Lunch mit Leyla Piedayesh

Bei Entrecôte und Salat spricht Madame Chefredakteurin Petra Winter mit der Designerin und Gründerin der Modemarke Lala Berlin über Instagram, Pulswärmer und Persepolis als Inspirationsquelle

Illustration leyla piedayesh

(Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein)

Leyla Piedayesh im Interview
 

Zum "Pauly Saal“ in der Auguststraße in Berlin-Mitte hat es Leyla Piedayesh nicht weit. Ihr Atelier liegt etwa 15 Gehminuten entfernt. Sie kommt hierher, wenn sie etwas mehr Zeit zum Lunchen hat und die Umgebung ruhiger sein soll. Sonst zieht die Unternehmerin das vietnamesische Lokal "Dudu“ vor. Da sei es nur infernalisch laut. "Das ist auch das Lieblingsrestaurant meiner Tochter Lou“, sagt sie. "Dort schmecken ihr die Suppen einfach besonders gut!“ Der "Pauly Saal“ ist bekannt für seine feinen Fleischgerichte aus lokalen Produkten. Die Räumlichkeiten sind chic, hohe Decken, Kronleuchter, hier war vor 1940 eine jüdische Mädchenschule untergebracht. Die anderen Gäste sehen eher aus wie Investmentbanker denn hippe Berlin-Mitte-Kreative. Die Designerin schwankt zwischen Dorade und Entrecote und entscheidet sich dann doch fürs Fleisch. Ihre Vegetarier-Zeit ist lange her und endete abrupt, als sie in ihrer Heimat Wiesbaden vor einer Würstchenbude stand und dem leckeren Duft nicht widerstehen konnte. Wein lehnt sie ab, weil sie nach unserem Essen noch zur Zahnreinigung müsse, das wolle sie ihrem Arzt nicht antun. Stattdessen trinkt sie Cola.

Leyla Piedayesh, 45, ist eine zarte Frau, 1,68 Meter groß, Kleidergröße S. Ihre Stimme ist tief, ein bisschen rauchig, sie spricht offen, geradeaus, wenig bemüht um Political Correctness. Ihr Look: schwarze Hose, lässiges Hemd, alles von ihrem Label Lala Berlin natürlich. "In meinen Entwürfen suche ich immer auch mich selbst“, sagt sie. Bevor sie ein Kleidungsstück einer anderen Marke kaufe, besorge sie lieber Stoffe und mache einen eigenen Entwurf. Ausnahmen gestattet sie sich manchmal bei den Sachen von Proenza Schouler. Und sie liebt es, Schuhe zu kaufen. Berlin sein ja wenig "High-Heel-tauglich" und sie eher ein "praktisch orientierter" Mensch.

Aber ich kaufe einfach gern High Heels, die dann im Schrank verstauben. Hätte ich einen Chauffeur vor der Tür, würde ich nur hohe schuhe tragen.
Leyla Piedayesh


Bekannt geworden ist die Designerin mit einem dreieckigen Cashmere-Tuch, das das Muster der traditionellen karierten "Kufiya“ aufnimmt. Es gehört heute noch zu den Bestsellern ihrer Kollektion. Dieser Durchbruch und die Gründung ihrer Firma erfolgten bereits ein Jahr, nachdem sie auf der Berliner Modemesse Premium "ganz erfolgreich“ eine Mützen- und Schalkollektion verkauft hatte. Das war 2005. Die Inspiration für das Cashmere-Tuch war ein Foto von Johnny Depp mit einer Kufiya. Eine politische Botschaft habe sie nicht gehabt. Sie sei lediglich mit dem Tuch aufgewachsen, in Teheran habe es jeder getragen, auch die Bauarbeiter.


Lunch mit ... Andreas Mühe
Lunch mit ... Andreas Mühe

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter im Gespräch mit dem Star-Fotografen

Bis Leyla Piedayesh neun Jahre alt war, lebte sie mit ihrer Familie im Iran. 1979 floh die Familie vor der religiösen Revolution nach Wiesbaden zu Verwandten. Dort machte die Mutter zusammen mit einer von Leylas Tanten eine Boutique auf. "Meine weiblichen Verwandten waren schon immer sehr chic, so mit Krokohandtasche“, erzählt sie, während sie den eben servierten Vorspeisensalat aufspießt. "In dem Laden – er hieß Jila en Vogue – gab es Valentino, Fendi, Versace und Caren Pfleger. Manche Valentino- Röcke habe sie heute noch. "Meine Mutter und Tante haben die Sachen lieber selbst angezogen, als sie zu verkaufen. Die geschäftstüchtigsten Frauen waren das nicht“, lächelt sie. Und so machte das Unternehmen schnell Pleite.

