Lunch mit Ildikó von Kürthy

Bei Asia-Lachs und Tempura sprechen MADAME-Chefredakteurin Petra Winter und Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy über ihr Jahr der Selbstoptimierung, faule Sonntage und das Bekenntnis zur Oberfläche.

Illustration Ildiko von Kuerthy

(Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein)

                        Interview mit Ildikó von Kürthy
Lunch mit Mike Bouchet
Lunch mit Mike Bouchet

Der Ausnahmekünstler im Gespräch mit Chefredakteurin Petra Winter

Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, Ildikó von Kürthy hat keine sichtbaren Gewichtsprobleme. Auch wenn das Thema Ab- und Zunehmen in ihren Büchern – von ihrem ersten Bestseller "Mondscheintarif“ vor 17 Jahren bis zu ihrem jüngsten Roman "Neuland“ – immer eine Rolle spielt. Auch sonst sieht die 47-jährige Hamburgerin sehr frisch, sehr hübsch in ihrem perfekt sitzenden schwarzen Blazer und der schwarzen Hose und sehr gut frisiert aus. Als Protagonistin ihrer Romane und Sachbücher könnte man den Eindruck bekommen, sie sei all das nicht. Sie zeichnet das Bild einer ganz normalen Frau mit ganz normalen Problemen und stellt so erfolgreich die Nähe zu ihrer Leserin her. Wie die britische Romanheldin Bridget Jones beginnt sie auch in "Neuland“ die tagebuchartigen Kapitel mit Angaben zu Gewicht und Gemütsverfassung. Das Buch ist mit Illustrationen und Randkritzeleien versehen und vermittelt so den Eindruck einer persönlichen Kladde.


Als wir uns in Hamburg-Eppendorf zum Lunch niederlassen, frage ich sie, wie glaubwürdig man so ein Normalo-Leben beschreiben kann, wenn man wie von Kürthy über sechs Millionen Bücher verkauft hat, in Talkshows sitzt und sich einer gewissen Prominenz erfreut. "Ich bin ganz normal, ohne ein ganz normales Leben zu führen“, sagt sie.
Ich habe wunderbare Privilegien, einen Beruf, der mir Spaß macht, und ich kann meine Zeit frei einteilen. Trotzdem habe ich Liebeskummer, Zukunftsangst und allergrößte Selbstzweifel - so wie jeder andere normale Mensch auch.
Ildikó von Kürthy

Einen Krimiautor frage man ja auch nicht, ob er schon jemanden ermordet hat.


Ildikó von Kürthy ist gelernte Journalistin. Für den "Stern“ schrieb sie als Redakteurin Porträts und Reportagen. In der "Brigitte“ macht sie sich seit sieben Jahren in einer Kolumne Gedanken über die weiblichen Problemzonen. Mit Worten lernte sie schon als Kind gut umzugehen, als sie ihrem Vater, der als politischer Häftling in einem ungarischen Gefängnis erblindete, die Welt beschrieb.


Für ihre Kolumnen und Bücher recherchiert sie im Selbstversuch oder auch an "Themenabenden“: "Ich lade meine besten Freundinnen ein, stelle ein paar Flaschen
Wein hin und lasse das Band mitlaufen.“ Die Frauen tauschen sich etwa über Schönheit aus, worunter man leidet, wie weit man gehen würde. Für "Neuland“ hat sie zusätzlich ein Jahr lang jede Menge Selbstversuche gemacht. Einmal im Monat ein anderer Test unter der Prämisse: Wie werde ich ein schönerer, mutigerer, besserer Mensch? Von Kürthy war im Gesundheitsresort "Lanserhof“, in einem Wildnis-Camp, im Schweigekloster, einem Sterbehospiz, hat sich einem Selbstverteidigungstraining, Botox-Behandlungen und einem Umstyling mit 350 blonden Haar-Extensions unterworfen – "alles eigenhändig durchlebt
und durchlitten“. Was hat sie mitgenommen aus diesem Jahr?
Ich habe keine Lust mich zu ernähren, ich möchte essen.
Ildikó von Kürthy

