Petra Winter im Interview mit Monica Lierhaus

Fünfeinhalb Jahre nach ihrer OP mit fatalen Folgen treffen wir die frühere Sportmoderatorin zum Lunch in Hamburg und sprechen über ihren neuen Job während der Fußball-WM in Brasilien.

Monica Lierhaus

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter traf Monica Lierhaus zum Interview

Im Hamburger Stadtteil Eppendorf gießt es in Strömen. Die Tür zum Restaurant "Noas“ schwingt auf, ein kurzer Luftzug. Noch bevor ich Monica Lierhaus sehe, kann ich ihre Stimme hören, die um einige Lagen höher liegt und etwas dünner ist als die der früheren "Sportschau“-Moderatorin. Ihre Schwester Eva ist mit ihr gekommen, das hatte sie vorher angekündigt, sie geht ihr zur Hand, hilft aus dem Mantel und legt ihr ein mitgebrachtes Kissen in den Rücken, nachdem wir uns begrüßt haben.

Fünfeinhalb Jahre ist es her, dass sich Monica Lierhaus im Uniklinikum Eppendorf einer Operation unterzog, bei der ein Aneurysma, eine erweiterte Arterie im Kopf, entfernt werden sollte. Sie hätte jederzeit platzen können. Der Eingrif verlief nicht gut, Lierhaus fiel ins Koma. Vier Monate lang kämpfte sie um ihr Leben. Dann wachte sie wieder auf. Seitdem teilt sich ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher.

Hier im "Noas“ kennt man Monica Lierhaus. Sie wohnt in der Nachbarschaft, kann die Strecke gut zu Fuß schaffen, ihr Gang ist noch nicht so stabil, wie sie es sich wünscht. Die Kellnerin betet das Mittagsmenü herunter, Lierhaus entscheidet sich für Ziegenkäse im Filoteig auf grünen Bohnen. Eigentlich nur eine Vorspeise, dazu stilles Wasser. Ihre Schwester und ich bestellen das Gleiche, als Hauptgang dazu einen Kabeljau mit Spargel.
Lunch mit ... Monica Lierhaus
Dass der stetige Kampf zurück ins Leben, die tägliche Disziplin, einen Fuß vor den anderen zu setzen, Kraft kostet, ist ihr ins Gesicht gezeichnet. Sprechen und laufen musste sie erst wieder lernen. Der Blick aus hellblauen Augen verletzlich, die markanten roten Haare werden von einem pfirsichfarbenen Band gehalten. Zurückhaltend lächelnd nimmt sie die Gratulation zu ihrem neuen Job als WM-Korrespondentin für den Pay-TV-Sender Sky entgegen. Dort trift sie die Großen des deutschen Fußballs zu Interviews: Joachim Löw, Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann, Günter Netzer, Rudi Völler. "Das war mein Ziel, mein ganz großer Wunsch. Es fühlt sich einfach fantastisch an“, sagt sie in knappen Sätzen, und man ahnt, wie viel ihr dieses Engagement bedeutet. Die 44-Jährige kontrolliert jedes ihrer Worte. Das hat sie als Moderatorin gelernt, das hilft ihr jetzt, sich trotz ihres Handicaps zurechtzufnden.
Ob ihr Ehrgeiz geholfen hat? 'Würde ich nicht sagen. Aber Zielstrebigkeit. Mir gefällt das Wort besser.'
Monica Lierhaus

Lierhaus galt als die beste deutsche Sportmoderatorin, sie war es, die die Nationalelf nach der WM 2006 in Berlin empfing, die "Märchenfee“ im Märchensommer, wie die "Welt“ schrieb, sie führte auch durch große Samstagabend-Shows und Galas. Sie war beliebt, professionell, absolut unpüppchenhaft. Eine Frau, die auch andere Frauen mögen. Welche ihrer Eigenschaften haben ihr bei der Rückkehr ins Leben am meisten geholfen – ihr Ehrgeiz vielleicht? " Würde ich nicht sagen. Ich habe eher das Gefühl, mein Ehrgeiz ist völlig auf der Strecke geblieben. Aber Zielstrebigkeit. Mir gefällt das Wort besser.“

