Die besten Tage unseres Lebens von Michelle Haimoff

Atmosphäre, Emotionen, Lifestyle: Michelle Haimoff verwebt in ihrem Romandebüt "Die besten Tage unseres Lebens" das Lebensgefühl junger New Yorker nach 9/11 - in einer Stadt, die um Normalität ringt.

Michelle Haimoff

Michelle Haimoff

"Reich sein und rumgammeln, aber als jemand betrachtet werden, der arbeiten möchte, ist genau der amerikanische Traum“, konstatiert Romanheldin Hailey in Michelle Haimoffs Debütroman „Die besten Tage unseres Lebens“ (Manhattan, 17,99 Euro). Ganz ernst gemeint ist das nicht, denn die Protagonistin und ihre Clique erleben nicht gerade tolle Zeiten, sondern die vielleicht schwierigsten ihres bisher eher sorglosen Lebens.
Die Twentysomethings sind Kinder wohlsituierter Eltern und zum Großteil Absolventen exklusiver Privatschulen und Elite-Colleges. Aufgewachsen auf Manhattans Upper East Side, hat sie nichts darauf vorbereitet, wie nervenaufreibend es sein kann, in einer Stadt wie New York auch nur eine Praktikumsstelle, geschweige denn einen als halbwegs adäquat empfundenen (und bezahlten) Job zu fnden.
Wen schert’s, möchte man am Anfang meinen, wenn man diesen privilegierten Kids auf ausgedehnte Shoppingbummel und endlose Runden überteuerter Drinks in irgendwelche Hipster-Bars und Clubs folgt. Doch der Roman entwickelt schnell eine erstaunliche Sogwirkung. Die Szenerie ist die Matrix, nicht die Geschichte. Die entfaltet sich anhand des sensiblen Innenlebens der Heldin und ihrer mitunter urkomisch zum Ausdruck gebrachten Fähigkeit zur Selbstkritik.
Und dann ist da dieser ganz spezielle Rahmen, eine „Zeitkapsel“, wie die Autorin sagt. Wir schreiben das Frühjahr 2002, ein knappes halbes Jahr nach 9/11. Die Rauchschwaden haben sich gelegt und Platz gemacht für ein „alles überschattendes Gefühl der Lähmung“, so Michelle Haimoff, 35. Sie bezeichnet ihr Buch als „historische Fiktion“, und was es so lesenswert macht, ist tatsächlich die geschichtliche Genauigkeit. „Ich habe alle Schauplätze und kulturellen Hinweise recherchiert: Welche Songs an welchem Tag im Radio gespielt wurden, was im Kino oder im Fernsehen lief, wo sich Leute wie Hailey und ihresgleichen trafen, welche Schuhe gerade bei Barney’s zum Ausverkauf standen, einfach jede Kleinigkeit. Ich wollte einen ganz bestimmten Zeitabschnitt so akribisch darstellen, dass jeder, der damals dabei war, bei der Lektüre ausrufen könnte: ‚Genau so war es!‘“
Buchtitel

Den Originaltitel "These Days Are Ours" hat die Autorin dem Paul-Simon-Song "The Obvious Child" entlehnt



Was ihrer Prosa zudem geradezu dokumentarischen Charakter verleiht, sind die treffsicheren Dialoge. „Ich notiere mir ständig, was Freunde und Bekannte im Alltag so sagen, und wenn ich  solche Unterhaltungen in einen Text einbaue, frage ich mich, ob eine bestimmte Person sich in dieser oder jener Situation so ausdrücken würde. Wenn nicht, schmeiße ich die Konversation raus.“

Ausgangspunkt ihres Romans, an dem Michelle Haimoff mit langen Unterbrechungen fast zehn Jahre arbeitete, ohne das auch nur einem Menschen gegenüber zu erwähnen, waren Gesprächsfetzen und Gedankengänge ihrer Figuren. Darum rankte sie dann ihre Story.

Nicht so sehr die Handlung, aber Themen und Atmosphäre des Buchs sind durchaus autobiografisch geprägt. In Los Angeles geboren, wuchsen Michelle Haimoff und ihr Bruder vom Kleinkindalter an in jener vom restlichen New York ziemlich abgeschotteten Wohlstandswelt an der Ostseite des Central Park auf. Sie besuchte die Privatschule Riverdale, studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Georgetown University in Washington, D. C. und befand sich, genau wie Hailey, 2002 auf Jobsuche. Wie ihre Protagonistin haderte auch sie mit der Scheidung ihrer Eltern, schätzt aber heute die „moderne Patchworkfamilie mit vielen Halbgeschwistern“, die sich nach der Wiederverheiratung beider Elternteile ergeben hat.

