Eliot Weinbergers philosophisch-poetische Vignetten „Das Wesentliche“. Heinrich von Berenberg, lange Jahre Lektor bei anderen Verlagen, ist ein begnadeter Schatzsucher: „Ein Grund, warum man zum Verlagsgründer mutiert, ist, dass man den Büchern, die man entdeckt hat, einen eigenen Stempel aufdrücken möchte.“

Die Literatur von ihrer weiblichen Seite: AvivA Verlag

Stolze Verlegerin Britta Jürgs (Foto): Für den Bildband „frauengesellschaft(en)“ (39,90 Euro) erhielt die Kölner Fotografin Eva Hehemann den ersten Preis im „Unternehmerinnen-Wettbewerb“ 2010.


Foto: PR

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„Aviva“ ist im Hebräischen die weibliche Form von „Frühling“. Und weil die alljährliche Wieder- verzauberung der Natur für sie Aufbruchstimmung symbolisiert, hat die Literaturwissenschaft- lerin und Kunsthistorikerin Britta Jürgs diesen Namen für den 1997 von ihr gegründeten Verlag in Berlin gewählt. Schwerpunkt ist die Reihe „Wiederentdeckte Schriftstellerinnen“: Erst- oder Neuauflagen von deutsch-jüdischen Autorinnen der 1920er- und 30er-Jahre, die vor den Nazis fliehen mussten und deren Werk in Vergessenheit geriet, Victoria Wolff etwa, Lili Grün oder Hilde Stieler. Und aktuell? Gerade wurde AvivA-Autorin Esther Dischereit für ihr Werk „Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus“ der Erich-Fried-Preis verliehen. Das andere Standbein dieses Verlages, der sich den Pionierinnen der Literatur verschrieben hat, sind wissenschaftlich fundierte, doch wunderschön präsentierte Anthologien, Porträts oder Biografien von herausragenden Frauen aus der Kunst- und Kulturgeschichte wie etwa Susanne Beyers Buch über Gret Palucca, Begründerin des modernen Tanzes. Passend zu Britta Jürgs’ Motto „Bücher erweitern die Weltkarte im Kopf“ kommt zu den Anthologien „Sehnsucht nach den Bergen – Schriftstellerinnen im Gebirge“ und „Auf einem Badesteg – Schriftstellerinnen am See“ jetzt „Durch den Sand – Schriftstellerinnen in der Wüste“. Schön!

Mitgestalten erwünscht: Mixtvision Verlag

Um Bücher sinnlich erfahrbar zu machen, hat das Team um Verleger Sebastian Zembol (Foto) das „KeinBuch“ (9,95 Euro), von dem es jetzt Teil 2 gibt, konzipiert: weitere 86 Tipps zum Kritzeln und – ja! – Kaputtmachen.


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Die leidenschaftlichen Leser von morgen sind nun mal die Kinder von heute, und die leben in einer multimedialen Welt. Den Brückenschlag zwischen Büchern und anderen Informations- trägern wie Handy oder Internet herzustellen, das ist erklärtes Ziel des Münchener mixtvision Verlags, den Sebastian Zembol 2005 gründete. Investor und Ideengeber der innovativen Reihe von Kinder- und Jugendbüchern ist die mixtvision Mediengesellschaft, die im Film- und Fernsehbusiness tätig ist. „Crossmedialität“, das steckt hinter unserem Slogan „Mehr als Lesen!“, so Sebastian Zembol. Die Audiobooks z.B. sind mehr als rezitierte Texte, sie sind aufwendige, interaktive Hörspiele. Eine Hauptrolle im Programm spielt die Bildästhetik. Witzig und wunderschön illustrierte Bücher, in die auch die kleinsten „Leser“ ihren Input einbringen und den Bildern, die in ihren Köpfen sind, Form verleihen. Typisch sind Spiegelfolien, die erst auf der gegenüberliegenden Seite die Schrift erkennbar machen, Rätselgeschichten für Querdenker. Oder Anleitungen zur Hightech-Schnitzeljagd, wie Manuel Andracks Kinderroman „Cache! Wir finden ihn!“. Eine spannende Schatzsuche per GPS, bei der es im Internet veröffentlichte Koordinaten für Verstecke aufzuspüren gilt. Für sein Engagement und seine Ideenfrische wurde diesem mutigen Nischenverlag gerade der erste „Bayerische Kleinverlagspreis“ verliehen. Glückwunsch!

Unkonventionell und mit viel Spaß an der Sache: Blumenbar Verlag

Passend zum Kinofilm „Gainsbourg“ im Sommer empfiehlt Wolfgang Farkas (Foto) vom Blumenbar Verlag den Roman „Das heroische Leben des Evgenij Sokolov“ des Chansonniers Serge Gainsbourg (12,90 Euro).