Lunch mit ... Ulrich Tukur
Lunch mit ... Ulrich Tukur

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter sprach mit dem Tatort-Kommissar Ulrich Tukur über Poesie, das Leben in einer beschleunigten Welt und Venedig


Wir nehmen das Stichwort auf und bestellen bei der Kellnerin Vierländer Gemüse Tempura, Spicy Tuna Rolls, Süßkartoffel-Chili, Tempura-Garnelen und Japanlachs, nachdem wir den Appetizer, die salzigen Edamame, schon fast aufgeknabbert haben. Sie kommt aus dem Schwärmen kaum heraus, während sie die einzelnen Gerichte beschreibt, und macht auch mir den Mund wässrig. Die Autorin ist öfter hier, sie wohnt nicht weit vom „Ono“, dem Asia-Fischlokal von Fernsehkoch Steffen Henssler. Weil sie ein bisschen fröstelt – draußen ist feinstes Hamburger Nieselwetter –, bestellt sie einen Ingwer Minztee, ich schließe mich an.

In der Zeit der kulinarischen Kasteiungen habe sie sich oft gefragt, was für eine Irre sie eigentlich sei, sich so streng an Diätpläne zu halten. Das Einteilen nach guten und bösen Lebensmitteln im Supermarkt sei ihr gehörig auf die Nerven gegangen – und sie ihrer Familie.



Von Kürthys Mann, Sven Michaelsen, ist ebenfalls Journalist – "im intellektuellen Fach“ – und bringt prinzipiell jede Menge Verständnis für die Buchprojekte und die damit verbundenen Eingriffe in den Alltag auf. Für ihren letzten Roman, "Sternschanze“, mietete sich die Autorin eine Wohnung im Hamburger Schanzenviertel, "um mal ein richtig aufregendes Doppelleben zu führen“. Sie sei aber immer um 20.30 Uhr zu Hause gewesen, weil sie Sehnsucht nach ihrem Mann und den beiden Söhnen Leonard und Gábor, fünf und neun Jahre alt, gehabt habe.


Scheitern und es vor allem zugeben: Diese Erfahrung zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Buchautorin – egal, ob in der Schilderung ihres realen Lebens oder in der ihrer Alter Egos.

Aufgeben kann auch sinnvoll sein. Wenn man merkt, dass manche Sehnsüchte der Vergangenheit angehören, kann das befreiend sein.
Ildikó von Kürthy

Lunch mit Heike Makatsch
Lunch mit Heike Makatsch

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter traf Schauspielerin Heike Makatsch zum Frühstück im Berliner "Barcomi’s“

Sie hat in ihrem neuesten Wurf viele dieser Sehnsüchte überprüft, hat in der Wildnis festgestellt, dass sie doch "eher ein Schaf als ein Tiger“ ist und dass sie niemals Kleidergröße 36 tragen wird, wenn sie Essen genießen möchte. "Das Leben verbessern kann ja durchaus heißen, dass man seine faulen Kartoffelseiten akzeptiert und genüsslicher lebt.“ Sie habe versucht, einen komplett freien Sonntag einzuführen für sich und ihre Familie. Nicht auf die Uhr schauen, essen, wenn man Hunger hat, kein Freizeitprogramm, sich gegenseitig malen, die Rollläden zumachen, auch wenn die Sonne scheint. "Das Abenteuer“, sagt sie, "ist die Muße, nicht die ständige Aufregung.“

Ildikó von Kürthy liebt Rituale und zitiert den Psychotherapeuten Arnold Retzer, der sie die "Banalität des Guten“ nennt. Der Heidelberger Facharzt hat ganze Bücher wider den Zwang zur Selbstoptimierung geschrieben und möchte vermitteln, dass eine Ehe nicht an den Highlights, sondern an einem funktionierenden Alltag zu messen ist. "In unserer Stratosphärensprunggesellschaft, wo man ständig nur das Außergewöhnliche im Blick hat und dazu auf Instagram das passende Foto postet, ist es doch eine schöne Botschaft“, bekräftigt sie Retzers Standpunkt und schnappt sich mit den Stäbchen noch ein Tempura Häppchen. Sie bemühe sich, auch den ganz normalen Dienstag als stillen Grund zur Freude anzuerkennen.


