Lunch mit Julia Engelmann

Bei Minztee plaudert MADAME-Chefredakteurin Petra Winter mit Dichterin, Pop-Philosophin und Youtube-Phänomen über Urängste, Neustart-Energien und die Befindlichkeiten der Genation 20 plus

Illustration Julia Engelmann

(Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein)

                               Julia Engelmann im Interview

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Der Verdi-Streik an den deutschen Flughäfen hat unsere Terminplanungen ein wenig durcheinandergebracht. Und nun ist aus dem Lunch eine Tea Time geworden. Wir treffen uns im "Cole & Porter“, einer kleinen Bar im Münchner Hackenviertel. Gerade hat Julia Engelmann ihre Tournee beendet, die über fünf Monate ging. 44 Termine in fast ebenso vielen Städten. Vor meist ausverkauften Sälen führt sie mit Gedichten, Gesang, Gitarrenspiel und Anekdoten durch ein 100-Minuten-Programm.
Bekannt gemacht hat die 24-Jährige ein knapp sechsminütiges Video auf Youtube, das bis dato 9,3 Millionen Mal angeklickt und über 94 000-mal geliked wurde. Darin sieht man die junge Frau während eines Poetry-Slams in einem Bielefelder Hörsaal vor drei Jahren. Sie trägt ein eigenes Gedicht vor, das viele berührt und ihrem Leben eine neue Richtung gegeben hat. Der Text nimmt den Song des israelischen Folkmusikers Asaf Avidan zum Ausgangspunkt: "One day you’ll be old“. Die erste Zeile lautet:
Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh, Baby, werden wir alt sein – und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.
Julia Engelmann


Ihre Worte sind ein Plädoyer dafür, mehr zu riskieren, weniger im Konjunktiv zu leben. Das Feuilleton schwankte damals zwischen Jubel und altväterlicher Kritik ("Ihr Video wirkt durch die Ästhetik, nicht durch die Wahrhaftigkeit“, schrieb die "Süddeutsche
Zeitung“). Liest man die Kommentare unter ihrem Video, steht fest: Julia Engelmann traf einen Nerv.

Die Strapazen der Tournee sieht man ihr nicht an. Ihre Lippen leuchten knallrot, die blonden Haare fallen weich um ihr Gesicht. Lächelnd rührt sie in ihrem Tee. Auf Fragen antwortet sie konzentriert. Wenn sie auf etwas keine Antwort hat, sagt sie das offen. Ihr
Auftritt damals in Bielefeld war kein Zufallstreffer. Schon als Kind habe sie auf die Bühne gewollt, beabsichtigte, Schauspielerin zu werden. "Ich habe in Bremen Kinder-Musical-Theater gemacht, Tanztheater-Projekte, und auch an Castings für Kinofilme teilgenommen.“ Auf dem Tisch vor uns liegt ein Ausdruck ihres Wikipedia-Eintrags. Als sie ihn bemerkt, stellt sie fest, dass das Foto nicht ganz up to date ist. Es stammt von ihrer Konzerttournee mit dem Sänger Tim Bendzko. Sie trat vor zwei Jahren in seinem Vorprogramm auf, sagte zwischen Vorband und Hauptgruppe eines ihrer Gedichte auf.
Die Arbeit mit Tim Bendzko kam damals ziemlich spontan zustande, ohne großen Vorlauf, und hat riesen Spaß gemacht.
Julia Engelmann

