Kilian Kerner: "Ich bin ein Stehaufmännchen!"

Mode wollt er ursprünglich nicht entwerfen, sondern Schauspieler werden. Doch jetzt blickt Kilian Kerner auf stolze zehn Jahre auf seine Karriere mit dem eigenen Label zurück. Wie konnte das passieren? Ein Gespräch über Umdenken, Erfolgsdruck und gute Mode.

Kilian Kerner

Kilian Kerner feiert im August 2014 den zehnten Geburtstag seines Modelabels.

Madame.de: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Sind die letzten zehn Jahre schnell oder langsam vergangen?
Kilian Kerner: Sehr schnell! Ich habe sogar das Gefühl, jedes Jahr wurde immer schneller. Außer meiner Firma habe ich in der Zeit vom eigentlich Leben jedoch gar nicht mehr viel mitbekommen (lacht).

Gibt es denn eine große Party?
Ganz ehrlich: Nein. Auf der Mercedes Benz Fashion Week im Januar feierten wir bereits ein zehntes Jubiläum – als erstes Label hatten wir zehnmal in Folge an einer Fashion Week teilgenommen. Daraus wurde dann in der Presse: Kilian Kerner feiert zehn Jahre – obwohl das gar nicht so war. Deswegen ist jetzt gar nichts Großes mehr geplant. Intern gab es natürlich ein kleines Fest, das war dann auch ziemlich emotional.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Modenschau?
Oh Gott, ja! Meine allererste Modenschau war schrecklich-schlimm in einem Berliner Club. Das was ich damals machte, hatte mit Mode aber auch noch nicht wirklich was zu tun (lacht). Bei der Fashion Week in Berlin war ich dann zum ersten Mal im Sommer 2008. Daran erinnere ich mich auch noch sehr gut, weil es ein ganz besonderer Tag für mich war.

Man denkt auch darüber nach, dass man verkaufen muss und nicht nach dem Motto: In Schönheit sterben.
Kilian Kerner


Was hat sich seither verändert?
Alles! Meine Kollektionen sind von Anfang bis jetzt 100 Prozent gedreht, der ganze Aufwand ist inzwischen enorm. Am Anfang hat man natürlich überhaupt kein Geld und macht alles alleine - plötzlich wurde eine Firma mit vielen Mitarbeitern daraus. Man denkt auch darüber nach, dass man verkaufen muss und nicht nach dem Motto: "In Schönheit sterben."

Eigentlich wollten Sie ja Schauspieler werden ...
Stimmt, aber es gab da eine ganz verrückte Geschichte: Damals lebte ich in Köln, wollte jedoch weg, da meine Zeit dort irgendwie abgelaufen war. Kurzfristig wurde ich in Berlin für eine Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule zugelassen. Das hatte ich niemandem erzählt und fuhr einfach hin. Als ich in Berlin ausstieg, hatte ich das Gefühl, als würde ich mir selbst begegnen und zu mir sprechen: "Egal was heute passiert, du musst hier hin! Hier wartet etwas auf dich!" Ich dachte damals natürlich, es wäre die große Schauspielkarriere – war dann aber irgendwie doch was anderes. Seit diesem Tag vertraue ich meiner inneren Stimme sehr.

Kilian Kerner Spring Summer 2015

Die Spring/Summer 2015 Kollektion von Kilian Kerner steht unter dem Motto "All about Pop Religion".



Wann kam überhaupt der Moment des Umdenkens?
Wie es meistens so ist: Es ging um einen Freund von einem Freund, und ich wurde überredet, eine Modenschau zu machen. Innerhalb von zwei, drei Wochen entwarf ich also Outfits, auch wenn das damals eher Basteln und Bekleben war. Dann merkte ich aber, dass ich in dieser Zeit total diszipliniert und auf den Punkt war, also genau das Gegenteil wie auf der Schauspielschule. Nach der Show war mir dann klar, dass es das ist, was ich will!

Eine Ausbildung im klassischen Sinne haben Sie aber nicht?
Ich war nie jemand, der super nähen konnte. Dafür bin ich auch viel zu ungeduldig. Ich arbeitete aber mit vielen Menschen, um alles zu verstehen. Meine Ausbildung fand also in meinen ersten Kollektionen statt - im Nachhinein schon irgendwie lustig.

