Lunch mit Renzo Rosso

Bei Spargel-Omelett, Wolfsbarsch und hauseigenem Spumante Rosé erzählt der Mode-Unternehmer im Interview mit MADAME-Chefredakteurin Petra Winter, wie er sein Reich mit Marken wie Diesel, Marni und Margiela steuert, was ihn entspannt und welche Werte er seinen sieben Kindern vermittelt.

Portrait Renzo Rosso

(Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein)

Renzo Rosso im Interview  Wie ein Wirbelwind betritt Renzo Rosso den Raum, der in seiner Company die Little Farm genannt wird. Zur Begrüßung küsst und umarmt er, überreicht als Geschenk für den Gast eine weiße Jeans: custom-made, mit besonderen Nähten, Initialen auf der Tasche, Pailletten und Strass-Details. Seine grauen Locken wird er sich im Laufe des Lunches noch häufig aus dem Gesicht streichen. Und er wird in seiner schwarzen Denim- Kluft mehr als einmal aufspringen, um das Gesagte mit Gesten zu veranschaulichen. 
Martin Suter im Interview
Lunch mit Martin Suter

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter hat den bekannten Schweizer zum Interview getroffen


Inmitten der grünen Hügel von Bassano del Grappa, einem 40 000-Einwohner-Ort nahe Venedig, hat sich der "Denim-Gott“ ein beeindruckendes Reich geschaffen. Eine Firma, die in jeder Faser den coolen und lässigen Lifestyle des Jeans-Imperiums Diesel atmet: Es gibt einen hängenden Garten in der Eingangshalle, ein State-of-the-Art-Gym, einen Kindergarten (neben dem von Brunello Cucinelli der einzige firmeneigene Italiens) und ein Archiv, in dem über 80 000 Prototypen aus 38 Jahren Diesel-Geschichte lagern. An der Tür wird man auf einer gigantischen Fußmatte mit Rossos Leitsatz "Be Brave“ begrüßt, darunter die für ihn signifikante Abschiedsformel "Enjoy xxx“. Ebendie hat sich der 60-Jährige auch auf sein Handgelenk tätowieren lassen. 

Auf seinem Ring- und dem Mittelfinger prangen seine Initialen "RR“. Das "RR“ und seine Glückszahl "55“ (sein Geburtsjahrgang) wiederum findet man auf dem Etikett des hauseigenen Spumante Rosé wieder, der schon eisgekühlt auf der langen rustikalen Holztafel wartet. Auf seiner nahe gelegenen Diesel-Farm mit Weinbergen rings herum lässt der Tausendsassa Rot- und Weissweine sowie Schaumweine und Olivenöl keltern. "Eine Hinwendung zum Leben und dem Luxus der anderen Art", sagt der Unternehmer und Boss von High-Fashionmarken wie Marni, Maison Margiela, Victor & Rolf ...

Seit Anfang der 2000er-Jahre hat er neben Diesel ein mittleres Imperium von Pret-à-porter-Labels unter der Holding Only the Brave (OTB) mit einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro zusammengetragen. Seine Mitarbeiter und Niederlassungen bereist er im eigenen Helikopter und Privatjet. Gerade zurück aus Mailand, wo er am Morgen noch "spannende Menschen“ getroffen hat, steht er nun leicht atemlos in diesem eigentümlichen Ess- und Wohnzimmer. Der Interior-Stil ahmt den gemütlichen old-fashioned Style seiner Weinfarm nach. Wie ein erhöhter Kubus, den man über eine Treppe erreicht, thront die Little Farm innerhalb der Firmenkantine. So kann Renzo Rosso inmitten seiner etwa 500 Angestellten (weltweit sind es 7500) speisen und gleichzeitig Privatsphäre haben. 

Die Kellnerin trägt mir die Auswahl der Speisen vor. Er selbst hat sich eine spezielle Diät verordnet, deren Gerichte die Kellnerin zu kennen scheint. Eine Zucchini-Käse-Pizza und ein knackiger Salat stehen schon bereit – selbstredend angemacht mit dem hauseigenen Olivenöl. Ich wähle eine Pasta mit Tomaten und Peperoni, als Secondo einen Branzino. Aus der Magnumflasche schenkt Rosso den feinperligen Spumante in Champagner-Qualität ein und prostet mir zu. 
Genuss mit Freunden und Familie  Jeden Morgen steht der Mode-Unternehmer um kurz vor sechs Uhr auf, macht eine Stunde Sport, abwechselnd Stretching, Yoga, Pilates. Nach dem Frühstück fährt er seine schulpflichtigen Kinder gern selbst zur Schule. Im April wurde er zum siebten Mal Vater.
 
