Problematik Plus-Size: Deshalb sind große Größen noch immer Mangelware

Plus-Size ist längst zur Normalität geworden. Trotzdem ist das Angebot von großen Größen noch immer stark unterrepräsentiert. Aber warum ist das so? Wir haben mit den Gründern des Start-ups Wundercurves gesprochen, die mit ihrem Online-Shop über 100.000 Plus Size-Artikel verschiedener Labels sowie Styling-Tipps anbieten. 

Wundercurves-Gründerinnen Christiane Seitz und Tiffany La bieten mit Ihrer Webpage das, was der Markt nicht bietet: Angesagte Plus-Size-Mode sowie Tipps & Tricks

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Lücke in der Fashion-Industrie
So ernährt sich Topmodel Kate Upton
Model Diät

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Das Thema Plus-Size wird heutzutage wie nie zuvor auf den Social Media Kanälen als „Body Positivity“ bespielt und in etlichen Werbekampagnen gezeigt: So zählt zum Beispiel die 29-jährige Ashley Graham zu den berühmtesten Plus-Size Models der Welt und vermittelt das, was wirklich zählt: Den eigenen Körper zu lieben und zu zeigen. Schwierig wird das Ganze jedoch, wenn die Fashion-Industrie ab Konfektionsgröße 42/44 den Riegel vor die Kleiderstange schiebt. Warum folgt auf die hohe Nachfrage nicht mehr Angebot?
Christiane Seitz und Tiffany La gehören zu den Mitbegründerinnen von www.wundercurves.de, einer Webpage, die alle Angebote und  Marken bündelt,  die es  in  mittleren und großen  Größen  gibt.  Hinzu kommen  jede  Menge News, Inspirationen, Tipps und Talks. Das Ziel: Dem Kunden nicht nur spezialisierte Plus-Size-Marken, sondern auch weniger spezialisierte Brands anzubieten, die der Nachfrage an großen Größen gerecht werden – und das stark zukunftsorientiert. Wie bereits viele Studien aufgezeigt haben, besitzt die deutsche Frau im Durchschnitt eine Körpergröße von 1,65 Meter, wiegt 68 Kilogramm und trägt Konfektionsgröße 42/44. Doch es geht noch weiter: Der Londoner Forscher Majid Ezzati fand heraus, dass  sich in 2014 rund 14,9% aller Frauen weltweit fettleibig gefühlt haben. Im Jahr 1975 waren es nur 6,4%. Dieses Ergebnis beweist, dass Plus Size nicht mehr als Sonderfall gehandhabt wird. Wir haben die Mit-Gründerin und Content Managerin Tiffany La einmal zu dem Thema ausgefragt.




Madame.de: Woher kommt der Frust, bzw. die Unzufriedenheit von Plus-Size-Frauen beim Shoppen?

Tiffany La: Frauen ab Größe 42/44 haben es schwer, trendige Mode in ihren Größen und Körperformen zu finden. Entweder sind die großen Größen gar nicht vertreten, sind schon längst vergriffen, passen nicht dem individuellen Figurtypen oder aber die Frauen werden mit einer schwindend geringen Auswahl konfrontiert. Es gibt zwar hin und wieder Läden mit extra Bereichen, aber hier wird man oft in die hinterste Ecke geschickt, wo zwei Kleiderstangen mit lieblos ausgewählten Artikeln auf einen warten. Nicht selten kommt es vor, dass dann nur altbackene Kleidung in dunklen, gedeckten Farben mit weit geschnittenen Formen oder peinlichen Tiermustern mit Glitzer angeboten werden. Auf jeden Fall nichts, was momentan im Trend ist und die Vorzüge betont. Und wenn man sich dann die Schmach in der Öffentlichkeit nicht mehr geben will, versuchen es die Frauen in den Weiten des Online-Shoppings. Es gibt bereits spezielle Labels für große Größen und eine leidenschaftliche Bloggerszene, doch auch die man muss man erstmal kennen. Damit ist auch hier das Shoppingerlebnis eher unzufrieden stellend, die Frauen klicken sich von Shop zu Shop, um die große Auswahl zu bekommen, die sie suchen. Auf den größenübergreifenden Plattformen werden sie hingegen von sehr schlanken dünnen Models begrüßt und müssen sich erst zu ihrer individuellen Größe durchklicken. Man wird also wortwörtlich in Nischen gedrängt, die einem die Lust und Freude beim Shoppen nehmen. 

Madame.de: Warum nehmen sich bekannte/beliebte Hersteller nicht des Themas an?

Tiffany La: Das ist eine große Frage, die sich viele Frauen auch stellen. Fakt ist, dass in Deutschland die Durchschnittsgröße bei 42 liegt. Auf den großen Runways sind aber nur Models von Größe 32/34, selten 36, zu sehen. Gute Designer wissen, dass sich mit steigender Konfektionsgröße auch das Volumen und die Proportionsverhältnisse der Frau individuell ändern. Hier sind also gute Schnittführungen und Veränderungen der Silhouette grundlegend, um einen optimalen Sitz zu garantieren, was natürlich eine Kostensteigerung zur Folge hat. Es ist (noch) nicht massen tauglich und bedarf mehr Planung, aber es ist nicht unmöglich! Am eindrucksvollsten ist wohl momentan der Designer Christian Siriano, der seine Kollektionen auch auf der New York Fashion Week zeigt und Models auch ab Größe 44 in seinen Shows hatte.
Er macht es vor: Designer Christian Siriano zeigte bei der New York Fashion Week seine Mode auch an Models in Übergröße

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Madame.de: Woher kommt die Unterrepräsentation?