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Es war die Zeit, nachdem ein Blogger auf ihr Poetry-Slam-Video aufmerksam gemacht hatte und ihr Smartphone nicht mehr aufhörte zu klingeln. Offen zu sein für Chancen, die einem das Leben bietet, das hat sie von zu Hause mitbekommen. Als sie gerade 18 Jahre alt geworden war und eigentlich Philosophie studieren wollte, chauffierte ihr Vater sie nach Potsdam, damit sie an einem Casting für die Soap "Alles was zählt“ teilnehmen konnte. Die Rolle bekam sie prompt und spielte sie zwei Jahre in Folge. Das Abitur hatte sie da bereits in der Tasche. Ziemlich jung. Ja, sie habe zwei Schulklassen übersprungen, sagt sie fast beiläufig. Statt in die erste sei sie gleich in die zweite Klasse eingeschult worden, und dann habe sie noch die siebte Klasse ausfallen lassen. Wie hat sie sich gefühlt, stets die Jüngste im Jahrgang zu sein? "Ich war immer ganz gut integriert.“
Das Gefühl des Unverstandenseins, das sie in vielen ihrer Gedichte zum Ausdruck bringt, wurzele nicht in diesem Sonderstatus aus der Schulzeit. Das sei eine Charakterfrage, sagt sie. "An den Reaktionen auf meine Texte merke ich aber auch: Das Gefühl des Unverstandenseins ist ziemlich universell. Ziemlich unexklusiv. Jeder ist ja mal mit seinem Kopf und seinen Gedanken allein und findet den Ausgang nicht.“ Aussagen übe die Befindlichkeiten ihrer Generation lehnt sie ab: "Ich bin nur ein Exemplar daraus."

Ticken junge Menschen anders als die Generation der heute 50-Jährigen? "Ich denke, dass diese Art von Gefühlen, die ich ausdrücke, zeitlos ist. Das sind Urfragen und Urängste, die ich da thematisiere.“ Dann differenziert sie doch noch: "Meine Altersgenossen haben vielleicht mehr als frühere Generationen dieses Gefühl, alles sein und alles machen zu können. Wir haben einen großzügigeren Rahmen, in dem wir unser Leben gestalten können. Es verläuft nicht mehr so stark in vorgebenen Bahnen.“ In ihrem Gedicht "Jetzt“ aus ihrem zweiten Poesieband "Wir können alles sein, Baby“ heißt es:
Wir sind weiche Hängematten / gespannt zwischen eben und gleich / wir haben unendlich viel Luft / und endlich viel Zeit / wir sind eine Küstencabriofahrt / offenes Haar und offenes Dach / die keinen Anfang und kein Ende hat.
Julia Engelmann

Und in einem Haiku schreibt sie: "Ich hatte vergessen, wer ich bin / Dann hab ich mich gegoogelt / Nur noch 409 000 Möglichkeiten.“ Daraus auf eine "Generation unentschlossen“ zu folgern wäre falsch. Die Sorge scheint vielmehr, das Richtige zu tun. Und so klingt das Motiv des Gedichtes immer wieder an, das Julia Engelmann prominent gemacht hat: Eines Tages wird man alt sein, und dann möchte man auf ein Leben zurückblicken, das voller Leidenschaft und Intensität war. "Ich möchte nie 70 werden und dann denken: Oh, Mann, morgen fängt mein Leben erst an.“

So ein Leben, das nicht in vorgezeichneten Bahnen verläuft, ist befriedigend, aber auch anstrengend. Julia Engelmann hat eine überdurchschnittliche Neustart-Energie. Sie lässt sich gern vom Weg abbringen, überprüft ihr Tun immer wieder auf Sinn und Gehalt. Einlullen lassen, gemütlich werden – nicht ihr Ding. Gibt es eine Julia-Engelmann-Spezialmethode, der täglichen Routine des Lebens zu begegnen? Eigentlich sei gegen Routine nichts einzuwenden und das Leben keine täglich schwere philosophische Aufgabe, sagt sie.
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Sie beobachte nur sich und andere sehr genau und ärgere sich jedes Mal, wenn sie ihrem Gefühl zuwiderhandele. Wenn etwa jemand über eine Freundin lästere und sie nicht die Kraft und den Mut hat, dagegen anzugehen. "Dissonant“ nennt sie diese Situationen.

Mut zum Sprung ins Unbekannte

Total Zen sein, das schaffe sie natürlich auch nicht, aber sie bemühe sich, das Richtige zu tun. Ihre Eltern unterstützen den Weg der Tochter, besonders die Mutter, von Beruf Business-Coach und gleichzeitig Managerin der Tochter. Den Mut zum Sprung ins Unbekannte scheint Julia Engelmann von ihr geerbt zu haben: Noch mit 39 studierte die Mutter Psychologie – dasselbe Fach, in dem Julia Engelmann auch heute eingeschrieben
ist. Das Studium in Bremen ruht allerdings gerade. Eigentlich erstaunlich, dass sie keinen anderen Studienort als die etwas nüchterne Hansestadt gewählt hat. "Es ist ein gutes,
ruhiges Gefühl von Heimat, das ich dort habe.“ Zusammen mit der Familie lebt sie im quirligeren Steintorviertel.

