Seychellen: Viele Farben Blau

Wasser, so weit das Auge reicht. Dazwischen, mitten im Indischen Ozean, die Seychellen. Die aufregenden Wunderwelten des Archipels erkundet man am schönsten auf einem Segeltörn.

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Ein Segeltörn ist die wohl schönste Art die Seychellen zu erkunden.

Das sanfte Schaukeln des Bootes versetzt mich in totale Entspannung. Die Luft hat genau die Temperatur, die einen Menschen weder frieren noch schwitzen lässt. Einfach perfekt! Wir segeln mit einer kleinen Truppe aus 14 Gästen und sieben Mann Besatzung auf der „Sea Pearl“ durch die Inselwelt der Seychellen. Das Boot, ein Zweimastschoner aus Holland, tut seit 99 Jahren seinen Dienst.

Ein strahlender Morgen, als wir auf Cousine ankern: Mit Dingis legen wir am Strand dieses Mikro-Paradieses an. Es ist eines von 115 Inseln im Archipel. Hier leben neben dem Inselverwalter bloß eine Handvoll Wissenschaftler, die täglich kleinen Touristengrüppchen den Zutritt erlauben. Recht exklusive Einblicke also. Auf Cousine, ebenso wie auf dem Nachbar-Eiland Cousin, sind die Eiablageplätze der vom Aussterben bedrohten Karettschildkröte. Auf Holzstegen wandern wir zwischen Bambus-, Chili- und Kaffeestauden zu einer restaurierten ehemaligen Lepra-Station und lassen uns von einer Ornithologin seltene Vogelarten zeigen. Feenseeschwalben etwa und den seltenen Seychellendajal, von dem es weltweit schätzungsweise bloß noch etwa 100 Exemplare gibt, allein 25 davon auf Cousine.
Mahé
Um die Mittagszeit lasse ich mich in den blitzweißen Sand fallen, döse träge vor mich hin. Und beglückwünsche mich zu der Entscheidung, nach dem zwar komfortablen, aber doch langen Flug über Dubai nach Mahé nicht sofort den Bootstrip durch die Inselwelt der Seychellen gestartet zu haben. Sondern erst einmal richtig anzukommen – im „Four Seasons Resort“ an der Südwestküste der Hauptinsel. Ein echtes Relax-Refugium. 67 auf Stelzen gebaute Villen verteilen sich über eine von Mango-, Kokos-, Jackfruit- und Zimtbäumen bepfanzte Hügelkette. Jede einzelne von ihnen hat einen uneinsehbarem Pool und Jacuzzi. Und einem Butler, der rund um die Uhr bereitsteht. In den Genuss des Extraklasse-Service des Resorts kommen übrigens auch die Eigentümer der privaten Residenzen auf dem Gelände. Die Treatments, in einem der fünf Pavillons des Spas zum Beispiel ermöglichen einen Traumblick über die üppige Vegetation hinunter auf die hufeisenförmige Bucht von Petit Anse, auf die türkisen Weiten des Ozeans und die wolkenbetupften Bergformationen in der Ferne, etwa den abgerundeten Gipfel der Trois Frères und den Granitriesen Mount Sebert. Nach der Massage nehme ich einen Drink auf der Veranda meiner Villa, die Füße im Pool, gekleidet in den bereitgelegten, mit einer weißen Orchidee bedruckten Pareo.

Apéro-Fein geht´s dann in die „Kannel Bar“ fast direkt am Strand oder – anderntags – in die elegante, aber ebenso luftige „ZEZ Lounge“. Danach zum Essen in eines der beiden Restaurants mit kreolisch angehauchter Spitzenküche. Zu toppen höchstens von einem „Special Dining Place“ wie dem„Fumba“,einer alten Zitadelle, wo für private Gruppen unter freiem Himmel im Fackelschein aufgetischt wird. Vor meinem inneren Auge verschwimmen langsam die Bilder.
Seychellen Wetter Wohlig drehe ich mich in der Tropensonne auf Cousine auf den Bauch, lasse Sand zwischen meinen Zehen rieseln. Meine Tagtraumbilder nehmen Formen an wie die Gemälde von Alyssa Adams: zunächst abstrakt wirkende Dschungel- und Meeres-Impressionen, die sich als fast mikroskopisch gemalte Details erweisen. Ihre Werke hängen nicht nur im Resort, man kann sie auch im Atelier ihres Vaters Michael bestaunen, ebenfalls Maler wie auch der Bruder Tristan. Das wildromantische, inmitten üppiger Vegetation versteckte Domizil dieser als Künstler weit über die Inseln hinaus bekannten „Adams Family“ liegt in Hotelnähe.

