Lunch mit Heike Makatsch

Bei Birchermüsli und Bagels erzählt die Schauspielerin MADAME-Chefredakteurin Petra Winter von ihrer Vorliebe für deutsche Designer, ihrer neuen Rolle als Kommissarin im "Tatort“ und warum sie gerade Augenringe hat

Heike Makatsch Illustration

(Illustration: illustratoren.de/Jessine Hein)

Heike Makatsch im Interview 
Lunch mit Markus Lüpertz
Lunch mit Markus Lüpertz

Die "Paris Bar" in Berlin ist Treffpunkt für den Lunch von MADAME-Chefredakteurin Petra Winter und Ausnahmekünstler Markus Lüpertz

Gerade bin ich aus dem Taxi raus, da kommt Heike Makatsch mit federnden Schritten die Sophienstraße in Berlin-Mitte entlangspaziert. Schon von Weitem lächelt sie mir entgegen, begrüßt mich mit Handschlag und einem selbstverständlichen "Du“. Wir gehen durch einen typischen Berliner Hinterhof ins "Barcomi’s“, ein Frühstücks- und Mittagscafé der Kreativszene. Sie steuert sofort auf eine Bank in der hinteren Ecke zu. Doch als wir uns gerade niederlassen wollen, verpflanzt uns die Kellnerin noch einmal, weil hier bereits reserviert ist. Heike Makatsch nimmt’s gelassen. "Das ist ja das Gleiche in Grün“, sagt sie, als wir mit Mänteln, Mützen und Taschen umgezogen sind.

Es ist erst neun Uhr morgens, das Lokal noch fast leer. Sie hatte mich um einen Frühstückstermin gebeten. Als ich von einer Berliner Freundin höre, dass die Schauspielerin gerade ihre dritte Tochter gekriegt hat, komme ich ihr gern entgegen und variiere das Format "Lunch mit …“ in "Frühstück mit …“. Sie bestellt Birchermüsli, einen Orangensaft – ohne Fruchtfleisch – und einen Cappuccino. Ich wähle einen Bagel mit Tomaten-Creamcheese und schließe mich ihrer Getränkeauswahl – mit Fruchtfleisch – an.

Von London nach Berlin 
Meine Generation ist mit Heike Makatsch als fröhlichem Girlie auf dem Bildschirm des Musiksenders Viva aufgewachsen. Dann war sie plötzlich weg, tauchte in London an der Seite des damals noch wenig bekannten und heute sehr berühmten Bond-Darstellers Daniel Craig wieder auf. Über die Beziehung verliert sie bis heute kein Wort. Nach Ende der siebenjährigen Liaison zog sie nach Berlin und arbeitet seitdem erfolgreich an ihrer Schauspielkarriere. Man kennt und schätzt sie in ihren Rollen als Margarete Steiff, als Hilde Knef, als Klärchen in "Aimée & Jaguar“. Man sagt, sie sei eher schwierig, würde bei Shootings darauf bestehen, dass nicht der Make-up-Artist, sondern sie selbst ihre Lippen schminke.

Mir gegenüber sitzt eine herzliche und fröhliche Frau. Sie ist 44 Jahre alt, sieht aber aus wie eine 30-Jährige. Die tiefe Stimme hat noch immer etwas Mädchenhaftes. Leichte Augenschatten künden von Schlafmangel. Trotzdem wirkt sie absolut aufgeräumt und verwickelt mich erst einmal in ein Gespräch über Herkunft, Wohnorte und Standortvorteile. München, wo sie im vergangenen Jahr den Film "Zweimal zweites Leben“ mit Jessica Schwarz und Benno Fürmann gedreht hat (am 17. April, 20.15 Uhr, im ZDF), habe ihr gut gefallen – als Kontrast zur "Großbaustelle Berlin“. "Ach, so können Städte auch sein, so richtig zum Wohlfühlen“, sagt sie. Schon in ihrer Moderatoren-Zeit hat sie in München gewohnt, im Stadtteil Au, erinnert sich gern an Steckerlfisch und den Jahrmarkt Auer Dult. In der Hauptstadt lebt sie genau zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, nahe Kollwitzplatz und Kastanienallee, "wo es einigermaßen beschaulich ist“. Das sei zwar auch ein bisschen wie in einer Realitätsblase leben, aber die Sorglosigkeit dort ließe einen entspannen. Die Härte des Lebens spüren, das braucht sie nicht dauerhaft. War das auch ein Grund für sie, aus London wegzuziehen?