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Und ab und zu während unseres Gesprächs merkt man ihm einen Anflug von Müdigkeit an, dann, wenn er sich über die wasserblauen Augen streicht. Neugeborene bringen eben unruhige Nächte mit sich. Die Hälfte seiner Zeit verbringt er auf Reisen. Sein Business und seine Freunde auf der ganzen Welt halten ihn auf Trab, darunter Bono von U2, der Dalai Lama, Matteo Renzi, der italienische Präsident. Trotzdem sei er ein Familienmensch, sagt er und bezeichnet als seinen italienischsten Charakterzug den Genuss der guten Dinge im Leben – gemeinsam mit Freunden und Familie. Sein ältester Sohn, Andrea, ist Kreativdirektor aller Diesel- Lizenzen, zu denen Uhren, Möbel, Brillen und Düfte gehören. Der zweitälteste, Stefano, den wir nach dem Lunch in der Kantine antreffen, ist CEO der Company.

"Was ich sehr genieße, ist, einen Koch zu Hause zu haben. Jeden Tag gibt es etwas ganz anderes zu essen.“ Wie auf ein Stichwort stellt die Kellnerin unsere Hauptspeisen vor uns ab. Rosso bekommt weißen Spargel und ein Omelett. "Gutes Essen und eine schöne Umgebung, frische Blumen in jedem Zimmer, Kerzen, das ist es, was ich sehr liebe.“ Dann schwärmt er noch von vibrierenden Massagen, Laser-Gesichtsbehandlungen, Sauerstoff-Treatments, Kryolipolyse (dem Modellieren des Körpers mittels Kälte), Maniküre, Pediküre. Und das alles verabreicht im eigenen Zuhause: "Dass ich nicht raus muss, sondern dass die Leute zu mir kommen, schätze ich sehr.“ 

Rosso ist als Sohn eines Landwirtes in Brugine im Veneto geboren worden: "Meine Eltern haben mir eine einfache Erziehung mitgegeben: Respektiere die Menschen, sei selbst ein guter Mensch.“ Das sei immer sein Credo geblieben. "Ich denke, wir sind eine sehr menschliche Firma, auch wenn wir jetzt groß und multinational sind. Auch meinen Topmanagern vermittle ich diesen Wert.“ Und er möchte, dass alle seine Angestellten das lieben, was sie tun – von der Rezeptionistin bis zum Designer. 
Nur wenn man nach dem Optimalen strebt, nicht einfach akzeptiert, wie die Dinge sind, kann man einen guten Job machen. Selbst wenn man eine Rechnung schreibt, kann man das auf eine besonders nette Art machen. 
Renzo Rosso

Er selbst habe nie einen einzigen Tag im Leben für Geld gearbeitet, sondern immer aus der puren Leidenschaft heraus, etwas Schönes, Ungewöhnliches, Neues zu kreieren. Als Beweis für diese Haltung nennt er das Beispiel der Marke Maison Margiela: "Ich habe zehn Jahre lang Geld verloren, weil ich die DNA der Marke nicht zerstören wollte.“ Liest man Interviews mit den ehemaligen Eigentümern und Kreativen der von ihm akquirierten Marken, scheint das zu stimmen. Rosso versteht sich als Ratgeber und Problemlöser seiner Designer, leistet Überzeugungsarbeit in strategischen, nicht in kreativen Dingen. 