Selbst ist sie Mutter eines sieben Monate alten Sohnes. Vor vier Jahren folgte sie ihrem Mann Ben Christen, einem Designer für  Themenparks bei Disney, nach Los Angeles, bezeichnet sich aber immer noch als „New Yorkerin auf Entzug“. Die Empire City ist und bleibt ihr natürliches Habitat, auch wenn sie sich heute ganz wohlfühlt in dem eher bohemehaft angehauchten, fußgängerfreundlichen Viertel Los Feliz im Osten von L. A., das sie an Manhattans Lower East Side erinnert.

Auch ihre beruflichen Anfänge haben mit New York zu tun, der Stadt, die sie wie ihre Westentasche kennt. Die ursprünglich avisierte Banker-Karriere lief nicht recht an. Also startete sie das Online-Magazin ThePanelist.com über Anlagestrategien für verantwortungsbewusstes Investieren. Nebenbei schrieb sie Kolumnen mit City-Tipps für die „Huffington Post“ und diverse Stadtführer wie „Secret New York: Exploring the City’s Hidden Neighborhoods“ (Interlink Books, um 15 Euro).

Neben dem Roman, der im Geheimen langsam Gestalt annahm, bildete sich bei ihr immer mehr ein soziales Gewissen heraus: „Ich habe lange und tief in mich hineingehorcht, Seelenforschung betrieben sozusagen, bis ich herausfand, dass mein persönliches Thema weniger die Umwelt oder Rassengleichheit oder der Schutz der Tierrechte war als der Feminismus. Daraufhin habe ich den Blog genfem.com ins Leben gerufen, den ich immer noch betreibe.“ Neben der Arbeit an einem zweiten Roman, der im Hier und Jetzt angesiedelt ist und dessen Protagonist sich mit dem Umzug von der amerikanischen Ost- an die Westküste auseinandersetzt, fndet sie auch immer wieder Zeit, auf Demonstrationen ihre Stimme zu erheben oder als Gastrednerin auf Konferenzen aufzutreten.

Gleichstellungsfragen und politischer Aktivismus sind kein unmittelbar ersichtlicher roter Faden, der sich durch die Luxuswelt ihres Erstlingsromans zieht. „Unter der Oberfäche aber schon“, meint Michelle Haimoff. „Warum kann man nicht Prada tragen und zu viel Geld ausgeben für Haare oder Pediküren und sich dennoch als Feministin begreifen? Das sind Fragen, die sich meine Figuren stellen, so wie ich mir auch.“ Unterschwellig fndet durchaus ein emanzipatorischer Prozess statt: Hailey hört auf, der Chimäre des (auf dem Papier) perfekten Ehemanns in spe hinterherzulaufen, und akzeptiert unerwiderte Gefühle als das, was sie sind: nichts. Sie erkennt, dass ihre persönliche Reise zur Reife auch erfordert, endlich mit der unverarbeiteten Scheidung der Eltern zurechtzukommen.

Bei diesem Erwachsenwerden spielt das im Hintergrund ständig präsente Trümmerfeld des World Trade Center eine mehr als metaphorische Rolle. An einer Stelle bemerkt Hailey, sie sehne sich geradezu zurück zu den Tagen direkt nach den Terrorakten. „Seltsam, aber etwas, das für mich den Kern der Trauer an sich reflektiert“, erklärt Michelle Haimoff. „Unmittelbar im Laufe oder nach einer Tragödie, ob persönlicher Natur oder von globaler Tragweite, hat man etwas, auf das man den Fokus setzt, und wird, wie bei den Anschlägen, trotz der Schockstarre von einem großen Gemeinschaftsgefühl getragen. Wenn dann wieder Business as usual greift, macht sich gerade in dem daraus resultierenden Gefühl der Befremdung erst das wahre Ausmaß eines Verlusts bemerkbar. Und damit die Chance, ihn verarbeiten zu können.“ Untertöne, die auf jeder Seite dieses nur vordergründig als „Coming of Age“-Roman präsentierten Stücks tief berührender Literatur mitschwingen. Um am Ende mit zwei plötzlichen Wendungen – eine traurig, eine glücklich – tatsächlich Heilkräfte freizusetzen.

Friederike Albat