Wenn man die Aufnahme ihres Auftrittes bei der Goldenen Kamera im Februar 2011 anschaut, bemerkt man ihre Fortschritte. Der damals noch sehr roboterhafte Gestus und die mechanische Stimme sind verschwunden. Zufrieden mit sich ist sie nicht: "Es nervt mich tierisch, dass ich nicht richtig gehen kann, was an einer Gleichgewichtsstörung liegt. Am Anfang habe ich recht große Fortschritte gemacht, und jetzt geht alles sehr langsam.“ Das faktische Wissen für ihren Job, die wichtigen Ereignisse musste sie nicht neu lernen. "Mein Mann musste mir nur zwei Namen der neuen Bundesliga-Saison einbläuen: Pavel Progrebnyak und Tomas Tuchel.“ Erinnerungslücken hat sie nur, wenn es um ihre Zeit im Rollstuhl geht. Die Ärzte hatten ihr prophezeit, dass sie vermutlich nie wieder laufen wird. "Ich weiß nur noch, dass ich meinen Rollstuhl Frau Meyer genannt habe, nach Valeska Meyer, meiner preußisch disziplinierten Urgroßmutter. Dann gab’s noch so ein Liegefahrrad, das Lance hieß, nach Lance Armstrong, und einen Rollator namens Usain. Nach Usain Bolt.“
Monica Lierhaus

Monica Lierhaus und Rolf Hellgardt bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2012


Ihre früheste Erinnerung nach dem Aufwachen aus dem Koma hat sie an ein Foto mit ihrer Dalmatiner-Hündin Lucy. „Das hatte mein Mann vor meinem Bett in Postergröße aufgehängt.“ Der Hund sei ihre beste Therapie gewesen. Doch das größte Glück war, dass sie ihren Mann und ihre gesamte Familie wiedererkannt hatte: "Stellen Sie sich mal vor, wie schrecklich das sonst gewesen wäre!?“ Überhaupt, die Familie. Sie ist der Kokon, der Monica Lierhaus beschützt – eine ungewohnte Situation für die erfolgreiche und immer unabhängige Frau, sich plötzlich derart auf Hilfe verlassen zu müssen. Nicht weil sie ihren Lieben nicht schon immer sehr nahe stand, sondern aus dem Stolz heraus, eigenständig sein zu wollen. So hatte sie ihren Lebensgefährten Rolf Hellgardt vor der Erkrankung nicht geheiratet, um ihre Unabhängigkeit nicht aufzugeben.

Aus Dankbarkeit, dass sich der Medienmanager in der schlimmsten Zeit ihres Lebens für sie aufopferte, machte sie ihm dann am Abend der Goldenen Kamera auf der Bühne einen Antrag. Ein Moment, in dem sich Millionen von Fernsehzuschauern befremdet die Augen rieben, passte dieser Auftritt doch so wenig zu dieser stolzen Frau, die ihr Privatleben immer im Privaten belassen hatte. Geheiratet haben die beiden auch drei Jahre danach nicht.

Zu wenig deckt sich Monica Lierhaus’ momentanes Selbstbild mit der Vorstellung, wie sie als Braut und Partnerin sein möchte. Zu ihrer Schwester Eva hat sie ein inniges Verhältnis. Eva Lierhaus ergänzt oft die Sätze, die die Moderatorin anreißt. Die beiden sind in Hamburg wie Zwillinge aufgewachsen. Nur ein Jahr und fünf Tage Altersunterschied trennen sie, was dazu führte, dass die Eltern sie bis zur Zehnten in dieselbe Klasse gehen ließen. "Danach haben die Lehrer uns zwangs-getrennt, damit wir unsere Persönlichkeiten unabhängig voneinander entwickeln“, erinnert sich Eva. "Wir fanden das doof. Monica war immer schon sehr eigenständig, hatte einen starken Unabhängigkeitsdrang. Hatte also kein Problem damit, sich auch als Jüngere zu emanzipieren.“

