Nocebo: Über die Kommunikation mit Ärzten

Falsche Worte, negative Gedanken und schlechte Erfahrungen stören die Heilung – das ist keine Idee von fragwürdigen Wunderdoktoren, sondern Erkenntnis der Wissenschaft. Die hat auch schon einen Terminus dafür gefunden: Nocebo-Effekt. Nocebo heißt so viel wie "ich werde schaden". In der Umsetzung bedeutet das: Immer schön positiv bleiben!

Nocebo

Nocebo: Die Kraft der Worte wird im medizinischen Bereich häufig unterschätzt

"Sie sind ein Risikopatient" oder "Ihr Rücken ist ein Trümmerfeld": Solche Aussagen von Medizinern können für Patienten fatale Folgen haben. Während Tabletten ohne jeglichen Wirkstoff (Placebos) nachgewiesenermaßen heilen, können im Umkehrschluss negative Worte krank machen.

Gilt also: Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihren Arzt besser nicht? Wenn Sie ihn falsch verstehen oder er einen schlechten Tag hat, könnte er Sie tatsächlich kränker machen, als Sie sind. "Seit ungefähr zehn Jahren ist der Nocebo-Efekt in den Fokus der Forschung geraten", erklärt der Münchner Orthopäde Dr. Martin Marianowicz. In der Medizingeschichte gibt es allerdings schon aus den Dreißigerjahren Berichte über die Wirkung negativer Gefühle und Vorstellungen, die durch medizinische Experimente belegt wurden. Und bis heute trägt gerade die Medizin, die eigentlich gesund machen soll, dazu bei, dass Menschen sich krank fühlen oder überhaupt erst krank werden.

"Voreilige Diagnosen schaden ebenso massiv wie übertriebene Warnungen vor Risiken und Nebenwirkungen von Operationen, Therapien oder Medikamenten", so Dr. Marianowicz. Der Turiner Neurophysiologe Fabrizio Benedetti hat sowohl den Placebo-Effekt, als auch den Effekt negativer Gedanken auf den Körper untersucht, Nocebo. "In beiden Fällen gibt es keinen materiell fassbaren Wirkstoff, beide Phänomene machen aber deutlich, wie Seele und Geist mit dem Körper interagieren", betont Benedetti. Deshalb kann in manchen Fällen bereits das Geräusch eines Zahnbohrers Schmerzen auslösen, bevor die Behandlung überhaupt beginnt. Sogar das intensive Lesen eines Beipackzettels kann dazu führen, dass der Patient die dort aufgelisteten Nebenwirkungen bekommt, weil seine Erwartungen entsprechend gelenkt werden.

Negative Gefühle dämpfen das Dopamin-System
Wenn dagegen ein Arzt seinem Patienten vermittelt, dass beispielsweise das Medikament, das er ihm verschreibt, eine schmerzlindernde Wirkung erzeugt, wird es besser funktionieren, als wenn er ihm mögliche negative Folgen des Medikaments erklärt. Woran das liegt? Im Körper können allein Gedanken bestimmte Mechanismen in Gang setzen, die messbare Spuren im Gehirn hinterlassen. Das hat unlängst eine der weltweit führenden Neurowissenschaftlerinnen, Professor
Irene Tracey
von der Pembroke Oxford University, beeindruckend auf dem internationalen Schmerzkongress in Maastricht vorgetragen. Sie konnte per Kernspintomografe in den Arealen des Gehirns, die für Schmerz zuständig sind, nachweisen, wie die Worte der Ärzte das Schmerzempfinden beeinfussen. Schmerzen entstehen demnach teilweise schon durch die eigene Erwartungshaltung. Es konnte außerdem nachgewiesen werden, dass negative Gefühle und Gedanken das Dopamin-System im Gehirn dämpfen. Dopamin gilt als das Glückshormon, das euphorische Gefühle vermittelt.

Das Wort des Arztes - Ein Therapie-Tool
"Man kann durchaus davon ausgehen, dass das Wort des Arztes wie eine Droge wirkt und die Therapie sowie deren Ergebnisse maßgeblich programmiert. Das fängt schon mit den ersten Worten im Anamnese-Gespräch an. Allein wie der Arzt das Krankheitsbild einschätzt und vermittelt, hat Auswirkungen auf den gesamten Genesungsverlauf", fasst Dr. Marianowicz seine langjährigen Praxiserfahrungen zusammen. Das Wort des Arztes ist also bereits ein therapeutisches Tool. Demnach ist auch ganz wesentlich, dass der behandelnde Arzt oder Therapeut selbst an einen positiven Krankheitsverlauf glaubt und den Patienten darin in jeder Beziehung bestärkt. Das Gleiche gilt insbesondere bei psychosomatischen Beschwerden. "Auch hier hat das Arzt-Patienten-Gespräch eine große Bedeutung", erklärt der Psychiater Dr. Markus Reicherzer von der Schlemmer Klinik, einem Zentrum für psychosomatische Medizin in München. "In diesen Fällen sind aufbauende Worte mindestens so wichtig wie gezielte Behandlungen." Das größte Problem in dem Zusammenhang ist, dass die Ärzte für die Art der Gesprächsführung nicht spezifsch ausgebildet werden. "Während des Medizinstudiums lernt man zwar alles über Anatomie oder modernste Operationstechniken, aber nichts darüber, wie man mit den Patienten spricht", bedauert Professor Hans-Martin Schardey, Chefchirurg im Krankenhaus Agatharied im bayrischen Hausham. Da greift die Arbeit von Referentin und Coachin Monika Dumont von Duxxcess, einer Gesellschaft für medizinisches Management. Ihr Ziel ist es, eine patientenorientierte, wertschätzende Kommunikation zu vermitteln. Im Kern geht es darum, den Ärzten bewusst zu machen, welche Wirkkette sie auslösen, wenn sie bestimmte Aussagen machen - damit der Nocebo-Effekt erst gar nicht eintritt.

Im Medizinstudium lernt man nicht, wie man mit einem Patienten spricht
"Geschult wird die sekundenschnelle Konzentration darauf, ob eine Aussage motivierend oder demotivierend ist, ob sie wahr und wertschätzend ist. Jedes Mal, wenn ein Mediziner ein Gespräch plant, sollte er diese Übung in Vorbereitung auf den Patienten machen", betont Monika Dumont. "Ich kenne viele Beispiele dafür, was unbewusste, zum Teil fapsige Bemerkungen, wie etwa 'In Ihrer Brust tickt eine Zeitbombe', bewirken können." Denn sofort schaltet sich das Kopfkino ein. Der Patient entwickelt sein persönliches Bild der heraufziehenden Krise und deren Folgen. Es tauchen Fragen auf wie: Muss ich dann sterben? Wer kümmert sich um meine Kinder? Ab diesem Zeitpunkt nimmt der Patient keine weiteren Informationen auf und ist im Krisenstatus. Selbst wenn der Mediziner im nächsten Satz sagt: "Aber bei Ihnen können wir das durch einen kleinen Eingriff alles wieder gut hinbekommen. Sie werden sich danach vollständig regenerieren." Die Kraft der Worte hat also manchmal mehr Wirkung als jedes Medikament.

Marina Jagemann