Piedayesh hat für ihre eigene Firma solide Grundlagen erworben. In Bad Homburg studierte sie Mitte der Neunziger zunächst – auch dem Vater zuliebe – Betriebswirtschaft an der International Business School. Danach segelte sie irgendwie durchs Leben. Journalistin wollte sie eigentlich werden, heuerte beim damaligen Frauensender TM3 an, arbeitete dort für eine Sendung namens "Leben und Wohnen“. Dann ging sie zu ProSieben, um "für ,taff‘ Blut- und Eitergeschichten“ zu machen. "Irgendwie habe ich mich da so reingewurschtelt“, sagt sie. In die Marketingabteilung eines Großkonzerns zu gehen, konnte sie sich nie vorstellen. Bei MTV kam sie dann das erste Mal in Berührung mit Mode. Eigentlich war sie auch dort Musikredakteurin, machte Dokus über Bands wie die Böhsen Onkelz. 

Die Marketingabteilung fragte mich damals um Rat, wenn es um Merchandising ging, weil ich immer so cool angezogen war. Ich hatte dann die Idee, dass wir mit jungen Designern zusammenarbeiten und eine eigene MTV-Kollektion entwerfen.
Leyla Piedayesh

Zu dem Zeitpunkt hatte sie noch nicht daran gedacht, selbst zu designen. Erst während eines Sabbaticals fing sie an zu stricken, weil sie nicht gewusst habe, was sie sonst mit sich anfangen sollte. Von München aus zog sie nach Berlin und entdeckte auf einem Flohmarkt hübsche Pulswärmer, ihre Inspiration für die ersten eigenen Kollektionsteile. In ihrem Freundeskreis fand sie die ersten Abnehmer und auch die ersten Vertriebskontakte. Die Marke Lala Berlin, nach ihrem Spitznamen Lala aus Kindertagen, war geboren.

Der Kellner erkundigt sich, ob alles zu unserer Zufriedenheit war, und räumt die Teller ab. Wir verplaudern die wenigen Minuten, bis die Hauptspeise, das Entre cote für sie und die Dorade für mich, kommt, mit einem Austausch über Kinderbetreuung. Die Gerichte werden auf einem Brett serviert und sehen köstlich aus. Nach den ersten Bissen frage ich Leyla Piedayesh nach dem Geheimnis ihres Erfolgs. Sie ist einer der wenigen Designer der Hauptstadt, die es wirklich geschafft haben. "Meine eigene Intuition war immer gut“, sagt sie. "Man muss die Balance halten zwischen dem, was man an Einflüssen von außen aufnimmt, und dem, was in einem drin ist.“ Zu viel auf andere zu hören sei gefährlich, weil dann das Produkt verwässere und es an Herzlichkeit fehle. Ihre Hauptinspirationsquelle ist Instagram – "morgens beim Aufstehen und abends vor dem Zubettgehen“.

Die typische Lala-Berlin-Kundin: frei und Mode-verliebt

Bibiana Beglau im Interview
Bibiana Beglau im Interview

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter sprach mit Bibiana Beglau über Selbst-Verschwendung, Murmelspielen auf der Bühne und Sommerfrische

Elf Jahre nach Gründung ernährt die Firma Lala Berlin 45 Mitarbeiter, hat einen Flagship-Store in Mitte und verkauft in 250 Boutiquen Kleider und Accessoires. Lala Berlins typische Kundin? "Die ist frei, liebt Mode und ist zwischen 14 und 74 Jahre alt.“ Deutschland ist vor Dänemark der stärkste Absatzmarkt. Auf der Fashion Week in Berlin zeigt sie seit 2007 ihre Mode. Nun hat sie sich dafür entschieden, Kopenhagen als Plattform zu nutzen und dort ihre Show zu machen. In Berlin bleibt ein Event zur Vorstellung der neuen Kollektion. Sie sieht für sich dort bessere Chancen, "in den internationalen Markt einzudringen“. Wie beurteilt sie das Standing der Berliner Modewoche? "Ich finde nach wie vor, dass man sich nicht mit Paris oder Mailand vergleichen soll.“ Berlin sei eher ein Binnenmarkt-orientiertes Ding. Sie spielt auf die fehlenden internationalen Modekritiker an. Ein Manko sei auch, dass Mode hierzulande nicht kritisch beäugt würde. Man müsse ja auch mal sagen und schreiben dürfen, dass nicht alles toll sei.