Aus der Zeit ihrer Selbstversuche ist die Gewohnheit geblieben, jeden Morgen um sechs Uhr für 30 Minuten zu meditieren. Und eine wöchentliche To-do-Stunde, in der sie macht, wozu sie sonst nicht kommt: vor allem Schreibtisch und Kleiderschrank aufräumen und wegschmeißen, was überflüssig ist.

Es ist unglaublich, wie viel Energie so ein vollgestopfter Kleiderschrank raubt und wie viel effizienter ich arbeiten kann, wenn der Schreibtisch leer ist.
Ildikó von Kürthy


Als typische Multitaskerin habe sie sich immer gern von allem Möglichen ablenken lassen. Wenn sie ein Gedicht googeln wollte, habe sie stattdessen ein Halloween-Kostüm für ihren Sohn gekauft. Und nach zwei Minuten vergessen, was sie eigentlich wollte. "Multitasking ist eine Schwäche“, das hat sie vor allem in einem Selbstverteidigungskurs gelernt. Wer ständig im Gehen auf sein Handy schaut, sei ein leichtes Opfer, hat ihr der Trainer dort beigebracht und an seine Schüler appelliert: "Ihr verpasst nicht nur das Böse, sondern auch das Schöne.“ Beibehalten hat sie auch, Gewohnheiten zu hinterfragen, nicht zu glauben, alles zu wissen. "Ich habe nie Oliven gegessen, bis ich aus Versehen mal eine probiert und festgestellt habe, dass sie ganz gut schmecken.“


Ich frage Ildikó von Kürthy nach ihren Learnings, auf die sie in der Mitte ihres Lebens zurückblicken könne, unabhängig von den Selbsttests des vergangenen Jahres. Spontan antwortet sie:
Wenn was hinfällt, hebe ich es gleich wieder auf. Im KLeinen, wie im Großen.
Ildikó von Kürthy

Dann setzt sie die Liste fort: Bücher nicht zu Ende lesen, die man nicht mag; in der Halbzeit aus dem Theater gehen, wenn einem das Stück nicht gefällt; Gesichtsmasken nicht für besondere Tage aufheben, weil sie dann längst über dem Verfallsdatum sind; die guten Klamotten auch am Dienstag tragen; Vorurteile immer wieder überprüfen, auch sich selbst gegenüber. "Und bereit zu sein, den Preis zu zahlen.“ Wie sie das meine, hake ich nach. "Wir müssen aufhören, so naiv zu sein, zu glauben, dass wir alles haben können. Und wir müssen aufhören, uns zu beschweren. Wenn man dick ist, isst man höchstwahrscheinlich gut. Dann höre aber auf zu jammern. Wenn man zwei Kinder hat, kann man nicht spontan am Wochenende nach Paris fliegen. Das ist der Preis, den ich zahle.“ Es sei auch ganz gesund, sich zu fragen, was die eigenen Gelüste und Sehnsüchte seien und welche einem andere einflüstern. Viele Frauen würden dazu neigen, es dem Mann, den Kindern, den Freundinnen recht zu machen, sich aufzureiben und kaum noch dazu zu kommen, den eigenen Schmutz unter den Nägeln wegzumachen.


