Lunch mit Markus Lüpertz

Bei Wirsingsuppe und Entrecote mit Bratkartoffeln erzählt der Künstler MADAME-Chefredakteurin Petra Winter von seinen Schaffensprozessen, warum wir der Kunst nicht mehr glauben und warum sein Verhältnis zu Berlin ambivalent ist

Markus Lüpertz Illustration

(Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein)

Markus Lüpertz tritt eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit ins Lokal. Die rechte Hand gestützt auf seinen Gehstock, an dessen Kopf ein schwerer Silberknauf in Form eines Totenkopfs prangt. Der weiße Spitzbart, der dunkle Dreiteiler, die leicht gekräuselte Krawatte, gehalten von einer Perlennadel, und der spitz zulaufende weiße Hemdkragen sind über die Jahrzehnte zu seiner Uniform geworden. "Aus der reinen Not heraus“, wird er mir später erzählen. Als junger Mann habe er sich keine modische Kleidung leisten können und deswegen secondhand gekauft. Wir sind uns vor einem Jahr auf einer Medienpreis-Verleihung in Baden-Baden begegnet, an seiner Seite damals seine charmante Frau Dunja, ein Abend, der mir auch wegen der unterhaltsamen und offenen Art des Paares in Erinnerung blieb.

Lüpertz ist Stammgast in der Berliner "Paris Bar“, seit den 60ern, sagt er, nachdem er Hut und Mantel abgelegt hat und vom Kellner begrüßt wurde. Er steuert auf seinen Stammplatz zu, ein Vierertisch in einem Eck mit Blick auf die Tür. Dort hatte man mich bereits platziert. Wegen des guten Essens komme er nicht her, sagt er, eher aus Sentimentalität. Früher hätte er hier anschreiben lassen können. "Im Lokal war es immer gemütlich warm im Gegensatz zu meinem Atelier.“ Seine Kunst hat er nie gegen Essbares getauscht. Die Wände der "Paris Bar“ sind tapeziert mit Kunst. Ein Lüpertz ist nicht darunter. Den einzigen, den die Inhaber besaßen, mussten sie vor Langem aus Geldnöten verkaufen. Ich schenke ihm ein Glas Badoit ein, und mit Blick auf meinen Sauvignon blanc bestellt er für sich ein Glas Côtes du Rhône. Er schaut nur kurz in der übersichtlichen Karte nach den Tagesgerichten und entscheidet sich dann für eine Wirsingsuppe und ein blutiges Entrecote mit Bratkartoffeln, dazu Chicoréesalat. Ich wähle einen Salat mit Gambas und eine Bouillabaisse.


Am liebsten kommt Lüpertz tagsüber "in die Stadt“. Sein Atelier liegt außerhalb, in Teltow, etwa eine halbe Stunde Autofahrt von hier. Meistens lässt er sich fahren, Parkplatzsuchen nervt ihn. Mit seinem Bentley ist das auch nicht so einfach. Und mit Alkohol im Blut fahre er grundsätzlich nicht -
Obwohl man sich als Künstler ja einiges mehr erlauben kann, als Politiker das dürfen.
Markus Lüpertz



Er greift nach dem Baguette und legt eine Scheibe der gesalzenen Butter darauf. Den Wein rührt er kaum an. Wie hat sich Berlin verändert in den vergangenen 50 Jahren? "Irgendwie
ist die Stadt ideen- und stillos geworden, eine Interessengemeinschaft, die politisch dominiert wird.“ Das Widerborstige fehle ihm. Trotzdem würde er immer wieder hierhergehen. "Ich bin verliebt in die Stadt und bin gleichzeitig unzufrieden mit ihr – wie in einer alten Ehe. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele meiner Weggefährten nicht mehr hier sind, dass sie krank oder schon tot sind.“ Doch eigentlich – und das betont
er in unserem Gespräch immer wieder – mag er nicht gern von früher sprechen. Es sei ja damals mitnichten alles besser gewesen. Er löffelt mit Appetit seine Suppe aus einer großen Terrine, die der Kellner soeben vor ihm abgestellt hat. Sein Singsang und das trockene "R“ verweisen auf seine Sozialisation im Rheinland, wohin er 1948 mit seiner Familie, aus Böhmen kommend, flüchtete. In den 50ern studierte Lüpertz an der Werkkunstschule in Krefeld, arbeitete im Berg- und Straßenbau und ging dann als Novize ins Kloster.