Nach sieben Jahren dort habe ich gemerkt, dass ich in England nie richtig Fuss gefasst habe, dass es nie Heimat geworden ist. Es gab für mich dort nicht wirklich viel Arbeit, in Deutschland dagegen haben sich mir immer Türen geöffnet. Da habe ich eine Identität.
Heike Makatsch

Trotz ihres guten Englischs habe sie immer die Differenz zu den Einheimischen gespürt, es fehlte die gemeinsame Vergangenheit. "Die haben andere Dinge zusammen erlebt.“ Berlin wählte sie, weil sich damals schon viele ihrer Freunde hier niedergelassen hatten, ebenso wie ihre Mutter, die bis vor Kurzem als Grundschullehrerin arbeitete und jetzt manchmal als Babysitterin eingespannt wird. Aus ihrem Umfeld hört man, dass sie ohne eine Vollzeit-Nanny auskäme, ihr Ex-Partner Max Schröder, Musiker der Band Tomte, mit dem sie zwei Töchter hat, und der Vater des dritten Kindes würden partnerschaftlich bei der Betreuung helfen. Sie selbst äußert sich dazu nicht – "zu privat“ – und: "Ich möchte meine Familie schützen“, sagt sie.

Die Getränke werden vor uns abgestellt, sie testet den Orangensaft auf seinen Fruchtfleischgehalt, verzieht ein wenig die Miene, sagt aber nichts. Als die Kellnerin mit dem Essen vorbeikommt, verwechselt sie unsere Teller und wundert sich, dass wir tauschen. "Haben Sie sich umgesetzt?“, fragt sie. "Dann haben Sie“, an Makatsch gewandt, "den falschen Saft.“ Die nimmt’s mit Humor: "Macht nichts, wir sind ja auch beide blond.“ Wir tauschen auch den Saft.

Dann frage ich sie nach den Big News: Ihre neue Rolle als Kommissarin Ellen Berlinger im Freiburger "Event-Tatort“ (Ostersonntag, 27. März, ab 20.15 Uhr, ARD). In Teilen verwebt der Filmstoff Fiktionales mit Makatschs realem Leben: Weil sie beim Dreh im vergangenen Jahr schwanger war, hatte auch die Titelfigur einen kleinen Schwangerschaftsbauch. Wie Makatsch zieht Ellen Berlinger von London zurück nach Deutschland, im Film Freiburg. Mit ihrer nüchternen, manchmal auch schroffen Art gewinnt sie bei den Kollegen keine Beliebtheitspreise, wohl aber mit ihrem scharfen Blick und ihrem Sachverstand. Neben dem Fall (ein Berater des Jobcenters wird ermordet) entspinnt sich eine spannende private Geschichte. Die Ermittlerin hat als junge Frau ihr Baby bei ihrer Mutter gelassen und war seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Nun steht sie plötzlich ihrer Teenager-Tochter gegenüber, die am Rande in den Fall verwickelt ist. Heike Makatsch spielt ihre Rolle beeindruckend. Man wünscht sich mehr Ellen-Berlinger "Tatorte“, doch die ARD hat die Freiburger Episode nur als einmaliges Gastspiel geplant. Sie sei nie eine passionierte "Tatort“-Guckerin gewesen, erzählt sie, finde es aber toll, dass das seit 41 Jahren etablierte Format ein Experimentierforum geworden ist, um neue Sehgewohnheiten zu etablieren, verkrustete Strukturen aufzubrechen.

Irgendwie habe ich erst spät begriffen, was es eigentlich heisst, beim `Tatort` dabei zu sein. Erst als ich den kompletten Film gesehen habe, war mir klar: Ich und dieser Vorspann – wir gehören jetzt zusammen!
Heike Makatsch

Ihre Rolle habe sie sehr genossen: "Ich mochte diese Frau unheimlich gern in ihrer Andersartigkeit gegenüber dem, wie ich mich fühle. Ich mag ihren spröden Einzelgänger Charakter, würde auch gern wieder in ihre Haut schlüpfen. Vielleicht bekomme ich diese Chance ja doch noch einmal.“ Ob Heike Makatsch nicht vielleicht doch auch so herb sein kann wie ihre Figur?
Über die Jahre bin ich, glaube ich, auch ein bisschen spröder geworden.
Heike Makatsch