Auch in den Highlife-Tagen der Moderatorenzeit haben die Schwestern viel telefoniert, sich regelmäßig zum Kaffeetrinken und Shoppen gesehen. "Nach acht Jahren in Berlin“, erzählt Monica Lierhaus, "war ich froh, wieder in HH zu sein, der schönsten Stadt Deutschlands. Meine ganze Familie ist hier. Auch mein großer Bruder. Meine Mutter lebt in Fußnähe von meiner Wohnung.“

Dass das Leben fragil ist, haben die Schwestern früh lernen müssen. "Unser Vater hatte schon mit 42 Jahren zwei Herzinfarkte. Da waren wir acht und neun Jahre alt“, erzählt Eva. "Wir sind damit aufgewachsen, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann. Und wir hatten immer uns.“ Vieles im Alltag kann Monica Lierhaus allein bewältigen. Täglich steigt sie in den Bus, um eine Abfolge von Reha-Therapien zu absolvieren. Preußisch diszipliniert wie ihre Urgroßmutter. Montags Neuropsychologie und Logopädie, dienstags Physio und Osteopathie. Mittwochs Pferde-Therapie. Donnerstags wieder Physio und freitags auch – jede Woche. Die Zeit auf ihrem Therapiepferd Pino ist die einzige, in der sie schmerzfrei ist. Das Schaukeln des Pferdes beruhigt ihre Rückenmuskulatur. Die chronischen Schmerzen entstehen durch die Fehlhaltung, ständig gleicht ihr Körper ihren wackeligen Stand aus. Sie treiben sie morgens aus dem Bett. "Das ist die Hölle“, bringt Schwester Eva es auf den Punkt.

Als Monica Lierhaus aufstehen will, um das Bad aufzusuchen, hilft ihr die Schwester die Treppen ins Untergeschoss hinunter. Im "Noas“, erklärt sie entschuldigend, sei das Geländer nur links angebracht. Das sei für Rechtshänder ungünstig. Eva Lierhaus und ich unterhalten uns darüber, wie hölzern wir mit Menschen umgehen, die ein Handicap haben, und wie viele Stolperfallen es im Alltag gibt. In der Reha-Einrichtung ihrer Schwester sei ein Supermarkt, in dem Menschen mit Handicaps arbeiten. "Als wir an der Kasse standen – da ist man ja immer besonders gehetzt –, saß da eine junge Frau ohne Unterarm und zog mit einer Seelenruhe die Artikel über den Scanner. Da habe ich mich auch entspannt. Sonst hätte ich meine Einkäufe am Ende des Bandes schon wieder gehetzt eingepackt.“ Eva Lierhaus wünscht sich, dass auch in Supermärkten um die Ecke Menschen mit Handicap arbeiten können. "Wo begegnen einem heute noch behinderte Menschen? Wie viele bekommen schon die Chance, in ihre Berufe zurückzugehen? Und sie können es schaffen, das ist es, was mich immer so ärgert. Umso schöner ist es zu sehen, wenn Monica da jetzt durch Sky und die WM wieder reinwachsen kann.“
Sie geht lieber in die Offensive – nach dem Motto: 'So bin ich nun mal. Nehmt es an oder lasst es bleiben.'
Monica Lierhaus

Als Monica Lierhaus wieder am Tisch sitzt, sprechen wir über die Reaktionen, die sie als prominente und gleichzeitig gehandicapte Frau auslöst. In einem Artikel im "Stern“ hatte sie beschrieben, wie sehr sie darunter leidet, dass man sie auf der Straße anstarrt. Wie soll man am besten mit behinderten Menschen umgehen? "Ich würde mir nicht anmaßen, ein Generalrezept vorzuschlagen. Aber bei mir hat sich schon viel geändert, seit ich offensiver damit umgehe: So bin ich nun mal, nehmt es an oder lasst es bleiben.“ 