Foto: PR

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Ein literarischer Club in einer Münchener Privatwohnung, wo bei Lesungen auch aufgelegt und richtig Party gemacht wurde: Das waren vor etwa acht Jahren die Anfänge des unabhängigen, stets eigenwilligen Blumenbar Verlages, „in dem die Popkultur auch heute eine ernsthafte, tragende Rolle spielt“, so Verleger Wolfgang Farkas. In dem kürzlich nach Berlin umgesiedelten Haus erschien z.B. Leonard Cohens 1963 veröffentlichter Debütroman „Das Lieblingsspiel“ in neuer Übersetzung. Dazu Werke von Künstlern wie Tracey Emin oder Matias Faldbakken, Musikern wie Tom Licht und Szene-Chronisten wie Tom Kummer, Tony Parsons oder Hunter S. Thompson, zu dessen „Rum Diary“ Johnny Depp das Vorwort schrieb. Typisch Blumenbar: Literaturpapst Tom McCarthy beleuchtet in „Tim & Struppi und das Geheimnis der Literatur“ das Werk von Georges Remi alias Hergé und fördert Erstaunliches zutage. Auch aufregende Entdeckungen wie der Türke Murathan Mungan („Tschador“, und aktuell „Städte aus Frauen“) oder Franz Dobler, der jetzt mit „Letzte Stories“ erstmals bei Blumenbar veröffentlicht, sind exemplarisch für das unorthodoxe Verlagsprogramm. Und kräftig gefeiert wird nach wie vor: Der in Synergie mit dem Maxim Gorki Theater und dem Berlin Verlag in den Blumenbar-Räumen (Klosterstr. 44) regelmäßig veranstaltete literarische Nachtclub „Hardcover“ ist ein Highlight der flippigen Berliner Event-Kultur.

Vergangenheit und Zukunft im Visier: Knaus Verlag

„Mythische, an Faulkners Süden erinnernde Fantasiewelten“, verspricht Verleger
Dr. Wolfgang Ferchl vom Knaus Verlag (Foto) mit Julia Gäbels Debütroman „Pittys Blues“ (16,95 Euro).


Foto: PR

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Dass auch unter der Ägide eines riesigen Medienkonzerns wie Bertelsmann einzelne Buchverlage eine klare Identität als literarische Häuser haben können, beweist der Knaus Verlag. Vor mehr als 30 Jahren von Dr. Albrecht Knaus in München gegründet, erlangte er Aufsehen mit Schriftstellern wie Walter Kempowski („Das Echolot“) und veröffentlichte dessen Gesamtwerk. „Entdeckungen machen, besondere Autoren zutage fördern, das ist unsere Devise“, sagt Dr. Wolfgang Ferchl, nach Stationen an der Spitze der Verlage Eichborn und Piper seit Mitte letzten Jahres auf der Kommandobrücke von Knaus. Dieser Verlag – der zusammen mit Luchterhand und DVA eines der belletristischen Flaggschiffe des Konzerns ist – beweist wahre Weitsicht, indem er eben den Blick nicht nur nach vorne, sondern auch zurück richtet. Knaus machte z.B. Willa Cather, Chronistin des amerikanischen Westens zu Pionierzeiten, im deutschen Sprachraum bekannt. Sicherte sich direkt nach dem Auffinden in Frankreich – 60 Jahre nach ihrem Tod in Auschwitz – das Nachlasswerk von Irène Némirovsky („Suite française“, „Leidenschaft“). „Wir wollen Funken schlagen, dem Publikum zu Unrecht vergessene Texte wie auch internationale Autoren unserer Zeit, etwa John Burnside, Kazuo Ishiguro oder Aleksandar Hemon, nahebringen“, sagt der Verleger Dr. Wolfgang Ferchl. Der in Zukunft auch Krimis mit einplant.

Am Liebsten Vorreiter: Verlag Klaus Wagenbach

Literaturwissenschaftlerin und Wagenbach-Verlegerin Dr. Susanne Schüssler (Foto) setzt dieses Frühjahr auf eine besondere Entdeckung: das Debüt „Accabadora“ der Sardin Michela Murgia (17,90 Euro).


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Mit den „Quartheften“ fing vor 46 Jahren alles an. Verlagsgründer Klaus Wagenbach brachte in Berlin zeitgenössische west- wie auch ostdeutsche Autoren heraus. Zum 80. Geburtstag diesen Sommer startet der Verlag in Anspielung daran die „Oktavhefte“ mit Gedichten großer DDR-Lyriker. Signalwirkung hat auch die kleine, feine, fadengeheftete rote Leinenreihe „Salto“, die mit Texten von Alexander Kluge und Stephan Hermlin begründet wurde. Heute auf 500 Titel angewachsen, von denen immer noch bemerkenswerte 400 lieferbar sind, ist sie eines der Aushängeschilder des Verlages, der seit 2002 von Klaus Wagenbachs Ehefrau Susanne Schüssler geführt wird. Mit Alan Bennetts „Die souveräne Leserin“ über die Literaturbesessenheit der Queen landete der Verlag mit ca. 350.000 verkauften Exemplaren einen Riesenerfolg. „Besonders freut mich, dass man sich bei diesem intelligenten, witzigen Buch echt nicht genieren muss, auf der Bestsellerliste zu stehen“, sagt die Verlegerin. Ein Coup, der es erleichtert, weiterhin neuen Autoren und Strömungen nachzuspüren, vor allem in Wagenbachs literarischer Wahlheimat Italien. Dort gewann kürzlich Tiziano Scarpa den wichtigsten Literaturpreis des Landes für seinen Roman „Stabat mater“, der Europäische Literaturpreis ging an Emmanuelle Pagano für „Der Tag war blau“, der Internationale an Daniel Alarcón für „Lost City Radio“. Alle Bücher bei Wagenbach, versteht sich.


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