Neufundland - Fogo

Fogo – nie gehört? Die winzig kleine Insel vor der kanadischen Atlantikküste gehört zu Neufundland und war bis vor Kurzem für die meisten nur ein Fleck auf der Landkarte. Jetzt ist alles anders. Eine Tochter des Eilands holte Fogo aus dem Dornröschenschlaf, indem sie die Zukunft ihrer Heimat zu ihrem Herzensprojekt machte.

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Das "Fogo Island Inn"

Draußen heult der Sturm, und wie er heult. In langen Schüben zieht er vom Meer heran, rüttelt an der Tür, drückt gegen die Fenster und überzieht das Glas mit einem Film aus Salz. Wenn er nachlässt, dann nur, um die Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen. Sobald man glaubt, man könne sich auf den Nachhauseweg machen, faucht die nächste schwere Böe heran. Er klingt wütend, der Sturm. Sehr wütend. Als ärgere er sich darüber, dass er es über den Atlantik geschafft hat und dann den Anstieg vom Hafen hinauf, und jetzt kommt er nicht hinein, um auch drinnen im „Nicole’s“ alles durcheinanderzuwirbeln.

Das Café hockt auf einer kleinen Anhöhe, und drinnen sitzen die Menschen von Fogo und erzählen sich Geschichten von Stürmen. Wird schon irgendwann besser werden, das Wetter. Wenn man von oben schaut, oder, wie man das heute eben so macht: Wenn man sich Fogo Island bei Google Maps heranzoomt – dann sieht man zuerst einmal Neufundland, und dass Neufundland tatsächlich eine Insel ist, eine ziemlich große.Vor dieser Insel, in Höhe von Twillingate etwa, liegt eine Handvoll anderer, wesentlich kleinerer Inseln im Wasser.

Eine davon ist Fogo: 25 Kilometer lang, 14 Kilometer breit, 2400 Einwohner. Jahrhundertelang lebten die Menschen hier vom Kabeljaufang, und als der in den Neunzigerjahren verboten wurde, überlebten sie, indem sie Krabben fischten oder gleich auswanderten. Vor allem die Jungen verschwanden; ein, zwei Wochen nach dem letzten Schultag waren alle auf dem Weg nach Toronto oder Montreal. Fogo wurde leerer, Fogo wurde älter. Bis letztes Jahr. Bis zur Hoteleröffnung. Seitdem ändern sich die Dinge.

Es kommt nicht oft vor, dass der Bau eines Hotels das Schicksal einer ganzen Insel beeinfusst, aber auf Fogo scheint das gerade zu passieren. Das „Fogo Island Inn“ ist ein echter Hingucker: Es gibt Ecken auf der Insel, von denen sieht das Hotel wie ein gewaltiges Raumschiff aus, das hinter den Häusern von Joe Batt’s Arm gelandet ist und nun mit staksigen Beinen festen Halt sucht. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude, als habe es nichts, aber auch gar nichts auf einer kleinen Insel im Atlantik verloren. Dann aber passiert etwas sehr Merkwürdiges: Beim zweiten Hinsehen kommt es einem überhaupt nicht mehr so ungewöhnlich vor, kurze Zeit später ertappt man sich dabei, wie man es mit den Augen sucht. Nach zwei Stunden hat man den Eindruck, dass es auf der ganzen Welt keinen Ort gibt, an den es besser passen würde.

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Das Restaurant des Hotels

Todd Saunders
hat dieses Stück außergewöhnlicher Architektur geschaffen und sich mit ihm tief vor der Natur seiner Heimat verbeugt: Im kompletten Hotelgebäude wurde Holz aus Neufundlands Wäldern verarbeitet, Glasfronten fangen das Licht des Atlantiks ein, die stelzenartigen Beine spielen auf die Form der Fischerschuppen auf Fogo an, die auf ähnlichen Stämmen im Wasser stehen. Das mit den Stelzen war übrigens eine Idee der Bauherrin. Wie eigentlich alles hier.

