Lunch mit Mike Bouchet

Bei Miso-Suppe und Sushi spricht MADAME-Chefredakteurin Petra Winter mit dem amerikanischen Konzeptkünstler über den Kult ums Kochen, westliches Konsumverhalten und den Duft von Dollarnoten. Seine Ausstellung "Push" ist vom 9. September bis 8. Oktober 2016 in der Frankfurter Galerie Parisa Kind zu sehen. 

Portrait Mike Bouchet

Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein

Mike Bouchet im Interview
Seine Bilder und Performances sind spektakulär, manchmal monströs, wie "The Zurich Load“ auf der aktuellen Manifesta 11, doch dazu später. Er selbst ist ein feiner, leiser Typ, der erst abwägt und analysiert, bevor er spricht. Man kann sich mit dem Kalifornier genauso gut über die neueste Gucci-Kampagne unterhalten wie über das Alter, in dem Kinder selbstständig Schnürsenkel binden sollten. 
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Das Thema seiner Arbeiten ist unsere Konsumkultur: wie wir essen, trinken, uns kleiden. Bevor wir uns zum Lunch im Frankfurter Nachbarschafts-Japaner "Fujiwara“ verabreden – ein schlichtes, eher funktional als sorgfältig eingerichtetes Lokal –, haben wir uns kurz auf dem Berliner Gallery Weekend kennengelernt. Dort stellte er seine aktuellen Arbeiten aus: Installationen aus pastellfarbenen Glasflaschen, die den XL-Softdrink-Flaschen nachempfunden sind, und eine Serie neuer Ölmalereien, die sich zersetzende menschliche Abfälle zeigen. Was zunächst abstoßend klingt, bekommt in der Abstraktion der Malerei eine eigenartige barocke Schönheit. 

In Berlin machte uns seine Galeristin Parisa Kind miteinander bekannt. Die beiden sind nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar. Sie ist der Grund, warum der 45-Jährige vor zwölf Jahren von San Francisco nach Frankfurt zog. Zu unserem Essen begleitet ihn seine sympathische Frau. Die beiden haben zwei Söhne, Julien und Francis, neun und zehn Jahre alt. Mike Bouchet trägt braune Chinos, dazu ein navyblaues Hemd und eine fein gestrickte graue Mütze. Sein Atelier liegt in derselben Straße wie das Lokal. Trotzdem gehe er selten während des Arbeitstages aus zum Essen, er koche lieber für sein Team, erzählt er. Ein Mann, der Wert darauf legt, was er zu sich nimmt.

Vor vielen Jahren habe er mal ein Kochbuch veröffentlicht. "Essen ist ein starkes kulturelles Element“, sagt er. "Eine starke Reflexion der Zeit, in der wir leben.“ Als die Kellnerin erscheint, wählen wir drei gemischte Sushi- und Nigiri-Platten aus, dazu Mineralwasser. Vorweg wird eine Miso-Suppe serviert. "Es ist schon erstaunlich“, kommt er auf unser Thema zurück. 
Nahrung ist schon immer eine Art Fetisch gewesen. Zu allen Zeiten wurde sie in Stillleben abgebildet. Heute ist unser Verhältnis zum Essen fast pornografisch. 
Mike Bouchet


Sex und Food, das seien schon immer die stärksten Triebfedern von Künstlern. Er selbst sei fasziniert von Energy Drinks, ihn begeistern die Farben und Formen der Verpackungen. Gemalt hat er gigantische Burger in Pop-Art-Manier. So saftig und leuchtend, dass man sofort hineinbeißen möchte, andererseits so künstlich perfekt, dass man vor diesem Ansinnen beinah erschrickt.

Eine seiner favorisierten Inspirationsquellen ist der Hashtag #Pizza auf Instagram. "Millionen von Menschen konsumieren Pizza in jeder Minute des Tages.“ Diese Bilderflut könne ihn auch mal überwältigen. Manche Motive speichert er, hebt sie auf für kommende Projekte. Er reißt auch Bilder aus Magazinen heraus, er mag die Hip-Hop-Kultur, den Gegensatz von Luxury und Low, urbane Kulturen, das interessiert ihn alles brennend – ein Gucci-Logo auf einer Baseball-Cap etwa oder Turnschuhe mit goldenen Abzeichen.