Mit Blick auf den Designer-Nachwuchs meint sie, dass sie zwar verstehen könne, dass die jungen Kollegen loslaufen und sehr teuren Stoff kaufen, weil er schön sei, aber das treibe nun mal den Preis des Endprodukts immens in die Höhe. Und zum Überleben einer Marke und einer Firma gehöre auch das Nachdenken über Wirtschaftlichkeit. Sie selbst hat ihr Business bisher ohne fremde Finanzhilfen aufgebaut, "mit der Hausbank“. Auch um Förderhilfen habe sie sich nie bemüht, ihr seien der Aufwand für die Anträge und der Papierkram zu viel gewesen im Verhältnis zu dem, was dabei eventuell herumgekommen wäre. Ihr Glück sei gewesen, dass sie von Anfang an gute Kunden gehabt habe. "Sonst hätte ich meine Rechnungen und meine Mitarbeiter nicht bezahlen können. Welchem Jung-Designer prophezeit sie eine Zukunft im hart umkämpften Modemarkt? "Ich finde Bobby Kolade interessant“, sagt sie, "die Sachen sind wirklich toll, seine Ästhetik ist supererfrischend. Er arbeitet mit seiner Herkunft, das finde ich schön.“


Herkunft ist auch das Stichwort für die gerade gezeigte Lala-Herbst/Winter-Kollektion. Das Motto für den Look lautet: "Persian Queen goes Berlin“, sehr Seventies-orientiert. Viele Erinnerungen an ihre Heimat habe sie nicht gehabt, darum sei sie jetzt das erste Mal wieder dorthin geflogen. Von diesem Trip schwärmt sie:
Meine Reise zurück in den Iran hat mich zutiefst bewegt, inspiriert und fasziniert. Für mich habe ich ein ganz neues Teheran entdeckt - ich habe meine Wurzeln gespürt und dort zum ersten mal begriffen, wo meine Liebe zu gewissen Prints und symetrischen Schnitten herkommt.
Leyla Piedayesh


Für ihre neue Kollektion hat sie sich vor allem von Persepolis – der persischen Hauptstadt des Altertums – inspirieren lassen. "Ein geradezu mystischer Ort: Antike Statuen, die verschiedenste Fabelwesen und Tiere verkörpern, dienen als Grundlage einiger Print-Motive. Zu den Highlights zählen dieses Jahr viel Outerwear, 3-D-High-low-Knit und One-Shoulder-Silhouetten. Darüber hinaus rückt der alte Orient-Glamour mit einem ganz leichten Hauch von Seventies in den Fokus.“


Martin Suter im Interview
Lunch mit Martin Suter

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter hat den bekannten Schweizer zum Interview getroffen

Wenn Leyla Piedayesh Geschichten aus der Zeit der Flucht aus dem Iran hört, wird sie emotional. "Wenn man zu denen gehört, die aus dem Land rausmussten und ihre Heimat verloren haben, kann man schon mal weinen.“ Berühren sie die aktuellen Flüchtlingsströme? "Die persönlichen Schicksale der Menschen berühren mich sehr. Der politische Aspekt allerdings ist für mich irrelevant. Ich habe irgendwann für mich beschlossen, dass Politik, Nachrichten und Religion kein Thema in meinem Leben sein sollen. Das alles bewegt die Welt in eine falsche Richtung.“ Ihrem Freund Robert, der Chefredakteur der Zeitschrift „Superillu“ ist, sei diese Einstellung manchmal ein bisschen unangenehm, offenbart sie und schaut etwas irritiert den Kellner an, der abräumt und sie mit der Frage nach weiteren Wünschen aus ihrem Gedankenfluss reißt. Wir bestellen nur Espresso, kein Dessert. Sie flüstert mir zu, dass das nicht nötig sei, weil sie hier im "Pauly Saal“ immer so leckere selbst gebackene Kekse zum Kaffee reichen würden.


Sie fragt mich, wo wir gerade stehen geblieben seien. Als ich ihr auf die Sprünge helfe, knüpft sie an ihr Statement über ihr politisches Desinteresse an. "Ich mache mir sehr wohl Gedanken darüber, was in unserer Welt wichtig und was unwichtig ist. Aber das ändert sich alles so schnell, die Fragen, die ich mir gestern gestellt habe, sind morgen schon wieder weg, auch wenn es um Wertvorstellungen geht.“ Als wir uns voneinander verabschieden, erzählt sie noch, dass sie morgens manchmal mit ihrer Tochter zu Songs von Barry White tanze – "um die Zeit ein bisschen anzuhalten und um ihr zu zeigen, wer ich früher war“.