Die Wahrheit über Street Styles

Street-Style-Fotos inspirieren uns jeden Tag, setzen Trends und beeinflussen unser Kaufverhalten. Die Looks, die jedoch immer so mühelos hinreißend scheinen, sind längst lukrativer Teil des Fashion-Business geworden. Warum Street Styles krank machen können und was eigentlich 'Hopping' ist: Hier ist die teilweise groteske Wahrheit über Street Styles.

Street Style

Tommy Ton gehört zu den bekanntesten Street-Style-Fotografen

Street-Style-Stars und Online-Influencer Fashion Week bedeutet Ausnahmezustand: Die globale Modeszene fliegt geschlossen nach New York, London, Mailand und Paris, um Trends zu entdecken und Kontakte zu pflegen. Sehen ist genauso wichtig, wie gesehen zu werden. Während auf dem Runway die Trends der nächsten Saison gesetzt werden, Einkäufer ihre Order-Listen füllen und Fashion Editors die Modestrecken der nächsten sechs Monate im Kopf planen, werden vor der Location Trends in Echtzeit geboren. Die digitale Demokratisierung ist durch Fashion-Blogs mit Leserschaft in Millionenhöhe längst in der Fashion-Szene spürbar und führt besonders während der Fashion-Week-Saisons zu außergewöhnlichen Phänomenen. 

Die Beliebtheit einer Kollektion wird mittlerweile an der der Reichweite eines Hashtags bemessen. Diese ist wiederum abhängig von der Anzahl an hochkarätigen Mode-Bloggern, die sich vor der Show ablichten lassen und ihre Eindrücke auf den Social-Media-Kanälen mit ihren Fans teilen. Eine subtile Taktik, die sich bezahlt macht. Über-Bloggerin Chiara Ferragni besitzt eine Instagram-Followerschaft von 3.4 Millionen. Der Schweizerin Kristina Bazan folgen 1.5 Millionen Bewunderer auf Instagram. Diesen Einflussbereich wollen sich auch Modeunternehmen zu Nutze machen und hofieren die neuen Trendsetter. Die Blogger gehören zu einer jungen, Lifestyle-affinen Gruppe an Online-Influencern, deren Followerschaft stetig wächst und deren Produkt-Empfehlungen zu Liefer-Engpässen führen können.

Sieben Wahrheiten über Street Styles  1.Die 'Street' in Street Style ist tot.  Zu allererst muss geklärt werden: Nichts, absolut gar nichts bezüglich Street Styles ist authentisch oder gar ungezwungen. Die Street-Style-Aufnahmen während der Fashion Week repräsentieren keinesfalls spontane Looks der Szene, sondern sorgfältig und mit Kalkül ausgewählte Outfits von Fashion-Bloggern, die vor Show-Locations auf Street-Style-Fotografen warten. Der Beiname 'Street' Style wird nur noch aus Melancholie-Zwecken benutzt. 

2. Street-Style-Stars sind auch nur Teil des Big Business. Sogenannte Street-Style-Stars, die mit ihren mühelos stilsicheren Looks in den Street-Style-Strecken dieser Welt auftauchen, agieren als subtil getarnte Testimonials der Designer und werden von diesen vor der Show eingekleidet. Mindestens ein Accessoire stammt aus der aktuellen Kollektion des Labels und ist nach Veröffentlichung der Outfit-Bilder meist sofort ausverkauft. Street Styles sind Teil des Geschäfts geworden und werden von Fashion-Labels genauso choreographiert wie die Runway-Show selbst. 

3. Less is less. Um zum Street-Style-Pro aufzusteigen, gilt es nicht, sich besonders schön zu kleiden. Für schön, understated elegant und subtil gestylt wird kein Fotograf auf den Auslöser drücken. Um die Reichweite auf Social Media zu erhöhen, gilt es aufzufallen ohne Hemmungen. Nackte Beine bei Minustemperaturen? Bodenlanger Wollmantel im Sommer? Sechs Armbanduhren am Handgelenk auf einmal? Erlaubt ist, was zum Foto führt.

