Südengland

Der Süden Englands ist mit das Schönste, was die Insel zu bieten hat: traumhafte Gärten, reizvolle Cottages, imposante Herrenhäuser und romantische Geschichten. Einfach zum Verlieben. Ein Nostalgie-Trip.

suedengland.jpg

Das Opernfestival in Glyndebourne ist nur eines der vielen Highlights in Südengland.

Schon der erste Blick auf Charleston House verzaubert. Das verträumte, von einem Ententeich, einem verwunschenen Garten, von Wiesen und Wäldern gerahmte bäuerliche Anwesen im Osten der Grafschaft Sussex strahlt Geschichte aus. Wirkt geheimnisvoll – und skandalumwittert.

Skandalös fand die feine Gesellschaft seinerzeit tatsächlich, was hier geschah. Es ist ziemlich genau 100 Jahre her, dass in England die Moralvorstellungen der Viktorianischen Zeit zu bröckeln begannen und Künstler und Intellektuelle nach neuen Lebensformen suchten. Im Londoner Boheme-Viertel Bloomsbury versammelte sich eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten um die Malerin Vanessa Bell, die schöne Schwester der Schriftstellerin Virginia Woolf, und ihren Geliebten, den bisexuellen Maler Duncan Grant. Als Bloomsbury Group gingen sie in die Geschichte ein und Charleston House wurde ihr gemeinsames Refugium auf dem Land.  
Laura Ashley Man war verheiratet und hatte gleichzeitig wechselnde Liebhaber, auch gleichen Geschlechts. Vanessa und Duncan, die das Haus gepachtet hatten, bemalten die Zimmer und das Mobiliar – von der Badewanne bis zu den Kaminen– und entwarfen farbenfrohe Landhausstoffe, die später von Laura Ashley in ihre Kollektionen aufgenommen wurden. Virginia und Leonard Woolf, die im nur wenige Kilometer entfernten Monk’s House lebten, kamen häufig zu Tee und Gesprächen vorbei. Charleston House, das so wirkt, als wären seine Bewohner gerade zu einem Spaziergang aufgebrochen, wird heute, genauso wie Monk’s House, als Museum erhalten. Im charmanten Café-Bistro gibt’s kleine Köstlichkeiten und im Museumsshop viel Schönes, das an die Bloomsbury Group erinnert.

Noch so ein Haus voller romantischer Erinnerungen ist Sissinghurst Castle – eine knappe Autostunde weiter östlich, kurz nach der Grenze zur Grafschaft Kent. Hausherren waren einst die Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihr Ehemann, der Diplomat und Autor Harold Nicolson. Nachdem sie sich im Frühling 1930 hoffnungslos in die völlig verwilderte Schlossruine verliebt hatte, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ich sehe, was man daraus machen kann, Dornröschens Schloss.“ Sie legte einen ganz und gar weißen Garten an – voller Callas, Tulpen, Rosen, Margeriten und Holunderblüten. Ließ um Säulen, Terrassen und Bänke Clematis, Akelei und Windröschen ranken. In ihrer Zeitungskolumne gab sie Hobbygärtnern den Tipp, Blumensamen nicht etwa akribisch auszusäen, sondern einfach wild hinter sich zu werfen.
Englische Gärten
Mit der Revolution des gesellschaftlichen Lebens gewann nämlich auch die Wende im Grünen an Rasanz. Immer stärker wurde die geometrische Harmonie der traditionellen französischen Barockgärten von den sogenannten englischen Gärten verdrängt: behutsam inszenierten, ganz natürlich wirkenden Grünanlagen. Sissinghurst Castle, über dessen Schönheit inzwischen der National Trust wacht, besitzt einen der meistbesuchten Gärten in England. In Vitas Arbeitszimmer im Turm von Sissinghurst stehen noch die gerahmten Porträts von Harold Nicolson und Virginia Woolf, mit der sie eine Liebesbeziehung hatte.

landschaft-suedengland.jpg

Der Süden Englands lockt mit idyllischen Landschaften.