Zita Cobb hatte ihre Heimatinsel wie so viele aus ihrer Generation nach der Schule verlassen und anschließend eine außergewöhnliche Karriere in der amerikanischen Glasfaserkabel- Industrie hingelegt. Als sie kündigte, besaß Cobb mehr Millionen, als sie jemals ausgeben konnte. Statt Villen in Beverly Hills oder Cannes oder Nassau zu kaufen, begann sie, auf Fogo zu investieren. Mit ihrem Shorefast Business Assistance Fund vergibt sie seit einigen Jahren Mikrokredite an junge Inselunternehmer, die mit dem Geld Bäckereien, Bed & Breakfasts und Gärtnereien eröffnet haben. Die Fogo Island Arts Corporation bietet Künstlern Aufenthalte in einem von vier Studios, modernistisch designten Gebäuden, in denen nun abwechselnd Maler aus Winnipeg oder Fotografen aus New York arbeiten.

Das mit Abstand auffälligste Projekt der Multimillionärin Zita Cobb aber ist das „Fogo Inn“. Denn was für ein Hotel ist das geworden! Aus jedem der 29 Zimmer blickt man hinaus in die Unendlichkeit des Atlantiks, der unmittelbar vor dem Gebäude an jahrmillionenalte Felsen schlägt. Das Gebäude hat die Form eines großen X, in einem Buchstabenbein liegen sämtliche Zimmer, im anderen die öffentlichen Bereiche. Der Schnittpunkt der beiden X-Beine ist die lichtdurchflutete Lobby. Es gibt eine Bibliothek, eine Kunstgalerie und ein kleines Kino. Lobby, Lounge, Bar und Restaurant gehen fließend ineinander über, in die Küche kann man durch eine immer geöffnete Tür schauen, und wer zur Toilette möchte, durchquert den Hoheitsbereich des Barkeepers.

Doch, das stimmt schon: Das„Fogo Inn“ gehört zu jenen Hotels, die man nicht mehr verlassen will, wenn man sie erst einmal betreten hat. Am liebsten möchte man den ganzen Tag am Fenster sitzen, ab und zu zum Fernglas greifen und im Meer nach Nixen Ausschau halten. Fast die komplette Einrichtung stammt übrigens von Fogo selbst. Während der langen Planungsphase hat Zita Cobb Designer aus der ganzen Welt einfliegen lassen; und diese Designer haben sich mit den Leuten auf der Insel unterhalten, mit den Fischern und den Handwerkern und den häkelnden Frauen, zwei, drei Wochen lang. Dann haben die Designer die Einrichtung entworfen, Stühle, Lampen, Frühstückskörbe. All diese Dinge werden nun auf Fogo produziert. Aus den arbeitslosen Bootsbauern sind gefragte Möbelschreiner geworden; und die handarbeitenden Frauen stellen Kissen, Stuhlbezüge und mit Filz bezogene Kleiderbügel her. Und Quilts, die traditionellen Steppdecken Kanadas. Über 250 haben Fogos Frauen nach Designs der britischen Textilkünstlerin Yvonne Mullock für das Hotel hergestellt, Stück für Stück handmade. 

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Einer der Künstlerbungalows auf Fogo Island

Auch die vier Künstlerstudios wurden mit ihnen ausgestattet. Die von Todd Saunders entworfenen Bauten muten anfangs wie Fremdkörper an, aber ganz schnell merkt man, wie ihre schlichten Formen und ihre besondere Aura das Land um sie herum betonen – als wollten sie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die karge Schönheit der Natur lenken. Das funktioniert ausgesprochen gut und am besten beim „Long Studio“, dem größten Atelier: Hier hat Saunders die Glasflächen so angelegt, dass man von außen durch das Gebäude wie durch ein Teleskop hinaus aufs Meer sehen kann. Als wolle die Architektur dem Menschen helfen, das Wesentliche hier draußen im Blick zu behalten.