Ist Ihnen irgendetwas davon peinlich?
Davon versuche ich mich immer frei zu machen. Aber klar sind ein paar Sachen dabei, von denen ich hoffe, dass sie nicht mehr so viele Leute sehen.
Kilian Kerner Spring/Summer 2015

Welche Ihrer Kollektion hat Ihnen bislang selbst am besten gefallen?
Immer natürlich die, die man als letztes gezeigt hat. Aber wenn ich zurückschaue: "Leg dich neben mich", eine pink-schwarze Kollektion. Auch wenn ich das Show-Styling heute vielleicht anders machen würde – sie war doch maßgeblich für die Teile, die danach kamen.

Was macht für Sie gute Mode aus?
Wenn sie etwas Ehrliches an sich hat. Auch Zeitlosigkeit ist schön. Zudem hat der Träger viel mitzusagen, er macht letztendlich gute Mode daraus, wenn er sich ein bisschen damit auseinandersetzt. Viele Leute tun das ja leider nicht.

Und was ist maßgeblich für einen guten Modedesigner?
Man muss immer einen Schritt schneller sein. Man braucht ein Auge für das Richtige im richtigen Moment.

Gibt es Designer, deren Arbeit Ihnen imponiert?
Ich finde wahnsinnig unglaublich, was Victoria Beckham geschafft hat. Denn man nimmt es ja eigentlich nicht ernst, wenn Prominente auf einmal ein Modelabel haben. Ich aber habe großen Respekt vor ihr und ihrer Leistung.
Man muss immer einen Schritt schneller sein. Man braucht ein Auge für das Richtige im richtigen Moment.
Kilian Kerner

Sie hatten anfangs auch viele Kritiker - gibt es da gewisse Parallelen?
Ich würde mich nicht trauen, mich mit Victoria Beckham auf eine Stufe zu stellen. Aber ja, ich hatte sehr viele Kritiker - und einige habe ich heute noch. Das finde ich aber gut, nichts ist langweiliger, zu lesen als: "Kilian Kerners Kollektion ist nett." Ich nehme Kritik sehr gerne an und setze sie dann auch um.

Sind Sie auch kritisch mit Ihren Mitarbeitern?
Oh ja. Bei mir dreht sich alles ums Vorankommen. Zu versuchen, jede Saison das Beste zu geben. Wenn ich merke, dass etwas stört, ist es nicht einfach mit mir.
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Wie arbeiten Sie?
Bislang war ich immer im Atelier, sechs bis sieben Tage die Woche. Inzwischen habe ich den Geschäftspart aber abgegeben, deswegen arbeite ich wieder sehr viel kreativ, auch von zu Hause. So kann ich mich noch mehr auf die Kollektionen einlassen, diesen Luxus erlaube ich mir.

Spüren Sie Erfolgsdruck?
Dagegen kann man sich nicht wehren. Und er wird auch immer größer: Dass man früh genug ausliefert. Dass man noch mehr verkauft. Dass die nächste Kollektion besser wird als die letzte. Was ist aber besser? Man muss ziemlich die Waage halten, es allen recht zu machen. Allerdings: Mich spornt dieser Druck auch ein bisschen an.
 
Haben Sie auch Angst, dass es einmal nicht mehr weitergeht?
Darüber denke ich ehrlich gesagt nicht nach. Eine Angst sollte man nämlich so gut wie möglich ausschließen, sie hemmt nur. Klar gab es schon Gedanken - was wäre wenn? Aber: Ich bin ein Stehaufmännchen. Mir würde schon irgendetwas einfallen. Und außerdem arbeiten wir ja daran, dass alles noch möglichst lange so weitergeht.
 
Was wünschen Sie sich also für die nächsten zehn Jahre?
Ich hoffe, dass Mode dann endlich in Deutschland angekommen ist, denn es ist nach wie vor sehr schade, wie zum Beispiel mit der Fashion Week in Berlin umgegangen wird. Die Deutschen sollten Mode etwas ernster nehmen.



Sehen Sier hier noch einen kurzen Backstage Clip vor der Kilian Kerner Show:
Kilian Kerner backstage