Die Motive und Themen seiner Arbeiten kommen bewusst aus der Mainstream-Kultur – er möchte die menschliche Spezies als Ganzes erreichen, das, was wir uns täglich ansehen und zu Gemüte führen, analysieren. "Das meiste davon kommt aus der amerikanischen Kultur. Ich bin damit aufgewachsen.“ Gleichzeitig hat er den Blick des Außenstehenden schon früh konserviert. Als Neunjähriger zog er mit seinen Eltern nach Andalusien in die Nähe von Cádiz. Sein Stiefvater arbeitete dort als Techniker für die US-Navy. Mit 14 Jahren ging es dann zurück nach Kalifornien. "Da wurde ich auf groteske Art mit der Konsumkultur meiner Heimat konfrontiert. 
Begeisterung für Gegenkultur und Handwerk
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In Spanien haben wir dagegen sehr ländlich gelebt, das war kurz nach Francos Tod, es gab kaum TV, geschweige denn eine große Auswahl an Konsumprodukten. Ich konnte in den USA nichts mehr anfangen mit den Gleichaltrigen und habe mich stattdessen für die Gegenkultur interessiert: Punkrock, Skateboarding.“ Auf der High School begeisterte er sich für alles Handwerkliche: Wie druckt man? Wie geht man mit Werkstoffen um? Und in den Rhetorik-Klassen lernte er, seine Schüchternheit zu überwinden. Die ersten richtigen Malversuche machte Mike Bouchet mit 16 Jahren. Sein Topos: Poster mit satirischem Inhalt.

"Humor ist heute noch ein wichtiges Element meiner Arbeiten.“ Mit den "Celebrity Jacuzzis“ begann er 1998 eine Werkreihe, die dekonstruierte Wannen aus farbigem Karton zeigt (sie sind mit Fiberglas ausgekleidet, können also mit Wasser gefüllt werden). Jede dieser Bathtubs ist einer prominenten Person wie Paris Hilton oder den Olsen-Zwillingen gewidmet und soll deren Persönlichkeit spiegeln. Von den Badewannen landen wir beim Urinal vom Konzeptkünstler und Dadaisten Marcel Duchamp, der 1917 mit viel Lust am Witz ebendieses "Ready-made“ als Kunstwerk präsentierte. 

Eine Art Fäkalkunst ist auch Bouchets aktuelle Installation "The Zurich Load“, die noch bis zum 18.9. auf der Manifesta 11 in Zürich zu sehen ist und über die die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schrieb: "… der Künstler nimmt die Scheiße eines Züricher Tages und macht daraus die beeindruckendste Installation der ganzen Biennale“. Das Werk im dortigen Löwenbräu-Areal ist ein 160 Quadratmeter großes Rechteck aus je 300 Kilogramm schweren Quadern, die aus dem Klärschlamm des stadteigenen Klärwerks Werdhölzli bestehen. Natürlich ist der Schlamm behandelt. Es kostete Mike Bouchet viel Zeit und alchimistisches Geschick, den üblen Gestank zu neutralisieren. Trotzdem bleibt ein süßlicher Geruch, der auch weniger zart Besaiteten den Atem nimmt, geschweige denn, dass allein die Vorstellung davon den Appetit verderben kann. 

Wir schlürfen tapfer das köstliche Miso-Süppchen weiter, als der Künstler auf die großen Exkremente-Sammler der Kunstgeschichte zu sprechen kommt: George Maciunas etwa, der Mitbegründer der Fluxus-Bewegung, die in den 60ern mit ihren Aktionen und ihrem nicht elitären Kunstverständnis für Furore sorgte. "Es ging da auch immer um Alchemie“, sagt Bouchet und bringt es so auf den Punkt:
Die Herausforderung, nicht nur in der Kunst, war ja immer, aus Scheisse Gold zu machen.
Mike Bouchet

Von hier aus könnte man eine interessante Diskussion um die Qualität der zeitgenössischen Kunst starten. Doch wir landen im Römischen Reich, wo die Männer vor 2000 Jahren ihr Geschäft öffentlich erledigten, nebeneinander auf dem Lokus hockend. Bouchet amüsiert sich köstlich bei der Vorstellung, diese Sitte auf heute zu übertragen, indem man zum Beispiel einen Abort in seinem brandneuen Tesla-Cabriolet installierte.

Scham und Lust – auf diesem Spannungsbogen tänzelt Bouchet virtuos. "Jeder schaut sich täglich seine eigenen Exkremente an – ich wollte in Zürich daraus ein Gemeinschaftserlebnis machen.“ Was macht er mit so einer Installation, wenn die Manifesta vorbei ist? Es gebe sogar Interessenten, sagt Bouchet, aber so ein Werk bürde einem einige Verantwortung auf in puncto Konservierung und Instandhaltung. Käufer und Fans hat er vor allem in Europa. Hier begreife man den Humor seiner Arbeiten besser. Im Fall von "The Zurich Load“ ist er nicht einmal traurig, wenn sich das Opus wieder in den natürlichen Kreislauf der Verwesung begibt.
Der Bezug zu Ort und Zeit war bei dieser Arbeit für mich der wichtigste Faktor, Vergänglichkeit inbegriffen.
Mike Bouchet