Durch meinen Kopf geistern auch die Bilder der Maler James Agricole und Andrew Gee, die ich im „Kenwyn House“ der Seychellen-Hauptstadt Victoria mit der integrierten Galerie gesehen habe. Schon das Gebäude an sich, ehemaliger Sitz der ersten Telefongesellschaft und im Kolonialstil restauriert, ist einen Stopp wert. Halb Museum für Kunst, Landesgeschichte und traditionelles Kunsthandwerk, halb edler Souvenirladen mit hochwertigem zollfreiem Diamantschmuck aus Südafrika.

Nicht vergessen werde ich den feinen Geschmack des seychellischen Fischcurrys und der aromatischen Fleischbällchen, die ich im Schatten hoher Bäume, umweht von Frangipani- Duftschwaden, im Garten des „Kenwyn House“ gegessen habe. Bleiben wird auch die Erinnerung an meinen Bummel über den trubeligen Sir Selwyn Selwyn-Clarke Market, auf dem die bunt bedruckten Tücher und Hüte wetteifern mit dem farbenfrohen Obst und Gemüse und Unmengen von Gewürzen aus Afrika und Arabien, Indien und der Inselwelt.

Nicht nur in der Landesküche kommt der Seychellen-typische Völker-Mix zur Geltung. Ein modernes Monument, errichtet 1978 zum zweihundertsten Stadtgeburtstag von Victoria erinnert an den Multikulturalismus der Insel-Republik. Die dreigeteilte Metallkonstruktion des lange auf den Seychellen beheimateten italienischen Bildhauers Lorenzo Appiani zeigt Vögel im Landeanflug; sie soll an die europäischen, afrikanischen und asiatischen Wurzeln der kreolischen Bevölkerung erinnern. Am anderen Ende wird der Mini-Boulevard der wohl kleinsten Kapitale der Welt vom Clock Tower flankiert – 1903 zu Ehren von Königin Victoria aufgestellt. Der Turm ist eine kleine Replik des Londoner Originals an der Vauxhall Bridge.