Die liebliche Region im Süden Englands mit ihrem in allen Grünschattierungen leuchtenden Patchwork aus sanften Hügeln und saftigen Wiesen verwandelten skurrile Landlords und später wohlhabende Londoner in eine perfekte Parklandschaft. Gesäumt von Tausenden Kilometern sogenannter Hedges – angelegten Grenzen aus maximal mannshohen Schlehen, Dornenbüschen und anderem widerspenstigem Grünzeug. Man braucht schon ein wenig Überwindung, um sich – im wahrsten Sinne des Wortes – als Zaungast auf der linken Seite der schmalen, oft abschüssigen Landstraßen durch diesen Dschungel zu bewegen. Aber man wird reich belohnt. Die heile Landschaft mit ihren molligen Schafen und schwarz-weiß gefleckten Kühen, die verschlafenen, um verwitterte Kirchtürme gedrängten Dörfer und die Städtchen mit ihren Teestuben, Pubs und Antiquitätenläden wirken allesamt wie Drehorte einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette. Kein Wunder, dass sich hier seit den 1960er-Jahren englische Rockstars wie Paul McCartney, Eric Clapton und Brian Ferry Fluchtburgen schufen.  

In Sussex und dem benachbarten Kent trifft man überall auf alte Herrensitze und Schlösser des englischen Landadels. Die Mehrzahl der Earls und Dukes beziehungsweise deren Nachfahren sahen sich allerdings unter der Last der Erbschaftssteuer früher oder später gezwungen, ihre Anwesen dem National Trust zu überlassen. Mit Wohnrecht auf Lebenszeit und der Auflage, einen Teil ihrer Räume Besuchern zugänglich zu machen.

Als eine Art Gesamtkunstwerk erlebt man Goodwood Estate in West Sussex, ganz in der Nähe des Bilderbuchstädtchens Chichester. Herzstück des riesigen Landsitzes ist Goodwood House, der Wohnsitz von Lord March. An mehreren Tagen des Jahres hat man die Gelegenheit, in seinen Räumen Tee zu trinken, eine London-Ansicht von Canaletto und Gemälde des berühmten englischen Tiermalers George Stubbs zu bewundern. Der Rennleidenschaft des Großvaters von Lord March ist es zu verdanken, dass es hier außer einer privaten Pferderennbahn auch eine Formel-1-Strecke gibt. Bis in die späten 1960er-Jahre lieferten sich hier Motorsportlegenden wie Stirling Moss oder Fangio heiße Rennen. Heute treffen sich Oldtimer-Fans zu Paraden und Revivals.
Oldtimer
In dem nach allen Regeln des Umweltschutzes in die Landschaft integrierten Gebäude der Rolls-Royce-Manufaktur lief im Juli 2003 das erste Serienfahrzeug vom Band. Motoren und Karosserien liefert BMW aus München, in Goodwood folgt die Feinarbeit. Wer keine dieser Luxuskarossen besitzt, jedoch gerne mal ans Steuer möchte, leiht sich für einen oder zwei Tage ein Auto aus der reich bestückten Oldtimer-Kollektion des „Goodwood Hotels“. Selbstverständlich mit einem Picknickkoffer auf dem Rücksitz. Zum glanzvollsten Ereignis des Jahres, dem traditionellen Goodwood Revival, erwartet man die Herren im korrekten Anzug und die Damen in „period clothing“ – vom stylish-nostalgischen Seidenkleid bis zum taillierten Tweedkostüm. Auf jeden Fall mit Hut.

Im Süden von England kann man sich in einer guten Handvoll exquisiter Landhotels für kurze Zeit fühlen wie seinerzeit echte Ladys und Lords. Das schönste von allen heißt „Gravetye Manor“, ein stattliches Herrenhaus in einem wundervollen Garten in der Nähe des Marktfeckens East Grinstead. Bei schlechtem Wetter nimmt man den High Tea am Kamin. Bei gutem macht man ein Picknick am See. Apropos: Während des jährlichen Opernfestivals werden die Musikliebhaber unter den Gästen nach Glyndebourne chauffiert – mit eisgekühltem Champagner im Picknickkorb.
Brighton
Brighton.jpg

Wen es ans Meer zieht, der sollte sich das Seebad in Brighton nicht entgehen lassen.

Wer sich nach dem Meer sehnt, verbringt ein paar Tage in Brighton oder im benachbarten Eastbourne, dem eleganteren der beiden Seebäder. Brighton wurde aus drei Gründen für die Londoner Society begehrenswert: wegen der Schwärmerei eines gewissen Dr. Richard Russell für die Heilkraft des Meeres, wegen des Baus einer direkten Eisenbahnverbindung und der Idee des späteren King George IV., sich in dem ehemaligen Fischerdorf einen orientalisch-mondänen Royal Pavilion bauen zu lassen.

Christine von Pahlen