Wie geht es Ihnen, wenn Sie in den Spiegel schauen: Nehmen Sie sich so an, wie Sie sind, oder kämpfen Sie mit Ihrem Selbstbild? "Ja, immer noch. Es fällt mir schwer.“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Auf ihrer Website steht: "Manches klappt heute besser. Auch die Wahl des Friseurs.“ Wie ist das gemeint? Monica Lierhaus zuckt mit den Schultern. Eva sekundiert: "Ist das vielleicht die Geschichte mit deinen schwarzen Haaren?“ Monica Lierhaus lächelt: "Das war ein Versehen, als ich mit meinem großen Bruder als Graf und Gräfn Dracula zum Fasching gegangen bin. Ich dachte, das sei eine Tönung, es war aber eine Haarfarbe. Darauf hab ich dann Rot drübergefärbt, damit es weicher wird. Die Geburtsstunde meiner roten Haare. Da war ich 15.“ Als ich nach ihrer Naturfarbe frage, streiten die beiden sich fast. Monica Lierhaus sagt "Straßenköterblond“, Eva meint „Haselnussgold“. Aber diesen Euphemismus lässt die jüngere Schwester nicht gelten: „Nein, total straßenköterblond.“
Monica Lierhaus

Monica Lierhaus bei der Goldenen Kamera 2006


Wirklichen Streit hat es in der Öffentlichkeit gegeben, als bekannt wurde, dass die ARD Monica Lierhaus für ihre Botschafter-Rolle bei der Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne“ angeblich 450 000 Euro zahlt. Ihr erster Job nach der schweren Genesungsphase. Nach diesem holprigen Wiedereinstieg und in der medialen Diskussion sicherlich oft unwürdigen Ton: Hat sie nie daran gedacht aufzugeben? Ein Buch zu schreiben zum Beispiel über ihre Erlebnisse der vergangenen fünf Jahre? "Ich sitze nicht an einem solchen Buch“, sagt sie, „aber vielleicht mache ich das mal, wenn ich Zeit habe.“

Jetzt hat sie erst mal die WM in Brasilien im Blick. Zwei Wochen will sie vor Ort sein. Ehemalige Weggefährten reagieren "unglaublich reizend“ auf sie, erzählt Monica Lierhaus. Gerade vor ein paar Tagen habe sie mit Wolfgang Overath telefoniert: "Das war wahnsinnig nett und freundlich. Das habe ich gar nicht erwartet.“ Fünf Jahre war sie von der Bildfläche verschwunden – aus einer Branche, die durch Geld, Egos und Erfolgsdruck geprägt ist. Warum sollte sie mit offenen Armen empfangen werden, wo sich andere bereits ausgebreitet haben und ihr Terrain verteidigen werden?

"Ich war immer fair, nie link und hab nie versucht, jemanden reinzulegen. Und ich hab mich immer zurückgenommen. Ich glaube, das weiß man zu schätzen.“ Wenn man sich umhört bei Sportlern und Sportjournalisten, sagen die meisten: Monica Lierhaus ist eine Frau, die wirklich Ahnung hat vom Fußball und vom Spielbetrieb und – sie ergänzt den Satz – "... die weiß, was Abseits ist“. Die äußere und die innere Monica Lierhaus, die Unzufriedene mit sich, die Perfektionistin, die Frau, deren Leben und deren Welt der Fußball und das Fernsehen waren und sind und die von all dem schwer Ahnung hat: Man wünscht ihr, dass sie gnädiger mit sich selbst ist und dass sie Erfolg hat – einfach, weil sie so hart an sich arbeitet. Aber am meisten wünscht man ihr, dass sie wieder richtig viel Spaß auf und um den Fußballplatz herum hat, so wie in den Videosequenzen von ihren früheren Moderationen, die man sich bei Youtube ansehen kann. Im Rückblick: Würden Sie etwas in Ihrem Leben ändern, wenn Sie könnten? "Ich würde alles wieder genauso machen.“