In ihrem Jahr der Selbstoptimierungsprojekte hat von Kürthy nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich an sich gearbeitet. Die sichtbarste Veränderung war wohl das Umfärben ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur in eine blonde Wallemähne.
Beim ersten Friseurbesuch wurden die Haare erst einmal orange. Davor hatte ich Botox gespritzt, bis ich ein blaues Auge hatte, weil der Arzt eine Ader getroffen hatte. Das heisst, ich hatte orange Haare und ein Veilchen ...
Ildikó von Kürthy

"… Mein Friseur war kurz davor, Beruhigungsmittel zu nehmen, weil dann auch noch meine 350 Extensions im Poststreik hängen geblieben waren.“ Sie fragt, ob ich im vergangenen Sommer die Fotos von ihr auf dem roten Teppich des Filmpreises Lola gesehen hätte. Sie hätte gut ausgesehen, aber falsch. Freundinnen sagten, sie sähe undurchsichtig aus, man wisse nicht mehr, was in ihr vorgehe. Und ihr älterer Sohn Gábor habe seinen Vater gefragt, ob er ihm nicht eine neue Mama kaufen könne. "Ich war das ganze Jahr über eine Belastung. Aber die Blondphase war für alle am anstrengendsten – nur übertroffen von den wenigen Tagen, an denen ich versucht habe, auf Zucker zu verzichten“, schiebt sie noch schnell nach. Auch die Aufmerksamkeit sei ihr als ewige Kurzhaarträgerin zu viel gewesen. "Wie machen Sie das?“, möchte sie von mir wissen und erzählt dann von zwinkernden Piloten und Facebook-Likes als Reaktion auf ihre neue Erscheinung. Manchmal sei es ihr vorgekommen, als sei sie oben ohne durch die Straßen gelaufen. Ihr Trainer habe ihr eine erhöhte Fuckability attestiert, und sie habe sich gefragt: "Will ich das? Eine Masse an kopulierwilligen Männern, die mich gar nicht interessieren?“ Die Männer, mit denen sie bisher geschlafen habe, habe sie auch geheiratet. "Fast alle. Geringer Streuverlust.“
Bibiana Beglau im Interview
Bibiana Beglau im Interview

MADAME-Chefredakteurin Petra Winter sprach mit Bibiana Beglau über Selbst-Verschwendung, Murmelspielen auf der Bühne und Sommerfrische



So wie sie als Blondine die typischen Klischees gegenüber dieser Haarfarbe erlebt hat, reagiert das deutsche Feuilleton reflexhaft mit "Klischee-Alarm“ ("Die Zeit“) auf von Kürthys Bücher. Trifft sie das? "Das ist, als würde man einen Veganer ins Steakhouse schicken, klar, dass es dem da nicht schmeckt. Wenn Kritik von Leuten kommt, die ich gar nicht erreichen will, stört sie mich auch nicht. Wenn sie von Menschen kommt, die ich sehr ernst nehme wie meinen Mann, der meine Bücher immer zuerst liest, und meine drei besten Freundinnen, dann muss ich darüber nachdenken.“

Gibt es zu Hause Konkurrenzkämpfe? "Ach“, winkt sie ab, "wir kommen uns da gar nicht in die Quere, wir bewundern uns gegenseitig ein bisschen für das, was wir nicht können.“ Ihr fiele immer auf, was für einen klugen Mann sie habe, wenn sie seine Interviews lese. Zum Niederknien sei das. Aber er lese ja auch ihre Bücher und könne keine Frauenromane schreiben.
Ich empfinde meine Bücher nicht als anspruchslose Lektüre. Themen wie Selbstfindung, Schönheit und Alter sind ja nicht oberflächlich, nur weil sie an der Oberfläche stattfinden...
Ildikó von Kürthy

"... Deswegen kann ich mit dem Vorwurf der Oberflächlichkeit wenig anfangen.“ Tatsächlich lernt der Leser in "Neuland“ eine äußerst facettenreiche, liebenswerte und reflektierte Frau kennen und ahnt, wie privilegiert ihr Mann sein muss. Denn welcher Mann kann von sich behaupten, so viel über die inneren Kämpfe seiner Frau zu wissen wie von Kürthys Ehemann? Schließlich kann er sie lesen wie ein offenes (Tage-) Buch.