Die Eltern und Großeltern haben in ihr die Liebe zur Poesie geweckt. "Eines der ersten Gedichte, die ich als Mädchen auswendig lernte, war ,Dunkel war’s, der Mond schien helle‘ eines unbekannten Dichters aus dem späten 19. Jahrhundert.“ Auch ihre Lieblingspoeten sind älteren Datums: Goethe, Hesse, Rilke. Daneben sind Songtexte eine weitere Inspirationsquelle ihrer Reime. Sie hört Peter Fox, Käptn Peng, Florence
+ the Machine – und Marteria. In "One day we’ll be old“ zitiert sie Marterias Song ‚Lila Wolken‘:

Lass uns Feste wie Konfetti schmeissen / sehen, wie sie zu Boden reisen / und die gefallenen Feste feiern / bis die Wolken wieder lila sind / lass mal an uns selber glauben / ist mir egal, ob das verrückt ist / und wer genau kuckt, sieht / dass Mut auch nur ein Anagramm von Glück ist ...
Julia Engelmann

Wenn sie unterwegs ist – wie meistens –, tippt Julia Engelmann ihre Gedanken als Fundgrube für neue Gedichte und Programm-Elemente ins Handy und sortiert sie dann später. Und sie hat ein Collagenbuch begonnen. Die Bloggerin Tavim Gevinson habe sie auf diese Idee gebracht.


In Engelmanns Shows sitzen überwiegend Frauen zwischen acht und 80 Jahren. Bewegend, so erzählt sie, seien die intimen Reaktionen ihrer Zuhörer, dann, wenn Menschen ihr erzählen, dass ihre Gedichte helfen, sich auszudrücken, sich verstanden, weniger allein zu fühlen. Genau deswegen ist Julia Engelmann froh, den Wechsel von der TV-Schauspielerei auf die Bühnenbretter gewagt zu haben. "Statt Texte nachzusprechen, kann ich meine eigenen Gedanken mitteilen. Das, was das Leben mir an Wundern beschert hat, hätte ich mir niemals ausdenken können. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Sie dürfe offen und ehrlich sein und bekomme dafür Applaus.
Weg von Äusserlichkeiten
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Gefallen dürfte vor allem den Müttern, die mit ihren Töchtern der Generation "Germany’s next Topmodel“ in die Show kommen, dass es bei Julia Engelmann immer um Innerlichkeiten („Wichtig ist das Wie, nicht das Was“), weniger um Äußerlichkeiten geht. "Ich finde, dass man niemandem vermitteln sollte, er müsse einen bestimmten Look haben, damit er von anderen gemocht wird.“ Und wenn jemand sehr hübsch ist, aber nichts zu sagen hat, fühle sie sich in dessen Gesellschaft unwohl. Wichtig sei die Rangfolge – "erst klug, witzig, geistreich, dann gut aussehend.“

Mode entdeckt sie gerade erst für sich, probiert viel aus, vor allem auch Teile, von denen sie dachte, sie würden ihr nie stehen. Instagram beeinflusst ihre ästhetische Entwicklung. Sie folgt etwa Lena Dunham und dem australischen Design-Magazin "Frankie“.

Nach ihrer Tournee wird sie die Arbeit an ihrem dritten Buch beenden, das am 17. Oktober erscheinen soll. Mit "Jetzt, Baby“ vervollständigt Julia Engelmann ihre Gedichttrilogie. Es geht nicht mehr ums Erwachsenwerden wie in den beiden Bänden zuvor, sondern ums Erwachsensein. Natürlich wird sie auch wieder auf Tour gehen – und sie träumt davon, "einmal ein Jahr lang alle Kunstmessen der Welt zu bereisen“. Wir plaudern noch länger über Künstler, Werke und spannende Orte. Julia Engelmann ist nicht nur auf Sendung, sie empfängt auch gern. Als es Zeit wird für sie, verabschiedet sie sich mit einem herzlichen Händedruck und federt auf ihren silbernen Sneakers durch die Tür zum nächsten Auftritt.
PETRA WINTER