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Das Lokal hat sich an diesem Samstagmittag bis auf wenige freie Plätze gefüllt. Längst stehen die Sushis und Nigiris vor uns. Parisa Bouchet stiebitzt ihrem Mann ab und zu ein Stück und schiebt ihm dafür eines von ihren zu. "Das machen wir immer so, ich esse keinen Thunfisch und keine Makrele, er dafür sehr gern, dafür schnappe ich mir den Lachs“, lacht sie. Das Ganze sieht sehr eingespielt aus. Mike Bouchet isst langsam, legt oft minutenlang die Stäbchen aus der Hand, bis er mit seinen Ausführungen fertig ist.

Gerüche sind sein Thema. Er mixt für seine "Cola-Paintings“ eine eigene Rezeptur an, die der Limo in Farbe und Duft sehr ähnlich ist. Angefangen hat er damit 2004. Seine Idee: den Stoff nachzubilden, der Amerikas größter "Ölexport“ ist – besteht doch die Cola-Substanz aus acht verschiedenen Ölen, die die Company in alle Welt verkauft und vor Ort zu einer jeweils national angepassten Mischung verarbeitet. Seine "Cola-Paintings“ haben eine aquarellig-karamellige Tönung. "Die Farbe verändert sich im Laufe der Jahre“, wird er später erklären, wenn wir sein Atelier besuchen. "Und man nimmt den speziellen Geruch noch lange wahr.“

Auch bei seinem neuen Projekt, das er ab Januar in New York zeigen wird (bei Marlborough Chelsea), ist das Olfaktorische Zentrum seiner Arbeit. Um genauer zu sein: Es wird nichts als einen Geruch in einem leeren Raum geben. "Ich habe über Monate mit einem Chemiker und Parfümeur zusammengearbeitet, Marc vom Ende, Senior-Parfümeur bei Symrise. Er hat mir geholfen, den einzigartigen Geruch von US-Dollars zu interpretieren.“ Das Kunstwerk wird also unsichtbar sein. Man geht in diesen Raum und wird einfach nur Dollarnoten riechen. "Es ist spannend, welche Assoziationen das auslöst.“ Der Dollar sei die am weitesten verbreitete und auch am leichtesten nachzuahmende Währung, erzählt er. Wie genau kreiert man so einen Dollarduft? Das Besondere an Dollars sei, dass sie durch das Material, das Papier, auf dem sie gedruckt sind, viel Farbe absorbierten. Dazu kämen menschliches Hautfett und Schweiß sowie alkoholische Gerüche, etwa aus der Tinte. Bouchet kniet sich in die Details, aber mehr noch ist er ein Mann fürs große Ganze: Cola, Dollars, Burger – ihn faszinieren Dinge, die uns täglich umgeben, über die man aber meistens nicht nachdenkt. In ihm lösen sie eine Fantasiereise aus, er nimmt sie auseinander, dekonstruiert sie und setzt sie neu zusammen.

Gelernt hat er zum Beispiel bei dem großen amerikanischen Performance- und Installationskünstler Paul McCarthy, bei Charles Ray, Chris Burden und Richard Jackson. Einer Kunstrichtung würde er sich nicht zuordnen. Noch bevor der Name für eine Bewegung ausgesprochen ist, sei sie schon wieder passé.
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Mike Bouchet

, lacht er. Als die Kellnerin nach unseren Wünschen für Dessert und Espresso fragt, lehnt er ab und schlägt vor, in seinem Atelier einen Tee zu trinken, er hätte besonders guten da aus einer Pariser Manufaktur. Auf dem kurzen Weg erzählt er von seinem bevorstehenden Projekt, eine Dinner Show mit Performance. Der Modedesigner Azzedine Alaïa hat ihm dafür seine Galerie und Ausstellungshalle im Pariser Viertel Marais zur Verfügung gestellt.

Kennengelernt hat er Alaïa durch dessen Kurator Donatien Grau, einen jungen Intellektuellen und Tausendsassa. Die Show läuft vom 20. Oktober bis Mitte November unter dem Titel "MR2“ und basiert auf der Idee einer Fortsetzung von "Moulin Rouge“. Viel mehr will er nicht verraten und setzt, im Atelier angekommen, stattdessen einen köstlich duftenden Tee auf, bevor er mit mir zu einer kleinen Retrospektive seiner Arbeiten ansetzt, die mit Cola-Düften, Burger-Motiven und schillernden Flaschen noch einmal live illustrieren und überzeichnen, welch künstliche Produkte wir uns eigentlich einverleiben.