Warum wir endlich aufhören müssen, uns über allgegenwärtige Selfies zu beschweren

"Müssen die eigentlich immer und überall gleich ihr Handy zücken und ein Foto von sich mit Schmollmund machen? Ach Gott, jetzt auch noch mit Selfie-Stick!" Kaum ein Thema zeigt den Technologie-Gap zwischen den Generationen so deutlich wie der Selfie. Ein Schweizer Kunstmuseum liefert mit dem Anti-Selfie-Club nun einen ironischen Kommentar zum Jugend-Trend.

Dolce Gabbana Runway Selfie

Auf dem Laufsteg von Dolce & Gabbana machten die Models während der Show Selfies

Selfies all day, every day
Vor berühmten Bauwerken, im Bett, mit Burger: Kein Motiv ist zu banal, um es nicht als Backdrop für einen Selfie für Instagram, Snapchat oder Twitter zu verwenden. Gern garniert mit selbstironischen Bildunterschriften und Hashtags, die zwar Bescheidenheit signalisieren, in Wahrheit aber Komplimente auslösen sollen.

Einer vermeintlichen Allgemeinheit ist die ständige und allgegenwärtige Selbstdarstellung der Jugend zuwider: Museen auf der ganzen Welt verbieten mittlerweile das Benützen von Selfie-Sticks in ihren Ausstellungsräumen, in den Medien wird der Selfie zum Symbol einer narzisstischen und inhaltsleeren Generation stilisiert, deren Drang zum Selbstportrait als das Ultimo von Eitelkeit und unverdienter Selbstverliebtheit verdammt wird.

Der Anti-Selfie-Club
anti selfie club fondation beyeler

Der Anti-Selfie-Club


Die Fondation Beyeler in Riehen in der Schweiz, Zuhause von Werken von Künstlern wie Mark Rothko, Andy Warhol, Roy Liechtenstein, Matisse, Picasso uvm., hat nun zur Eröffnung zweier Ausstellungen über den Einfluss des russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch auf die Kunst den Anti-Selfi-Club ins Leben gerufen.

Auf der Website www.antiselfie.club kann jeder mit seiner Webcam einen Selfie machen und sein Gesicht mit den drei Ur-Formen des Malewitsch'schen Bildkosmos - Quadrat, Kreis und Kreuz - verdecken. Laut Fondation Beyeler eine "ironische Auseinandersetzung mit der allgegenwärtigen Selbstdarstellung mittels Selfie".

Lustige PR-Aktion und nicht unnötiger Kommentar zu einem globalen Trend, der definitiv einer verfeinerten Etikette bedarf.

Doch die Selbstverständlichkeit und Herablassung, mit der ältere Generationen öffentlich eine Praxis mokieren, die eine Jahrtausende alte Tradition hat, verwirrt.
Schließlich hängen genau in denselben Museen, die Selfies als vulgär und unkulturell verbannen, überlebensgroße Portraits von Menschen, die ganze Tage damit verbracht haben, regungslos vor einem Maler zu posieren. Der Drang des Menschen, eine bildliche Spur von sich zu hinterlassen, hat nicht erst mit der Erfindung der Frontkamera im Smartphone begonnen.Wer es sich leisten konnte, ließ Bildnisse von sich anfertigen. Von sich, seiner Frau, den Kindern, den Geliebten. In Stein gemeißelt, aus Marmor gehauen, auf Leinwand gepinselt.
ellen oscar tweet

Der globale Siegeszug des Smartphones hat nun jedem Besitzer die Mittel in die Hand gegeben, Fotos von sich selbst zu schießen, immer und überall. Mit der Instant-Gratifikation, das Ergebnis sofort begutachten und bei Nichtgefallen löschen und wiederholen zu können. Eine Entwicklung, die für Millenials selbstverständlich ist, für alle vor 2000 Geborenen jedoch ein unglaublicher Technologie-Fortschritt.

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Zukünftige Historiker können sich freuen
Heutige Generationen sind die am besten dokumentierten Generationen der Geschichte. Was die tägliche Bilderflut zu Datensammlung tut, ist eine Sache. Unbestritten ist jedoch, dass jeder in seiner unmittelbaren Umgebung mindestens einen Fall hat, bei dem die Beschaffung von Kinderfotos (oder Fotos überhaupt) schwierig ist, weil die Eltern damals keine Kamera besaßen/auf die falsche Technologie gesetzt hatten und heute kein Mensch mehr einen Dia-Projektor besitzt/alte Fotoalben und Negative zerstört oder verloren gegangen sind.
Wen stört es da ernsthaft, dass Jugendliche Selfies mit ihren Freunden im Café machen und via Snapchat an weitere Freunde schicken? Oder ist der Selfie vor dem Eiffelturm nur dann erlaubt, wenn er der Reiseberichterstattung an die Eltern dient?

Eine Altersfrage?
Und so lässt sich zu Recht die Frage stellen, ob die fast reflexartige Abneigung der Eltern-Generation gegenüber allem, was mit Kommunikation über Social Media und ihren Apps zu tun hat, nicht einem Unbehagen über die rasante technologische Entwicklung, die in den letzten 40 Jahren stattgefunden hat, enstammt. Vom festgelegten Fernsehprogramm auf drei Kanälen zu Lieblingsserien-Binge-Watching wann und wo immer wir wollen. Vom Warten auf die Film-Entwicklung und die Ungewissheit, wieviele der 36 Fotos nichts geworden sind zum Fotografieren ohne Bilder-Begrenzung und vor allem sofortigem Ergebnis. Von den zeitlichen Gegebenheiten von Brieffreundschaften, Festnetztelefon und Postkarten zu Instant-Kommunikation via Textchat und Fotos - und zwar weltweit über Zeitzonen, Kontinente und Sprachgrenzen hinweg.

Kinder wachsen heute ganz selbstverständlich mit einer Technologie auf, die ihre Eltern-Generationen mühsam erlernen mussten. Warum mokieren und lamentieren wir die Selbstverständlich- und Mühelosigkeit, mit der junge Menschen die ihnen gegebenen Technologien verwenden?

Und wenn vermeintlich kultiviertere Zeitgenossen die Motiv-Banalität und Beliebigkeit von heutigen Selfies im Gegensatz zur bedeutungsvollen Kunst vergangener Epochen beklagen, dem seien u.a. die japanischen He-gassen "fart scrolls" aus der Edo-Zeit als Beispiel für die Verschwendung von Ressourcen ans Herz gelegt.
kasimir malewitsch black sun

"Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei" und "Black Sun"
Fondation Beyeler, Riehen, Schweiz
Mehr Infos auf www.fondationbeyeler.ch