Tiffany La: Jedes Zeitalter hat sein eigenes Schönheitsideal. Die bekannten und beliebten Hersteller orientieren sich an den großen Designern und übernehmen den dünnen Lifestyle, um sich beliebt und begehrenswert bei den potentiellen Kunden zu machen. Dabei werden Frauen mit unterschiedlichen Körperformen nicht beachtet . Da passt es für sie leider nicht rein, wenn eine Frau mit Größe 50 eine Ripped Jeans oder eine Off-Shoulder-Bluse tragen will. Obwohl hier ein enormes Potenzial in diesem Markt steckt, haben die Händler Probleme, den Bedürfnissen der Frauen in großen Größen gerecht werden. 
Man muss aber sagen, dass große Labels die Bewegung zum Thema Body Positivity langsam wahrnehmen und aufmerksamer auf die Bedürfnisse aller Frauen werden. Viele haben nun eine zweite Linie für Mode ab Größe 42 entworfen, die neben ihrer Hauptmarke besteht. Ich persönlich finde es aber schöner, wenn es keine extra Linie gibt, sondern diese ganz einfach integriert werden. Denn so fängt es wieder an, dass vollschlanke Frauen ausgegrenzt werden.

Madame.de Was sind die häufigsten Mythen beim Styling von Plus-Size Frauen?

Tiffany La: Den Mythen entgegne ich fast jeden Tag! Es ist ein Mythos, dass Plus Size Frauen keine Querstreifen (generell Streifen) oder figurbetonte Kleidung tragen dürfen, da es aufträgt und unangenehme Blicke auf sich zieht. Vor allem figurbetonte oder kurze Kleider sind verpönt - für mich absolut unverständlich! Vor allem bei Kleidern kann man seine Vorzüge perfekt betonen. Sei es das schöne Dekoletté, die schlanken Beine oder die Taille - Mit dem richtigen Schnitt, Sitz und Material, in denen sich Frau wohl fühlt, kann man alles anziehen, was man will. Ich persönlich bevorzuge schmale Querstreifen wie bei einem klassischen französischen Ringelpulli. Bei einem Head-to-Toe-Look mit Streifen wird es natürlich schon schwieriger, aber das wäre es auch bei einer schlanken Frau! Alles nur eine Frage der Proportionen und Schnittführungen.

Madame.de: Haben Sie besondere Tipps für das Styling von Plus Size Frauen?
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Tiffany La: Der für mich wohl wertvollste und wichtigste Tipp ist, zu lernen, sich in seiner Haut wohlzufühlen! Du kannst das schönste Kleid anziehen, aber mit fehlendem Selbstvertrauen und ohne ein Lächeln auf den Lippen bringt es nichts. Ich wünschte, jede Frau beginnt jeden Morgen mit einem Kompliment für sich selbst. Natürlich gibt es auch Tage, an denen man total zerknautscht aussieht und nichts passt, aber ich kann jeder Frau versprechen, dass so ein Morgenritual Wunder bewirkt. Und wenn dann nur noch die Kleidung mitmachen muss, dann sollte man sehr genau auf das Fitting achten. Es darf nicht zu eng, zu kurz oder zu weit sein - der erste Sitz muss gleich passen! Man hat keine lange Freude daran, wenn man eigentlich sofort weiß, dass zum Beispiel die Bluse an der Brustpartie zu eng sitzt oder die Ärmel an den Schultern zwicken. Ein optimaler Sitz ist enorm wichtig, um sich wohlzufühlen, denn das strahlt man am Ende auch aus. Außerdem sollte man kreativ und neugierig bleiben - ganz viel ausprobieren und neu kombinieren. Sei es ein neuer Schnitt, eine neue Farbe oder neue Accessoires wie ein Taillengürtel. Besonders schmeichelnd sind fließende Stoffe, die sich an die Kurven anschmiegen. Wasserfallkragen bei Blazern sind ein perfektes Beispiel dafür! Sie sind für das Büro und auch sonst casual kombinierbar, kaschieren einen Bauch und täuschen eine Taille vor, aber sind trotzdem schick. Ein gutes Paar Shapewear haben einen festen Sitz in meinem Kleiderschrank und das meine ich wortwörtlich, Ladys! Aber egal, was Ihr tragt: Lasst Euch nicht von anderen einreden, wie Ihr auszusehen habt! Euer Körper, Euer Style.

Madame.de: Warum versuchen viele Labels, eine Größe 36 ohne jegliche Änderung an Schnitt & Form in einer 42 herzustellen? Das geht ja häufig nicht gut aus.


Tiffany La: Ich vermute, dass ihnen das Können und Geschick dafür fehlt und/oder ihnen der Aufwand dafür schlicht und ergreifend zu groß ist. Wie ich schon sagte, wissen gelernte Designer, das sich das Volumen des Körpers je nach steigender Konfektionsgröße ändert. Aber nicht alle Frauen ab Größe 42 haben eine Marilyn-Monroe-Figur - die eine hat mehr Hüfte, die andere hat mehr Bauch und die andere hat kräftige Beine. Bei solchen Massenproduktionen führt das zu unangenehmen Situationen in der Umkleidekabine oder Daheim, wenn das gewünschte Outfit nicht passt. Und natürlich kaufen wir Frauen davon nichts, denn wir wollen schließlich das Outfit tragen und nicht nur das Bild davon in unserem Kopf. Dieses falsch interpretierte Kaufverhalten führt wahrscheinlich zur fehlenden Auswahl an trendiger Mode für die kurvige, moderne Frau von heute.