Totale Reizüberflutung: Rankin und Walter Campbell über ihr Werk für "Coco de Mer"

Ganz schön heiß - und NSFW! Drehbuchautor Walter Campbell ("Under the Skin") inszenierte für das Londoner Luxus-Lingerie & Sex-Toy-Label "Coco de Mer" einen Clip, der uns nicht nur öfter als "alle sechs Sekunden an Sex denken" lassen will, sondern eine wahre Flut an Bildern und Reizen auslöst. Mit ins Boot holte sich der BAFTA-Nominierte unter anderem Starfotograf Rankin, der uns mit Walter einen Einblick in die gemeinsame Arbeit gab.

Rankin

Neben Rankin waren am Werk auch die Fotografen und Filmemacher Vicky Lawton, David Allain, Damien Fry, Joe Hunt, Trisha Ward und Bronwyn Parker-Rhodes beteiligt.

Madame.de: Wie haben Sie sich dem Projekt genähert?

Walter Campbell: Ich habe versucht, mir vorzustellen, was sich ein Kunde von der Marke erhofft. Quasi den Effekt, den ein Produkt haben soll. In diesem Fall war das vorrangige Ziel, einen Fokus auf die erotische Vorstellungskraft zu legen. Alles andere entsprang dann diesem Grundgedanken.

Wie war der Arbeitsprozess?

Rankin: Wir Fotografen haben eigentlich nur geshootet und gaben danach alles an Walter und seinen Editor Nick Gilberg. Es war auf jeden Fall sehr lustig!

Walter Campbell: Am Anfang hatten wir eine sehr lebhafte Diskussion mit "Coco de Mer" Managing Director Lucy Litwack und bekamen dadurch ein tiefes Verständnis für die Marke. Auf dieser Grundlage hatten wir dann so viele Freiheiten, konnten entdecken, Bilder entwerfen und besprechen. Dieser Impuls, den ich übrigens als Kern von Rankins Denkweise empfinde, war sehr wichtig. Die Bilder entstanden sehr frei aus einer großen Palette an Gedanken und Geschichten, entwickelten sich rasch und befruchteten sich gegenseitig. Jedes Gespräch eröffnete neue Ideen und noch mehr Nuancen.


Video: Rankin Photography Ltd.


Welche Intention steckt hinter dem Design?

Walter Campbell: Das allumfassende Gefühl des Films sollte einzelne Bilder und Ideen auf eine Art zusammenbringen, damit sich der Verstand des Zuschauers als überlaufendes Glas entpuppt. Während er versucht, dem hinterherzukommen, was er gerade sieht, verliert er die Spur. Der Versuch, sich an das zu erinnern, was man gerade gesehen hat, während immer neue Bilder auf einen einwirken, fordert die Vorstellungskraft heraus.

Rankin: Nun, es ist ja ein Markenfilm, also haben wir natürlich auch versucht, dass die Menschen mehr über "Coco de Mer" wissen wollen. Zudem wollte ich den Film als Art Erfahrung gestalten, dass man sich nach dem Anschauen fühlt, als hätte man was getan.

Welche unterschiedlichen Bedeutungsebenen lassen sich im Film erkennen?

Walter Campbell: Ich hoffe, dass sich die einzelnen Ebenen zu einem einzigen Fluß an Gedanken verweben, der zwischen Erinnerung, Fantasie, Vorstellung und Intrigen mäandert. Das Gefühl schlägt um von spielerisch zu romantisch zu dramatisch zu draufgängerisch in nur wenigen Sekunden. Der vorhersehbare Ablauf soll genauso durchbrochen wie die Gedanken auf eine andere Bahn gelenkt werden.
Walter Campbell

Walter Campbell inszenierte den neuen Clip für "Coco de Mer" als wahre Reizüberflutung.


Warum, glauben Sie, sprechen Menschen nicht so oft und offen über Sex?

Rankin: Ich weiß es nicht, aber ich finde es auf jeden Fall seltsam. Meiner Ansicht nach ist es wichtig, über Sex zu diskutieren und ihn von seinem Tabu zu befreien.

Walter Campbell: Gerade in einer Partnerschaft können die Dinge erwartbar oder bequemlich werden - aber auch bei Menschen, die sich noch nicht so lange kennen. Wir haben gelernte Verhaltensweisen, die eine tiefere Auseinandersetzung mit Sex nicht einschließen. Ich glaube aber, dass jene Komfortzonen nicht immer befriedigend sein können. Ein großer Teil des Sexlebens dreht sich schließlich um Grenzüberschreitung.

Gibt es noch mehr Tabus in unserer Gesellschaft? Welche müssten wir drigend abschaffen?

Rankin: Auf jeden Fall gibt es viele! Ich glaube, dass es ein gesundes Verhältnis ist zwischen: Wir haben Tabus und wir diskutieren über sie!

Walter Campbell: Allerdings müssen wir besser darin werden, darüber zu sprechen. Weg mit der Scheu - oder besser: Faulheit! Schließlich müssen wir uns von etwas erst so gestört fühlen, damit wir uns mit der Vorstellung eines anderen Menschen überhaupt auseinandersetzen können.

Werden Frauen heute immer noch als Objekt der Begierde angesehen? Wie können Sie mehr Macht erhalten, zum Beispiel in ihrer Sexualität?

Rankin: Ich glaube, dass Frauen heute mehr Macht besitzen denn je und jederzeit mehr Kontrolle darüber ausüben. Das Verhältnis wurde besser, aber natürlich ist der Weg noch weit. Es wäre allerdings zu einfach, sich nur auf diese "Vergegenständlichung" als Zeichen dafür zu konzentrieren, dass Frauen keine Macht besitzen würden. Es kommt jedoch immer auf die jeweiligen Umstände an.

Walter Campbell: Die Tatsache ist doch diese: Frauen sind unglaublich stark, und diese Stärke kann missbraucht werden - und das wurde sie auch. Grundsätzlich sind sie die Quelle einer immensen Energie, die andere stärken und die Erfahrung, zu leben, auf jeglicher Ebene verbessern kann. Das ist ein Geschenk, das wir wertschätzen müssen. Ihre immerwährende Großzügigkeit, diese Kraft, Fürsorge und Zuneigung auszudrücken, ihr unnachahmlicher Wille, sich um die Menschen, die ihnen etwas bedeuten, zu kümmern, muss mit ihren Bedürfnissen aufgewogen werden. Diese Wechselseitigkeit ist der Schlüssel zu allem.