Ich bin aus allen Schulen geflogen, hatte kein Abitur und keine Lehre, mit 15 Jahren habe ich für mich selbst gesorgt. Da kam das Kloster gerade recht. Die hatten eine Bibliothek, wie ich sie noch niemals gesehen hatte. Und man konnte dort Freskenmalerei und Bildhauerei lernen.
Markus Lüpertz



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Nach einem Abstecher in die französische Fremdenlegion zog er Anfang der 60er nach Berlin, wo er mit anderen Künstlern eine Selbsthilfegalerie gründete. Dass er sich auch mal prügelte, wenn ihm jemand krumm kam, ist kein Geheimnis: "Kraft war
das Einzige, was ich im Übermaß hatte.“ Auch mit fast 75 ist der Künstler gut in Form. In seinem Atelier in Berlin, wo er malt, und in Düsseldorf, wo er an seinen Skulpturen arbeitet, legt er ab und an ein paar sportliche Einheiten ein. "Die Einschläge kommen näher, darum versuche ich, gesund zubleiben. Wenn man Skulpturen macht, braucht man
Kraft.“ Das einzige Handicap für sein aktives Leben sei das Knie, das vor zehn Jahren bei einem Autounfall zertrümmert wurde, darum der Stock, den seine Kritiker für einen Manierismus halten. Sie stempeln Lüpertz folglich gern als Dandy ab.

Gerade arbeitet der Maler in Teltow an einem Bilderzyklus: "Arkadien“. Begleitend ist soeben bei Hirmer sein Buch "Arkadien oder Die Abstraktion hat noch nicht begonnen“ erschienen, ein Mix aus Poesie, Utopie und Manifest. Seit 1969 bringt er regelmäßig Bücher und Gedichtbände heraus. Den Entstehungsprozess seiner Werke hält er in Tagebüchern fest. "Es ist wichtig, zu wissen, wie man zum Ziel kommt, denn ich vergesse alles, was ich am Tag zuvor getan habe, fange jeden Morgen bei null an.“ Und über seine Schaffensprozesse erzählt er:

Sie erzeugen was Hässliches und was Schönes, was Raues und was Glattes, was Schweres und was Leichtes. Ich stelle mir vor, ich werfe Gewichte in die Luft, und die bleiben dann hängen, wie ein Jongleur, so entstehen Skulpturen.
Markus Lüpertz

Neben seiner Arbeit als Künstler hat Lüpertz viel Zeit seines Lebens dem Lehren gewidmet. Nach 14 Jahren als Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe folgten 21 Jahre als Rektor der Kunstakademie Düsseldorf. "Wegen des Rektorats habe ich nie ein Bild weniger gemalt“, antwortet er, als ich nach seinem Antrieb frage. "Wenn das Herz voll ist, quillt der Mund über.“ Hier der Meister, dort die Schüler. Autorität und Respekt sind ihm wichtig. Darum setzte er durch, dass die Schüler trotz mancher Hochschulreformen in Meisterklassen organisiert blieben. Der Lehrer müsse die Atmosphäre, das Lebensgefühl des Künstlerdaseins vorleben. Das sei die wichtigste Botschaft, den Schüler an die Hand zu nehmen. Von Abschlüssen, wie Bachelor und Master, davon hält er nichts.
Was soll der QUatsch? Diplome in der Kunst sind doch immer fragwürdig.
Markus Lüpertz


Lüpertz ist ein ungeduldiger Gesprächspartner. Meine Fragen beantwortet er, wenn sie kaum ausformuliert sind. Als die Hauptspeisen vor uns gestellt werden, zersäbelt der Meister mit Verve sein blutiges Fleisch. Und schnappt sich ab und an mit den Fingern eine krosse Bratkartoffel. Seine Nägel sind schwarz umrandet. Die Malerfarben haben Spuren hinterlassen. Zwei massive Goldringe mit XL-Rubinen thronen auf seinen Fingern und lassen seine Hände noch größer erscheinen. Der Künstler hat fünf Kinder, alle sind erwachsen, zwischen 19 und 46 Jahren. "Ich wollte eigentlich nie welche“, sagt er freimütig.
Als Künstler wollen Sie die Frau als Ideal, als Göttin. Mit Kindern verlieren Sie sie. Sie wird menschlich, hat andere Interessen als den Künstler, man ist nicht mehr die Nummer eins, das macht einem zu schaffen.
Markus Lüpertz


Aber irgendwann merke man, dass einem Kinder auch viel zurückgeben an Liebe und Aufmerksamkeit, und da sei er sehr verwöhnt von seinem Nachwuchs.