4. Mode ist kein Spaß. Die deutsche Mode-Bloggerin Masha Sedgwick (über 44.000 Follower auf Instagram) räumt auf ihrem Style-Blog mit einigen Klischees der Street-Style-Szene auf. Während der Fashion Week riet ihr ein bekannter Fotograf, während Street Style Aufnahmen nicht zu lachen oder zu lächeln. Er erklärte ihr: "Fashion ist nicht lustig! Du darfst nicht lachen oder so aussehen, als hättest du Spaß. Am besten, du guckst irgendwie gelangweilt – dann wirst du auch fotografiert!“

Neulich auf der Fashion Week in Paris .. @timuremek_photography wearing @givenchyofficial @gucci and @antoniagoy #parisien #givenchyclutch #streetstyle

Ein von Masha sedgwick (@mashasedgwick) gepostetes Foto am


5. Street Styles machen krank. Die Street Styles des Modemonats besitzen für das kommende halbe Jahr Gültigkeit. Um die aktuellsten Trends und Stilrichtungen der aktuellen Saison zu zeigen, ist es nötig, aus modischer Sicht etwas vorzugreifen. Was bedeutet, dass man während der Fashion Week im Februar Frühlingsmode, nackte Beine und barfüßig High Heels trägt. Bei Temperaturen im zweistelligen Minus-Bereich zogen sich die Fashionistas im letzten Februar einige dramatische Erkältungen zu.

6. Street-Style-Hopping. Nur ein Bruchteil der abgelichteten Bloggerin "vor der Fashion Show von XY" haben tatsächlich eine Einladung zur besagten Show. In ihrem Blog ließ Modebloggerin Masha Sedgwick ihrem Frust über Streetstyle-Tourismus freien Lauf und sprach aus, was in der Branche jeder weiß, dem außenstehenden Streetstyle-Fan aber nicht ganz so bewusst ist: Bloggerinnen reisen zu den internationalen Modewochen ohne überhaupt zu den Fashion Shows eingeladen zu sein. Vor jeder Show stylen sich die Blogger-Girls neu und versuchen, von möglichst vielen Street-Style-Fotografen bemerkt zu werden. Dafür laufen sie auch schon mal 20-fach über die gleiche Straße. Wenn die Show beginnt und die Fotografen zur nächsten Show-Location weiterziehen, gehen die Bloggerinnen zurück zum Hotel, stylen sich um und das Ganze beginnt von vorne. Die eigentliche Fashion Show ist dabei nur noch am Rande wichtig. Sedgwick gibt freimütig zu, dass sie dieser Praxis auch folgt - der Druck sei einfach zu hoch.

7. FOMO. Die "Fear Of Missing Out" spielt bei vielen Fashion-Bloggern eine große Rolle. Die meisten von ihnen werden kaum zu Shows eingeladen, sondern besuchen nur wenige Präsentationen und After-Partys. Trotzdem spielt sich die Szene gegenseitig vor, überall dabei gewesen zu sein, einen glamourösen Lifestyle zu pflegen und dabei auch noch wahnsinnig viel Spaß zu haben. Der virale Zugzwang ist enorm.

Keine Frage: Es hat ein grundlegender Wandel in der Mode-Szene stattgefunden. Die Informations-Demokratisierung durch das Internet mit den unzähligen Self-Publishing-Möglichkeiten hat die ehemalige Autorität und Deutungshoheit der klassischen Moderedakteure abgelöst und neue Gatekeeper und Influencer geboren. Streetstyle-Blogs gehören für Fashion-Interessierte zum täglichen Klick und inspirieren Ästhetik und neue Looks. Wer sich beim Anblick eines besonders gelungenen Street-Style-Looks in seinem Instagram hoffnungslos underdressed fühlt, kann aber beruhigt sein: Die gehen nicht so in die Uni, nicht wirklich.