Von irgendwoher legen sich jetzt Sound-Fetzen der kreolischen Tanzmusik Sega über meine ganz persönliche Memory Lane am Strand von Cousine – eine so multikulturelle Melange wie die besondere Bevölkerung, die ihn hervorgebracht hat. 1770 waren 28 Kolonisten in der Bucht von Mahé gelandet und hatten peu à peu im Namen der Bourbonenkönige die Besiedelung vorangetrieben. Nicht ohne die Hilfe aus Afrika und Madagaskar eingeschleppter Sklaven. Sega ist das Ergebnis der Vermischung europäischer und afrikanischer Kultur. Elemente aus Polka und Quadrille veremengen sich mit Rasseln, Trommeln und Triangel. Im Tenor klingt immer die Melancholie der versklavten Bevölkerung mit.
Seychellen Geschichte
Die Seychellen haben eine bewegte Geschichte: 1811, als nach erbitterten Seeschlachten und kurz vor Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo der Union Jack über den nun zur britischen Kronkolonie erklärten Seychellen wehte, zählten die neuen Herren 317 Franzosen und 3015 Sklaven zu ihren Untertanen. Die Engländer holten sich von Anfang an und bis zur Unabhängigkeit der Seychellen 1976 tausende weiterer Billigarbeitskräfte aus Afrika und Indien. Ihnen folgten Einwanderungswellen aus China. Ein bunter Hindu-Tempel gleich hinter dem Markt von Victoria unterstreicht den asiatischen Einfuss. Natürlich gibt es hier christliche Kirchen, aber kaum Moscheen. Wenn überhaupt, dann private, die sich reiche Investoren aus Saudi-Arabien und den Emiraten auf ihre abgeschirmten Anwesen gestellt haben.
Bald wird die Sonne weg sein. Ich verspüre Lust auf einen Cocktail. An Bord der „Sea Pearl“ ist die Atmosphäre chillig: Obwohl wir Passagiere – von der amerikanischen Fondsmanagerin über ein ungarisches Honeymoon-Pärchen bis zum französischen Filmemacher – uns nie zuvor begegnet sind, werden wir schnell zu Freunden auf Zeit. In einer knappen Woche an Bord haben wir viel gesehen. Der südafrikanische Kapitän Craig Mac-Kellar hat nicht zu viel versprochen.
La Digue
Am Anfang unserer Reise hatte er uns beim Dinner im Salon – kunstvoll arrangiert von den kreolischen Hostessen Brenda und Tessa – die Routen und diversen Ausflugspläne erläutert. Die Besichtigung der bizarren Felsformationen auf La Digue und des verwunschenen Friedhofs dort, der doch viel von den Schicksalen und der Historie des Archipels erzählt. Der Besuch des Inselchens Aride mit der größten Eidechsendichte der Welt. Ihr Überleben verdanken die Geckos dem englischen Schokoladenkönig Christopher Cadbury, der die Insel kaufte und unter Naturschutz stellen ließ.
Praslin
Die Wunderwelt des Nationalparks „Vallée de Mai“ auf Praslin mit seinem seit Millionen von Jahren fast unberührten Urwald und den nur hier vorkommenden schwarzen Papageien und den Meereskokospalmen, fast 5000 an der Zahl, deren Früchte „Koko Dmer“ heißen. Sie sind sowas wie das inoffzielle Wahrzeichen der Seychellen. Wegen ihrer teils phallusartigmännlichen, teils an gebärfreudige Becken erinnernden weiblichen Form werden sie als eindeutig erotisch empfunden.

Das gleich anstehende Beach-Barbecue läutet die Schlussetappe des Törns ein. Das macht mich ein wenig melancholisch. Nur einmal noch das tagtäglich von allen bejubelte Highlight an Bord beklatschen: Wenn nämlich Kapitän Craig und seine einheimischen Matrosen Tasciu und Ted nach dem Ankern und Einholen der Segel „den Affen machen“. Sprich: sich lauthals johlend an einem langen Seil von der Mastspitze stürzen und dann mit Mehrfachsalti ins Meer springen. Einmal noch mit der Tauchlehrerin Mali aus Kanada mit Schnorchel und Flossen oder Sauerstofffasche die fantastische Unterwasserwelt entlang der Riffe in der Baie Ste. Anne erkunden. Ein letztes Mal mit Kajaks durch die Fluten paddeln oder nur noch einmal Wasserski fahren...
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Schildkröten auf den Seychellen.


Schildkröten Ich koste die letzten Minuten am Strand aus, höre exotisches Vogelgezwitscher zur Hintergrundmusik der Brandung, die in ruhigen Herzschlagrhythmen an den Strand schwappt. Plötzlich ein dumpfes Knirschen im Sand. Ein Schatten, der nicht von den Palmwedeln hoch über mir kommt. Ich blinzle, reiße die Augen auf und erblicke direkt neben mir – den Fuß eines Elefanten?! Nein, es ist der einer Riesenschildkröte, die mir ihren gigantischen schrumpeligen Hals entgegenstreckt und mich neugierig anzüngelt. Haben die zunehmenden Grillschwaden sie angelockt? Scheint so. Sie erweist sich schnell als harmloser, aber durchaus routinierter Essensgong und weiß ganz genau, dass auch sie gleich gefüttert wird. Sicher ihren Teil abbekommt von unserem Nachtisch: zumindest ein paar Bananen.  

Friederike Albat