Das alles hat Fogo nicht nur in die kanadischen Medien gebracht, sondern der kleinen Insel auch einen wirtschaftlichen Schub gegeben. Seit die ersten Hotelgäste in Betten made on Fogo Island geschlafen haben, gibt es Anfragen von außerhalb, auch für die Kommoden, auch für die Quilts. Die vergangene Saison war die erfolgreichste in der touristischen Geschichte der Insel. Und viele, die hier hinkommen, merken, dass sie eigentlich nicht mehr fortmöchten. Manche kehren dann im kommenden Sommer wieder. Einige mieten länger. Andere kaufen sogar. Dass die Einwohnerzahl allmählich steigen würde – daran hat man hier vor ein paar Jahren nun weiß Gott nicht gedacht.

Nun ist Fogo aber auch eine Insel, die es einem leicht macht. Die Schuppen am Ende der Stege, die Ahornflagge im Garten, das vertäute Ruderboot, das sich im Wasser spiegelt: Es kann hier so aussehen wie in den Prospekten der Fremdenverkehrswerbung. Fast immer weht ein Wind, fast immer hört man die Wellen unterhalb des Hotelzimmers an den Felsen nagen. Wenn man am Fenster sitzt, sieht man Wale oder einen aus Grönland herbeiziehenden Eisberg. Manchmal sieht man auch beides zusammen.

Fogos Orte tragen außerweltliche Namen wie Tilting oder Seldom-come-by. Und wenn man in einem Boot an der Küste entlangfährt, sehen sie im klaren Licht Kanadas aus, als könne man sie mit den Händen greifen. Kurze Spazierwege führen entlang der Küste, zu kleinen Aussichtspunkten oder historischen Orten oder auch einfach nur zu einem Wochenendhaus, das abgelegen auf dieser abgelegenen Insel steht. Manchmal kommt einem eine Frau entgegen oder ein alter Mann, und nach zwei oder drei Bemerkungen über den Wind und das Wetter bekommt man dann meistens gleich eine Geschichte zu hören.

Es wird viel erzählt auf dieser Insel vor Neufundland. Die Menschen hier haben eine Kunst des Erzählens entwickelt, die beim Eintreffen der Elektrizität und des Fernsehens glücklicherweise schon so fest in der inselweiten Dann verankert war, dass sie bis heute nicht verschwunden ist. Oft verschwimmen bei diesen Erzählungen die zeitlichen Dimensionen, man kommt mittendrin dazu, abends vor der Eisdiele zum Beispiel, und schnappt etwas von „geköpft haben sie ihn, den armen Kerl, Friede seiner Seele“ auf. Und dann fragt man nach und erfährt, dass es um einen Matrosen ging, den die ortsansässigen Indianer in die Hände bekommen haben, 1769 muss das gewesen sein. Oder vielleicht auch 1770.

Die schönste Geschichte auf der Insel geht übrigens so: Es war einmal ein Fischer, nennen wir ihn Matt, der hatte eine Tochter, die ein echter Wildfang war. Das Mädchen verließ Fogo, und als es zurückkehrte, war aus ihm eine Frau geworden, von der die Wirtschaftsblätter schrieben, sie sei eine der reichsten Kanadas. Insgesamt hat Zita Cobb in den vergangenen zehn Jahren 40 Millionen Dollar auf ihrer Heimatinsel investiert. Und durch ihr Charisma dafür gesorgt, dass andere noch einmal 23 Millionen dazugegeben haben: die Regierung, Unternehmen, Privatleute. Das ist lange her, werden die Leute sagen, wenn sie sich in sechzig oder siebzig Jahren diese Geschichte erzählen, aber das, was die Frau da geschaffen hat – das ist dann noch immer da. So war das, werden sie sagen. So hat alles angefangen.

Stefan Nink