Mimimimi oder Die Leiden des jungen Vaters

Ein Vater entdeckt den Kampf um die widersprüchlichen Anforderungen an seine Person, und alle Frauen so: Ach, nee!!

Es ist schon schwer, ein Mann zu sein

Es ist schon schwer, ein Mann zu sein

Als ich neulich beim Friseur auf meinen kleinen Sohn wartete, las ich die Coverstory eines Eltern-Magazins über die Herausforderungen bei der Erziehung von Jungen heute. Und was auf der einen Seite ein interessanter Erfahrungsbericht aus der Sicht von aufgeklärten Vätern war, konnte sich auf der anderen Seite das Selbstmitleid nicht ganz verkneifen. Denn Männer seien heute so vielen verschiedenen Anforderungen ausgesetzt, und das ganz ohne klarem Rollenvorbild zum Nacheifern!

So viele unterschiedliche Rollen müssten Männer und Väter heute ausfüllen: kraftvoll und soft zugleich, männlich mit weiblichen Qualitäten, ein schier unmachbarer Spagat zwischen diametral entgegengesetzten Anforderungen (ich paraphrasiere).

Und ich dachte nur: Welcome to my world!

Wenn irgendwer die Zerrissenheit zwischen gegensätzlichsten Rollen kennt, dann Frauen. Frauen, die seit Jahrtausenden heilige Huren sein müssen. Wir sollen uns nehmen, was wir wollen wie ein Mann – aber bitte nicht zu maskulin, weil wir dann nicht mehr attraktiv und feminin genug sind. Wir sollen schön und sexy sein, aber bitte keine Tussis, die sich die ganze Zeit mit Make-up und Mode beschäftigen. Wir sollen intelligent und gebildet sein, aber nicht zu schlau, weil das Männer einschüchtert. Selbstständig und erfolgreich sollen wir auch sein, aber bitte nicht erfolgreicher als er, weil wir ihn damit in seiner traditionellen Rolle in Frage stellen und dann in eine Sinnkrise stürzen. Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit sollen wir darstellen, aber bitte nicht gleich in die Zickenfalle tappen, "Hast du etwa deine Tage?!"-Kommentar inklusive. Wir sollen cool und lässig sein, eine Frau, mit der man Bier trinken kann, aber auch nicht zu kumpelig, weil unsexy. Wir sollen Bock auf Burger und Pommes haben, aber bloß nicht danach aussehen. "Echte" Frauen mit Kurven sollen wir sein, ohne Cellulite, versteht sich. Frauen mit denen man Kinder kriegen will werden gewünscht, aber bloß nicht so Muttertiere, wie abtörnend! Wir sollen Lust auf Sex haben, aber wehe, wir sind zu abenteuerlustig! Dann sind wir verhurte Schlampen, mit denen man nur vögelt, aber die man nicht heiratet.

Und während dieser Mann sich verständnissuchend darüber beklagt, dass es ihm schon schwer falle, eine Männerrolle für sich selbst zu finden und es somit noch viel schwieriger sei, den Söhnen ein adäquates Rollenvorbild abzugeben, habe ich schockierende Neuigkeiten für ihn: Was glaubst du, welchen Spagat unsere Töchter machen müssen?

Die Zerreißprobe zwischen den eigenen Wünschen, gesellschaftlichen Rollenklischees und dem familieneigenen Weltbild lernen Mädchen von klein auf. Von vermeintlich harmlosen Tanten-Kommentaren wie "Alles in rosa? Die ist aber ein ganz schönes Püppchen!" und "Warum ziehst du denn nicht mal was Nettes an, du bist doch ein Mädchen?" zu klassischen Widersprüchen wie "Ich bin echt froh, dass es ein Mädchen geworden ist, die sind nicht so anstrengend" vs. "Ja, die zickt gerne mal rum, ist halt ein echtes Mädchen!" Was versteht ein kleines Kind, wenn es hört, wie der Papa in der Runde stolz erzählt, dass seine Große ein ganz schöner Raufbold sei, gar nicht so ein typisches Mädchen, und im nächsten Satz vom Feldhockey-Training erzählt – die Kleine wollte ja lieber zum Fußball, aber das sei ja mehr was für Jungs? Eine Frau zu sein heißt Widersprüche zu leben, von Anfang an.
 

Global gesehen ist ein Mann zu sein immer noch die privilegierteste Rolle, die ein Mensch haben kann. Macht es das für den einzelnen Mann auf der Suche nach seiner Identität und einem väterlichen Vorbild für seine Söhne einfacher? Vielleicht nicht. Aber es schadet ihm auch nicht, im Hinterkopf zu behalten: Jeden Kampf, den ein Mann ausfechten muss, haben etliche Frauen schon vor ihm gekämpft. Wenn sich also irgendwo Männer zu einem Bier zusammensetzen und darüber lamentieren, wie schwer es für sie zwischen Job und Wickeltisch sei – trinkt einen auf eure Frauen mit. Sie haben es verdient.


Dieser Text wurde zuvor auf familie.de veröffentlicht