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Lunch mit ... Ulrich Tukur

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter sprach mit dem Tatort-Kommissar Ulrich Tukur über Poesie, das Leben in einer beschleunigten Welt und Venedig

Mit Artistic Director Nicola Formichetti hat er seit drei Jahren den perfekten Match für Diesel gefunden. Ein junger Wilder, der zuvor Stylist von Lady Gaga und Kreativdirektor bei Mugler gewesen war. Der 39-Jährige soll die etwas betagte Jeansmarke wieder hot machen. Formichetti ist ein Jahr älter als Diesel: Zusammen mit Adriano Goldschmied hatte Rosso die Firma 1978 gegründet und sieben Jahre später alle Anteile übernommen. Auf den Namen Diesel war man damals gekommen, weil Diesel in Zeiten der Ölkrise der alternative Treibstoff war. Auch Diesel sollte eine Alternative zur vorherrschenden Jeansmode sein. 

Man experimentierte zum ersten Mal mit Denim, wusch den Stoff mit Steinen, produzierte so die unterschiedlichsten Waschungen. Und fuhr eine ungewöhnliche Strategie: Immer wenn ein Modell sehr erfolgreich war, nahm der Unternehmer es wieder vom Markt. "So blieben wir cool, haben die Avantgarde angesprochen und immer etwas Neues ausprobiert.“ Neu war vor allem die Art der Kommunikation, die meistens Provokation mit einschloss. Legendär ist etwa die Kampagne von 1995 mit zwei sich küssenden Matrosen, fotografiert von David LaChapelle. Ebenso Mitte der 90er hatte Diesel als eine der ersten Fashion-Brands eine Website und einen Online-Store. Heute ist die Challenge, zwischen Social Media, viralen Kampagnen und klassischer Imagewerbung herauszustechen.
Ich möchte Leidenschaft und Träume wecken. Daran arbeitet das Team gerade. Ich hoffe, wir schaffen das mit unserer neuen Kampagne. 
Renzo Rosso

Rossos Leidenschaft abseits des Business ist die Kunst: "Eigentlich habe ich Kunst viel zu spät für mich entdeckt.“ Auch wenn er schon 2003 den amerikanischen Künstler Stephen Sprouse engagiert hat, mit seinen Graffiti den Diesel-Store am New Yorker Union Square zu gestalten (die besprühten Stoffbahnen entsorgten Mitarbeiter zu Rossos Entsetzen, nachdem die Aktion gelaufen war). Wenn er jetzt die Kunstmessen der Welt von Hongkong über Basel bis Miami besucht, hat er einen "Lehrer“ dabei, der ihm die Arbeiten erklärt. Feuer gefangen für die Kunst hat er bei Basquiat, Takashi Murakami, Julian Schnabel und dem italienischen Konzeptkünstler Francesco Vezzoli. "Das Tolle ist, dass Kunst den Horizont in jeder Beziehung erweitert.“ Und das sei eine gute Lehre für die Mode: "Wir müssen wieder Träume und Verlangen herstellen.“ Wie auf das Stichwort "Verlangen“ kommt das Dessert herein – Profiteroles, gefüllt mit Vanillecreme und Schokolade obendrauf. Rosso winkt ab, ich probiere die Kalorienbombe zumindest.

Er plant, sich mehr mit organischem Essen zu beschäftigen, und arbeitet an einer Bio Zertifizierung seiner Wein- und Olivenölproduktion. An der Bio-Supermarktkette Natura Si hat er sich schon vor einigen Jahren beteiligt. Ebenso sehr liegen ihm soziale und kommunale Projekte am Herzen. "Das Essen, das in der Kantine übrig bleibt, geht an Flüchtlinge in der Umgebung“, erzählt er. Dann hat er fünf Millionen Euro für die Renovierung der Rialto-Brücke in Venedig gespendet und vergibt Mikrokredite an lokale Handwerker. 

Welche Werte gibt er seinen Kindern abseits von sozialer Verantwortung mit? "Sei positiv! Alles ist möglich! Aber du musst auch etwas dafür tun, damit du deine Ziele erreichst. Sei da, vor Ort, fass mit an, fühl dich verantwortlich!“ Er sehe gerade großen Sinn darin, die Ressourcen wiederherzustellen, die seine Generation zerstört habe.

Seit eineinhalb Stunden plaudern wir jetzt, unter uns in der Kantine ist es leer geworden. Ich müsse auf jeden Fall das streng geheime Atelier mit der neuen Kollektion sehen, schlägt er vor, drückt mich noch einmal fest, strahlt und verschwindet mit wehenden Locken genauso schnell, wie er gekommen war.