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Vom deutschen Feuilleton bekam er nie viel Liebe. Die FAZ beschrieb 2009 eine Lüpertz Ausstellung in Bonn als die "Demonstration einer exemplarischen Tragödie“. Die "Welt“ titelte in ihrem Kunstmagazin "Blau“: "Sind Sie gescheitert, Herr Lüpertz?“ Seinen Erfolg ficht das nicht an. Über den Markt und die Preise mag er nicht reden. Das überlasse er seinem Galeristen. Das Unvollendete einer jeden Arbeit sei für ihn Antrieb, das nächste Bild, die nächste Skulptur zu machen. "Jedes Bild ist ein Scheitern, in einer Kette für ein höheres Ziel, das Ideal.“


Probleme, sich von seinen Arbeiten zu trennen, hat er nicht. "Ich hänge an nichts.“ Gesammelt hat er nie, weder seine eigenen noch die Werke befreundeter Künstler. Während seiner Rektoratszeit berief er viele heutige Stars an die Düsseldorfer Kunstakademie. Lüpertz nervt die Auffassung, dass der teuerste Maler auch der beste sei. Keiner traue sich, gegen diese Hierarchie anzugehen.
Unser Problem ist, dass wir aufgehört haben zu glauben, an Religion, an das ewige Leben. Darum glauben wir auch der Kunst nicht mehr ...
Markus Lüpertz

... und die Kunst seiner Zeit kann man nicht beurteilen, an die muss man glauben. "Erst im Vergleich könne man Qualität feststellen. Darum sei die Vergangenheit so wichtig. Weil wir die Gegenwart an ihr messen. Er selbst nimmt in seinen Skulpturen Bezug auf den französischen Bildhauer Aristide Maillol, dessen Figuren von antiken Statuen inspiriert sind. "Ich habe ein Faible für die Antike, die griechische Mythologie. Sie hat für mich Aktualität.“
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Eine von Lüpertz’ bekanntesten Arbeiten ist die Mozart-Skulptur, die 2005 in Salzburg aufgestellt wurde. Es gab eine Menge Menschen, die sich provoziert fühlten. Man nahm dem Bildhauer übel, dass er den Komponisten mit weiblichen Rundungen dargestellt hatte, dass er eher wirkte wie eine Diva als ein kindliches Genie. "Ich erlebe oft Wut, wenn ich etwas Neues mache, weil ich nicht den Vorstellungen entspreche.“ Ist es vielleicht die Geradlinigkeit, die andere Menschen provoziert, frage ich. "Ich bin viel zu kompliziert, um geradlinig zu sein. Und ich habe zu allem eine Meinung, die ich gern mal ändere. Da bin ich launisch. Ich wollte immer zu denen gehören, die geliebt werden. Aber da habe ich wohl vieles falsch gemacht.“


Der Kellner fragt nach dem Befinden, räumt ab. Dessert oder Kaffee sind keine Option für Markus Lüpertz. Er hätte am Vormittag genug davon getrunken. Er ist auf dem Sprung in die Glasmalfabrik, die seine Entwürfe für Kirchenfenster fertigt. Arbeitet er allein? "Nein“, sagt er. "Alleinsein ist mir ein Graus. Vielleicht ein Grund, warum ich Angestellte habe. Ich brauche so ein Grundrauschen, darum brennt immer irgendwo ein Licht. Ich habe vor nichts Angst, außer vor der Dunkelheit.“ Das komme vielleicht aus dem Krieg, der Angst im dunklen Bunker. Dann strafft er sich, ein bisschen überrascht von der eigenen Sentimentalität, und sagt: "Ich habe mir immer überlegt, wie ich sein will, wie ich aussehen und sprechen möchte.“ Er finde es inakzeptabel, wenn man seine Vergangenheit für seine Schwächen verantwortlich mache – erst recht, wenn man 75 Jahre alt sei. Wir lassen zwei Taxis rufen. Ganz Gentleman lässt er mir den Vortritt, als der erste Wagen hält, und verabschiedet sich mit einem angedeuteten Wangenkuss.

PETRA WINTER