Wenn sie vor 15 Jahren zum Dreh gekommen sei, habe sie die ganze Filmfamilie immer sofort ins Herz geschlossen. "Klar ist man abends zusammen ausgegangen, meist sogar sehr lang. Das hat sich bei mir verändert. Ich habe jetzt andere Prioritäten. Freu mich auch über Abende allein im Hotelzimmer und beschäftige mich gern intensiv mit meiner Rolle.“ Allein sein ist für eine dreifache Mutter ja auch ein echter Luxus. Mit welchen Vorurteilen sieht sie sich häufiger konfrontiert? "Ich vergesse oft, dass mich Leute mit einem Urteil belegt haben, obwohl sie mich nicht kennen.“ Ist es ein Nachteil, prominent zu sein, weil jeder glaubt, einen zu kennen? "In Berlin wird man nicht oft angesprochen. Während des Drehs in Freiburg war das anders. Es macht mich unsicher, wenn sich die Leute am Ärmel zupfen und auf mich zeigen.“


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Lunch mit Doris Dörrie

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Eine auffällige Filmdiva ist Makatsch im Alltag mitnichten. Sie legt Wert darauf, dass ihre Garderobe unkompliziert ist: "Ich greife morgens blind in den Kleiderschrank – Sweatshirt, Jeans, Turnschuhe – und hoffe, das sieht einigermaßen okay aus.“ An der zierlichen 1,69 Meter großen Schauspielerin sieht es natürlich mehr als okay aus, wenn sie – wie jetzt – im dunklen Lala-Berlin-Strickpullover, in Jeans und flachen Boots vor mir sitzt. Unter dem Wollpulli blitzt eine cremeweiße Bluse mit schwarzen Punkten hervor. Auf dem roten Teppich spiele sie dagegen gern die Prinzessin. Sie wählt meist deutsche Designer-Labels für ihren großen Auftritt. Zufall oder bewusste Entscheidung? "Ich überlege schon manchmal, ob ich auf dem roten Teppich nicht mal ein internationales Label tragen sollte, komme dann aber doch immer auf Lala Berlin oder Kaviar Gauche zurück. Da macht mich allein der Prozess des Aussuchens glücklich. Ich kann genau sagen, was ich möchte, wir entwickeln gemeinsam etwas, das ist perfekt.“ Ihr gefällt, dass sie die Designer persönlich kennt und dass sie so "handson“ sind.

Makatsch hatte selbst mal den Wunsch, Designerin zu werden. Mit Anfang 20 machte sie in ihrer Heimat Düsseldorf eine Schneiderlehre. Heute näht sie noch manchmal einfache Röcke oder bunte Kissenbezüge mit Patchworkmuster. Unterbrochen wurde die Ausbildung durch einen Casting-Aufruf von MTV. Als der Musiksender Mitte der 90er neu in den deutschen Markt kam und Moderatoren suchte, bewarb sie sich. Musik sei damals schon ihr Leben gewesen, "aber eher die subkulturelle Variante“. Sie erinnert sich noch genau, was sie damals trug: "so ein grungiges Karohemd“. "Als die mich wirklich zum Vorstellungsgespräch einluden, war ich so aufgeregt, dass ich es total versemmelt habe, ich war einfach total steif.“ Sie kassierte eine Absage, wurde aber Titel-Girl des Stadtmagazins "Prinz“. Dieter Gorny, damals Chef der deutschen MTV-Version Viva, wurde so auf sie aufmerksam und lud sie ein. "Viva habe ich eher als Schmach empfunden – ,Was? Ich soll als Nächstes Peter Maffay ansagen!?‘“ Entsprechend lässig war Makatsch bei der Probe-Moderation. Am Tag drauf hatte sie den Job. Sie erzählt begeistert und gern von dieser turbulenten Zeit. Auf Youtube hat sie sich vor kurzem mal wieder einen Clip von "Heikes Hausbesuch" auf Viva angesehen und fand das Ganze
Grandios dilettantisch. Das alles fühlt sich an, als sei es in einem anderen Leben passiert.
Heike Makatsch



Trotzdem fände sie es charmant, wenn sie mit dieser Zeit in Zusammenhang gebracht werde. Sie kehrt zurück in dieses Leben, schaut auf die Uhr und sagt, sie müsse jetzt wirklich gehen. Gemeinsam verlassen wir das Lokal, wir drücken uns zum Abschied, und ich schaue ihr noch einmal nach, wie sie mit diesem leicht hüpfenden Gang den Bürgersteig entlang zu ihrem Auto geht.

Petra Winter